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Kritik zu Midsommar: Beziehungshorror in Schweden

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Midsommar

Regisseur Ari Aster versuchte bereits 2018 mit Heraditary - Das Vermächtnis des Grauens, einen schrecklichen Familienverlust mit einer düster-unangenehmen Atmosphäre und brutalen Alptraumbilder als Horror-Metapher greifbar zu machen. Ein Film, der durchaus kritischen und kommerziellen Erfolg in der Filmwelt verbuchen konnte und gespannt auf das nächste Projekt des Regisseurs warten ließ. Ein Regisseur, der unter anderem Ingmar Bergman, Roman Polanski, Michael Haneke und Mike Leigh zu seinen wichtigsten Einflüssen zählt. Ein künstlerischer Anspruch, den er unbedingt auch in seinen neuen Film Midsommar einfließen lassen möchte und dabei nur bedingt erfolgreich ist.   

Vom Forschungs- und Beziehungs- zum Horrortrip

Christian (Jack Reynor) ist schon mit einem Fuß aus der Beziehung mit Dani (Florence Pugh) ausgetreten, als ihr eine furchtbare Familientragödie zustößt. Auch wenn ihn sein Freund Mark (Will Poulter) anderweitig überzeugen möchte, kümmert er sich weiter unwillig um die seelisch verletzte Studentin. Ein Umstand, der sich auch wie ein Schatten auf die bevorstehende Studienreise nach Schweden legt, die Jack zusammen mit Mark, Josh (William Jackson Harper) und dem schwedischen Austauschstudent Pelle (Vilhelm Blomgren) schon seit einer Weile geplant hat. Pelle lädt Dani nämlich ein, mitzukommen, was die anderen Teilnehmenden nur widerwillig akzeptieren. In der schwedischen Kommune und ihren Midsommar-Feierlichkeiten angekommen, eröffnen sich zwar faszinierende Studienobjekte für die Doktorarbeit, allerdings auch neue Probleme. 

Von der Kunst, kunstvoll wenig zu sagen

Mit einem offensichtlichen Auge für kunstvolle Bilder und einer selbstbewussten sowie eigenwilligen Kameraführung, die den Blick des Zuschauers in ungewöhnliche Richtungen lenkt, gestaltet Regisseur Ari Aster eine gelegentlich märchenhafte Welt, die sich immer wieder ins Schreckliche verkehrt. Dieser Schreck entwickelt sich jedoch langsam, bedacht und ist schon wie im Vorgängerfilm weniger auf laute Schockeffekte ausgerichtet. Während Hereditary jedoch konstant eine unangenehme und angespannte Atmosphäre aufbaute, wiegt Midsommar die Zuschauer in einer falschen Sicherheit. 

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Midsommar

Letztendlich möchte der Film jedoch alles möglich sein. Von Kunstfilm über Horrorvision bis hin sogar zur Komödie, die sich mit einer auseinander brechenden toxischen  Beziehung und kulturellen Differenzen beschäftigt, lässt sich Vieles in den Film hinein interpretieren beziehungsweise ziemlich leicht herauslesen. Das Problem ist, alles davon trifft irgendwie zu, nichts davon meistert der Film wirklich erfolgreich. 

Film-Potpourri, das sich nicht traut, in die Tiefe zu gehen 

Ja, das Gebaren von Jack und seinen Kumpanen kann gelegentlich unterhaltsam stupide sein. Und wenn eine willkürliche Person aus der schwedischen Kommune mit vordergründiger Freundlichkeit eine absolut hanebüchene Erklärung für das Verschwinden eines der Besucher eröffnet, mag das sogar witzig sein. Aber handelt es sich deswegen um eine Komödie? Und ja, die ansprechenden Bilder von Ari Aster und seinem Kameramann Pawel Pogorzelski reichen von kunstvoll märchenhaft bis verstörend. Aber ob sie über der reinen Ästhetik-Ebene hinaus noch viel mehr zu erzählen haben, bleibt fraglich. Der Horror, der sich auf der Leinwand präsentiert, kann sicherlich ebenfalls Unwohlsein hervorrufen, eine effektive Metapher für eine sich zersetzende Beziehung stellt er letztlich aber nicht unbedingt dar. 

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Midsommar

Anstatt drei Filme halbherzig in einem zu bündeln, hätte Ari Aster wahrscheinlich eine ehrlichere Herangehensweise an seine zugrunde liegende Thematik gefunden, wenn er sich für eine Richtung entschieden hätte. Es wirkt fast so, als hätte er nicht genügend über seine Figuren zu sagen, und wolle seine Geschichte deswegen durch allerlei Mummenschanz auspolstern. Das spiegelt sich auch in den Figuren selbst wider, die oftmals wie zweidimensionale Abziehbilder daherkommen.   

Fazit:

Trotz stellenweise kunstvoller und effektiver Alptraum-Momente und der überzeugenden Hauptdarstellerin Florence Pough lässt Midsommar einen schlussendlich unbeeindruckt zurück. Ein Film, der sehr viele Facetten besitzen möchte, aber sich nicht sehr intensiv mit überhaupt irgendeinem seiner Themen beschäftigt. Die schwache Figurenzeichnung können auch die guten bis sehr guten Darsteller nicht wieder ausgleichen.  

 

MIDSOMMAR | Official Trailer HD | A24

Midsommar | Offizieller Trailer Deutsch German HD | Ab 26. September im Kino

Der letzte Tag der Schöpfung: Kritik zum Hörspiel über eine Zeitreise in die Urzeit

In Filmen und Romanen haben Menschen verschiedene Gründe, um eine Zeitreise zu unternehmen. Meist ist es reine Neugier. Manchmal haben die Zeitreisenden vor, die Ereignisse in der Vergangenheit zu korrigieren – den Tod eines geliebten Menschen verhindern, Hitler töten oder Ähnliches. Selten gibt es ein so großes generalstabsmäßig geplantes Unterfangen wie in Wolfgang Jeschkes Science-Fiction-Roman Der letzte Tag der Schöpfung. Das Hörspiellabel Ohrenkneifer hat die Geschichte jetzt als Hörspiel adaptiert.

"Wir werden sie 5.5 Millionen Jahre in die Vergangenheit schicken."

Der Vatikan versucht es zu vertuschen, doch eine seiner heiligen Reliquien besteht aus uraltem Plastik – was eigentlich unmöglich ist. Darauf wird der amerikanische Geheimdienst aufmerksam und startet rund um und im Mittelmeer weitere Ausgrabungen. Unter anderen finden sie so die Reste eines Jahrtausende alten Jeeps und die versteinerten Überreste eines hochmodernen Gewehrs. Aufgrund dieser spektakulären Funde startet das US-Militär das Zeitreiseprojekt Chronotron mit dem Ziel, in die Vergangenheit zu reisen und so das Öl unter der arabischen Halbinsel weg zu pumpen.

Mitte der 80er Jahre werden die ersten Soldaten mit einem Spezialschiff auf hoher See 5.5 Millionen Jahre in die Vergangenheit geschickt. Doch die Landung in der Urzeit gestaltet sich anders als geplant. Die Amerikaner müssen feststellen, dass sie nicht die einzigen Besucher aus der Zukunft in den weiten Ebenen des noch trocknen Mittelmeeres sind. Zudem bringen Zeitreisen mehr Komplikationen mit sich, als die Wissenschaftler der Gegenwart es sich ausgerechnet haben.

Die Soldaten Steve Stanley und Jerome Bannister sehen sich nach ihrer Landung gleich den Angriffen eines feindlichen Düsenjägers ausgesetzt. Auf ihrer Flucht zum Hochplateau Sardinien stoßen die beiden Männer auf radioaktive verstrahlte Mastodonten sowie auf einen Frühmenschen, der sich sehr gut mit moderner Kriegsführung auskennt.

"Was man heute zu Tage alles so freiwillig nennt."

Verantwortlich für die Adaption von Der letzte Tag der Schöpfung ist das kleine Label Ohrenkneifer bestehend aus den drei Produzenten Marc Schülert, Dirk Hardegen und Detlef Tams. Die drei haben unter anderen bereits die beiden Science-Fiction-Hörspiele Iris und Die Fünf von Terra – Im Auftrag des Unendlichen veröffentlicht.

Marc Schülert (Sprecher von Dr. Morton Zephyre in der Twilight-Mysteries-Reihe) führt bei ihrem aktuellen Projekt die Regie und ist zusätzlich in der Hauptrolle als Soldat Steve Stanley zu hören. Auch Dirk Hardegen (Sprecher in den Hörspielen Drachenlanze und Die Elfen) übernahm zwei Aufgaben: Er verfasste das Skript und spielt den Soldaten Murchinson. Dritter im Bunde ist Detlef Tams, der dem Frühmenschen Goodluck seine Stimme leiht.

Allen drei hört man an, dass sie große Erfahrung als Sprecher besitzen. Die schwierigste Aufgabe fällt wohl Tams zu. Sein Goodluck soll zugleich verständlich, wild und fremd klingen. Es gelingt ihm gut, ohne dabei auf abgegriffene Klischees wie Knurren zurückzugreifen.

Von der restlichen Besetzung sind vor allem André Beyer als Admiral Franics und Achim Barrenstein als Howard Harness herauszuheben. Als glühender Anhänger der Mission Chronotron beziehungsweise frustrierter Befehlshaber in der Urzeit bieten beide eine exzellente Darbietung und transportieren mit ihren Stimmen mehr als sie in ihren Dialogen sagen.

In weiteren Rollen sind unter anderen Friedhelm Ptok (Synchronstimme von Ian McDiarmid), Uve Teschner (Synchronstimme von Oscar Isaac in Das Bourne Vermächtnis) und Michael-Che Koch (Sprecher in verschiedenen Geister-Schocker- und Gruselkabinett-Folgen) sowie Urs Fabian Winiger, Martin Sabel und Robert Frank zu hören.

"Offensichtlich sind Zeitreisen möglich – und wir sollten alles daransetzen, die Ersten zu sein, die diese Technik zu beherrschen."

Als Erzähler fungiert Gordon Piedesack (Synchronstimme von Martin Sheen und Bruce Dern). Dem Regisseur war der Erzähler wichtig, wie er im Making of am Ende der CD verrät. So wollte er ausgesuchte Passage aus Wolfgang Jeschkes Vorlage, die man in den Dialogen nicht wieder geben konnte, in seine Version einbauen.

