Kritik zu The Walking Dead 8.05: The Big Scary U

SPOILER

Wie bereits die letzte Episode, konzentriert sich auch "The Big Scary U" hauptsächlich auf wenige zentrale Figuren: Negan und Gabriel, wobei der Priester eher dazu dient, etwas mehr Hintergrund aus dem Anführer der Savior herauszukitzeln.

So erhält man gleich noch etwas mehr Einblick in das Innere der äußerst rabiat auftretenden Gruppe, und wie die Gesellschaft im Sanctuary funktioniert.

Rolle rückwärts

Nach dem Cliffhanger im Staffelauftakt von The Walking Dead blieb das Schicksal von Negan und Gabriel in ihrem kleinen Schutzraum inmitten einer Zombiehorde zunächst offen.

Da in der Zwischenzeit über sie kaum ein Wort verloren worden ist, wäre es schon fast witzig gewesen, hätte man mit der Auflösung tatsächlich bis zum Staffelfinale - oder zumindest der letzten Folge vor der Winterpause - gewartet. Nun erfahren wir aber bereits in der fünften Episode, was aus den beiden ungleichen Zellengenossen geworden ist.

Dafür geht es aber zuerst noch einmal zurück. In kleinen Ausschnitten sieht man etwa Gabriel in einer Kirche auf Knien um Vergebung, eine Aufgabe in seinem Leben und gerade auch Sinn im Sterben bitten.

Ein weiterer Flashback bietet einen Perspektivwechsel, nach einer kurzer Szene zwischen Simon und Gregory im Sanctuary sitzt man zusammen mit dem harten Kern am Verhandlungstisch bei Negan. Zeitlich ist es unmittelbar vor dem Angriff von Rick und seinen Mannen, wie er in der ersten Folge der Staffel zu sehen war, angesiedelt. Es wird deutlich, dass dieser zu dem Zeitpunkt tatsächlich für Negan und seine Gefolgsleute überraschend kam.

Im Beichtstuhl

Bereits im Rückblick mit Gregory am Besprechungstisch über das Schicksal von Hilltop und Alexandria macht Negan ein paar seiner Grundsätze deutlich: Es gehe nicht darum, viele Menschen zu töten, sondern die richtigen.

So könne man mit wenigen Opfern viele Hunderte retten. Immerhin seien Menschen eine wichtige Ressource (eine leider nicht lagerfähige, wie einer meiner Dozenten in einer Wirtschafts-Vorlesung einst trocken bemerkte). Die Savior sind eben die Retter.

Etwas mehr entlockt Gabriel dem wortgewandten Anführer. Die räumliche Enge und dem Tod wortwörtlich greifbar nah, lässt auch Negan (scheinbar?) offen reden. Letztlich ist es auch seine Beichte, die Gabriel davon überzeugt, ihm doch zumindest so weit zu trauen, um die gemeinsame Flucht zu versuchen.

Das Kammerspiel ist zwar durchaus interessant, es reicht aber leider nicht ganz aus, um die Geschichte überzeugend zu tragen. So bleibt die lediglich erzählte Ausführung über den untreuen Ehemann Negan und wie es ihm nicht gelungen ist, seine nach Zombieausbruch verstorbene Ehefrau von ihrem Untoten-Dasein zu bewahren, eher dünn und fad. Da hat der gute Negan doch sicherlich noch ganz andere Leichen im Keller.

Gabriel scheint es aber zu reichen, und auch Negan sieht durchaus Gemeinsamkeiten: Wie Gabriel möchte er Menschen helfen, ihre Schwächen zu überwinden. Dies hat Negan schon vor dem Virus-Ausbruch gemacht - er hat mit Kindern gearbeitet, um sie auf dem rechten Pfad zu bringen. Ob er damals auch schon so seine ganz eigenen Ansichten und Methoden dazu hatte, erfahren wir leider nicht.

Explosiver Konflikt

Etwas lieblos eingestreut, dafür aber auch schnell abgehandelt, ist die Zuspitzung von Ricks und Daryls hochkochender Uneinigkeit über das Vorgehen mit den Saviorn. Nahtlos geht es nach der wilden Verfolgungsjagd der letzten Episode weiter. Die flüchtigen Savior sind geschlagen, die Waffen - darunter auch Dynamit - gehen an Rick und Daryl.

Doch während Rick sich weiter an den Plan halten will, möchte Daryl lieber den Weg für die Zombies freisprengen, um jeden Sanctuary-Bewohner zu töten. Rick möchte nach seiner Erfahrung mit Baby Gracie jedoch die Arbeiter von den Saviorn unterscheiden.

