Retro-Kiste: Wer glaubt denn schon an Drachen? – Die Comicserie Bone

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Bone

Auf den ersten Blick scheinen die drei Bones nicht so recht in eine Fantasysaga voller Monster, Verschwörungen und mutiger Helden zu passen. Zu niedlich wirken die Figuren aus der Feder von Jeff Smith für ein großes episches Abenteuer.

Dennoch gehört die Serie Bone zu den großen Werken innerhalb des Genres ohne auf typische Vertreter der High Fantasy wie Zwerge oder Elfen, zurückzugreifen – nur Drachen bekommen ihren Auftritt, aber wer glaubt denn schon an Drachen?

Die Vettern Fone Bone, Smiley und Phoney haben sich in einer Wüste verirrt. Die drei weißen Wesen, deren Kopfform entfernt an Knochen erinnert, wurde aus Boneville verjagt. Es gibt verschiedene Versionen, warum sie ihrer Heimatstadt verlassen mussten, bei denen verdorbener Pflaumenkuchen, Giftmüll oder ein riesiger Werbeballon eine Rolle spielen. Klar ist nur, dass einer der raffgierigen Pläne von Phoney aufgeflogen ist.

Durch einen Heuschreckenschwarm werden die drei Bones getrennt. Auf der Flucht vor den Insekten gelangt Fone Bone in ein idyllisches Tal. Dort jagen ihn zwei Rattenmonster, denen er nur durch das Eingreifen eines geheimnisvollen roten Drachen entkommt.

Durch den Ratschlag der Wanze Ted trifft Bone auf Thorn, die mit ihrer Großmutter in einer abgelegenen Hütte im Wald lebt. Leider können die beiden Fone Bone und seinen Vettern auch nicht den Weg zurück nach Boneville weisen.

Die Hütte wird nachts von weiteren Rattenmonstern angegriffen, welche hinter den Bones her sind. In letzter Sekunde rettet sie wieder der rote Drache – den außer Bone auch Großmutter Buster zu kennen scheint. Aber ihre unheimlichen Feinde planen bereits ihren nächsten Angriff und Thorn plagen zudem seltsame Albträume, in denen der mysteriöse Herr der Heuschrecken zu ihr spricht.

„Wir gehören nicht hierher ... ich meine, sieh dir mal diese Leute an: Die glauben an Träume."
Fone Bone, Kapitel 38

Was zunächst als eine heitere Geschichte beginnt, wächst im Laufe der Handlung zu einem klassisch anmutenden Fantasyepos heran. Thorn und die Bones erfahren mehr über die Vergangenheit von Großmutter Buster und dem roten Drachen, müssen sich neuen Feinden, wie den undurchsichtigen Berglöwen Rock Ra, stellen und zuletzt in der alten Hauptstadt Atheia gegen innere und äußere Feinde kämpfen.

Bone fängt scheinbar mit einzelnen Cartoon-Episoden an. So funktionieren die ersten Begegnungen von Fone Bone mit dem roten Drachen, den Rattenmonster oder den Tieren im Wald als lustige kleine Einzelgeschichten, die nicht zwingend auf eine große Erzählung hinaus laufen müssten. Dabei arbeitet Smith stark mit Bildwitzen, wie zum Beispiel beim plötzlichen einsetzenden Wintereinbruch, als keine einzelnen Flocken vom Himmel rieseln, sondern gleich die geschlossene Schneedecke von oben herab fällt.

Nachdem sich die Vettern in Bumper Hill wieder getroffen haben, stehen zunächst noch Phoneys Pläne und das traditionelle Kuhrennen im Vordergrund, aber die vielen kleinen Andeutungen vom Anfang verdichten sich immer mehr zu einer Fantasysaga mit dunklen Bedrohungen und fiesen Monstern. Die lustigen Comic-Elemente verschwinden nie komplett aus der Serie. So ziehen sich die beiden dämlichen Rattenmonster, welche sich nie entscheiden können, ob sie aus ihren Opfern Gulasch oder Auflauf machen sollen, als Running Gag bis zum Schluss durch die Handlung.

„Sieh ihn dir an, er gäbe doch wirklich ein leckeres Gulasch ab!" „Und das kommt noch hinzu: Ich hab die Nase voll von Gulasch! ... Ich will ihn für einen Auflauf verwenden." „Für einen Auflauf! Das ist doch keine Ernährung für Ungeheuer!"
Die beiden dämlichen Rattenmonster, Kapitel 1

Fone Bone, Smiley und Phoney lassen den Betrachter nicht nur durch ihren niedlichen Zeichenstil an typische Disney-Figuren denken. Phoney erinnert mit seiner Goldgier und seinen skrupellosen Geschäftsidee stark an Onkel Dagobert.