Jeschke war langjähriger Lektor und Herausgeber der Science-Fiction-Reihe beim Heyne Verlag. Daneben veröffentlichte er mehrere Kurzgeschichten und einige wenige Romane. Der letzte Tag der Schöpfung aus dem Jahr 1981 ist sein bekanntestes Werk, für das er mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet wurde.

Bei der Auswahl der Vorlage hat Regisseur Schülert ein gutes Gespür bewiesen. Jeschekes Vorlage bietet Abenteuer, Drama und vor allem eine sehr gute Science-Fiction-Geschichte. Die Grundstimmung kann man nicht gerade als fröhlich bezeichnen – was aber an der pessimistischen Weltsicht des Autors liegt. Dennoch kommt die Spannung nicht zu kurz.

"Hey Kommander worauf läuft das hinaus – zwei Woche Rimini für uns alle?"

Diese wird auch gut von der Musik unterstützt. Zwischen einzelnen Erzähl- beziehungsweise Dialogpassagen erklingt meist ein epischer Soundtrack, wie er auch in einen Hollywoodfilm passen würde. Bei spannenden Stellen tritt die Musik aber auch in den Hintergrund und schafft so eine düstere Atmosphäre. Unterschiedliche Geräusche wie Hubschrauber oder die urzeitliche Tierwelt sind glaubhaft in das Hörspiel eingebaut worden.

Der letzte Tag der Schöpfung erscheint als Doppel-CD und hat eine Länge von ungefähr 145 Minuten. Da die beiden CDs recht unterschiedlich sind – die Erste beschreibt die Vorbereitung und Durchführung des Unternehmens Chronotron, der zweite Teil das Schicksal der Soldaten in der Vergangenheit – gibt es auch kaum Längen. Nur zum Ende zieht sich die Geschichte ein wenig.

Was daran liegt, dass das Hörspiel mit einem offenen Ende einfach so ausläuft. Man hätte die Handlung auch vorher beenden können oder die Ereignisse zwischendurch straffen können. Dies soll nicht bedeuten, dass es in der Handlung keine überraschenden Wendungen oder Auflösungen gibt. Der größte Twist erfolgt zum Ende der ersten CD und in der zweiten Hälfte werden die Ereignisse dann ausführlich erklärt. Die folgenden Minuten sind nicht langweilig, aber dem Hörer wird zum Ende, nachdem er die Welt der Vergangenheit erst einmal kennengelernt hat, nicht viel Neues geboten,

"Der Umfang ihrer Aktentaschen weckt zumindest gewisse Erwartungen."

Fazit

Der letzte Tag der Schöpfung bietet mit einer Mischung aus Science Fiction und Abenteuer große Unterhaltung – die zum Ende hin allerdings ein wenig ausufert. Die Sprecher machen ihre Arbeit alle sehr gut und auch die Urzeit wurde von den Machern glaubhaft zum Leben erweckt. Insgesamt hat das kleine Label Ohrenkneifer ein großes Hörspiel produziert, wie man es sonst nur von großen Produktionen der Radiosender gewohnt ist.

Der letzte Tag der Schöpfung - Trailer (Ohrenkneifer / Wolfgang Jeschke)

Kritik zu Ready or not – Auf die Plätze, fertig, tot

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Ready or Not Film Still 1

Das hatte sich Grace (Samara Weaving) anders vorgestellt: Ihre Hochzeitsnacht wollte sie mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Alex Le Domas (Mark O‘Brien) verbringen, stattdessen hockt sie aber in einem Speiseaufzug. Denn laut Familientradition soll Grace mit den versammelten Familienmitgliedern ein Spiel spielen. Es ist Graces Pech, dass sie „Verstecken“ gezogen hat, denn nun macht sich die Familie, abgesehen von ihrem Ehemann, mit allen möglichen Waffen auf die Jagd nach ihr, um sie in einem dunklen Ritual zu opfern.

Das deutsche Urheberrecht hat viele sinnvolle Bestimmungen, ein paar fragwürdige und dann diese eine, die dem deutschen Filmverleih manchmal Kopfzerbrechen bereitet: Die Paragraphen §5 und §15 des deutschen Markengesetzes bestimmen, dass ein in Deutschland erscheinender Titel, beispielsweise von einem Film, eindeutig unterscheidbar sein muss. So kommen manchmal etwas ungelenk wirkende Filmtitel zustande, so auch in diesem Fall: Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot.

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Ready or Not Film Still 1

In den USA heißt der Film schlicht Ready or Not, aber da es unter anderem bereits einen Film, zwei TV-Serien sowie ein Buch mit diesem Titel, von den unzähligen Liedern und deren Covern abgesehen, gibt, muss da noch ein Nebensatz her. Leider verdirbt die etwas dümmlich wirkende Wendung „Auf die Plätze, fertig, tot“ ein bisschen die Lust auf einen ansonsten durchaus unterhaltsamen Horror-Komödien-Thriller. Denn statt den Film interessant wirken zu lassen, erinnert dieser Titelzusatz eher an die 1970er und 1980er Jahre, als alle Filme, die irgendwas mit Phantastik zu tun hatten, reißerische Titel wie „Jahr 2022 … die überleben wollen“ (Soylent Green) oder „Verdammt, die Zombies kommen“ (The Return of the Living Dead) trugen.

Aber zurück zu Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot (da müssen wir jetzt alle gemeinsam durch): Was sich von der Inhaltsangabe her nach einem klassischen Menschenjagd-Film anhört, entpuppt sich eher als eine bisweilen tiefschwarze Komödie, die dank guter Inszenierung auch Spannung aufbauen kann. Und das ist gut so: Denn würde der Film Graces Flucht vor den angeheirateten Verwandten nicht mit dieser gewissen Leichtigkeit erzählen, würde sich Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot wohl kaum vom Rest der sommerlichen Horror-Thriller abheben, die um diese Zeit so heraus kommen.

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Ready or Not Film Still 1

Denn viel mehr bleibt nicht zu sagen, als: Die Inszenierung ist solide, das Schauspiel in den wichtigen Szenen emotional genug, um mitzuziehen, ansonsten neigt es aber zum Overacting, was aber den grotesken Grundton des Films unterstützt. Die Musik funktioniert in einer heroischen Szene gut, fällt aber sonst nicht weiter auf. Natürlich gibt es wie in Horrorfilmen oft kleinere Handlungsschwächen, die aber aufgrund der flotten Erzählung übersehen werden können. Denn nach knapp 90 Minuten ist der Spaß schon vorbei.

Was bleibt, ist der schwarze Humor, den Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot erst nach und nach offenbart. Denn anfangs gibt man sich betont ernst, was aber spätestens nach dem Auftauchen so mancher überzeichneter Verwandten wie Tante Helene (Nicky Guadagni) oder die unter Drogen stehende Schwägerin Emilie (Melani Scrofano) mit ihrem etwas planlosen Mann Fitch (Kristian Bruun) nachlässt. Spätestens nach dem Tod des ersten Dienstmädchens (die es auch sonst anscheinend nicht leicht haben im Hause der Le Domas) und der schockierten, aber pragmatischen Reaktion der Hochzeitsgesellschaft ist klar: Zu ernst sollte man das alles hier nicht nehmen.

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Ready or Not Film Still 1

Es bleibt zu hoffen, dass trotz des dümmlichen Titels genug Leute den Film besuchen, um Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot zu einem kleinen Erfolg für das Team werden zu lassen. Verdient hätten sie es.

Fazit: 

Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot ist eine angenehm kurzweilige Unterhaltung und damit eine willkommene Abwechslung gegenüber den hochernsten Horrorfilmen, die sich selbst zu wichtig nehmen. Fans von schwarzem Humor sei der Besuch empfohlen.

Kritik zu Ad Astra – Zu den Sternen

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Ad Astra

Er drehte Gangster- und Copthriller mit Tim Roth, Mark Wahlberg , Charlize Theron, Robert Duvall und Eva Mendes (Little Odessa, The Yards – Im Hinterhof der Macht, Helden der Nacht – We own the Night); Liebes- und historische Einwanderungsdramen mit Gwyneth Paltrow, Marion Cotillard und Jeremy Renner (Two Lovers und The Immigrant), sowie ein Abenteuerdrama mit Charlie Hunnam, Robert Pattinson und Tom Holland (Die versunkene Stadt Z). Zudem leistete er einen großen Beitrag zur Karriere des aktuellen Jokers Joaquin Phoenix, der in vier seiner Filme eine Hauptrolle spielte. 

Trotz einer prestigeträchtigen Filmographie und der hochkarätigen Starbesetzungen hatte es der Regisseur James Gray nicht unbedingt leicht in Hollywood. Denn auch wenn seine Inszenierungen bisher meistens sehr genre-lastig waren, folgte er dabei stets konsequent einem vollkommen eigenen Tempo, sodass selbst rasante Szenen fast ruhig und bedacht daher kommen und nicht unbedingt mit dem schnellen, aufgeregten und oftmals nervösen Schnitt vieler heutiger Blockbuster und entsprechender Sehgewohnheiten mithalten konnten. Auf falschen Pathos oder große sentimentale Gesten verzichtet der Regisseur ebenfalls in seinen Filmen. 

Eine künstlerische Integrität, die zwar bewundernswert ist, allerdings ihren Preis hat: Gray wird weder mit großen Filmpreisen überhäuft noch vom Publikum so sehr geliebt, um große Summen an den Kinokassen einzuspielen. Unlängst gab er in dem ein oder anderen Interview zu verstehen, dass er sogar gelegentlich Probleme hat, seine Rechnungen zu begleichen. Dennoch wird er offensichtlich von prominenten Darstellern und von Kritikern für seinen behutsamen Inszenierungsstil mindestens gemocht, wenn nicht sogar geliebt. Das gilt auch für Brad Pitt, der schon Grays letzte Regiearbeit namens Die versunkene Stadt Z produzierte. Der Star plante ursprünglich sogar, persönlich in dem Projekt mitzuspielen. Mit dem Weltraumdrama Ad Astra – Zu den Sternen steht der mittlerweile 55-jährige Schauspieler nun zum ersten Mal für den Regisseur vor der ambitionierten Kamera. Ein Drama, das nicht so recht die Balance zwischen der Psychologisierung seiner Hauptfigur und den größeren menschheitsumspannenden Ideen zu finden scheint.

