Zombie-Kiste zu Night of the Living Dead - Als die Untoten schlurfen lernten

Im Jahr 1999 wurde Night of the Living Dead in die National Film Registry der USA eingeführt und damit als ein wichtiges, kulturelles Werk gewürdigt. Dabei entfachte der Film zahlreiche Diskussionen aufgrund seiner Gewaltdarstellung, als er 1968 erstmals im Kino lief und ist, schaut man sich ihn heute mit wachem Auge an, auch kein filmischer oder gar künstlerischer Quantensprung. Trotzdem hat er zahlreiche Generationen an (Horror-)Filmschaffenden geprägt und seine Vision der wandelnden Toten schlurft bis heute durch diverse Medien. Night of the Living Dead konnte sowohl die Vision von Zombies nachhaltig prägen, als auch mehr Geld machen, als jeder andere Independent Film bisher.

Die Anfänge des Films waren dabei bescheiden: George A. Romero und sein Co-Autor John Russo sowie die Produzenten Karl Hardmann und Russel Streiner waren eigentlich Werbefilmer für Pittsburgh und seine ländliche Umgebung. Daneben wollten sie einen ordentlichen Langfilm drehen, doch worüber? Ideen mit Außerirdischen und Spezialeffekten flogen zwischen den Männern hin und her, wurden aber aufgrund des geringen Budgets, das hauptsächlich von privaten Investoren oder bestehenden Kunden der Werbefilmfirma stammte, wieder verworfen. Nur eine Idee verfing: Kannibalismus. Das schien Romero und Co. schockierend genug zu sein, um einen Markt für den Film zu schaffen. Daraus entwickelte sich dann die Handlung um die Untoten.

Die Handlung

Falls jemand Night of the Living Dead noch nicht gesehen hat: Zu Beginn besucht die junge Frau Barbara mit ihrem Bruder Johnny das Grab ihres Vaters. Dort begegnet sie einem seltsam schlurfenden Mann, der sie und Johnny anfällt. Barbara flüchtet ohne Johnny in ein Farmhaus. Dort stößt Ben zu ihr, der anfängt, Türen und Fenster zu verbarrikadieren. Barbara hingegen ist von den Ereignissen geschockt und verhält sich passiv. Zu den beiden stoßen dann Harry Cooper, dessen Frau und ihre gemeinsame Tochter sowie die beiden Jugendlichen Tom Judy, die sich allesamt im Keller des Hauses verschanzt haben. Bei einem Fluchtversuch kommen Tom und Judy ums Leben, was den Konflikt zwischen Ben und Harry anheizt. Als die Untoten versuchen, das Haus zu stürmen, überlebt nur Ben, der sich im Keller verbarrikadiert hat. Bei einer Säuberungsaktion wird Ben für einen Untoten gehalten und erschossen.

Die Dreharbeiten erstreckten sich über mehrere Monate im Jahr 1967, da der Film ja nur ein Nebenprojekt zwischen den Werbeaufträgen war. Als Kulisse diente ein altes Farmhaus, dass das Drehteam erst ordentlich herrichten musste, denn es war zum Abriss bestimmt und leergeräumt. Dafür konnte sich die Crew später dort austoben. Die Schauspieler waren zum Großteil Laien: Nur Duane Jones war ein halbwegs bekannter Theaterschauspieler aus der Gegend, arbeitete aber hauptberuflich an einer Universität. Judith O’Dea hatte nach einem erfolglosen Ausflug nach Hollywood eigentlich ihre Schauspielkarriere an den Nagel gehängt, als sie für den Film vorsprach. Die beiden brachten wenigstens etwas Schauspielerfahrung mit, anders als beispielsweise Russel Streiner (der Produzent) in der Rolle von Barbaras Bruder Johnny oder Karl Hardmann (ebenfalls Produzent), der Harry Cooper verkörperte.

Das knappe Budget von insgesamt 114.000 US-Dollar (heute wären das ungefähr 700.000 US-Dollar) merkt man am ehesten am Medium selbst: Entgegen vieler anderer Kinofilme zu dieser Zeit ist Night of the Living Dead in Schwarz-Weiß gedreht -  das war schlicht günstiger. Die Ausstattung des Hauses wirkt etwas zusammengewürfelt, das Make-Up der Zombies beschränkt sich meist auf blasse Schminke und tiefe Augen und einige Bluteffekte, ist aber kein Vergleich zum Aufwand, der heute betrieben wird. Auch der Soundtrack wurde nicht für den Film selbst geschrieben, sondern bedient sich aus einer Filmmusikbibliothek.

Vom B-Movie zum Kultfilm

Mit seinen manchmal harten Schnitten, sichtbar bemühtem Schauspiel und kaum bearbeiteten Ton vermittelt Night of the Living Dead beim ersten Sehen nicht den Eindruck eines Kultklassikers, sondern eher eines B-Movies von begabten Amateuren - und streng genommen ist er das auch. Aber der Zombiefilm war für seine damaligen Verhältnisse nicht nur sehr blutig, sondern überraschte mit unbekannten Themen und einer Mischung aus verschiedenen Horror-Elementen.

Für viele Zuschauerinnen und Zuschauer war es schon revolutionär, einen farbigen Schauspieler als kompetenten Helden und nicht als witzigen Sidekick auf der Leinwand zu sehen - oder überhaupt! 1967 und 1968 waren die Höhepunkte der Bürgerrechtsbewegung erreicht, im April 1968 wurde Martin Luther King erschossen. Im Süden der USA herrschte Segregation, also die Trennung von Weißen und Farbigen. Laut Romero und seinem Team wurde der Farbige Jones zum Hauptdarsteller, weil er der Beste beim Vorsprechen war, die politischen Hintergründe spielten dabei keine Rolle. Jones hat allerdings seine Figur etwas umgeschrieben, wohl auch, weil er sich seiner Vorbildwirkung auf das Publikum bewusst war. Dass seine Figur Ben am Ende erschossen wird, geschah explizit auf Jones’ Wunsch - für Ben war eigentlich ein optimistischeres Ende geplant. Aber Jones war sich bewusst, dass die mögliche farbige Zuschauer ein Happy End, bei dem Ben von den weißen Polizisten gerettet wird, für dieses Publikum zu unglaubwürdig gewesen wäre.

