Kritik zu Hitman 2: Der Mann mit dem Barcode-Tattoo

Hitman_Titelbild

Hitman Titelbild

Agent 47 ist kein typischer Auftragskiller. Sein haarloses Haupt ziert eine auffällig unauffällige Barcode-Tätowierung, die unorthodoxen Methoden versetzen seine Vorgesetzten regelmäßig ins Staunen. An einem sonnigen Morgen infiltriert er eine Hochsicherheitszone in der amerikanischen Stadt Miami, um einen Milliardär und seine impulsive Tochter zu töten. Jeder Killer mit auch nur einem einzigen Funken Vernunft wäre mit einem großkalibrigen Gewehr in Position oder in den Menschenmassen abgetaucht. Aus diesem Grund steht der breit gebaute 47 nun wider aller Erwartungen mittendrin, grotesk getarnt durch ein blendend pinkes Flamingokostüm. Seine Waffen: eine Münze, eine Kokosnuss und die Tatsache, dass er jederzeit den Spielstand neu laden kann.

Ja, am neuesten Ableger der Hitman-Videospielreihe, Hitman 2, ist nicht nur verrückt, dass es ein Spiel mit diesem Namen schon vor 16 Jahren gab. Der mittlerweile achte Teil hat sich, wie sein glatzköpfiger Protagonist, nur in der Verkleidung eines zweiten Teils getarnt, um Neueinsteiger zu überrumpeln. Keine Angst, der Konsument darf weiterleben, muss aber damit rechnen, dass ihn das Videospiel ganz in seinen Bann zieht. Denn in Zeiten von riesigen offenen Welten und milliardenschweren Projekten ist Hitman 2 wie sein direkter Vorgänger sehr anders. Der Entwickler IO-Interactive entzieht sich mit dem Projekt allgegenwärtigen Formeln und bricht mit herkömmlichen Konventionen. Hitman 2 fokussiert sich nämlich weder auf das Morden noch auf das Schleichen - Ziel des Spiel ist die reine Interaktion mit den Leveln.

Erst denken, dann planen und anschließend vielleicht auch Schießen

Ob Grand Theft Auto im modernen Amerika oder Assassins Creed: Odyssey im antiken Griechenland: Große Spiele geben dem Spieler fast nur eine Möglichkeit, um mit seiner digitalen Umwelt zu interagieren - Gewalt. Das soll keine Kritik an den Entwicklern oder Spielen sein, auch nicht die plumpe Gleichsetzung von digitaler und realer Brutalität. Doch der Ansatz von Spielen mit bewaffneten Protagonisten kommt kaum über diesen Punkt hinaus. Massakrieren, schlagen und schießen, damit wird die Welt gerettet und terrorisiert. Durch den jahrzehntelangen Fokus der Industrie auf diesen frivolen Aktionen ist das Spielgefühl in aktuellen Titeln mit hohem Budget meist auch konstant sehr gut, keine Frage. IO-Interactive geht nun einen Schritt weiter und forscht: Muss das so bleiben? Was tun, wenn nicht getötet werden muss?

Hitman Flamingo

Dabei hat das Studio gerade einen wilden Ritt hinter sich und mit dem Sequel zu einem der besten Spiele von 2016 viel zu verlieren. Publisher Square Enix kündigte im Mai 2017 an, den dänischen Entwickler verkaufen zu wollen, es folgten viele Entlassungen. Grund dafür mag das vorangegangene Spiel gewesen sein, was in einem experimentellen, episodischen Format veröffentlicht wurde und wohl nicht die Erwartungen des Geldgebers erfüllen konnte. Die Zukunft der restlichen Angestellten und der Marke war wesentlich gefährdet. Im darauffolgenden Monat folgte aber ein fast beispielloser Zug in der Videospielindustrie: Die Studiochefs übernahmen das Studio in einem sogenannten Management-Buy-out. Mit ihren Ersparnissen durch vergangene Erfolge der Hitman-Reihe hatte das nun unabhängige IO-Interactive sich eine neue Chance geschaffen, ein Sequel zu entwickeln.

Sollte ein weiterer Erfolg ausbleiben, könnte die Zukunft des Studios also erneut gefährdet sein. Statt das Spiel also dem Mainstream anzupassen und so auf sichere Verkaufszahlen zu hoffen, bleibt man dem Vorgänger aber treu und Hitman 2 ist ein sehr treues Sequel geworden. Die einzige Änderung gibt es im Vertrieb: Den übernimmt Warner Bros. Interactive und die Inhalte des Titels gibt es nicht mehr episodisch - serviert wird komplett. Die Größe des Spiels ist dabei auf den ersten Blick kaum auszumachen. Ein Level - der immer ein Mordauftrag in den unterschiedlichsten Winkeln der Welt ist - kann auf Hunderte Arten absolviert werden, nur das Ergebnis muss am Ende stimmen. Ist die Zielperson rasant über den Jordan gefahren worden, sollte der Spieler jedoch nicht für immer mit dem Level abschließen. Die große Stärke in Hitman 2 liegt im Facettenreichtum.