Sohn sucht Vater in den Tiefen des Weltalls

Roy McBride (Brad Pitt), Sohn des Raumfahrtpioniers Clifford McBride (Tommy Lee Jones), arbeitet wie sein Vater als Astronaut. Auch wenn die Menschheit das Sonnensystem mittlerweile weitestgehend kolonisiert hat, zieht es den Forscher immer wieder ins All hinaus. Dort findet er zumindest oftmals die Einsamkeit, Ruhe und Einfachheit, die ihm auf der Erde verwehrt bleiben. Eine Isolation, für die er sogar seine Ehefrau Eve (Liv Tyler) vernachlässigt. Seine eigene Routine und die des Universums sollen sich aber ändern, als das Lima-Projekt, das Roys Vater in der Nähe des Planeten Neptuns betreut, tödliche Energieimpulse Richtung Erde sendet und damit alles Leben auszulöschen droht. 

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Ad Astra

Clifford McBride antwortet seinerseits schon lange nicht mehr auf die Nachrichten der zuständigen Weltraumbehörden. Deshalb beauftragt man seinen Sohn Roy, erst zum Mond und von dort aus zum Mars zu fliegen. Von dieser am weitesten entfernt liegenden Kolonie soll er eine Nachricht verschicken, darin an den verschollenen Vater appellieren und ihn davon überzeugen, das Projekt zu stoppen. Schon bald muss Roy jedoch feststellen, dass mehr hinter den Problemen steckt, die das Universum heimsuchen, als seine Vorgesetzten zugeben möchten.

Nicht das Space-Epos, nach dem Ihr sucht

Bei Ad Astra – Zu den Sternen handelt es sich nicht um das epische Space-Epos, das man als Zuschauer nach der Betrachtung der entsprechenden Trailer vielleicht erwartet (zumindest ging es dem Autor dieser Review so). Das heißt nicht unbedingt, dass es ein schlechter Film ist. Angesichts der massiven Themen-Bandbreite – Menschheit, Forschung, die Eroberung des Weltalls und ein Familienband, das sich durch das gesamte Sonnensystem zieht – inszenierte James Gray einen überraschend intimen Film, der sich vor allem auf die Gedankengänge seines Hauptprotagonisten konzentriert. Ein Vater-Sohn-Drama, das beinahe zufällig im Weltall stattfindet und gelegentlich, auch dank seines nicht gerade subtilen Symbolismus an eine griechische Tragödie erinnert. Das stellt manchmal die Stärke und das Reizvolle, gleichzeitig aber leider die Schwäche des Films dar. 

Gray verleiht seinem Science-Fiction-Drama unterstützt durch seine fantastischen Bilder eine fast traumhafte Qualität. Allerdings nimmt er diesen Bildern durch die schon inflationär eingesetzten und weit ausholenden inneren Monologe seines Hauptprotagonisten fast jegliche Ambiguität. Hierin erklärt Roy nicht nur groß und breit seine eigene Psychologie, sondern auch den Zustand seiner Spezies. Eine Menschheit, welche die Raumfahrt und die Kolonisierung des Sonnensystems schon längst kommerzialisiert hat und sich trotz technischer Fortschritte weiterhin in den menschheitstypischen Grabenkämpfen verliert. 

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Ad Astra

Eine sehr nüchterne, wenn nicht sogar deprimierende Vision, die ihren nicht unerheblichen Beitrag zu Roys Zivilisationsmüdigkeit leistet. Nur schade, dass Gray abgesehen von ein paar kleinen Ausschnitten vom Leben auf Mond- und Marsstationen und einer spektakulären Mondverfolgungsjagd sehr wenig von diesen unterschiedlichen Milieus und ihren Verfehlungen zeigt. Entgegen der Regel “Show, not tell!“ verlässt sich der Regisseur und Co-Autor hauptsächlich auf den erklärenden Teil, den Pitt mit seiner monotonen, wenn auch nicht unangenehmen Stimme aus dem Off vorträgt. 

Vielleicht ist dieser Umstand einem mangelnden Budget geschuldet. Verwunderlich kommt es aber dennoch daher, zumal Szenen, die ein umfassenderes Bild der kolonisierenden Menschheit eröffneten, bereits in den diversen Trailern zu sehen waren. Eine gewisse Diskrepanz zwischen Trailern und fertigen Filmen ist nicht unüblich. Warum gerade diese Bilder geopfert wurden, bleibt jedoch schwer nachzuvollziehen.  

Menschenkinder von allen guten Vätern verlassen  

Gray deutet stattdessen nur an, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen. Als Folge verknüpft er diese Makroebene nicht wirklich auf organische Weise mit dem Familiendrama, das im Zentrum des Films steht. Nur vermuten lässt sich seine Intention, nämlich dass sich eine verwahrloste und chaotische Menschheit in dem vaterlosen und zerrissenen Individuum Roy McBride widerspiegeln soll. Die Reise in die Tiefe des Weltalls stellte schon oft in Film, Fernsehen und Literatur die Reise in das eigene Ich dar und so bleibt auch das Innere der Hauptfigur im Fokus des Dramas. Aber selbst wenn Roy dieses Innerste stets nach außen kehrt, bleibt er trotzdem größtenteils eine Chiffre, dem die Dreidimensionalität fehlt. 

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Ad Astra

Hauptsächlich zeichnet sich der Astronaut durch seine Fixierung auf seinen verschwundenen Vater aus, der ihn und seine Mutter schon vor langer Zeit für andere Ambitionen zurückgelassen hat. Viel muss der Hauptdarsteller selbst ausfüllen. Und auch wenn Pitt nicht unbedingt eine große emotionale Bandbreite in seiner Mimik zeigt, ist sein innerer Tumult stets in seinem Gesicht, hinter seinen Augen und manchmal lediglich in einem zuckenden Muskel über seinen Augen spürbar.

Fazit:

Trotz vieler audiovisueller Vorzüge ist es letztendlich einfacher, Ad Astra - Zu den Sternen wegen seiner Ambitionen zu respektieren, als ihn zu mögen. Das Science-Fiction-Drama greift mithilfe seiner atemberaubenden Bilder und einem zurückhaltend-traurigen Brad Pitt weit nach den Sternen, kommt allerdings nur mit etwas Sternenstaub zurück, was vielleicht für den einen oder anderen Zuschauer dennoch wertvoll sein mag.

Ad Astra | IMAX Trailer [HD] | 20th Century FOX

AD ASTRA - ZU DEN STERNEN | Offizieller Trailer | Deutsch HD German (2019)

Jan Tenner: Ein neuer Anfang – Kritik zur Fortsetzung der 80er-Jahre-Hörspielserie

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Jan Tenner – Ein neuer Anfang

Grüne Riesenspinnen, Weltraumpflanzen, die außerirdischen Leonen, die Puppenkönigin Seytania, das Nichts, die niedlichen Ginnicks und immer wieder sein Erzfeind Professor Zweistein – der junge sportliche Physikstudent Jan Tenner hat in über vierzig Folgen jede Menge Gegner besiegt. Ab 1980 inszenierte Regisseur Ulli Herzog insgesamt 45 Hörspielkassette der Science-Fiction-Serie Jan Tenner.

Dann wurde es lange still um Jan, Laura, Professor Futura und General Forbett. Die letzte Episode "Zweisteins Rückkehr" war als Doppelfolge geplant. Die Serie wurde allerdings 1989 von Kiosk überraschend eingestellt. Erst im November 2000 erschien mit "Mimo, der Rächer" die Abschlussfolge der klassischen Jan-Tenner-Serie.

2001 gab es mit Jan Tenner – Die neue Dimension einen ersten Versuch, die Serie neu zu beleben – der Reboot wurde aber schnell wieder eingestellt. Nun setzt das Label R&B Company/Zauberstern Records in Zusammenarbeit mit Kiddinx die ursprünglichen Hörspiele nach 30 Jahren fort. Natürlich passt man die Geschichte den Umständen an und auch in der Folge "Ein neuer Anfang" gibt es einen Zeitsprung von 30 Jahren. Die Ereignisse von Jan Tenner – Die neue Dimension werden komplett ignoriert.

"Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du sehr gefährlich lebst Jan Tenner."

Zunächst setzt die Handlung in Westland vier Jahre nach den Ereignissen der 46. Folge ein. Es waren vier friedliche Jahre für Jan Tenner und seine Freunde – keine feindliche außerirdische Macht und kein wahnsinniger Professor haben die Erde bedroht. Dann ist es ausgerechnet Professor Futura, der bei dem Versuch seine ehemalige Assistentin Tanja aus dem Kälteschlaf zu wecken, scheinbar selbst sein Institut in die Luft jagt.

Tanja kämpfte in den ersten drei klassischen Folgen an Jan Tenners Seite und wurde dann durch Laura ersetzt. Zu Beginn von "Gefahr aus dem All" wurde kurz erklärt, dass Professor Futura sie nach einem missglückten Experiment in den Kälteschlaf versetzen musste. In den nächsten 42 Folgen wurde Tanja dann nie wieder erwähnt. Somit ist es ein schöner Einstieg in die neuen Geschichten, dass die Macher diesen losen Handlungsstrang wieder aufgreifen.

Professor Futura, Tanja und der ebenfalls anwesende General Forbett sind seit der Explosion verschollen. Jan und Laura müssen ihr zukünftiges Leben ohne ihre Freunde verbringen. Sie bekommen zwei Kinder (Lara und Jan jr) und gründen den Orden des Futuras, der sich für Fortschritt und Frieden in der Welt einsetzt.

30 Jahre später tauchen Professor Futura, General Forbett und Tanja unter mysteriösen Umständen plötzlich wieder auf – und Futuras ehemalige Assistentin besitzt nun geheimnisvolle Kräfte. Ein Grund für Lara und General Forbett ihr mit äußerstem Misstrauen zu begegnen.

"Ich kämpfe mit Telekinese gegen sie, du mit den Fäusten."

Während die erste Folge die Rückkehr der drei vermissten Helden schildert, ist der zweite Teil eine klassische Monster-der-Woche-Folge, die sich um mutierte Würmer dreht. Erst in Episode 3 "Das Hirn des Bösen" betritt mit Dr. Benjamin Brain ein neuer Schurke die Bühne, der mit seinen Tiermutanten gleich das Institut von Professor Futura angreift. Jan Tenners alter Erzfeind wird erst in dem folgenden Teil "Gefangene in der Parallelwelt" wieder aktiv. Allerdings handelt es sich hierbei um die gute Version Professor Zweisteins von der Spiegelerde. Die wirkliche Gefahr geht von der unheimlichen Eishexe Cyrona aus.

