Eine Frage der Ehre: Kritik zu The Walking Dead 8.09

SPOILER

The Walking Dead meldet sich nach einer langen Winterpause mit "Honor" zur zweiten Hälfte von Staffel 8 zurück. Allerdings muss man auf Urlaubsfrische verzichten, die Auftaktepisode schlurft vor sich hin und schließt so nicht nur inhaltlich nahtlos ans Midseason-Finale an.

Der lange Abschied

Wenig überraschend ist der Abschied von Carl das wichtigste Kernelement der extralangen Folge, steht jedoch nicht allein im Fokus.

Bei einem so zentralen Charakter, der von Serienstart an nicht nur dabei, sondern an sich treibende Kraft war, könnte dies alleine an sich für eine sehr mitnehmende Erzählung reichen. Dies sahen die Serienschaffenden nur leider anders.

Nach einer kurzen Zusammenfassung relevanter Ereignisse der ersten Staffelhälfte wird einem die sprunghafte Erzählweise der Episode präsentiert: In einem Wechsel aus Traumsequenz, Rückblick und Szenen mit einem sehr fertigen, rotäugigen Rick hin zur etwas deplatziert wirkenden Weitererzählung der Geschehnisse rund um Carol, Morgan und Ezekiel im Kingdom.

Ich lebe. Du stirbst.

Nach theatralischen Brüten in seinem Elend hat der gebrochene König Ezekiel seine letzten Reserven mobilisiert und "sein Volk" die Flucht vor den Saviors ermöglicht. Er selbst opfert sich und bleibt als Gefangener zurück, den sicheren Tod vor Augen.

Gavin bedauert dies durchaus, immerhin möge er die ganze Gewalt ja gar nicht. Ezekiel sei zudem doch ein guter Abkommenspartner gewesen, bis Rick ihm die Flausen mit dem Aufstand gegen Negan eingeredet habe.

Ezekiel scheint sich mit seinem Schicksal abgefunden zu haben, auch wenn er Gavin mehrfach aufzeigt, dass auch er sich noch ändern könne und nicht weiter diesen brutalen Weg gehen müsse.

Doch während Gavin nicht von seinem Pfad abweicht, arbeitet es in Ezekiel: "Ich habe Konflikte gemieden, weil ich dachte, so das Leben meiner Leute zu retten. Doch nun begreife ich: Ich habe deins geschützt - nicht mehr!"

Rettungstruppe, auf sie!

Was ist das mit Carol und Kindern? Diesmal ist es der junge Henry, der sich gegen ihr ausdrückliches Verbot ebenfalls auf macht, um den Saviorn entgegen zu treten - und damit sich selbst und Carols Mission gefährdet.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Carol im Alleingang eine scheinbar ausweglose Situation rettet. Doch ist es diesmal eher Morgan, der abermals seinem Killerinstinkt freien Lauf lässt und nach und nach sämtliche Savior im Kingdom erledigt.

Was für ein Zufall, dass die beiden sich noch rechtzeitig zur Rettung Ezekiels dort treffen. Immerhin war Morgan ja eigentlich auf seinem Sniper-Turm bei der Sanctuary stationiert. Diesen musste er jedoch fluchtartig verlassen, als die Savior einen Ausweg durch ihr Zombiehorden-Problem gefunden haben. Was für ein Glück.

Dabei zeigt Morgan durchaus erstaunliche Fähigkeiten. Als er waffenlos zu Boden gedrückt wird, greift er mit einer Hand durch eine kleine Wunde seines Gegners und holt dessen Eingeweide raus. Das ist selbst für alle, die in der Zombieapokalpyse schon einiges an krassen Sachen erleben mussten, zu viel.  Ein klassisch-schöner  "Was zur Hölle, Alter!"-Moment.

Carol appelliert noch an den sanften Morgan, den sie kennengelernt hat. Doch es ist klar: Für Morgan gibt es keinen Weg zurück. Ganz oder gar nicht. Wollte er einst noch alle beschützen, keine Gewalt anwenden, so muss er nun alle möglichen Feinde töten. Alle.

Doch bei der letzten Möglichkeit des Tages, dem noch flehenden Gavin, kommt ihm jemand zuvor: Überraschend ist Henry aufgetaucht und erledigt Gavin mit einem schnellen Stockstoß durch den Hinterkopf/Nacken. Wie es Morgan ihm gelehrt hat.

