Kritik zu Technobabylon – Weil Cyberpunk endlich wieder cool ist

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Technobabylon

Eine Spielekritik von Martin Katzorreck. Cyberpunk – bis in die Neunziger hinein war diese Spielform der Science Fiction wirklich cooles Terrain, voll düsterer, herrlich urbaner Geschichten mit Film-Noir-Touch. Welten, die wirklich dystopisch wirkten und von coolen Hackern, undurchschaubaren KIs (Künstliche Intelligenz) und zynischen Großkonzernen bevölkert wurden. Heutzutage wirkt das alles ziemlich retro, obwohl uns mit der Oculus Rift ein neuer Cyberspace bevorstehen könnte, wir nach Wikileaks und den Snowden-Offenbarungen eine ganz neue Paranoia gegenüber dem Digitalen entwickeln konnten, ich von Firmen wie Apple und Google gar nicht erst anfangen möchte und selbst das Thema Künstliche Intelligenz wieder einiges an Bedrohungspotential zu bieten hat – man denke diesbezüglich nur an die großartige Serie Person of Interest, die dazu einige eindrucksvolle Aussagen hat. Ist es also endlich an der Zeit für ein Revival, für ein Neo-Cyberpunk?

Die korrekte Antwort ist natürlich ein klares „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Worum geht es denn nun in Technobabylon, und was ist das überhaupt?“ Schon gut. Es ist ein Point-and-Click-Adventure mit folgendem Inhalt:

Technobabylon„There’s nothing like being in Trance.“ Latha Sesame alias Mandala. Noch gleitet sie arglos durch die „Trance“ - Ob sie wohl ahnt, dass sie für den Rest des Spiels weitaus mehr zu tun haben wird als
rumzusurfen? (© Wadjet Eye Games 2014)

Technobabylon spielt im afrikanischen Stadtstaat Newton. Wir schreiben das Jahr 2087, es gab einen nuklearen dritten Weltkrieg und die vereinigten Staaten sind zerfallen – immer ein sehr deutlicher Marker für eine dystopische Welt. Newton selbst erfüllt alle Qualitäten einer Cyberpunk-Megacity: Schöne Hochhäuser für die Mächtigen und Reichen, langweilige und enge Unterkünfte für die weniger Glücklichen. Dazu die „Trance“, eine Variante des Cyberspace, und natürlich eine alles Bedeutsame kontrollierende KI (passenderweise „Central“ genannt), bei der wir uns schnell fragen dürfen, ob wirklich alles in Ordnung mit ihr ist.

Drei Figuren wird der Spieler begleiten: Nummer eins ist Latha Sesame, derzeit arbeitslos und Trance-abhängig. Eigentlich wollte sie nichts vom Leben außer einer stabilen Internetverbindung (ein Wunsch, den man durchaus nachvollziehen kann, vor allem wenn man Technobabylon über Steam spielt), doch plötzlich wird sie fast das Opfer eines Bombenanschlags und muss nun herausfinden, was da bitte vor sich geht. Hauptfiguren Nummer zwei und drei sind Charles Regis und seine Kollegin Max Lao, die als Mürrischer-Cop-Gewitzter-Cop-Kombination im Auftrag der Central-KI als Ermittlungsbeamte ins Feld ziehen dürfen. Dabei hat vor allem Regis selbst noch so einige Leichen im Keller und sieht sich schon bald in einer ziemlich fiesen Lage. Und natürlich ist das Schicksal der drei irgendwie verwoben. Oh, und eine Verschwörung gibt es auch noch!


TechnobabylonCharles Regis (l.) und Max Lao (r.) bei ihrer aufregenden Arbeit für Central. Hier stellen sie gerade den gefürchteten Mindjacker (Bildmitte), der seinen Opfern äußerst brutal die Erinnerungen entreißt.
Natürlich wird er fliehen, und zwar auf verdammt coole Weise. (© Wadjet Eye Games 2014)

Zumindest optisch ist Technobabylon klar retro. Wenn man Pseudo-32-Bit-Grafik mag, ist das natürlich super, und einen Pluspunkt bekommt das Spiel dafür, auf diese Weise schöne Erinnerungen an den Cyberpunk-Klassiker Beneath a Steel Sky wachzurufen. Technobabylon ist quasi die perfekte Neuinterpretation von Beneath a Steel Sky und für dessen Fans so oder so ein Muss. Für alle, die weder dieses Kleinod der 90er-Games kennen noch sonst viel für Retro-Grafik übrig haben, ist wohl ein wenig Gewöhnung angesagt. Die jedoch lohnt sich.