Bevor Cyrona ihre Pläne umsetzen kann, schlägt in der fünften Folge der Rattenkönig zu und ruft so wieder Dr. Benjamin Brain auf den Plan. Leider erfährt man auch, dass mit einer baldigen Rückkehr des wahren Professor Zweisteins nicht zu rechnen ist. In der realen Welt sitzt er seit 30 Jahren im Hochsicherheitstrakt von Westland und ist mittlerweile an die 100 Jahre alt. Aber an neuen Gegner scheint es Jan Tenner und seinen Gefährten nicht zu mangeln.

"Was ist mit meiner Stimme, hat sie sich verändert?"

Jan Tenner und Laura werden wie vor 30 Jahren von Lutz Riedel (Synchronstimme von Timothy Dalton) und Marianne Groß (Synchronstimme von Phylicia Rashād) gesprochen. Neben den beiden ist von der Originalbesetzung nur noch Wilfried Herbst (Max Grodénchik in Star Trek: Deep Space Nine) als Computer Mimo zu hören.

Riedel hört man das Alter in der Stimme deutlich an, was besonders am Beginn von "Ein neuer Anfang" auffällt, wenn er noch einmal den jungen Helden verkörpern soll. Nach dem Zeitsprung spielt dies keine Rolle mehr, da nun auch Jan Tenner in Würde ergraut ist und die meiste Action seinem Sohn und Tanja überlässt.

Marianne Groß klingt hingegen noch genau wie vor 30 Jahren. Bei ihren Ausspruch "Ich habe jetzt noch Gänsehaut." fühlt man sich sofort in die klassische Serie zurückversetzt. Auch Wilfried Herbst ist älter geworden und als Hörer muss man sich an Mimo erst ein wenig gewöhnen oder der Sprecher muss sich in seine alte Rolle wieder einfinden – denn ab Folge 3 klingt Mimo wieder fast so quirlig wie früher.

"Halten sie den Mund General, halten sie ganz einfach den Mund!"

Da Klaus Nägelen und Heinz Giese verstorben sind, haben Professor Futura mit Kaspar Eichel (neue Synchronstimme von Robert Redford) und General Forbett mit Thomas Kästner (Synchronstimme von William B. Davis in Akte X) andere Sprecher bekommen. Eichel füllt die Rolle des Professor Futura sehr gut aus und kommt sehr nahe an die Darbietung von Nägelen heran – auch wenn man beim Hören Robert Redford vor Augen hat.

Kästner hat seinen General wie gewohnt militärisch, polternd und rechthaberisch angelegt. Er verleiht der Figur durchaus Leben, sie bleibt aber ein wenig eindimensional, weil ihr das Liebenswerte und der Witz fehlt, die Heinz Giese mit seiner Stimme hervorrufen konnte.

Am wenigsten fällt der Wechsel der Sprecherin bei Tanja auf. Christine Schnell hatte nur in drei Folgen zu Beginn ihren Auftritt, sodass ihre Stimme nicht richtig in Erinnerung geblieben ist und Olivia Büschken (Synchronstimme von Olivia Holt in Cloak & Dagger) sie gut ersetzen kann.

Auch beim Erzähler des Hörspiels hat es einen Wechsel gegeben. Die Aufgabe fällt nun Till Hagen (Synchronstimme von Clark Gregg) zu. Wie Ulli Herzog (Erzähler der klassischen Jan-Tenner-Serie) hört man ihm sehr gerne zu. Im direkten Vergleich schildert Hagen die Ereignisse ein wenig zu ruhig und gemütlich. Herzog ging bei den Beschreibungen von Actionszenen mehr mit und verlieh besonders der Anmoderation des Titels einen wunderbaren Trash-Charme.

In wiederkehrenden neuen Rollen sind Florian Clyde (Synchronstimme von Alden Ehrenreich) als Jan Tenner jr. und Sarah Riedel (Synchronstimme von Jaimie Alexander) als Lara zu hören.

Wie oben erwähnt gibt es ein Wiederhören mit Professor Zweistein, allerdings nicht mit seinem früheren Sprecher Klaus Miedel. Helmut Gauss (Synchronstimme von Samuel L. Jackson in Star Wars I-III) leiht den Superschurken nun seine Stimme und hat damit die wohl undankbarste Aufgabe der gesamten Besetzung. Gerade Miedels Darbietungen als Zweistein gehörten zu den Besten, was die alten Folgen zu bieten hatten. Daran reicht Gauss nicht heran – auch wenn man ihm zugutehalten muss, dass er bisher nur die positive Version auf der Parallelerde spielen durfte.

Aber mit Dr. Benjamin Brain gibt es einen neuen Schurken der von Hans Bayer (Synchronstimme von Vincent Price und Willem Dafoe) seht gut in Szene gesetzt wird. Ihm zur Seite steht Vera Bunk (Sprecherin in verschiedenen Geister-Schocker-Hörspielen) als seine Assistentin Tamara. Ab Folge vier ist dann noch Julia Kaufmann (Synchronstimme von Sonequa Martin-Green in Star Trek: Discovery) als Eishexe Cyrona zu hören.

Die Geschichten werden wieder von Kevin Hayes alias Horst Hoffmann verfasst, der bis auf die ersten sechs alle klassischen Folgen schrieb. Seine Ideen inszeniert nun Simeon Hrissomallis (Faith: the van Helsing Chronicles, Die Psi Akten). Die alte Titelmusik von Jutta Stahlberg wurde leicht modernisiert, besitzt aber immer noch einen großen Wiedererkennungswert. Leider kommen die neuen Musikstücke im Hörspiel nicht an Stahlbergs Originalsoundtrack heran.

Bei einer Neuauflage kann man nicht erwarten, dass alles so bleibt wie vor 30 Jahren. Lutz Riedel und Marianne Groß sind das große Bindeglied zwischen den alten und neuen Hörspielen. Man würde sich mehr gemeinsame Szene mit den beiden wünschen. Es macht aber auch Spaß, die neue Generation Jan jr., Lara und Tanja bei ihren Abenteuern zu begleiten.

"Ich schicke eine Eskorte, die den Weg hierher frei schießt."

Auf der diesjährigen Hörspielmesse Hörmich erklärte Simeon Hrissomallis während einer Podiumsdiskussion, er habe nicht die Absicht, Riedel und Groß im Laufe der Handlung durch die neuen Sprecher zu ersetzen. Sie sollen noch viele Folgen lang Teil der modernen Abenteuer bleiben. Das freut die alten Fans, ist aber auch ein Teil des Problems: Es gibt nun zu viele Helden. Waren es früher maximal vier Menschen plus Mimo, müssen nun acht Helden in den rund einstündigen Hörspielen untergebracht werden.

Gleiches gilt im Hinblick auf die Folge "Angriff des Rattenkönigs" für die Schurken. Es sind zu viele Fraktionen, welche die Handlung sehr unübersichtlich werden lassen. Früher war eine Jan-Tenner-Folge geradliniger. Dabei bieten gerade die Teile drei bis fünf die interessanteren Abenteuer mit Mutanten, Parallelwelten und neuen Gegnern. Schade, dass gerade sie durch die Auftritte zu vieler Figuren in zu kurzer Zeit sehr konfus geraten sind.

Die erste Folge hat hingegen das Problem zu Vieles erklären zu müssen und nie so richtig in Gang zu kommen. "Der lautlose Tod" macht vieles richtig – aber das etwas fade Grundkonzept reicht nur für eine mittelmäßige Geschichte. Somit legt die Neuauflage der Serie gleich zu Beginn einen recht holprigen Start hin.

"Hier, auf meiner Faust steht groß dein Name!"

Im direkten Vergleich gelingt es auch nicht, das Flair der klassischen Folgen aufleben zu lassen. Dies liegt nicht an den neuen Sprechern, sondern in erster Linie daran, wie die Geschichten inszeniert wurden. Es fehlt der Sense of Wonder, auch wenn mit Tiermenschen, Eishexen und Spiegelwelten viel aufgefahren wird. Zudem sind die neuen Folgen gewalttätiger. Früher gab es keine Toten oder gar aufgeschlitzte Leichen. Die Helden hätten auch keine Gegner in Gefahr zurückgelassen, wie in "Das Hirn des Bösen". Dass sie Zweistein damals auf der Suche nach dem Stein der Macht nicht dem Tod überließen, war schließlich eine der Prüfung auf dem Planet der 1000 Wunder.

Ein weiterer negativer Punkt ist die Interaktion der Figuren untereinander. Jan Tenner und seine Gefährten waren sich früher nicht immer grün, aber in manchen Moment der neuen Folgen glaubt man, die Freunde sind sich in tiefer gegenseitiger Abneigung verbunden. Gerade der geschilderte Umgang mit Frauen ist grenzwertig: Wenn Tanja schweigen soll hält Jan jr. ihr einfach den Mund zu. Stört seine Schwester Lara eine Diskussion, trägt er sich kurzerhand aus dem Raum. Ein Sympathieträger wird dieser neue Held so ganz sicher nicht.

Positiv fällt auf, dass die Macher langfristig planen. Obwohl jede Folge auch für sich alleine stehen kann, zeichnet sich deutlich ein fortlaufender Handlungsstrang ab. "Angriff der grünen Spinnen", die allererste Jan-Tenner-Folge war wahrlich kein Meisterwerk. Auch wenn es vorher vereinzelt sehr gute Folgen gab, erreichte die klassische Serie erst mit Folge 17 "Zweisteins Falle" und dem Beginn des Wettlaufs zum Planet der 1000 Wunder ihren Höhepunkt.

"Jan jr. ist inzwischen im gleichen Alter wie ich, als wir noch zusammen gegen grünen Spinnen gekämpft haben."

So sollte man auch dem Macher der Neuauflage noch ein wenig Zeit geben, ihre guten Handlungsansätze weiter zu entwickeln, um eine moderne Version für die Gegenwart zu schaffen. Bleibt zu hoffen, dass sie dabei die Vielzahl der Figuren besser in die Geschichte einbauen als bisher.

Fazit

Wer genau dasselbe Flair der klassischen Jan-Tenner-Folgen erwartet, wird enttäuscht werden. Beim Aufbau der Geschichte schlagen die Macher eigene Wege ein – die durchaus stringenter erzählt werden könnten. Auch wenn nicht alle neu besetzten Sprecher hundertprozentig an ihre Vorgänger heranreichen, liefern alle gute Arbeit ab. Und dank Lutz Riedel und Marianne Groß fühlt man sich dann doch in die Zukunftswelt der eigenen Kindheit zurückversetzt.

