The Boy: Kritik zum Puppen-Gruselfilm

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The Boy: Greta (Lauren Cohan) versucht dem dunklen Familiengeheimnis der Heelshires auf die Spur zu kommen.

Clowns und Puppen haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind unheimlich. Das schlägt sich auch in diversen Filmen nieder: Der Clown Pennywise aus Stephen Kings Es sorgte für viele Albträume und Chucky - Die Mörderpuppe brachte mit einer harmlos aussehenden Puppe, welche die Seele eines Serienmörders in sich trug, etwas frischen Wind ins Slasher-Genre. Vor allem möglichst lebensnah gestaltete Puppen sind es, die in ihrer Leblosigkeit sehr beunruhigend wirken. Der Effekt, der zur unheimlichen Aura möglichst menschenähnlich gestaltete Puppen führt, nennt sich Uncanny Valley. Und genau mit diesem psychologischen Phänomen spielt The Boy.

Die junge Amerikanerin Greta (Lauren Cohan aus The Walking Dead) soll in einem kleinen englischen Landhaus auf den jungen Brahms aufpassen. Das kommt ihr ganz gelegen, denn sie musste wegen ihres stalkenden Exfreundes die USA verlassen und sich nun ein neues Leben aufbauen. Weniger passend ist da, dass sich Brahms als porzellangesichtige Puppe eines achtjährigen Jungen entpuppt, die von ihren "Eltern" im Rentneralter, dem Ehepaar Heelshire, gepflegt und verhätschelt wird, als wäre sie ein echter Mensch. Zunächst hält sie die Eltern von Brahms für verrückt, nicht zuletzt aufgrund des strengen Regelkatalogs, den die beiden ihr auferlegen. Aber als Greta dann mit der Puppe allein gelassen wird, muss sie bald feststellen: Etwas stimmt mit dieser Puppe nicht.

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Lauren Cohen in The Boy

Der Film dreht sich also um das Rätsel der Familie Heelshire, die von aller Zivilisation abgelegen in einem Landhaus wohnen und nur einmal in der Woche von einem Lieferanten aus der Stadt Nahrungsmittel bekommen. Das Landhaus wartet dabei mit dem üblichen Inventar englischer Herrenhäuser auf: Ausgestopfte Tierköpfe an der Wand, Holzvertäfelung überall, knarrende Dielen und natürlich ein mit allerlei ominöse Schatten werfendem Kram ausgestatteter Dachboden. Durch diese Kulisse inklusive eines fast überwucherten Gartens mit patinaüberzogenen Statuen schleicht Greta und versucht herauszufinden, was es mit Brahms und der Puppe auf sich hat. Ihr zuhilfe kommt dabei der Lieferant Malcolm (Rupert Evans, bekannt aus The Man in the High Castle). Der weiht Greta nach und nach in die Hintergrundgeschichte der Heelshires ein. Außerdem kommen sich die beiden (natürlich) näher, ihre geplante Liebesnacht wird aber durch den Spuk der Brahms-Puppe verhindert.

Die Puppe steht dabei im Mittelpunkt der Gruselbemühungen des Films. Sie scheint ein Eigenleben zu führen, bewegt sich immer dann, wenn gerade niemand hinsieht und starrt mit ihren lebensechten Glasaugen und dem ausdruckslosen Gesicht geradezu in die Seele der Anwesenden. Spätestens, als sich Greta entscheidet, der Puppe ihr eigenes Leben zuzugestehen und sie ähnlich wie ihre Eltern zu behandeln, könnte der Film in einen effektiven, psychologisch angehauchten Horror übergehen. Könnte. Denn dazu setzt Regisseur William Brent Bell zu sehr auf althergebrachte Klischees: Das Publikum bekommt Nahaufnahmen von ausgestopften Tieren zu sehen, die gruselig wirken sollen, aber keinen wirklichen Bezug zum Spuk haben. Und natürlich entdeckt Greta während eines Gewitters die seltsamen Eigenschaften der Puppe. Dann sind da noch die diversen Albträume, die für einige Schrecksekunden sorgen, für Freundinnen und Freunde des Genres aber relativ vorhersehbar sind.

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Szenenbild aus The Boy

Brachte Chucky - Die Mörderpuppe damals frischen Wind in das Genre, ist es fast erschreckend, wie wenig innovativ The Boy daherkommt. Wer sich ein bisschen mit den psychologischen Grundmotiven von Horrorfilmen befasst hat, weiß die (leichten) sexuellen Untertöne des Films gleich zu deuten, auch wenn sie erzählerisch ins Leere laufen. Überhaupt bietet der Film wenig Überraschendes - von den Jump-Scares mal ausgenommen. Die Liaison zwischen Greta und Malcolm scheint aus reinem Drehbuchzwang zu entstehen; dass der Junge Brahms früher "seltsam" war, ist auch keine große Enthüllung, und dreimal dürfen Leserinnen und Leser raten, wer plötzlich im Landhaus auftaucht, um die Geschichte ihrem Höhepunkt zuzuführen. Der Twist am Ende wirkt zudem eher enttäuschend, da es scheint, der Drehbuchautor Stacey Minear wollte unbedingt alles abschließend erklären wollen, ohne es wirklich zu müssen.

Wie wichtig die richtige Atmosphäre für einen Horrofilm ist, zeigte jüngst Der Babadook aus dem Jahr 2014. Auch wenn dieser Film ebenfalls keine Innovationspreise abräumte, fesselte er wenigstens durch seine hervorragende Stimmung sowie glaubwürdige Charaktere. Auf diesem Gebiet aber wirkt The Boy zu gewollt und konfrontiert das Publikum mit wenig wirklich beunruhigenden Szenen und Ereignissen. Der Film um die Puppe ist bei weitem nicht schlecht, handwerklich absolut solide, aber eben genau nur dies: Horror von der Stange. Potential für eine fesselnde Gruselgeschichte wäre absolut vorhanden, nur entfaltet sich nirgendwo eine richtige Gänsehautstimmung. Für Fans von Jump-Scares und gruseligen Landhäusern ist The Boy mit Sicherheit die Kinokarte wert, wer tiefergehenden, vielleicht sogar okkulten Horror bevorzugt, der oder dem sei zu Der Babadook geraten.

Fazit:
The Boy bietet durchschnittlichen Horror von der Stange, ohne eine wirklich packende Atmosphäre zu entwickeln. Setting, Kamera und Beleuchtung hinterlassen den Nachgeschmack von solider Hausmannskost, ohne viel Innovation in Sachen Inszenierung zu bieten. Wirklich gruselig sind nur die kurzen Hinleitungen zu den Jump-Scares.

Trailer THE BOY (Deutsch) // Ab 18.02.16 nur im Kino

The Boy Filmposter
Originaltitel:
The Boy
Kinostart:
18.02.16
Regie:
William Brent Bell
Drehbuch:
Stacey Menear
Darsteller:
Lauren Cohan, Rupert Evans, Jim Norton, Diana Hardcastle, Ben Robson, James Russell
Lauren Cohan (The Walking Dead) übernimmt in The Boy einen ganz besonderen Babysitterjob.

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