Kritik

Kritik zu Wonder Woman 1984: Bruchlandung im unsichtbaren Jet

Wonder Woman 1984 2.jpg

Wonder Woman 1984

Rund 70 Jahre nach ihrem ersten Abenteuer in der Welt der Sterblichen lebt Diana Prince nun in Washington. Hier arbeitet sie als leitende Anthropologin am Smithsonian Institute, was sie allerdings nicht davon abhält, auch weiterhin als Wonder Woman die Menschheit zu beschützen. Dabei versucht Diana allerdings, sich möglichst aus dem Rampenlicht fernzuhalten, sodass ihre Superheldenidentität im Jahre 1984 in den USA praktisch unbekannt ist.

Abseits ihrer Arbeit als Anthropologin und Superheldin lebt die ehemalige Amazonen-Kriegerin ein recht einsames Leben. Freunde hat sie praktisch keine, und zudem trauert sie immer noch ihrer großen Liebe Steve Trevor nach. Dies ändert sich eines Tages, als Diana die etwas tollpatschige Wissenschaftlerin Barbara Ann Minerva kennenlernt, mit der sie eine zarte Freundschaft aufbaut.

Im Zuge ihrer Arbeit stoßen die beiden Frauen schließlich auf einen geheimnisvollen antiken Stein. Sie ahnen zunächst nicht, dass dieser nicht nur in der Lage ist, Wünsche wahr werden zu lassen, sondern auch, dass der windige Geschäftsmann Maxwell Lord es auf ihn abgesehen hat. Lord weiß genau, zu welchen Dingen der Stein in der Lage ist und plant, endlich den großen Erfolg zu haben, der ihn so lange verwehrt geblieben ist. Was Diana, Barbara und Maxwell allerdings ebenfalls bald lernen müssen, ist die Tatsache, dass jeder Wunsch, den der Stein erfüllt, auch seinen Preis hat.

Ein Film aus den 80ern

Ob man mit Wonder Woman 1984 etwas anfangen kann, hängt vor allem von einem wichtigen Punkt ab. So spielt die Handlung nicht nur in den 80er Jahren, vieles am Film selbst wirkt so, als wäre er in dieser Ära auch gedreht worden. Fast schon eine Hommage an eher trashige Unterhaltungsfilme aus den 80ern darf der Zuschauer in Wonder Woman 1984 wirklich nichts hinterfragen und über bestimmte Dinge zu genau nachdenken. Wem dies gelingt, der kann durchaus seinen Spaß haben.

Der Film wirkt in vielen Dingen etwas aus der Zeit gefallen. Ein guter Gradmesser findet sich dabei gleich zu Beginn. Nach dem Intro, in dem noch einmal eine junge Diana zu sehen ist, folgt eine Szene in der neuen Gegenwart des Films, in der Diana einen Überfall auf einen Juwelier stoppt. Die Szene ist allerdings total überzeichnet und wirkt sogar etwas albern, was aber anscheinend gewollt war. Selbst die Effekte passen sich dem Konzept eines Films aus den 80ern an. Abgesehen von der Tatsache, dass so einige CGI-Effekte für einen Blockbuster, der 200 Millionen Dollar gekostet hat, nicht gut aussehen, wirken andere extrem unnatürlich, eben wie in Filmen aus den 80ern, denen man es aber aufgrund der damaligen Technik heute durchaus nachsieht.

Wonder Woman 1984

Wenn man doch beginnt, nachzudenken

Die Probleme von Wonder Woman 1984 beginnen, sobald man mit dem Konzept eines etwas trashigen Superhelden-Spektakels aus den 80ern nicht so viel anfangen kann und doch einige Dinge hinterfragt. Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass der Film definitiv zu lang geworden ist. Dies liegt unter anderem auch daran, dass unbedingt zwei Gegenspieler eingebaut werden mussten. So schenkt das Drehbuch Diana, Maxwell und Barbara jeweils relativ viel Zeit, was allerdings auch dazu führt, dass es fast 80 Minuten dauert, bis es zur ersten richtigen Actionszene kommt. Zieht man den Anfang des Films ab, dann gibt es im Film fast 60 Minuten, in denen nur Diana aber nicht Wonder Woman zu sehen ist.

Gefüllt wird diese Zeit im Diana-Handlungsstrang mit der Rückkehr von Steve Trevor. Diese funktioniert tatsächlich ganz gut, da die Chemie zwischen Gal Gadot und Chris Pine auch weiterhin vorhanden ist. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass beide Darsteller wieder gute Arbeit leisten. Gerade Gal Gadot ist noch etwas besser und liefert hier ihre bisher beste Darstellung als Wonder Woman ab.