Denn inhaltlich ist das Spiel eine Wucht. Prallvoll mit liebevollen Details präsentiert sich dem Spieler eine glaubwürdige, vor allem aber großartig lebendig wirkende Welt voller intelligenter Beobachtungen und entweder irrwitziger oder tatsächlich zum Nachdenken anregender Ideen (okay, meist sind sie beides). Nur allzu gern erforscht man diesen Zukunftsentwurf immer weiter, was auch an den ausgezeichneten Figuren liegt, mit denen er bevölkert wurde. So begegnen wir unter anderem einer herrlich überdrehten Essenausgabe-KI, einem Gentechniker, der moralisch einwandfreies Menschenfleisch zum Verzehr anbietet, einen sehr überzeugenden katholischen Drogendealer sowie einen wundervoll tuntigen Androidenvertreter. Natürlich funktionieren all diese Figuren nur dank ihrer rundum perfekt besetzten Sprecher so ausgezeichnet. Hier wurde auf jeden Fall exquisite Arbeit geleistet.

TechnobabylonEine Impression vom Straßenbild Newtons. Muss sonst noch jemand an „Neuromancer“ denken? (© Wadjet Eye Games 2014)

Die Handlung selbst ist spannend und toll geschrieben, aber auch reichlich linear erzählt. Kaum eine unserer Entscheidung hat Auswirkungen über das jeweilige Kapitel hinaus.  Innerhalb der einzelnen Kapitel jedoch ergeben sich immer neue Möglichkeiten, ein Rätsel zu lösen oder einen Dialog zu führen, was zumindest das Neuladen ganzer Passagen verlockend macht. Und wir haben immerhin die Möglichkeit, uns für einen von zwei gleichermaßen interessanten Spielausgängen zu entscheiden.

Natürlich braucht ein Adventure Rätsel. Die von Technobabylon sind gut ausbalanciert zwischen logisch zugänglich und ausreichend fordernd und auch stets gut in den Handlungsverlauf eingepasst. Manchmal muss sich der Spieler dabei in geschickter Dialogführung üben, meist jedoch trifft er auf die üblichen Benutze-X-mit-Y-Probleme. Trotzdem macht das fast immer einen Heidenspaß –mein klarer Favorit war dabei ein mehrfach wiederkehrendes Rätsel, bei dem man verschiedene Aspekte der Persönlichkeiten künstlicher Intelligenzen passend zusammensetzen muss. Was zum Beispiel würde wohl passieren, wenn man eine nervige Küchenmaschine in den Körper eines französischen Dienstmädchen-Androiden steckt? Ungelogen, mit dieser Art Rätsel kann man auf unterhaltsamste Weise Stunden verbringen.

Apropos „Stunden verbringen“: Insgesamt bietet das Spiel etwa 20 Stunden Spielspaß, wobei der Anreiz, es zumindest ein zweites Mal durchzuspielen, durch die vereinzelt vorhandenen kapitelübergreifenden Entscheidungen zumindest im Ansatz gegeben ist. Weitaus verlockender für eine zweite Runde dürfte aber der mitgelieferte Audiokommentar sein, in dem Autor, Produzent, Komponist und Grafiker dem Spieler eine Unmenge von interessanten oder manchmal auch nur witzigen Produktionsdetails enthüllen.

TechnobabylonEin schönes Spiel-im-Spiel ist „Get nuked!“, in dem man historische Atombombenangriffe nacherleben kann. Das wäre doch auch was für die Oculus Rift! (© Wadjet Eye Games 2014)

Zusammenfassend sei gesagt: Zumindest an der Adventure-Front dürfte sich Technobabylon zum interessantesten Spiel der letzten (und wohl auch kommenden) Jahre mausern. Wie kein zweites vermag es, den Spieler sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken zu bringen. Scifi-affine Fans des klassischen Point-and-Click-Genres sollten allein deshalb schon einen Blick riskieren und zumindest die (selbstredend kostenlose) Demo anspielen. Freunde des Cyberpunk hingegen sollten lieber gleich ihr Geld in Richtung Wadjet Eye Games werfen.

Unter technobabylon-game.com finden sich weitere Infos zum sowie die schon erwähnte kostenlose Demo. Auch kann der bereits überzeugte Interessent dort alle Wege finden, das Spiel zu erwerben – löblicherweise stehen auch kopierschutzfreie Möglichkeiten zur Verfügung. Das Spiel ist ausschließlich mit englischer Sprachausgabe erhältlich und auch die Texte gibt es derzeit nur in jener Sprache.

Technobabylon - A Cyberpunk Adventure Game

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