Sülters IDIC - Trailer-Alarm bei Star Trek: Discovery - wie nicht gewollt und doch gekonnt?

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Sülters IDIC: Star Trek Discovery

Wenn der erste echte Trailer einer neuen Serie erst Monate nach dem zunächst geplanten Startdatum des Endproduktes erscheint, sagt das vermutlich schon einiges über den Produktionsprozess aus. Nach schier unmenschlichem Warten war das Nägelkauen nun jedoch zu Ende. Freie Sicht auf das, was uns erwartet. Doch kann man sich nun wirklich uneingeschränkt vorfreuen?

Der Look

Was direkt auffällt: Die saubere und übersichtlich-aufgeräumte Trek-Welt der bisherigen Serien ist visuell betrachtet passé. Mit Star Trek: Discovery hält ein modernerer Look Einzug, der viel näher an den Abrams-Filmen beheimatet ist, als an allem, was im Trek-Serienbereich bisher vom Stapel lief. Am deutlichsten wird das kurioserweise genau bei den Szenen, die man in Jordanien drehte – diese wurden in der Nachbearbeitung derart stark verfremdet, dass man im Ergebnis nicht mal mehr den Einsatz eines Green Screens ausschließen würde. Vergleicht man hier das Endresultat mit der Location-Arbeit von Serien wie Game of Thrones, stellt sich zumindest die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer so starken digitalen Vernebelung realer Orte. Auch umweht die Präsentation an dieser Stelle ein Hauch der Effektqualität des Fanfilms Prelude to Axanar, was man einerseits als Kompliment an das Team um Alec Peters verstehen kann, andererseits aber auch als leise Kritik am neuen CBS-Flaggschiff.

Die immerhin titelgebende USS Discovery bekommen wir überraschenderweise nicht zu sehen – dafür aber die USS Shenzou, die einen passablen Eindruck hinterlässt. Die Brücke ist jedoch arg düster und ebenfalls irgendwo zwischen NX-01 und der USS Kelvin aus Star Trek Beyond angesiedelt. Dass man die Discovery ausgespart hat, liegt vielleicht auch am Desaster mit den ersten Bewegtbildern vergangenes Jahr. Hier möchte man nun gegebenenfalls bis zum letzten Moment und somit zum finalen Design warten, bevor nochmal etwas enthüllt wird.

Die gezeigten Aliens könnten allesamt der Schmiede von Michael Westmore entsprungen sein – Latexmasken, blaue Farbe, merkwürdige Gerätschaften. Trek, wie man es kennt. Wer hier etwas wirklich Neues erwartet hatte, wird vorerst ausgebremst. Das gilt auch für Lt. Saru, der Assoziationen zu Lorien aus Babylon 5 weckt. Nur, dass dessen Makeup schon vor rund 20 Jahren so aussah.

Die Klingonen sind ebenfalls ein Thema für sich. War deren Äußeres bereits in den Abrams-Filmen zu Recht auf wenig Gegenliebe bei den Fans gestoßen, sehen die stolzen Krieger hier sogar noch ein wenig tumber aus und erinnern an Kreationen aus Das fünfte Element. Ein paar wallende Haare hätten dem Erscheinungsbild sicher nicht geschadet. Warum man an dieser Spezies derart herumdoktert, statt einfach ein Update des Gewohnten mit heutigen Möglichkeiten zu präsentieren, ist schleierhaft.

Bleiben die Kostüme und Special Effects, die sich wirklich sehen lassen können und den letzten Kinofilmen in nichts nachstehen. Die Uniformen gefallen als Weiterentwicklung der blauen Versionen aus Star Trek: Enterprise und von der USS Kelvin, Kommunikator und Trikorder lassen eine Verbeugung vor The Cage und den Classics vermuten. Klasse!

Die Story

Hier bleibt es wie so oft im Bereich der frühen Trailer noch generisch und undefiniert. Außer den bereits aus Interviews mehr oder weniger bekannten Taglines "discover your destiny“, "discovery courage“ und "discover adventure“ zeigt man uns das Zusammentreffen mit den Klingonen, eine angedeutete Beförderung von Hauptfigur Michael Burnham, diverse Dialoge, die noch keinen größeren Zusammenhang ergeben, einen Ausflug ins All per Raumanzug und eine Prise Action. Letztlich nichts, was man nicht schon wüsste oder erwarten durfte. Wie sich alles sortiert, wann Burnham zu was genau befördert wird, was mit der Besatzung der Shenzou passiert, wie der Kontakt mit den Klingonen ablaufen wird und warum diese eine Art Sarkophag am Start haben (und offenbar den Tod von jemandem begehen) – abwarten.

