Retro-Kiste: Bei Zeus, so etwas habe ich noch nie gesehen – Jason und die Argonauten

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Jason und seine Argonauten

Zwischen 1950 und 1965 erlebte der Antikfilm eine zweite Blütezeit nach den 1920er-Jahren. In diesen Jahren kamen Ben Hur (1959), Spartacus (1960) und Der Untergang des Römischen Reiches (1964) in die Kinos. Neben diesen historisch inspirierten Klassikern gab es auch Sandalenfilmen, welche Stoffe der antiken Sagen und Mythen aufgriffen und oft die Grenze zur Fantasy öffneten. 1963 wagte sich Regisseur Don Chaffey an eine Adaption von Jason und die Argonauten – einen Film, der sich vor allem durch die fantastischen Kreaturen des Trickspezialisten Ray Harryhausen auszeichnet.

Jason und die Argonauten beginnt mit dem griechischen Feldherrn Pelias, der kurz vor der Eroberung Thessaliens steht. Sein Seher prophezeit ihm dem Sieg, doch eines der drei Königskinder soll ihn einst wieder von dem Thron stürzen. Pelias gewinnt die Schlacht und versucht, die drei Kinder des Königs zu töten. Doch mithilfe der Göttin Hera bleibt das Baby Jason vor ihm verborgen.

20 Jahre später kehrt der erwachsene Jason nach Thessaliens zurück, um sich seinen rechtmäßigen Thron zurückzuerobern. Pelias erkennt die Bedrohung, und mit einer List überredet er Jason, zunächst von seinen Racheplänen Abstand zu nehmen und nach Kolchis zu fahren, um dort das sagenumwobene Goldene Vlies zu rauben.

"Die Götter antworten noch nicht einmal denen, die an sie glauben."

Vom Olymp aus betrachten die Götter das Geschehen, und Zeus gewährt seine Gattin Hera, dass sie Jason fünfmal auf seiner Abenteuerfahrt beistehen darf. Jason und seine Argonauten müssen auf ihrer Fahrt gegen Monster antreten, gefährliche Meerengen durchqueren und einen Verräter in den eigenen Reihen bezwingen, bevor sie mithilfe der Priesterin Medea nach Kolchis gelangen. Doch dort warten nur noch mehr Gefahren auf die Abenteurer.

Genau wie der britische Regisseur Don Chaffey (Mit Schirm, Charme und Melone, Drei Engel für Charlie, MacGyver) haben auch die meisten Darsteller von Jason und die Argonauten im Laufe ihrer Karriere überwiegend fürs Fernsehen gearbeitet. Für Todd Armstrong (Rauchende Colts, Hawaii Fünf-Null) war es die einzige größere Kinorolle. Auch Nancy Kovack, welche die Medea spielt, war später lediglich in verschiedenen Rollen in Die bezaubernde Jeannie, Solo für O.N.C.E.L. oder Raumschiff Enterprise zu sehen.

Wesentlich bekannter dürfte die Hera-Darstellerin Honor Blackman durch ihre Rolle der Pussy Galore in dem James-Bond-Film Goldfinger sein. Bevor er mit der Tardis durch Zeit und Raum reiste, gehörte auch der zweite Doctor-Who-Darsteller Patrick Troughton zur Besatzung der Argo.

Ein Problem, welches der Film mit allen anderen Vertretern seines Genres teilt, sind die Gewänder. Nicht alle Darsteller besitzen die nötige Ausstrahlung, auch in einer knappen Toga oder Tunika Würde auszustrahlen. So muss man leider feststellen, dass vor allem Laurence Naismith als Bootsbauer Argo in den Szenen auf dem Schiff aussieht, als ob er eine große Windel tragen würde.