Auch die Tatsache, dass man das Konzept des ersten Films umdreht und nun Trevor die Person in einem ihr nicht vertrauten Umfeld ist, sorgt für einige humorvolle Momente und ist unterhaltsam. Allerdings ist die Art und Weise, wie Trevor zurückkehrt überaus fragwürdig und lässt einige moralische Fragen offen, die komplett übergangen werden. Auch erscheint es irgendwie komplett unnötig, Trevor auf diese Art und Weise zurückkehren zu lassen, wenn man bedenkt, was der Stein mit seiner Magie im Film alles erreicht.

Generell ist der magische Stein, der Wünsche erfüllt, auch nicht unbedingt der kreativste Weg, um die Handlung in einem Film in Gang zu bringen. Letztendlich ist irgendwie alles möglich, weil es halt Magie gibt. Da machen sich die Autoren die Sache ziemlich leicht, vor allem wenn die Handlung am Ende komplett aus dem Ruder läuft. Plötzlich entwickelt sich die Sache zu einer weltumspannenden Katastrophe, bei der das Schicksal der gesamten Erde auf dem Spiel steht. Abgesehen davon, dass die Erklärung dafür absolut hanebüchen ist, fühlt es sich irgendwie total übertrieben an, und man wünscht sich, dass die ganze Sache eine Nummer kleiner geblieben wäre.

Wonder Woman 1984

Zwei neue Gegenspieler für Diana

Wie bereits erwähnt, widmet Wonder Woman 1984 den beiden Gegenspielern Maxwell Lord und Barbara Ann Minerva aka Cheetah ähnlich viel Zeit wie seiner titelgebenden Heldin. Genau genommen wäre aber eigentlich nur Lord wirklich relevant für die Handlung. Im Falle von Cheetah bekommt man am Ende das Gefühl, dass die Figur eigentlich nur im Film ist, damit Wonder Woman im Finale einen Gegner hat. Die Szene selbst ist aber leider extrem enttäuschend.

Die Macher nutzen hier mal wieder das klassische "Wir lassen die Handlung bei Nacht spielen, um schlechte Effekte zu kaschieren". Das gelingt allerdings nur bedingt, und so erweist sich Cheetah leider als verschwendet, was vor allem vor dem Hintergrund, dass die Figur einer der klassischen Gegenspieler von Wonder Woman aus den Comics ist, sehr schade ist.

Auch zuvor will der Funke bei der von Kristen Wiig gespielten Figur nicht wirklich überspringen. Dies liegt unter anderem auch daran, dass man sich entschieden hat, den Electro-Weg aus Amazing Spider-Man: Rise of Electro zu gehen. Barbara wird zu Beginn als die typische tollpatschige Verliererin ohne Selbstvertrauen dargestellt, die von der Hauptfigur in den Bann gezogen, dann aber durch ein Ereignis verändert wird und sich schließlich gegen ihre einstige Heldin stellt. Das war schon bei Electro nicht sonderlich spannend und interessant. Gleiches kann man auch über Barbara sagen. Letztendlich ist sie für die Handlung selbst auch gar nicht notwendig. Den kurzen Endkampf hätte auch jede andere generische CGI-Figur übernehmen können.

Bei Maxwell Lord kommt dagegen wieder die Problematik zum Tragen, dass man mit Wonder Woman 1984 scheinbar einen Film aus den 80ern imitieren wollte. Pedro Pascal sieht man definitiv an, wieviel Spaß er in seiner Rolle hatte, die Figur selbst ist aber sehr überzeichnet, und der Darsteller neigt zum Overacting. Auch lässt der Film am Ende aus unerfindlichen Gründen offen, was genau denn nun die Konsequenzen für das Handeln von Lord und Minerva sind. Gerade im Falle von Lord fehlt da einfach etwas, schließlich war dieser für einige katastrophale Ereignisse zuständig.

Alles in allem lässt sich festhalten, dass Wonder Woman 1984 inhaltlich an den typischen Fortsetzungsproblemen eines zweiten Teils leidet. Dinge, die im ersten Teil ankamen, müssen zwanghaft wiederholt werden, und alles andere muss unbedingt größer, umfangreicher und bombastischer sein. Dazu gibt es gleich eine ganze Reihe von Dingen, die nur auftauchen, weil man glaubt, dass der Zuschauer sie cool oder beeindruckend findet beziehungsweise nur als Fanservice fungieren, unabhängig davon, ob sie innerhalb der Handlung Sinn ergeben oder logisch sind. Gerade inhaltlich fällt Wonder Woman 1984 im Vergleich zum Vorgänger dadurch deutlich ab.