Die Welt ist die Waffe seiner Wahl - ein Slogan, der ins Schwarze trifft

Wer will, kann natürlich die bekannte silberne 1911-Pistole von Agent 47 herausholen und seine Ziele und ihre Bodyguards einfach über den Haufen schießen. Das ist aber weder elegant noch besonders spaßig. Die besagte Interaktion mit der Spielwelt geht dann auf, wenn der Spieler vor dem Plan zum großen Anschlag erkundet. Von den Slums von Mumbai über eine normale Nachbarschaft in Nordamerika bis hin zu einem riesigen Anwesen auf einer exotischen Insel sind die Szenarien bunt durchgemischt. Durch die Fähigkeit, sich mit der Kleidung eines jeden Charakters zu verkleiden und direkt in die Tagesabläufe von etwa Postboten, Sicherheitsleuten und Gärtnern einzugreifen, reagiert die Umwelt ständig anders. Ein Verbrecherboss soll beseitigt werden? Dann gilt es, seine Routine zu observieren.

Vielleicht ist der knallharte Anführer eines Kartells ja chronisch krank und muss regelmäßig Medikamente einnehmen - im Badezimmer natürlich ohne seine Bodyguards. Diese Informationen finden sich dann nur in seinen Krankenakten, die sich im Anwesen seiner Geliebten befinden. An den Zugang kommt 47 auch nur, wenn er eine Paketlieferung abfängt und sich als der Bote ausgibt. Vielleicht tauscht er das Paket aber auch gegen eine Bombe aus, lockt das Ziel mit einem falschen Brief zu seiner Geliebten und tötet beide auf einen Schlag ein einem Feuerwerk? Der knallharte Auftragskiller hat eben doch einen Sinn für Romantik. Alleine aus diesem einen Handlungsstrang in der Mission ergeben sich viele Möglichkeiten das Ziel zu erreichen, der Weg dahin ohne eine einzige Leiche.

Hitman Sean Bean

Grundlegend funktionierte das Ganze im vorangegangenen Teil auch so. Neu ist jetzt etwa eine verbesserte künstliche Intelligenz, die sich auch zweimal umdreht, und eine neue Dynamik von Personengruppen. Doch die wichtigste Verbesserung mag Agent 47 selbst sein. Der Vorgänger hatte keine erwähnenswerte Handlung - lediglich ein Cliffhanger bot einen Ausblick auf die mysteriöse Vergangenheit des glatzköpfigen Killers. Wesentlich mehr Zwischensequenzen nach den Missionen geben dem Protagonisten nun Motivation und Emotion. Es geht gegen eine stark klischeelastige Verschwörung von Milliardären und Politikern, die aber genug Raum für Charakterentwicklung gibt. Das ist nicht revolutionär, aber gibt der Figur 47 endlich einen Charakter.

Abseits davon bleibt der Protagonist in den Aufträgen unfreiwillig komisch, etwa wenn er in seinen Verkleidungen nie lügt. So schildert Agent 47 in einer Verkleidung als Makler seinem Ziel bei einer Besichtigung eines Hauses mit unangenehm viel Forensik-Fachwissen den genauen Hergang eines Todes in der Immobilie. Ob diese Tat dann nachgeahmt werden soll, überlässt er der Entscheidung des Spielers. Die Entwickler wissen um die humoristischen Aspekte: In der ersten neuen Mission nach der Veröffentlichung ist das Ziel der notorisch in Lebensgefahr schwebende Schauspieler Sean Bean. Auf viele weitere Tode und absurde Unfälle, diesmal abseits von der Leinwand.

Fazit

Ironischerweise ist gerade Hitman 2, ein Spiel um einen Auftragskiller, der nächste Schritt im friedlichen Umgang von Videospielen und ihren Spielwelten. Entwickler IO-Interactive meistert in ihrem Sequel das Gameplay auf einer Ebene, die es vom Genre der Shooter- und Schleichspiele, aber auch anderen großen Titeln abhebt. Töten will gelernt sein, aber Hitman 2 erkennt, dass es abseits davon auch mehr geben kann. Es mag absurd sein, die Verkleidung eines Verkäufers anzunehmen, dem Ziel ein Hot-Dog zu verkaufen und es nicht zu vergiften. Doch die Tatsache, dass es ohne Konsequenzen möglich ist, so zu handeln und dafür nicht vom Spiel bestraft zu werden, ist Gold wert. Agent 47 zieht nicht durch eine offene Welt, aber dafür hat er offene Möglichkeiten. Auch ohne eine einzige Kugel zu schießen.

Hitman 2 ist für Playstation, Xbox und den PC erhältlich.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© IO Interactive

Hitman 2 – Live Action Launch Trailer | PS4

Regeln für Kommentare:

1. Seid nett zueinander.
2. Bleibt beim Thema.
3. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung.

SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

Beiträge von Spammern und Stänkerern werden gelöscht.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren.
Ein Konto zu erstellen ist einfach und unkompliziert. Hier geht's zur Anmeldung.