Auch Hauptdarsteller Todd Armstrong macht keine allzu gute Figur in seiner knappen Tunika, was er auch nicht durch sein schauspielerisches Talent ausgleichen kann. Es ist nicht verwunderlich, dass ihm die große Hollywood-Karriere verwehrt blieb. Eine bessere Figur in ihren Kostümen und eine gelungene Darstellung bieten Douglas Wilmer als Feldherr Pelias und Nigel Green als Herkules. Letzterer verkörpert den bekannten Helden als eigenwillige Mischung aus Kumpel von nebenan und urigen Neandertaler – welche im Kontext des Filmes gut funktioniert.

Naismith, Wilmer und Jack Gwillim, der Darsteller des Königs Aertes, machten im Laufe ihrer Karriere (Gwangis Rache, Sindbads gefährliche Abenteuer und Kampf der Titanen) nochmals die Erfahrung, wie schwer es ist, gegen die fantastischen Kreaturen von Ray Harryhausen an zu spielen. Die eigentlichen Stars des Films sind nämlich der stählerne Titan Talos, die zwei fliegenden Harpyien, die siebenköpfige Hydra und die Skelettkrieger, welche Harryhausen für den Film erschaffen hat.

Seine lebenslange Liebe für Filmmonster jeder Art begann, als Harryhausen King Kong und die weiße Frau von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack im Kino sah. 1949 durfte er dann als junger Tricktechniker zusammen mit Willis H. O'Brien, der bereits 1933 den Riesenaffen zu Leben erweckte, an den Spezialeffekten zu Panik um King Kong mitarbeiten.

Wie auch in allen weiteren von Harryhausens Filmprojekten, kam hier die Stop-Motion-Technik zum Einsatz. Bei dieser Methode werden einzelne Bilder von unbewegten Modellen aufgenommen, welche anschließend im Film in schneller Folge abgespielt werden, womit die Illusion einer Bewegung entsteht.

Nach dem Riesengorilla ließ Harryhausen noch einen Dinosaurier auf New York (Panik in New York 1953), einen Riesenkraken auf San Francisco (Das Grauen aus der Tiefe 1955) und ein außerirdisches Wesen auf Rom (Die Bestie aus dem Weltenraum 1957) los. Neben gigantischen Monstern schuf er 1956 Raumschiffe, die in dem Invasionsfilm Fliegende Untertassen greifen an vierzig Jahre vor Interdependence Day Washington in Schutt und Asche legten.

Viele weitere fantastische Abenteuerfilme der späten 50er- bis frühen 80er-Jahre veredelte Harryhausen mit seinen Spezialeffekten. So erweckte er auch für die Jules-Verne-Adaption Die geheimnisvolle Insel, seinen drei Sinbad-Filmen und sein letztes Projekt Kampf der Titanen Riesenbienen, Säbelzahnkatzen, Zyklopen und antike Götter zum Leben. Wie auch bei Jason und die Argonauten werden auch hier die Darsteller von den künstlichen Monstern in den Schatten gestellt. So ist es nur allzu verständlich, dass Harryhausen Name bereits im Vorspann groß genannt wird.

Die erste gigantische Kreatur, die in Jason und die Argonauten ihren Auftritt hat, ist der Titan Talos, welcher die Helden an der Flucht von einer Insel hindern will. Da dieser Riese komplett aus Metall besteht, hat der Trickspezialist bei diesen Szenen die Effekte absichtlich nicht perfekt umgesetzt. So erhält der Titan einen eckigen ungelenken Gang, den man von einer lebenden Metallstatue erwarten würde. Unterstützt wird der optische Eindruck von metallisch klingenden Soundeffekten, die bei jeder Bewegung Talos' zu hören sind.

Die eindrucksvollsten Kreaturen bekommt der Zuschauer aber zum Ende des Films zu sehen: die siebenköpfige Hydra und die von König Aertes zum neuen Leben erweckten Skelettkrieger. Diese Szenen stellten selbst für einen Profi wie Harryhausen eine große Herausforderung da. Allein an der Einstellung mit den Skeletten arbeitete er viereinhalb Monate. Den Kampf mit der Hydra dreht er nur nachts, da Harryhausen ansonsten bei jeder kleinen Störung schnell vergessen konnte, welcher der sieben Köpfe der Hydra sich gerade nach oben, unten oder zur Seite bewegt hatte.