Fazit

Wer bei Wonder Woman 1984 in der Lage ist, seinen Kopf auszuschalten, viele Logikfehler übersehen kann und einfach Lust auf einen wilden und trashing Ritt aus den 80ern hat, sollte auf seine Kosten kommen. Für alle anderen dürfte die Fortsetzung dagegen eine große Enttäuschung sein. Überdreht, unlogisch, viel zu lang und mit Effekten, die oft einfach nicht gut aussehen, trüben den Gesamteindruck deutlich. Dazu kommen einige fragwürdige Entscheidungen bei der Geschichte und den neuen Figuren. Es bleibt zu hoffen, dass man beim dritten Teil hier wieder einen stärkeren Fokus auf diese Aspekte.

Nemesis Spiele – Kritik zu The Expanse 5.10

SPOILER

Die letzte Episode dieser Staffel zögert nicht lange und steigt direkt in die Handlung ein. Monika Stuart (Anna Hopkins) hat sich im Laufe der letzten paar Folgen im Hintergrund als eine nützliche Detektivin erwiesen. Die Serie gibt vermeintlich unwichtigen Crewmitgliedern, die nicht am unmittelbaren Geschehen teilhaben, etwas Sinnvolles zu tun. Bevor sie jedoch ihre Ermittlungen fortsetzen kann, wird sie unwirsch von Bull (José Zúñiga) mit einer Hiobsbotschaft eines bevorstehenden Free-Navy- beziehungsweise Gürtler-Angriffs unterbrochen.

Zwischen diesen beiden Figuren und Holden (Steven Strait) entwickelt sich trotz gewisser Spannungen langsam eine stimmige Chemie. Dies ist möglicherweise auch notwendig, denn zumindest Bull und seine Fähigkeiten als Pilot könnten sich in der nächsten Staffel noch als nützlich erweisen. Typisch für Holden ist jedenfalls, sich bereitwillig opfern zu wollen, damit seine Freunde eine bessere Überlebenschance haben. Nebenbei unterbindet er noch Bulls rassistische Gürtler-Kommentare.

Weltraum-Duell mit dramatischen Konsequenzen

Stammregisseur Breck Eisner untermauert die Feuerkraft und die Übermacht der Free Navy vor der finalen Konfrontation noch einmal, indem er die Kamera in einer recht eindrucksvollen Szene von einem Raumschiff zum nächsten springen lässt. Auch wenn es nicht unbedingt leicht fällt, den Überblick zu behalten, gestaltet Eisner die gesamte Sequenz dank der dynamischen Schnitt-Montagen und einer spannungserzeugenden musikalischen Untermalung von Clinton Shorter äußerst mitreißend. All diese Elemente ergeben ein beeindruckendes Weltraum-Duell.

Im Nachhinein lässt sich sicherlich leicht behaupten, dass Camina Drummers (Cara Gee) Entscheidung, den Angriff auf die Rocinante zu sabotieren, vorhersehbar gewesen ist. Allerdings handelte es sich um eine Figur, die stets zwischen mehreren Stühlen saß: Sie fühlte sich immer hin- und hergerissen zwischen dem Gürtler-Volk, ihrer eigenen Besatzung und Holdens Crew beziehungsweise ihrer Freundschaft zu Naomi (Dominique Tipper).

Außerdem befindet sie sich schon seit dem Beginn ihrer Reise auf der Suche nach einer eigenen Identität, einem Zuhause und vielleicht sogar nach einer politischen Ideologie, der sie folgen kann. Diesen Zwiespalt stellte Gee fortwährend gut dar, dass das Ergebnis dieses Duells zumindest für Nicht-Buchleser vielleicht gar nicht so absehbar war. Dass Karal (Olunike Adeliyi) eines relativ unzeremoniellen Todes stirbt, nämlich durch die Hand einer vergleichsweise unerforschten Nebenfigur namens Michio (Vanessa Smythe), kommt dann doch relativ überraschend daher.