Einfach so passiert

Wem das nun nach ziemlich viel Erzählung zum Kingdom vorkommt, wo doch eigentlich Carl die Aufmerksamkeit haben sollte, erkennt ein Problem der Folge. Leider erschwert der ständige Szenen- und Zeitenwechsel den Aufbau größerer emotionaler Momente. Hier hätte eine klare Trennung in zwei eigene Episoden (oder Episoden-Hälften) beiden Handlungssträngen gut getan.

Die Zutaten an sich sind vorhanden: Carl stirbt. Der sich vom eher nervig-naiven kleinen Jungen zu einem wahren Überlebenskünstler und Sympathieträger entwickelt hat. Der von Serienbeginn an einer der Hauptmotivationen für Rick gewesen ist. Der so viel durchmachen musste und doch auch immer wieder für die leichteren Momente der Serie sorgte.

Und das nicht bei irgendeiner großen Heldentat oder durch die Hand eines brutalen Fieslings, sondern wegen eines einfachen, kleinen Zombiebiss. Der einfach so passiert ist. Wenn auch in einer fragwürdigen Szene, aber eben doch einfach so passiert. Nicht erst jetzt beim großen Savior-Angriff, sondern bereits als er Sadiq (den Tankstellen-Typen) im Wald aufgelesen hat, wie man im Rückblick sieht.

"Manchmal zeigen Kinder den Eltern den Weg"

Carl bleibt erstaunlich ruhig und entschlossen. Aber vielleicht auch nicht erstaunlich - er ist im Prinzip in dieser feindlichen Welt, den Tod permanent vor Augen, aufgewachsen und hat schon mehrfach mit seinem Leben abgeschlossen. So scheint für ihn ab der Realisierung des Zombiebisses klar: Regel, was noch zu regeln ist. Schreib Abschiedsbriefe. Genieße so viel noch geht. Und dann geh.

Einer seiner dringlichsten letzten Wünsche macht er seinem Vater auf dem Sterbebett noch einmal deutlich: Es muss mehr geben. Ein Weiter. Nicht einfach nur ein ewiges gegenseitiges Töten, sondern eine gemeinsame Vision für einen Neuaufbau.

In abgeschwächter Form gibt er seine Weisheit auch beim Abschied an seine Schwester Judith weiter. Inklusive des ikonischen Sheriff-Huts seines Vaters, der ihn überall hin begleitet hat.

Bei aller Tragik in der Situation noch ein eher friedliches Gehen - Carl konnte noch einmal viele seiner Liebsten sehen, sich verabschieden und ist bis zum Schluss nicht alleine. Mit dem nötigen finalen Schritt möchte er niemanden zusätzlich belasten - er tötet sich mit einem Schuss selbst.

Fazit

Im Einzelnen alles ergreifende Szenen, die zudem durch die Auswahl von "At the Bottom of Everything" von Bright Eyes als untermalenden Episoden-Song eine gewisse Schärfe bekommen.

Doch leider wird man immer wieder aus dem Gefühlsaufbau durch den nächsten Szenenwechsel herausgerissen.  Eine ruhigere, fokussiertere Erzählweise wäre hier angebrachter gewesen und hätte vermutlich tiefere Emotionen angesprochen.

THE WALKING DEAD Season 8 "Nightmare" Promo [HD] Andrew Lincoln, Norman Reedus, Lauren Cohan

The Walking Dead Staffel 6

Originaltitel: The Walking Dead (seit 2010)
Erstaustrahlung am
31.10.2010 bei AMC / 11. Mai 2012 bei RTL1
Darsteller:
Andrew Lincoln (Rick Grimes), Norman Reedus (Daryl), Lauren Cohan (Maggie), Chandler Riggs (Carl), Melissa McBride (Carol), Steven Yeun (Glenn), Laurie Holden (Andrea), Danai Gurira (Michonne), Sonequa Martin-Green (Sasha), Jon Bernthal (Shane), Sarah Wayne Callies (Lori), Jeffrey DeMunn (Dale), Michael Rooker (Merle), David Morrissey (Govenor), Scott Wilson (Hershel), Michael Cudlitz (Abraham), Emily Kinney (Beth), Chad L. Coleman (Tyrese), Lennie James (Morgan), Jeffrey Dean Morgan (Negan), Alanna Masterson (Tara), Josh McDermitt (Eugene), Christian Serratos (Rosita)
Produzenten: Gale Anne Hurd, David Alpert, Robert Kirkman, Charles H. Eglee, Glen Mazzara, Scott M. Gimple, Greg Nicotero, Tom Luse, Frank Darabont
Basiert auf der gleichnamigen Comicreihe von Robert Kirkman
Entwickelt von Frank Darabont
Staffeln: 9+
Anzahl der Episoden: 115+

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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