Smiley hingegen ähnelt durch seine Größe und seine vordergründige Einfachheit Goofy. Aber die Figur ist auch das Herz der drei Vettern – mehr als einmal ist es scheinbar der so simple Smiley, der in den entscheidenden Momenten Fone Bone und Phoney Mut zu spricht und ihnen den Weg zu den richtigen Entscheidungen weist.

Fone Bone ist die klassische Heldenfigur, der sich aus Liebe zu Thorn ins Abenteuer stürzt. Dabei ist er nicht der große übermächtige Krieger, sondern eher ein Hobbit, der ins Abenteuer hinein stolpert und daran wächst.

Ihre Heimat Boneville scheint im Gegensatz zum Tal ein moderner Ort zu sein. So berichtet Fone Bone in seinen Erklärungen, warum man seinen Vetter Phoney fortgejagt hat, von Atomkraftwerken oder Giftmülldeponien. Allerdings wundern sich die Bones auch nie darüber, dass sie in einer mittelalterlichen Welt gestrandet sind.

Smiths Fantasywelt ist trotz all der dunklen Wesen ein recht idyllischer Ort. Der Beginn, als Fone Bone den Winter bei den Tieren im Wald verbringt, erinnert entfernt an den Hundert-Morgen-Wald in Pooh der Bär, nur mit üblen Rattenmonstern als Bedrohung im Hintergrund.

In seiner Serie verzichtet Smith auf übermäßige Gewaltdarstellungen, um ein realistisches Pseudomittelalter zu zeigen – auch wenn durchaus Blut fließt, Figuren der Arm abgeschlagen wird und nicht alle Helden bis zum Ende überleben. Neben dem europäischen Mittelalter stand auch der amerikanischen Siedlermythos Pate für das Tal und seine Bewohner. Dieses wird noch durch Auswahl der auftretenden Tiere (Oppusum und Puma) unterstützt.

„Was soll das heißen? Du glaubst an Rattenmonster, warum dann nicht an Drachen?"
Fone Bone, Kapitel 3

Jeff Smith ist nicht nur der Autor, sondern auch der Zeichner von Bone. Er versteht es sehr gut, mit wenigen Strichen Slapstickszenen sowie auch komplette Naturlandschaft darzustellen. Diese entwickeln auch oder gerade in der schwarz/weiß-Ausgabe eine komplette Fantasywelt im Kopf des Lesers zum Leben. Kritisch anmerken kann man, dass manchmal die Proportionen von einigen Figuren nicht zu stimmen scheinen, was aber insgesamt gesehen wenig stört.

Die Comicreihe startete im Jahr 1991 und fand 13 Jahre später ihr Ende. Smith veröffentlichte die Abenteuer der Bones in 55 einzelnen Heften im Eigenverlag sowie zwischenzeitlich bei Image Comics. 2004 veröffentlichte der amerikanischen Verlag Scholastic Press eine farbige Ausgabe der Serie. Auf Deutsch erschien Bone zunächst schwarz/weiß in 20 Bänden bei Carlsen. Eine kolorierte Ausgabe gibt es zurzeit bei Popcom Comics.

Neben der abgeschlossen Handlung rund um die Abenteuer von Fone Bone und Thorn gibt es noch zwei Sonderbände, welche die Abenteuer von Big Johnson Bone, dem Gründer von Boneville, sowie der Jugendzeit von Großmutter Buster erzählen. Außer Bone hat Smith noch die Steinzeitsaga Tuki und die Geschichte über Rasl, der in Paralleldimensionen auf Diebestour geht, geschrieben. Zudem arbeitete er für DC an Shazam!: The Monster Society of Evil mit.

Seit längerem ist eine Verfilmung von Bone geplant. Im November 2016 wurde bekannt, dass Mark Osborne (Kung Fu Panda) die Regie übernehmen soll. Bei der Adaption soll es sich voraussichtlich um einen Animationsfilm handeln, der in drei Teilen in die Kinos kommen soll.

Mit Bone hat Jeff Smith die Fantasy nicht neu erfunden. Durch die Mischung aus Cartoon und klassischem Epos auf der einen und einer Welt zwischen Moderne, Mittelalter und amerikanischen Siedlermythos auf der anderen, hat er dem Genre aber seinen eigenen Stempel aufgedrückt.

Das Comic zieht dem Leser sofort durch die liebevollen Figuren in seinen Bann. Auch nach mehrmaligem Lesen der kompletten Serie schlägt man den letzten Comicband ein wenig wehmütig zu, da man sich von all den lieb gewonnen Helden und Rattenmonstern verabschieden muss.

„Liest du uns aus Moby Dick vor? Ich will den Kleinen beibringen, wie man nach dem Essen ein Nickerchen macht." „He! Das ist Literatur und kein Schlafmittel!" „Du willst darüber diskutieren? Noch besser!"
Smiley und Fone Bone, Kapitel 28

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Jeff Smith/Cartoon Books/Scholastic Press

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