Anschließend scheinen sich alle Mitglieder von Caminas Crew bewusst zu sein, dass das gemeinsame Leben dieser kleinen harmonischen Truppe nach dem Angriff ein Ende genommen hat. Wie um diesen Punkt noch einmal zu unterstreichen, wirft Marco Inaros (Keon Alexander) ein ehemaliges Besatzungsmitglied aus der Luftschleuse und schickt Camina die entsprechende Video-Aufzeichnung dieser Macht- und Rache-Demonstration zu. Serge (Wilex Ly) war ebenfalls eine Hintergrundfigur, zu der Zuschauer wahrscheinlich keinerlei Bindung aufgebaut haben. Möglicherweise hat kaum jemand einen zweiten Gedanken an ihn verschwendet, seitdem er im Rahmen des Free-Navy-Austauschprogramms von Caminas zu Marcos Besatzung überwechselte.

Sein Tod wird dem Publikum nicht direkt gezeigt. Die Zuschauer beobachten Drummers Crew, wie sie Serge beim Sterben zusieht. Eine kluge Regie-Entscheidung, denn für das Publikum hat sein Ableben keine große emotionale Bedeutung. Vielmehr wird durch die schmerzhaften und überzeugenden Reaktionen seiner Kameraden wesentlich besser deutlich, dass Drummers Entscheidung, sich gegen Marco zu stellen, einen erheblichen Preis hat.

Rettung in letzter Sekunde

Naomis Geschichte nimmt ebenfalls buchstäblich wieder Schwung auf, als sie ein Triebwerk ihres Raumschiffes/Weltraumgefängnisses aktivieren kann. Die letzten Episoden schilderten durchaus spannend und weitestgehend monolog- und dialogfrei ihre diversen Rettungsversuche. Es wird trotzdem wieder höchste Zeit, dass etwas physische Bewegung ins Spiel kommt.

Ihr gesamter Überlebenskampf kulminiert in ihrem Sprung aus dem Raumschiff – und noch einmal muss an dieser Stelle Clinton Shorters gänsehauterzeugender Score gelobt werden. Das gepaart mit Tippers schauspielerischer Leistung, die Verzweiflung, Resignation, Mut im Angesicht von Todesangst sowie eine Form von Hoffnung auf Rettung ihres eigenen Lebens vermischt, machen diese Szene zum Höhepunkt dieser Episode.

Die subjektive Kameraarbeit von Jeremy Benning trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei. Alle Beteiligten, sowohl vor als auch hinter der Kamera, arbeiten auf dem höchsten Niveau. Naomis Rettung erschien sicherlich unvermeidlich. Der Moment, in dem es allerdings geschieht und in dem Bobbie Drapers (Frankie Adams) Stimme hinter ihr zu hören ist, stellt jedoch eine lohnende und bewegende emotionale Katharsis dar, auf die die letzten drei Episoden hingearbeitet haben.

Schließlich kann sich jeder seine eigenen Gedanken zu Cas Anvars Abgang machen. Wer sich diesbezüglich an James S. A. Coreys Twitter-Account richten möchte, muss sich eventuell aber ein beherztes “Geht niemanden etwas an!“ oder “Fuck off!“ gefallen lassen. Die Autoren Daniel Abraham, Ty Franck und Naren Shankar hatten sicherlich keine einfache Aufgabe zu erfüllen. Alex' Ableben hat dementsprechend ein leichtes Poochie-kehrt-zu-seinem-Heimatplaneten-zurück-Feeling (bekannt aus der Simpsons-Episode “Poochie, der Wunderhund“), welches sich wahrscheinlich nicht vermeiden ließ.

Zwar hat sich die Serie immer mit den körperlichen und gesundheitlichen Folgen der Raumfahrt und den damit einhergehenden Belastungen durch die g-Kraft auseinandergesetzt, sein Ende wirkt dennoch etwas unbeholfen. Wie schon zu Beginn dieser Review angedeutet, ist es durchaus vorstellbar, dass Bull beziehungsweise Darsteller José Zúñiga als Ersatz schon für die nächste Staffel in den Startlöchern steht.

Abschiede, Wiedervereinigungen und pathosgeladene Reden

Leider wirkt auch der gesamte Abschluss mit Amos (Wes Chatham) und Erich (Jacob Mundell) etwas verkürzt und antiklimaktisch. Andererseits gibt es zwischen den beiden vermutlich nicht mehr viel zu sagen: Amos hat sein neues Leben gefunden, Erich muss wieder von vorne beginnen – die zerbrochene teure Whiskey-Flasche ist letztendlich ein Symbol dafür, dass alles, was sie einst für wichtig erachtet haben, vielleicht doch nicht so wichtig war … oder es ist nur eine zerbrochene Whiskey-Flasche, die für einen nett-amüsanten Moment sorgt. Dafür gestaltet sich die Wiedervereinigung von Amos und Naomi umso emotionaler und zwischen ihm und Holden umso unterhaltsamer, als er versucht Clarissa Mao (Nadine Nicole) auf das Schiff zu mogeln.