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© Kiddinx/ R&B Company /Zauberstern Records

JAN TENNER - Ein neuer Anfang (2019) | HÖRPROBE

Willkommen Zuhause! - Kritik zu Es Kapitel 2

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Stephen Kings Es Kapitel 2

Seit den Ereignissen von Es Kapitel 1 sind 27 Jahre vergangen. Die Mitglieder des Klubs der Verlierer hat es über gesamten Vereinigten Staaten von Amerika verstreut, lediglich einer ist in Derry verblieben. Und so ist es Mikes (Isaiah Mustafa) Aufgabe, seine Freunde wieder in der Stadt zu versammeln, um erneut den Kampf gegen Pennywise (Bill Skarsgård) aufzunehmen. Schließlich hatten sie sich als Kinder geschworen, zurückzukehren, sollten sie Es nicht vernichtet haben.

Schon vor dem Kinostart von Es Kapitel 1 war klar, dass Regisseur Andy Muschietti mitten in den Produktionsplanungen für Kapitel 2 steckte. Und er hat alles anscheinend perfekt geplant, startet die Fortsetzung wie vorgesehen zwei Jahre später in den Kinos. Muschietti sprach vorab davon, dass er den Horror-Aspekt aufgedreht hätte, sich aber ebenso auf den Coming-Of-Age-Part konzentrieren würde. Eins sei vorab gesagt: Den größeren Horror-Aspekt beschreibt der Regisseur sehr optimistisch und vermutlich eher aus Marketing-Gründen.

Dies könnte unter anderem an der Tatsache liegen, dass Pennywise nun kein Unbekannter mehr ist und sich das Publikum an den Clown leidlich gewöhnt hat. Spannend ist die Fortsetzung, keine Frage. Jedoch sind in Kapitel 2 wesentlich weniger nervenzerfetzende Momente vorhanden als noch im Vorgänger. Gerade dies tut der Geschichte jedoch gut, da Jump Scares und Szenen, die vor Spannung kaum auszuhalten sind, eher ablenkend wirken können.

Damit Pennywise auch morgen noch kraftvoll zubeißen kann

Blut darf aber dennoch spritzen, und das nicht zu knapp. Schließlich hat Pennywise Hunger und darf auch in der Fortsetzung kraftvoll zubeißen. Den Auftakt bildet eine den Buchfans wohlbekannte Szene, die auch bereits in den Trailern angedeutet wurde. Der Angriff auf den homosexuellen Adrian Mellon, für den King seine Inspiration aus einer wahren Begebenheit zog, zeigt allerdings nicht nur die Grausamkeit von Es, sondern vielmehr auch, wie grausam auch noch heutzutage mit vermeintlichen Randgruppen umgegangen wird. Denn an dieser Stelle sollte sich das Publikum bewusst machen, dass die Geschichte um den erwachsenen Verlierer-Klub im Jahr 2016 spielt.

Das Ereignis um Adrian ist dann für Mike der Auslöser, seine Freunde aus Kindheitstagen anzurufen. Diese Szenen gestalten sich knackiger als noch in der Mini-Serie aus dem Jahr 1990. Mit wenigen Sätzen und Gesten ist klar, was aus Bill (James McAvoy), Ben (Jay Ryan), Beverly (Jessica Chastain), Eddie (James Ransone), Richie (Bill Hader) und Stan (Andy Bean) geworden ist. Und ebenso klar ist, dass sich offenbar bis auf Mike keiner mehr an die Ereignisse aus ihrer Kindheit erinnern kann …

Besetzung? (Fast) alles richtig gemacht

Wie angekündigt ist die Fortsetzung nicht rein auf die Handlung nach 27 Jahren beschränkt, das Drehbuch springt in den entscheidenden Momenten zurück in den Sommer 1989. Hier wird die gelungene Besetzung besonders deutlich. Die Ähnlichkeit zwischen den Erwachsenen und Jugendlichen ist mitunter frappierend und damit stimmiger als in der Erstverfilmung. Gerade Jack Dylan Grazer und James Ransone sehen sich so ähnlich, dass es leicht ist, den jugendlichen Eddie im erwachsenen Darsteller zu erkennen. Und auch Jay Ryan, dessen Figur wortwörtlich die größte Veränderung in der Geschichte durchgemacht hat, lässt Züge des Ben durchblitzen, wie er als Kind von Jeremy Ray Taylor dargestellt wurde.

Einen kleinen Punktabzug gibt es lediglich bei Jessica Chastain. Sie ist optisch eine gelungene Wahl für die ältere Beverly, jedoch war die Darstellung von Sophia Lillis fragiler. Die erwachsene Beverly gibt sich zwar nach außen hin stark, allerdings zeigt auch der Film, dass Beverly eine gebrochene Person ist - aber leider bringt Chastain dies nicht überzeugend auf die Leinwand. Sie konzentriert auf zwei Emotionen: Tough oder hysterisch in Tränen aufgelöst. Schade. Denn der Rest der Darstellerriege zeigt, dass es auch anders geht.

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Hierbei spielt sich vor allem Bill Hader mit Recht in den Vordergrund. Sein erwachsener Richie zeigt, dass die große Klappe, die er als Jugendlicher an der Tag gelegt hat und ihn so manches Mal beinah um Kopf und Kragen gebracht hätte, wie erwartet daher rührt, dass er damit seine Unsicherheit überspielen wollte. Und so balanciert Hader gekonnt zwischen einem liebenvollen Großmaul und der sensiblen Person, die Richie eigentlich ist. Jemand, dem seine Freunde am wichtigsten sind, und die er um jeden Preis beschützt. Das Drehbuch nimmt sich die Freiheit heraus, mit einigen Beweggründen noch etwas weiter zu gehen. Ob dies jedem passt, sei dahingestellt. Im Kontext funktioniert der Kniff jedoch.

Wie war das noch mit diesem Ritual von Chüd?

Bereits im Vorfeld kündigten Drehbuchautor Gary Dauberman und Regisseur Muschietti an, dass das Ritual von Chüd in der Fortsetzung erstmalig eine Rolle spielen würde. Das Ritual hat King in der Buchvorlage ausführlich, aber auch komplex beschrieben, sodass die Erstverfilmung sich davor gedrückt hatte. Der Ansatz, den das Kreativteam für Kapitel 2 entwickelt hat, ist dann auch eine sehr freie Interpretation und wirkt nicht immer elegant. Unterm Strich funktioniert die Idee jedoch - allerdings sollte der eine oder andere Buchleser hier ein Auge zudrücken.

Was die Geschichte jedoch gekonnt erzählt, ist die Freundschaft des Verlierer-Klubs. Wie es in guten Freundschaften üblich ist, ist auch hier nicht immer alles eitel Sonnenschein. Die unterschiedlichen Charaktereigenschaften der Figuren und wie sie aufeinanderprallen, ist gelungen. Meinungsverschiedenheiten werden so ehrlich und leidenschaftlich ausgetragen, wie es nur unter Freunden geschehen kann. Dass sie dann aber immer füreinander da sind, erzählt die Handlung nicht plakativ. Vielmehr tragen die Darsteller solche Momente und zeigen damit, dass es schwierig ist, sich für die einzelnen Rollen andere Darsteller vorzustellen (nagut, auch bei Jessica Chastain fällt es schwer …).

Coulrophobie, die: krankhafte Angst vor Clowns

Gewohnt gekonnt zeigt Bill Skarsgård, warum Pennywise der Stoff ist, aus dem Albträume gemacht sind. Es wirkt, als hätte der Clown aus den Ereignissen des Sommers 1989 gelernt; nun geht er wesentlich manipulativer und gekonnter vor, wenn er Jagd auf Kinder macht. Da darf auch ein Pennywise einmal traurig ein Schippchen ziehen, um seinen Willen zu bekommen, ohne dabei lächerlich zu wirken. Und Skarsgård kann übrigens in der Tat seine Augen unabhängig voneinander bewegen, dabei handelt es sich nicht um CGI …

Wie allerdings bereits die Mini-Serie hadert Kapitel 2 ein wenig mit der Darstellung von Pennywise’ wahrer Form. Da hilft kein gutes CGI, keine gute Kameraeinstellung: Sobald der Clown seine Maske mehr oder weniger fallen lässt, verliert er seine Bedrohlichkeit. Dankenswerterweise ist der Ansatz dieses Films jedoch kein kompletter Schuss in den Ofen, da die Geschichte ihr Publikum zum großen Showdown komplett in ihren Bann gezogen hat.

Das entschädigt auch für das Sitzfleisch, das der Zuschauer haben muss. Ganze 165 Minuten dauert die Fortsetzung, entwickelt aber zum Glück wenig Längen im Erzähltempo. Und wenn sich die Geschichte beruhigt, zaubert sie die eine oder andere Überraschung aus dem Hut. Neben einem offensichtlichen Gastauftritt dürfte das geübte Auge eine weiteren Überraschungsgast ausfindig machen. Und sich darüber freuen, dass Muschietti und sein Team weder das Buch noch die Mini-Serie damit ignorieren.

Fazit

Es Kapitel 2 bringt die Geschichte um Pennywise und den Klub der Verlierer zu einem gelungenen Ende. Das gut besetzte Ensemble entführt das Publikum gekonnt nach Derry und legt den Fokus mehr auf die Freundschaft, denn auf den Horror. Es ist schön, nach Hause zu kommen.

IT CHAPTER TWO - Final Trailer [HD]

Fast so wie früher - Kritik zu Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstandes

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Die Skekse haben die Macht in Thra an sich gerissen und ziehen ihre Lebenskraft aus einem Kristall. Dann jedoch müssen sie feststellen, dass sie dem Kristall bereits so viel Kraft entrissen haben, dass sie den eigenen körperlichen Verfall und damit drohenden Tod nicht mehr aufhalten können. Auf Geheiß von skekSo (Jason Isaac), dem Anführer der Skekse, findet der Wissenschaftler skekTek (Mark Hamill) schließlich einen Weg, Lebewesen ihre Essenz zu entreißen - und damit das jeweilige Lebewesen tötet. Der Gelfling Rian (Taron Egerton), Sohn des Palastwachen-Offiziers Ordon (Mark Strong), kommt hinter dieses schreckliche Geheimnis. Und auch die Gelflinge Deet (Nathalie Emmanuel) sowie Brea (Anya Taylor-Joy) müssen feststellen, dass die Herrschaft der Skekse doch eher einer Schreckensherrschaft gleicht und ihr Land Thra durch eine aufkommende Dunkelheit in Gefahr ist ...