Hinzu kommt, dass der Film nicht versuchte, die Ästhetik von bekannten Schwarz-Weiß-Horrorfilmen wie den Universal-Pictures-Monsterfilmen Dracula, Die Mumie oder Frankenstein zu kopieren. Stattdessen setzt Night of the Living Dead auf eine eher realistische Optik und einen konkreten Handlungsort: Eben das ländliche Pennsylvania mit bestimmten, realen Ortschaften, die in den Radiodurchsagen und TV-Berichten, die in die Handlung eingestreut sind, auftauchen.

Schließlich konfrontierte Night of the Living Dead sein Publikum mit einem so bisher unbekannten Monster: Zombies. Die werden, auch hier begründete der Film so etwas wie eine unausgesprochene Tradition - selbst gar nicht so genannt, sie heißen hier “Fleischfresser” oder Ghule. Zombies kannte man auch vorher schon: Dann waren es meist mit Hilfe von Voodoo-Magie verzauberte Menschen, die so zu willenlosen Sklaven gemacht wurden. Night of the Living Dead präsentiert aber wandelnde Untote, erstmals mit ihrem heute charakteristischen Schlurfen, Hinken und ihren steifen Bewegungen. Die Zombies tun dabei etwas bisher kaum auf der Leinwand Dargestelltes: Sie sind Kannibalen, fressen Menschen - und das sehr grafisch. Sie einverleiben sich die Überreste von Tom und Judy, zerren dabei die Fleischfetzen von den Leichen und graben ihre Zähne gierig in ihre Mahlzeit.

Zombies werden Gemeingut

Das alles wird in Night of the Living Dead gezeigt: Auch das ein Novum für diese Zeit, in der Horror und Gewalt meist eher angedeutet, als direkt dargestellt wurde. Im Oktober 1968 feierte der Film seine Premiere und wurde in verschiedenen Kinos in den Nachmittagsvorstellungen gezeigt - die damals noch für alle Altersgruppen zugänglich waren. Erst einen Monat später trat das Gesetz über die Altersfreigabe für Filme in Kraft. Night of the Living Dead war mit ein Auslöser dafür, dass sich eine landesweite Diskussion um Gewalt in Kinofilmen entwickelte.

Das hielt den Film in aller Munde, was immerhin etwas Werbung für das Werk brachte. Allerdings hatten Romero und sein Team wenig davon: Der Verleiher ließ aus rechtlichen Bedenken kurzfristig den Titeln ändern - von Night of the Flesh Eaters zu Night of the Living Dead. Dabei vergaß er aber den damals obligatorischen Copyright-Hinweis auf die Titelkarte zu setzen und gab damit den Film als unfreiwillig urheberrechtsfrei heraus. Die Folge: Jeder konnte ohne Geld an den Verleih zu geben den Film kopieren und in seinem Kino zeigen, Night of the Living Dead wurde somit im wahrsten Sinne des Wortes Allgemeingut. Das trug dazu bei, dass er eine unheimlich große Verbreitung erlangte und die Originalversion bis heute frei im Internet heruntergeladen werden kann.

Night of the Living Dead begründete also mehr oder weniger das heute bekannte Zombie-Genre und Romero selbst ist dessen bekanntester Vertreter. Die Untoten haben ihn nicht mehr losgelassen: Er drehte rund zehn Jahre später den ebenfalls zum Kultfilm avancierten Dawn of the Dead (erschienen 1978) und 1985 Day of the Dead, welche lose im selben Universum spielen. 2005, 2007 und 2009 setzte er seine Zombie-Reihe weiter fort. Night of the Living Dead aber erfuhr noch eine Neuauflage im Jahr 1990, diesmal von Romeros gutem Freund Tom Savini inszeniert, die aber weniger bekannt ist als das Original.

Mittlerweile wurde der Film auch restauriert und es gibt ihn mit zusätzlichem Material auf DVD und Blu-Ray. Wer mag, sollte ruhig ein bisschen Geld für Night of the Living Dead ausgeben, die frei verfügbaren Versionen haben meist ein eher mäßiges Bild und einen knarzenden Ton.

Vielleicht ist Night of the Living Dead nicht der beste Zombie-Film, und auch nicht der beste Romero-Zombie-Film, diese Ehre gebührt entweder Dawn of the Dead oder Day of the Dead, je nach Geschmack. Aber weil er viele Traditionen begründet hat, heute dank seiner Spannung und Atmosphäre auch noch gut anzusehen ist und schließlich ziemlich leicht zu bekommen ist, eignet sich gut Night of the Living Dead für einen Einstieg in das Zombie-Genre.

Zombie (1978) Filmposter
Originaltitel:
Dawn of the Dead
Kinostart:
02.08.79
Laufzeit:
118 min
Regie:
George A. Romero
Drehbuch:
George A. Romero
Darsteller:
David Emge, Ken Foree, Scott H. Reiniger, Gaylen Ross, David Crawford, David Early
Die Geschichte von Dawn of the Dead ist schnell erzählt. Tote stehen aus ihren Gräbern auf und fressen die Lebenden. Wer von einem solchen Zombie gebissen wird, verwandelt sich nach dem Tod ebenfalls in einen Zombie und so weiter.

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