Statt langer Gespräche und langsam eskalierenden Konflikt, gibt es einen gepflegten Faustkampf.  Dabei fliegt das Dynamit ins brennende, noch waffenbeladene Auto, was das Problem in schönster 80er-Jahre-Action erledigt. Zwar muss Rick am Ende zu Fuß weiterziehen, während Daryl auf seinem Motorrad von dannen zieht - aber nach ernsthaft tieferer Auseinandersetzung zwischen den beiden eigentlich engen Freunden wirkte die Szene zum Schluß nicht.

Weniger überraschend ist, dass auch der Frieden im Sanctuary wackelt. Dass zeitweise alle denselben Vornamen haben, hilft da wohl wenig. Kaum ist Negan nicht da, gehen seine engsten Verbündeten gegeneinander vor. Noch sieht es so aus, als rückt eher Simon in den Verdacht, ein Verräter zu sein - nicht Dwight oder Eugene, bei dem es deutlich näherliegend wäre.

Und dann rebellieren auch noch die Arbeiter. Immerhin wäre der Deal, dass man ihnen für ihre Arbeit Schutz und Versorgung bietet. Dies steht nun auf dem Spiel.

Und darum bin ich hier

Es scheint zu stimmen, was Negan Gabriel gegenüber äußert: "Ohne mich läuft hier nichts.". Vor ihm war Chaos, ohne ihn ist Chaos. Da können noch so viele seines Teams "Negan" sein - von den Arbeitern, die die Uneinigkeit merken, wird dies nicht akzeptiert und somit kippt auch sichtbar die Selbstsicherheit von Simon, Eugene, Regina und Co..

Wie passend, dass gerade in dem Moment, wo die Eskalation droht, der Heiland erscheint. Negan weiß, wie man auftritt - selbst wenn man über und über mit verrotteten Zombie-Innereien überzogen ist. Was schon in Staffel eins geklappt hat, hat auch hier wieder einigermaßen hingehauen. Etwas Waffenunterstützung ist zwar nötig gewesen, aber Gabriel und Negan haben der Zombiehorde entkommen können.

Statt mit Trompeten und Engelsgesang kündigt Jesus Negan Superstar mit einem fröhlich gepfiffenen Lied die Ankunft des Erlösers gleich selbst an. Eine Bergpredigt oder heilgebenden Worte bekommt man von Negan zwar nicht, dafür aber einen Reim über seine Eier aus Stahl. Seine Jünger danken erleichtert Gott dafür, dass er ihnen mit Negan einen Retter gesandt hat.

Liegt es an der Erschöpfung, Dankbarkeit oder ist es ein spontaner Wechsel des Glaubens, die Gabriel zusammen mit den Saviorn und den Sanctuary-Arbeitern vor Negan knien lässt?

Fazit

Für sich stehend erfreulicherweise abermals eine grundsolide Episode, die einen endlich die Savior und Negan zumindest ein klein wenig näher bringt. Dass man sich wieder auf wenige Charaktere konzentriert hat, erweist sich wiederholt als genau richtig.

Im Gesamten wirkt "The Big Scary U" jedoch leider etwas deplatziert. Hätte es einige Szenen und Hintergründe zu Negan und dem Sanctuary bereits in der letzten Staffel gegeben, gäbe es mehr Bindung zu und Interesse an den bislang eher eindimensional dargestellten Charakteren.

Sowohl der Quotenabfall als auch Kommentare zur Entwicklung der Serie belegen die Unzufriedenheit vieler Fans - es dürfte schwer werden, diese wiederzugewinnen.

The Walking Dead Staffel 6

Originaltitel: The Walking Dead (seit 2010)
Erstaustrahlung am
31.10.2010 bei AMC / 11. Mai 2012 bei RTL1
Darsteller:
Andrew Lincoln (Rick Grimes), Norman Reedus (Daryl), Lauren Cohan (Maggie), Chandler Riggs (Carl), Melissa McBride (Carol), Steven Yeun (Glenn), Laurie Holden (Andrea), Danai Gurira (Michonne), Sonequa Martin-Green (Sasha), Jon Bernthal (Shane), Sarah Wayne Callies (Lori), Jeffrey DeMunn (Dale), Michael Rooker (Merle), David Morrissey (Govenor), Scott Wilson (Hershel), Michael Cudlitz (Abraham), Emily Kinney (Beth), Chad L. Coleman (Tyrese), Lennie James (Morgan), Jeffrey Dean Morgan (Negan), Alanna Masterson (Tara), Josh McDermitt (Eugene), Christian Serratos (Rosita)
Produzenten: Gale Anne Hurd, David Alpert, Robert Kirkman, Charles H. Eglee, Glen Mazzara, Scott M. Gimple, Greg Nicotero, Tom Luse, Frank Darabont
Basiert auf der gleichnamigen Comicreihe von Robert Kirkman
Entwickelt von Frank Darabont
Staffeln: 9+
Anzahl der Episoden: 115+

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