Als Jim Henson und Frank Oz 1982 das aufwendige Projekt Der Dunkle Kristall in die Kinos brachten, war die Reaktion zwiegespalten. Denn der Film war für eine Produktion Jim Hensons, dessen Muppets bis dato vornehmlich als bunt und fröhlich wahrgenommen wurden, eine eher dunkle Geschichte. Dunkel genug, dass Der Dunkle Kristall in Deutschland die FSK-Freigabe ab 12 Jahren erhielt - nicht ganz zu unrecht, bietet die Geschichte doch so einige Momente, die Potenzial für so manchen Albtraum bieten.

Damit ist es wenig verwunderlich, dass auch Der Dunkle Kristall - Ära des Widerstandes keine allzu fröhliche Serie ist. Mitunter erinnern die Intrigen, Machtkämpfe und vor allem die Tatsache, dass scheinbar keine Figur vor einem plötzlichen Serientod sicher ist, an die besten Zeiten von Game of Thrones.

Das Organigramm der Gelflinge

Denn auch bei den Gelflingen gibt es unterschiedliche Clans, von denen einzelne mehr Macht und Ansehen als andere genießen. Die sieben Clans teilen sich auf in Stonewood, Vapra, Grottan, Drenchen, Sifa, Dousan und Spriton. Angeführt werden sie von ihrer jeweiligen Maudra, der Clan der Vapra hat als Herrscher über die gesamten Clans obendrein noch eine All-Maudra. Die drei Hauptfiguren Rian, Deet und Brea entstammen jeweils dem Stonewood, Grottan und Vapra Clan. Eine Tatsache, die für die Handlung der Serie nicht unwichtig ist, denn so hat es Deet, die dem am wenigsten geachteten Clan entstammt, einen schwereren Stand als Brea, die als Tochter der All-Maudra den Stand einer Prinzessin hat.

Gewöhnungsbedürftig für Fans des Films dürfte anfangs sein, dass die Palastwache der Skekse aus Gelflingen besteht und ihnen treu ergeben sind. Hier braucht es ein wenig, um sich vom gewohnten Bild der Filmhandlung zu lösen. Gerade dies spielt jedoch gekonnt mit den Emotionen des Zuschauers, der mehr Wissen als die Gelflinge über die zukünftigen Ereignisse hat und die Skekse mit noch mehr Begeisterung hassen darf als die Film-Version.

Stimmlich gibt es mächtig was auf die Ohren

Hierzu trägt sicherlich auch die brillante Leistung der Darsteller bei, welche den Figuren ihre Stimmen geliehen haben. Jason Isaacs zeigt als skekSo, Anführer der Skekse, dass er nicht zu Unrecht als der Bösewicht in Filmen und Serien besetzt wird. Simon Pegg leiht skekSil, dem Kämmerer, seine Stimme und läuft zu Höchstform auf. Denn der Kämmerer ist ein unter den Skeksen wenig geachteter Intrigant, der nach der klassischen “Nach oben buckeln und nach unten treten”-Philosophie lebt. So säuselt Pegg mit weinerlich anmutender Stimme, wenn es um Figuren geht, die skekSil wichtig sind, ändert jedoch umgehend den Tonfall, wenn es zu den Momenten kommt, in denen seine Figur (scheinbar) auf der Gewinnerseite steht. Die manische Seite des Wissenschaftlers skekTek dürfte Mark Hamill nicht schwer gefallen sein, werden hier doch Erinnerung an Hamills Joker-Version wach. Und Benedict Wong darf als General skekVar so herrlich brummeln wie in Doctor Strange, dass man sich fast wünscht, dass auch ein Skeks heimlich Beyoncé hört …

Taron Egerton stellt als Rian eine Art Anti-Helden dar. Seine Figur macht in der Serie eine Entwicklung durch, die Egerton durch andere Rollen bekannt ist, sodass seine Arbeit hierfür mühelos wirkt. Nathalie Emmanuel spricht Deet facettenreich und trägt wesentlich zur Entwicklung ihrer Figur bei. Vor allem ist es ihr zu verdanken, dass Deet als naturverbundener Gelfling, der buchstäblich das Gespräch mit jedem Lebewesen Thras sucht, nicht ins Kitschige abgleitet. Ebenso zeigt Anya Taylor-Joy im Laufe der Serie, dass Brea mehr ist als die nervige jüngste Prinzessin.

Deet und Hup

Am meisten sticht aber Victor Yerrid als Podling Hup heraus. Seine Figur hat es mit der Kommunikation am schwierigsten, denn die Podlings haben bekanntlich eine eigene Sprache. Diese verbindet Yerrid schließlich mit den Bruchstücken der allgemeinen Sprache, die Hup im Laufe der Geschichte lernt. Sein Puppenspiel trägt außerdem dazu bei, dass sich Hup mit seiner drolligen, aber auch fürsorglichen Art schnell in die Herzen des Zuschauers spielt. Denn wer bitte ist schon so mutig, dass er den Skeksen beherzt mit einem Löffel bewaffnet gegenübertritt?

Nostalgie zieht - aber nicht immer

Die Geschichte selbst nimmt sich viel Zeit, um die Vorgeschichte zum Film zu erzählen. Manchmal ist dies zu viel Zeit, gerade für diejenigen, die den Film kennen und anfangs über einige scheinbar nicht angesprochene Aspekte stolpern. Diese lösen sich erst in der zweiten Hälfte der Staffel auf, wenn die Gelflinge den Widerstand formen. Die erste Hälfte der Geschichte konzentriert sich darauf, die Schachfiguren in Position zu bringen und wenig direkten Bezug auf bekannte Ereignisse des Films zu nehmen. Wie bei Netflix-Serien also leider üblich, hätte die Geschichte gern etwas straffer und in weniger Folgen erzählt werden können. Andererseits macht es auch wieder Spaß, für zehn Folgen in Hensons Welt eintauchen zu dürfen …

Schade ist aber, dass die Drehbuchautoren mitunter den Joker “Nostalgie” zu oft spielen. Es gibt Szenen, die fast genauso im Film zu sehen waren. Zwar macht das Wiedersehen mit einer Podling-Party Spaß, ein Skekse-Fressgelage ist genauso herrlich widerlich wie vor 37 Jahren - die Handlungen in diesen Szenen hätten aber auch in einen anderen Kontext gebettet werden können.

Wesentlich besser ist da die Entscheidung, dass keine Figur unentbehrlich zu sein scheint. Ohne groß ins Detail zu gehen: Es wird gestorben in der Serie. Mehr als einmal. Und auch mal unerwartet und ohne Rücksicht auf Figuren, die man liebgewonnen hat.

Kann man der Geschichte aber eigentlich folgen, ohne den Film gesehen zu haben? Definitiv ja. Denn wie erwähnt nimmt sich die Serie gerade zu Anfang viel Zeit, um die Welt Thras vorzustellen. Es gibt einige offensichtliche Bezüge zum Film, die aber selbsterklärend sind. Ansonsten gibt es eher Momente, die Aspekte aus dem Film erklären - so weiß der Zuschauer nun, warum skekTek nur ein Auge im Film hat.

Einzig das Ende stellt eine Ausnahme dar. Hier dürfte die volle Tragweite nur den Film-Fans bewusst werden. Die Geschichte vor allem in der letzten Folge überhastet und reiht zu viel aneinander; die Vermutung liegt nahe, dass die Produktion auf eine weitere Staffel spekuliert, um die restlichen, bekannten Ereignisse zwischen Staffelende und Handlung des Films ausgiebig zu erzählen.

Fazit

Der Dunkle Kristall - Ära des Widerstandes versetzt sein Publikum mühelos in die Welt Jim Hensons, sodass es sich genauso verzaubert fühlt wie vor 37 Jahren. Allerdings ist die Serie ebenso wie damals der Film nicht für jüngere Zuschauer geeignet. Die Älteren werden aber Spaß haben, wieder in die Geschichte Thras eintauchen zu dürfen.

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The Dark Crystal: Age of Resistance | Trailer | Netflix

Gruselserie 4: Kritik zum Hörspiel Projekt X – Invasion der Aliens

Wenn man vielen Science-Fiction-Romanen und -Filmen glauben darf, sind wir in Europa relativ sicher vor einer Alieninvasion. Außerirdische scheinen als Landungsziel die USA zu bevorzugen, obwohl dort das Militär, das FBI und die Bevölkerung gut auf die Angriffe aus dem All vorbereitet zu sein scheinen. Man fragt sich schon, warum die Besucher von fernen Welten nicht einfach irgendwo anders zuschlagen – zum Beispiel in der deutschen Provinz. Vielleicht waren sie aber schon längst hier und die Regierung hat den Vorfall nur gut vertuscht – wie in der vierten Folge der neuen Gruselserie "Projekt X – Invasion der Aliens".

In einem kleinen Ort im Schwarzwald belauschen die beiden Freunde Michi und Robby nachts heimlich über Funk die Gespräche des Militärs. Als die Soldaten über merkwürdige Vorkommnisse am nahen Kratersee berichten, schwingen sich die beiden Jungen auf ihre Fahrräder, um sich die Sache vor Ort anzuschauen.

"Weshalb sollten Tintenfische denn im Dunkeln leuchten?"

Tatsächlich scheint in dem See Merkwürdiges vorzugehen. Im Wasser sehen die beiden Jungen unheimlich leuchtende Wesen, die sich dem Ufer nähern. Bei ihrem Versuch, den Soldaten auszuweichen, laufen die Freunde einem der Aliens direkt in die Arme – und nur das Betäubungsgas, welches das Militär über das gesamte Gelände sprüht, kann sie retten.

Als die beiden aus der Narkose erwachen, finden sie sich in einem unterirdischen Bunker wieder. Dort forschen Soldaten und einige wenige zivile Wissenschaftler an außerirdischem Genmaterial. Doch tief in der Militäranlage ist noch ein anderes fremdartiges Wesen erwacht.

"Was redet ihr denn da für einen Blödsinn?"

Die Hauptrollen des Hörspiels sind alle mit professionellen Sprechern besetzt, die ihre Aufgabe wie zu erwarten ist sehr gut machen. Als Wissenschaftler und Militärpersonal des geheimen Bunkers sind K. Dieter Klebsch (Synchronstimme von Ian McShane und Alec Baldwin), Anne Moll (Synchronstimme von Carmen Electra), Lutz Mackensy (Erzähler der Hörspielserie Fünf Freunde) und Wolfgang Kaven (Erzähler der Hörspielserie Ein Fall für TKKG) zu hören. Einzig Klebsch spielt seinen Militärkommandanten am Ende ein wenig zu überzogen und Klischee beladen, was zum Teil aber auch am Dialogbuch liegen kann.