Die Figuren

Fünf der bisher bekannten Figuren erhalten prominente Screentime. Am besten kommt dabei James Frain als Sarek weg, der eine elegante Kühle an den Tag legt, die der Spezies der Vulkanier und der altbekannten Figur sehr angemessen ist. Sonequa Martin-Green hingegen ist zwar viel zu sehen, kann aber aufgrund der Szenenauswahl in ihren kurzen Sequenzen noch kein Momentum aufbauen. Michelle Yeoh irritiert durch eine hölzerne Sprechweise, die für mich jede Szene im Keim abtötet. Schlimmste Assoziationen zu Genevieve Bujold bei Star Trek: Voyager werden hier wach. Hoffentlich täuscht der Eindruck – im Zweifel muss es die Synchronisation für die deutschen Fans retten. Dieses Kunststück war bereits bei Star Trek: Enterprise zu Beginn mit der Rolle der T´Pol gelungen, als Jolene Blalock noch auf der Suche nach dem richtigen Tonfall für ihren Charakter war und zwischen Arroganz und Steife wechselte. Als letzter im Bunde darf sich Doug Jones als Lt. Saru länger zeigen, ohne dabei jedoch unter Tonnen von Latex großen Eindruck machen zu können.

Das Gefühl

Großes Trek-Feeling kommt nicht auf. Zumindest kein nostalgisches. Der Trailer wirkt eher wie aus einem Guss mit denen der letzten drei Kinofilme. Doch auch hier kann der erste Eindruck brutal täuschen. Bei Star Trek Beyond ließ mich der Trailer zum Beispiel ein vollkommen seelenloses Machwerk voller Action vermuten. Am Ende wurde es jedoch - zumindest für mich - der in Bezug auf Humor, Gefühl und Charaktere stärkste Reboot-Film. Es nützt also weiterhin nichts, das Buch nach dem Cover zu bewerten. Für den Moment jedoch scheint es auf ein Hochglanzprodukt hinauszulaufen, das mehr einer Serie wie The Expanse nacheifert, als dem klassischen TV-Trek. Wer dessen Ästhetik vermisst (und zudem tiefergelegten Humor besitzt), sollte vielleicht demnächst mal bei FOX reinschauen. Dort hat Trek-Fan Seth McFarlane mit The Orville eine SF-Parodie am Start, die wie ein direkter Nachfolger von TNG, DS9 und Voyager aussieht. Alle anderen warten geduldig auf den zweiten Trailer und dann ja vielleicht auch endlich einen konkreten Starttermin.

Sülters letzte Worte

Das war jetzt wieder ein bunter Mix aus Gejaule und etwas Lob. Allerdings muss ich mich outen. Trotz meines Trekkie-typischen Lamentierens über Dieses und Jenes bin ich durchaus angefixt und freue mich auf das Endprodukt. Richtig ist, dass man kaum schlauer ist als vorher. Die Produzenten mochten uns vermutlich noch nicht mehr zeigen und haben damit doch in gewisser Weise die richtigen Knöpfe gedrückt. Der Look ist cool, und mangels konkreterer Informationen würde es mir zu diesem Zeitpunkt nicht einfallen, den Inhalt vorzuverurteilen. Kritikpunkte wie das Klingonen-Makeup und einigen Entscheidungen bezüglich der Effekte und Bearbeitung lassen wir für den Moment ebenfalls unter den Tisch fallen – hier kann erstens noch viel passieren, zweitens muss sich so etwas auch immer ein wenig entwickeln. Star Trek: Discovery steht in den Startlöchern, fühlt sich endlich realer an und gibt mir mit diesem ersten Trailer am Ende dann doch das Gefühl, bereit zu sein, für diese neuen Reisen einer Trek-Crew.

Björn Sülter ist als freier Redakteur unter anderem bei Onlinepublikationen wie Quotenmeter, Serienjunkies und auch Robots & Dragons aktiv. Der Autor und Musiker ist Fachmann in Sachen Star Trek. Seit 20 Jahren schreibt er über das langlebige Franchise.

Für Robots & Dragons wird er exklusiv die Entstehung der neuen Trek-Serie mit seiner Kolumne Sülters IDIC begleiten und sobald die Serie startet auch für ausführliche Kritiken zu den Episoden sorgen. Der Name der Kolumne steht stellvertretend für das, was uns Trekkies auszeichnet: Einen offenen Geist zu behalten und die Vielfalt als etwas Wertvolles zu schätzen. Infinite Diversity in Infinite Combinations.

Björns Homepage und somit viele seiner Artikel und Trek-Rezensionen erreicht ihr unter www.sülterssendepause.de

Star Trek: Discovery | Vorschau [HD] | Netflix

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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