Die Musik zum Film stammt von Bernard Herrmann, der auch den Soundtrack zu Sindbads siebente Reise und Die geheimnisvolle Insel schrieb. Weltbekannt wurde Herrmann drei Jahre bevor Jason und die Argonauten in die Kinos kam. 1960 komponierte er die Filmmusik zu Psycho von Alfred Hitchcock.

Während man also bei den Spezialeffekten und der Musik keine Mühen scheute, gab man sich an anderer Stelle oft nicht so viel Mühe. Jason und die Argonauten wurde in der Umgebung von Neapel gedreht. Das kommt den Film bei den Naturaufnahmen vom Meer, Strand oder Felsformationen zu Gute.

Im Film sind aber immer wieder alte Säulen oder antike Mauerreste zu sehen. Während des Kampfes mit den beiden Harpyien dient zum Beispiel der halb verfallene Tempel bei Paestum als Kulisse – was ein wenig den Eindruck erweckt, schon die antiken Griechen hätten in Ruinen gehaust. Nur die Szenen in Kolchis und die Schlacht um Thessalien zu Beginn wurden in künstlichen errichteten Kulissen gedreht.

Während der zweiten Blütezeit des Monumentalfilms drehte nicht nur Hollywood jede Menge antike Abenteuerfilme. Auch in Italien erfreute sich das Genre bei den Produzenten großer Beliebtheit. In der ersten Hälfte der 60er-Jahre kam es dort zu einer wahren Massenproduktion, in deren Mittelpunkt muskulöse Helden wie Herkules oder Samson standen. Viele dieser sogenannten Muskelprotzfilme scheuten sich auch nicht, verschiedenen antike Sagengestalten mit Mythen anderen Zeiten und modernen Elementen zu vermischen.

So drehte Mario Bava 1961 den Film Vampire gegen Herkules, der noch optisch aus der Masse der oft billig produzierten italienischen Sandalenfilme herausstach. Auch Jason und die Argonauten hätte mit den Jahren leicht in der Masse untergehen können – zumal das Genre bis zu dem Erfolg von Ridley Scotts Gladiator (2000) nahezu tot war und die antiken Helden ab Mitte der 60er-Jahre auf der Leinwand Cowboys und Weltraumhelden weichen mussten.

"Die Götter kennen kein Erbarmen. Wir Menschen müssen lernen ohne, sie auszukommen."

Jason und die Argonauten erzählt eigentlich nur die Hälfte der antiken Sage nach. Das Schicksal, welches Jason und Medea in ihrer Heimat erwartet, wird nicht mehr erzählt. Am Ende des Films gibt es im Olymp ein Gespräch zwischen Hera und Zeus, welches eine Fortsetzung andeutet. Diese wurde aber trotz eines finanziellen Erfolgs des Films in England nie gedreht.

Es ist wohl Ray Harryhausen und seine fantastischen Schöpfungen zu verdanken, dass Jason und die Argonauten nicht in Vergessenheit geraten ist. Obwohl oder gerade weil man heute viel bessere Computereffekte gewohnt ist, besitzen Harryhausen Kreatur einen ganz eigenen Charme. Dadurch bietet der Film auch heute noch gute Unterhaltung mit großartigen Schauwerten.

1992 erhielt Harryhausen für seine Trickeffekte bei der Oscar-Verleihung für Wissenschaft und Technik den Gordon E. Sawyer Award. Gastgeber Tom Hanks würdigte sein Werk mit den Worten "Einige sagen, Citizen Kane oder Casablanca. Ich sage, Jason und die Argonauten ist der größte Film, der je gedreht wurde." Das ist vielleicht ein wenig übertrieben – aber unter den vielen klassischen Antikfilmen hat sich der Film seinen Platz im Olymp verdient.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Charles H. Schneer Productions/Columbia Pictures

JASON UND DIE ARGONAUTEN - Trailer (1963, German/Deutsch)

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