Getragen wird das Hörspiel in vielen Szenen aber von den beiden Nachwuchssprechern Lino Kelian und Lovis Harloff als Michi beziehungsweise Robby. Am Anfang klingen ihre Stimmen noch ein wenig gewöhnungsbedürftig. Ihre Sprechleistung wird aber schnell besser, und sie stellen die neugierigen Jungen in Not perfekt dar. Ab der zweiten Hälfte steht den beiden jungen Sprechern Astrid Kollex als Krankenschwester Cordula zur Seite. Sie war in der Zeichentrickserie Die Schlümpfe die Synchronstimme von Schlumpfine, was man nur bei sehr konzentriertem Zuhören mitbekommt.

Wie schon bei den drei vorangegangenen Folgen stammt die Geschichte wieder aus der Feder von André Minninger (Ein Fall für TKKG, Die drei ???) während Heikedine Körting (Die drei ???, Fünf Freunde) erneut die Produktion und Regie übernahm. Sie war bereits für die ursprüngliche Gruselserie von H. G. Francis verantwortlich, welche zwischen 1981 und 1982 beim Hörspiellabel Europa erschien.

"Ihr solltet besser nicht mehr so viele Science-Fiction-Filme schauen, Jungs."

Empfohlen wird "Projekt X – Invasion der Aliens" von Europa ab 14 Jahren, sodass man keine blutigen oder brutalen Horror erwarten sollte. Minninger und Körting gelingt es trotzdem, eine stimmungsvolle und interessante Folge aufzubauen. Am Anfang überwiegen die geheimnisvollen Vorgänge rund um den Vulkansee, und es entsteht eine unheimliche Akte-X-Atmosphäre. Generell meint man, viele Elemente des Hörspiels irgendwo anders schon einmal gelesen, gesehen oder gehört zu haben. Minningers Verdienst ist es, all die bekannten Puzzlestücke unterhaltsam zu etwas Neuem und Eigenständigen zusammenzusetzen.

Allerdings flaut die Spannung in der Mitte ein wenig ab. Aus der Grundsituation (ein unheimliches Alien in einem Militärbunker) hätte man deutlich mehr rausholen können, gerade auch akustisch. Das Finale hält keine aufregende oder noch nie da gewesen Wendung bereit. Dafür rundet es die Geschichte durchaus gelungen ab. Wie schon bei der Folge "Yeti – Kreatur aus dem Himalaya" gibt es zum Schluss eine moralische Botschaft. Insgesamt fallen die Erklärungen des Geschehens am Ende ein wenig zu lang aus.

Lobend zu erwähnen ist die musikalische Untermalung des Hörspiels. Sie fügte sich thematisch gut in die einzelnen Szenen ein und ist nie reiner Selbstzweck. Mit rund 54 Minuten ist das Hörspiel nicht zu lang geraten. Trotzdem hätte man das Ende ein wenig straffen können und dafür im Mittelteil ein paar spannende Szenen einfügen können.

"Wie frustrierend, sie haben aber hoffentlich trotzdem weiter gemacht."

Nachdem die zweite Hörspielfolge der neuen Gruselserie eine gelungene Abenteuergeschichte ohne echten Grusel war, bot die dritte Folge "Moskito – Anflug der Killer-Insekten" eine teilweise wirklich schlechte Leistung einzelner Sprecher. Mit der vierten Folge scheint es nun wieder aufwärts zu gehen. Der fünfte Teil der neuen Gruselserie wird voraussichtlich wieder recht trashig: Er erscheint im Oktober und trägt den aussagekräftigen Titel "Dracula – Tod im All".

Fazit

"Projekt X – Invasion der Aliens" unterhält den Hörer gut, auch wenn die Spannung nicht durchgängig gehalten wird. Die Geschichte ist an sich nicht neu. Die bekannten Handlungen mixen Autor und Regisseurin aber zu etwas Neuem und Eigenständigen zusammen. Ein Pluspunkt des Hörspiels sind die zwei guten Nachwuchstalente, die sich in die Leistung der professionellen Hörspielsprecher perfekt einfügen.

Gruselserie - Folge 4: Projekt X - Invasion der Aliens

I am Mother: Kritik zum Science-Fiction-Drama

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I am Mother

Neue, unverbrauchte Science-Fiction-Stoffe, die nicht an ein großes Franchise gekoppelt sind, haben es dieser Tage nicht unbedingt leicht, einen Platz im Kino oder ein Publikum zu finden. Viele dieser Filme landen häufig bei einem der vielen VOD-Anbieter oder werden direkt von Netflix produziert, meistens leider mit einer nur halb zu Ende gedachten Prämisse. Der von Regisseur Grant Sputore inszenierte I am Mother scheint so etwas wie eine Ausnahme zu sein: Ein Science-Fiction-Kammerspiel, das neben Rose Byrne (die allerdings nur in der Originalversion eine Sprechrolle hat) und der zweifachen Oscar-Preisträgerin Hilary Swank keine berühmten Gesichter beziehungsweise Stimmen zu bieten hat. Zudem lastet die meiste Verantwortung auf den Schultern der noch jungen Newcomerin Clara Rugaar und einer durchaus spannenden Ausgangssituation.   

In einer nicht näher definierten Zukunft wurde fast alles Leben an der Erdoberfläche durch ein unbekanntes Ereignis ausgelöscht. In einem hochmodernen Luftschutzbunker, in dem zahlreiche Embryonen gelagert werden, züchtet ein Roboter ein junges Mädchen in einer Petri-Schale heran. Der Roboter, der sich schlicht und ergreifend Mutter nennt, kümmert sich durchaus liebevoll um das Mädchen, dem er den ebenso einfachen Namen Tochter verleiht. Mutter stellt Tochter nicht nur alle wichtigen und notwendigen Nahrungsmittel zur Verfügung, sondern sorgt auch für intellektuelle Stimulation und bietet zumindest eine programmiert-mitfühlende, wenn auch kühle und metallische Schulter zum Ausweinen. Das könnte sich allerdings ändern, als Tochter das Teenager-Alter erreicht (nun gespielt von Clara Rugaar) und immer häufiger ihr eingrenzendes Bunkerleben hinterfragt. Diese Fragen werden umso drängender, als plötzlich eine unbekannte Frau (Hilary Swank) an die Tür des Bunkers klopft. 

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I am Mother

Regisseur Grant Sputore und Autor Michael Lord Green, auf deren Idee das Drehbuch und letztendlich auch der Film basiert, erschaffen ein durchaus interessantes Szenario und stellen immerhin ansatzweise reizvolle Fragen: Auch wenn ein Roboter einem Kind von Nahrung, Bildung bis hin zur psychologischen Hilfe alles bietet, was es benötigt, reicht das für einen heranwachsenden Menschen? Oder benötigt ein Kind beziehungsweise junger Erwachsener menschliche Gesellschaft, Miteinander, Wärme und authentische Emotionen, die oftmals auch schmerzlich und widersprüchlich sein können, sowie einer kühlen rationalen Programmierung widersprechen? Sind unsere niederen und manchmal auch selbstzerstörerischen Instinkte genauso ein Teil des Menschseins wie unsere guten Seiten? Oder lassen sie sich durch einen perfekt programmierten Roboter einfach weg erziehen?

Bestenfalls werden diese Fragen, die schon das Ausgangsszenario aufwirft, oberflächlich behandelt, schlimmstenfalls werden sie einem leider sehr viel oberflächlicheren und nur leidlich spannenden Spannungsbogen geopfert. Sputore und Green versuchen, diese Geschichte mit zahlreichen Story-Wendungen und vermeintlich schockierenden Eröffnungen zu würzen, die der geneigte Science-Fiction-Fan lange im Voraus erahnt.

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I am Mother

Schauspielerisch kann durchaus einiges aufgewertet werden: Die Newcomerin Clara Rugaard präsentiert souverän fast das gesamte emotionale Gewicht auf der Leinwand, die sie größtenteils mit einem Roboter teilt. Auch wenn Hilary Swanks Rolle und deren Paranoia schnell recht zweidimensionale Züge annehmen, überzeugt die Oscar-Preisträgerin mühelos. Über die Grenzen dieser Rolle reicht sie allerdings selten hinaus. Rose Byrne, beziehungsweise ihre deutsche Synchronstimme wirken empathisch und gefühlvoll genug, sodass eine emotionale Bindung zwischen Mutter und Tochter durchaus glaubhaft wirken. Auch effekt-technisch gibt es kaum Ansatzpunkte für Beschwerden: Die Bewegungsabläufe des Roboters können überzeugen und wirken bedrohlich, wenn sie bedrohlich wirken sollen. Nur im letzten Drittel stößt das offensichtlich kleine Effektbudget an seine Grenzen.        

Fazit: 

I am Mother ist ein kleines, gelegentlich spannendes Endzeit-Kammerspiel. Die überzeugenden Darstellerinnen können leider nicht kompensieren, dass das volle Potenzial und die Implikationen des Szenarios nicht vollkommen ausgeschöpft werden. Ein Science-Fiction-Thriller mit kleinem Budget, der sich ins Kino verirrt hat und gern mehr sein und gerne über seine Genre-Grenzen hinauswachsen möchte. Den Machern scheint allerdings schnell die Inspiration dafür auszugehen.

I AM MOTHER | Official Trailer | Netflix

I AM MOTHER | Trailer | Deutsch | Offiziell | Kinostart 22. August 2019

Kritik zu Once upon a Time … in Hollywood: Mehr als eine Nostalgie-Übung

Quentin Tarantino ist den meisten Filmfans seit den 90ern ein Begriff, als er mit seinem zweiten Spielfilm Reservoir Dogs zunächst auf dem Radar der US-Independent-Filmwelt landete. Schon mit seinem nächsten Film namens Pulp Fiction durchbrach er die kommerzielle Schallmauer. Bis heute gilt er als eines der größten Hollywood-Regietalente unserer Ära, der die Regeln des bis dato bekannten US-Genre-Kinos mit Freude, Brutalität und ohne jede Furcht auf den Kopf stellt – ein Vergleich mit Orson Welles wurde nicht nur einmal gezogen. Auf der anderen Seite werfen ihm Kritiker auch gerne Dilettantismus vor und sehen ihn als Regisseur, der sich schamlos an in- und ausländischen Filmtropen und Inszenierungsstilen bedient, nur um sie in den Mixer zu werfen und neu zusammen zu mischen. Vielleicht treffen beide Meinungen den Nagel auf dem Kopf. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. 

Nicht ohne Grund stellen Tarantinos Filme bis heute popkulturelle Phänomene dar, die Kritiker, Fans und skeptische Zuschauer mit jedem neuen Kinostart artikelweise diskutieren, analysieren und dekonstruieren. Denn an seinen Filmen gibt es mindestens genauso viel zu bewundern wie zu kritisieren. Daneben können sie aber auch verdammt unterhaltsam sein. Beides trifft auch auf Once upon a Time … in Hollywood zu. Ein Film, der viel über Tarantino selbst aussagt, seine Bewunderung und sein Festhalten an einer spezifischen Hollywood-Ära, die es heute nicht mehr gibt und vielleicht in dieser Form nie existiert hat, auch wenn bekannte Namen und reale Personen auftreten.

Hommage an vergessene Schauspieler und ihre Stuntmen 

Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) war einst ein vielversprechender Schauspieler mit einer blühenden Fernsehkarriere, der sich bei seinem Sprung auf die große Leinwand gewaltig verkalkuliert hat. Diesen Sprung er trotz ein paar Kinoauftritten nämlich nie wirklich geschafft, seine Westernserie setzte der Sender NBC ab. Seitdem schlägt er sich als Bösewicht in anderen populären Fernsehserien wie The Green Hornet (Bruce Lee - Das Geheimnis der grünen Hornisse) oder The F.B.I. (FBI) durch. Sein Stern scheint zu sinken. Was ihm noch bleibt, ist ein luxuriöses Haus in den Hollywood-Hills, ein Angebot, Hauptrollen in diversen Italo-Westerns zu übernehmen sowie sein Stuntdouble und bester Kumpel Cliff Booth (Brad Pitt). Cliff hat selbst Schwierigkeiten, neue Stuntjobs zu bekommen, nachdem er in einer sportlichen Zweikampf beim Dreh einer Episode von The Green Hornet gegen Bruce Lee (Mike Moh) angetreten ist. Stattdessen arbeitet Cliff als Ricks Fahrer, der wiederum seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer verloren hat. Hoffnung auf Änderung bringt ein neuer Nachbar: Frisch durch seinen Erfolg von Rosemaries Baby im Hollywood-Olymp angekommen, ist Regisseur Roman Polanski (Rafael Zawierucha) mit seiner Ehefrau und Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie) nebenan eingezogen. 

Was genau kann man also von einem Quentin-Tarantino-Film erwarten, der im Hollywood des Jahres 1969 spielt? Jedenfalls kein blutiges Gemetzel, in dem Brad Pitt und Leonardo DiCaprio gegen Charles Manson antreten … zumindest nicht ganz. Manson und seine Anhänger spielen tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle. Der Autor und Regisseur scheint sich bewusst zu sein, dass selbst ein nicht sehr schmeichelhaftes Porträt des mörderischen Kults lediglich dazu dienen würde, den legendären Status, den Manson sich immer erhoffte, doch noch weiter am Leben zu erhalten. Tarantino findet seinen eigenen Lösungsansatz für dieses Problem. Und nein, Fingerspitzengefühl oder gar Subtilität sollte niemand bei seiner Herangehensweise erwarten. Im Grunde stellt er die Manson-Familie, die eine brutale und schreckliche Mordserie verübte, als dunkle Kehrseite Hollywoods und eine Art Verrottung dar, die sich langsam an den Rändern der Stadt Los Angeles gebildet und ins Innere der Traumfabrik vorgearbeitet hat. Politische Dimensionen dieser Metapher wie der Vietnam-Krieg oder die bevorstehende Nixon-Administration sind ebenfalls nicht auszuschließen. Ein Symbol dafür stellt vor allem Spahn Ranch dar, wo Hollywood einst B-Westernfilme drehte, bevor sich die Manson-Familie in den morschen Überresten eingenistet hatte.    

Meta-Erzählung über Hollywood, Ruhm und Stars von gestern und heute

Es ist durchaus hilfreich, diese historischen und gesellschaftlichen Hollywood-Hintergründe zu kennen oder sich zumindest grob zu informieren, um zu wissen, welche Auswirkungen die Morde hatten, in welcher Phase sich Hollywood Ende der 60er Jahre befand und welche Phase die Manson-Familie einläutete. Tarantino nutzt diese für ihn offensichtlich mit sehr vielen nostalgischen Gefühlen verbundene Ära, um seine Stars in ein großes und amüsantes Was-wäre-wenn-Szenario zu werfen, mit Erwartungen zu spielen und Meta-Ebene über Meta-Ebene zu stapeln. Es ist höchst ironisch, dass ausgerechnet ein äußerst erfolgreicher Schauspieler wie Leonardo DiCaprio einen abgehalfterten Star spielt, der eventuell die letzten Tage seines Hollywood-Daseins genießt. Obendrein erhält er Schauspielertipps von einer achtjährigen Kinderdarstellerin, die wiederum gerade das Method-Acting für sich entdeckt hat. Trotzdem erscheint es plausibel, dass selbst ein heute gefeierter Darsteller wie DiCaprio damals tatsächlich einen solchen Karriereweg hätte einschlagen können, während sein Szenenpartner James Stavy (Timothy Olyphant) seine besten Hollywood-Tage möglicherweise noch vor sich hat.

Es ist sicherlich auch kein Zufall, dass gerade Brad Pitt seinen Stuntman, also quasi DiCaprios Zweitversion spielt. Pitt kommt in seinen Darstellungen oftmals wesentlich entspannter daher als sein vermeintliches Ebenbild DiCaprio. Kein Wunder also, dass er auch im vorliegenden Fall sein relaxtes Charisma zum Besten gibt, während DiCaprio all den Unsicherheiten seines Rick Daltons (und vielleicht sogar seinen eigenen Unsicherheiten) freien Lauf lassen kann. Once Upon a Time … in Hollywood ist sich der öffentlichen Persona seiner Darsteller durchaus bewusst und spielt mit dem Ruf und Legenden dieser Stars auf höchst amüsante Weise. Darüber hinaus ist Tarantino auch als Regisseur bekannt, der einst vielversprechende Schauspieler - manchmal auf einem absteigenden Ast  - wieder aus der Obskurität herausholt. So erkennt er, dass sich auch auf einem Set eines zweitklassigen TV-Westerns großartige darstellerische Leistungen verstecken können. Diese werden in der öffentlichen Wahrnehmungen leider selten ernst genommen oder schnell wieder vergessen. Der Regisseur inszeniert und fotografiert diese Szenen beziehungsweise Dreharbeiten kunstvoll, auch wenn das eigentliche Ergebnis in den 60ern völlig anders aussah.   

Hollywood-Liebeserklärung von einem Filmfan für Filmfans

Once Upon a Time … in Hollywood besitzt offensichtlich sehr viel Liebe für diese kleinen Darsteller, die viel zu bieten hatten, aber ihr Potenzial nie völlig ausschöpfen konnten. Das gilt ebenfalls für Sharon Tate, deren kurze Karriere weitestgehend durch die grausamen Manson-Morde überschattet wurde. Anstatt sich darauf und auf die dramatischen Aspekte ihrer Ehe mit Roman Polanski zu konzentrieren, widmet sich Tarantino einer Karriere, der es niemals erlaubt war, sich zu entfalten: Er schenkt ihr sogar eine Szene, in der sie im Kino die Komödie Rollkommando ansieht, in der sie eine tragende Rolle spielte. Leicht könnte man diese Episode mit einer gehörigen Portion schauspielerischen Narzissmus verwechseln. Margot Robbie spielt diesen Kinobesuch fast wortlos als eine Sharon Tate, die sich grundehrlich an der Tatsache erfreut, dass eine augenscheinlich alberne Spionagekomödie die Zuschauer für etwa zwei Stunden den Alltag vergessen lässt. 

Auch wenn sich das kitschig anhören mag, ist der Film das ganz und gar nicht. Tarantino übt sich in Nostalgie und schließt diese Zeit effektiv in Bernstein ein. Gleichzeitig scheint er sich bewusst, dass es sich letztendlich um eine vergebliche Mühe handelt. Manchmal grenzen diese nostalgische Anwandlungen allerdings auch an Rückschritt: Das Klischee der keifenden Ehefrauen, die den coolen Jungs den Spaß verderben, hat der Regisseur und Autor anscheinend noch nicht überwunden. Auch die Regie-Entscheidung, Bruce Lee als großkotzigen Angeber darzustellen, wirkt eher unglücklich und ungelenk, selbst wenn es sich lediglich um eine etwas verfälschte Erinnerung des Stuntmans Cliff Booth handeln sollte. Es ist verführerisch, Intention und Doppelbödigkeit hinter diesen etwas zweifelhaften Entscheidungen zu vermuten, jedoch wirken solche Momente oftmals wie plumpe Überbleibsel einer schlechten Sitcom.  

Trotz allem ist ein reichhaltiger filmischer Text über die Vergänglichkeit von Ruhm und Hollywood entstanden, der für die nahe und ferne Zukunft viel Stoff zum Interpretieren und Entpacken liefert. Aber Obacht: Wer keine große Lust hat, knapp drei Stunden mit einem tiefenentspannten Brad Pitt und einem hochemotionalen, oftmals alkoholisierten Leonardo DiCaprio durch das Hollywood der 60er Jahre zu cruisen oder sehr viel Zeit bei Hollywood-Dreharbeiten zu verbringen, ist hier wahrscheinlich falsch. Tarantinos Spätwerk ist ein sogenannter Hangout-Film, der weniger auf Plot-Mechanismen pocht, sondern vielmehr zum sich Verlieren in einer faszinierenden, zynischen, gelegentlich erschreckenden, aber auch liebevoll gestalteten und amüsanten Entertainmentwelt einlädt.    

Fazit:

Quentin Tarantino schafft eine teils rückwärtsgewandte, teils faszinierende und liebevolle Hommage an das Nostalgie-Hollywood seiner Träume. Dabei gibt er sowohl fiktiven Schauspielern, deren Stern in Begriff ist, zu verglühen, als auch realen Darstellern, die noch am Beginn ihrer Karriere stehen, eine neue Chance.

ONCE UPON A TIME… IN HOLLYWOOD - Trailer - Ab 15.8.19 im Kino!

ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD - Official Trailer (HD)

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