Pathosgeladene, etwas sentimentale Reden lassen sich am Ende einer solchen Staffel vielleicht nicht vermeiden. Aber wenn schon eine solche Rede, dann bitte mit der rauchigen Stimme von Shohreh Aghdashloo. Außerdem wird dem relativ siegessicheren Moment sofort wieder der Wind aus den Segeln genommen. Der Cliffhanger folgt nämlich auf dem Fuße. Zum Schluss bleibt jedoch weiterhin die Frage, ob die 6. Staffel alle Handlungsstränge abschließen wird und Showrunner sowie Autoren die vier noch übrig gebliebenen Bücher zu einer Staffel zusammenfassen sowie gewisse erzählerische Entscheidungen der Vorlage einfach ignorieren werden. Letzteres soll keine Kritik darstellen – Fernsehserien beziehungsweise Adaptionen müssen anderen Regeln gehorchen als ihre Buchvorlagen.

Ein Ausblick auf eine unsichere Zukunft

Admiral Duarte ist zu diesem Zeitpunkt für Nicht-Buchleser noch ein großes Fragezeichen. Generell sollten an dieser Stelle aber weitere Spekulationen vermieden werden, um dieses ungespoilerte Mysterium für Nicht-Leser zu erhalten. Woran die marsianische Fraktion auf dem Planeten jenseits des Ring-Portals arbeitet, scheint jedoch schon ziemlich weit fortgeschritten zu sein.

Das letzte Expanse-Buch erscheint im Oktober, und Produktion für die sechste und vermeintlich letzte Staffel haben bereits begonnen, sodass mit einer Veröffentlichung zumindest der ersten drei Episoden vielleicht schon im Dezember 2021 zu rechnen ist. So bleibt Buchlesern immerhin noch genug Zeit, das letzte Buch zu verschlingen und dann mit bittersüßer Abschiedsmelancholie Vergleiche zur Serienadaption anzustellen – immerhin müssen Fans kein Game-of-Thrones-Szenario befürchten, bei der die Serie den Autor der Buchvorlage überholt.

Fazit:

Insgesamt handelt es sich bei “Nemesis Spiele“ um eine runde Abschluss-Episode, die viele der Handlungsstränge Staffel auf eine spannende und emotionsgeladene Weise zu Ende bringt, auch wenn die gesamte Season oftmals Probleme hatte, den vielen Storylines gerecht zu werden – vielleicht wären ein bis zwei Episoden mehr die Lösung gewesen.

Trotzdem handelte es sich mal wieder um eine thematisch und psychologisch spannende Reise. The Expanse bleibt eine Serie, die weiterhin mit vielen interessanten Bällen jongliert, die von Klassenkampf über Terrorismus und den moralischen Strickfallen bei dessen Bekämpfung bis hin zu psychologischem Missbrauch und letztendlich Zusammenhalt von Freunden und Familie ein reichhaltiges Potpourri bietet, mit der kaum eine andere aktuelle Serie des Genres konkurrieren kann.

Winniepesaukee – Kritik The Expanse 5.09

SPOILER

Nachdem Marco (Keon Alexander) und Filip Inaros (Jasai Chase-Owens) in der letzten Episode mehr oder weniger nur einen zweiminütigen Gastauftritt hatten, bekommen sie in “Winniepesaukee” wieder etwas mehr zu tun. Marco greift anscheinend munter und mit Erfolg UN-Transporter an und sowieso alles, was ihm nicht in den Kram passt.

Der Stolz über seine kleinen Siege verwandelt sich schnell in Wut und Frustration, als er erfahren muss, dass Naomi ihren Raumspaziergang überlebt hat. Nicht nur das, sie scheint auch Marcos elaborierte Falle erfolgreich zu sabotieren. Vielleicht haben er und sein Sohn wirklich erwartet, dass sich Naomi einfach gefangen setzen lässt und sich irgendwann der Familie sowie der Free Navy anschließt.

Filip reagiert äußerst emotional auf diese Neuigkeit. Für ihn und seinen Vater scheint es unvorstellbar, dass sich Naomi einer Umgebung entziehen möchte, in der Zwang, Kontrolle, physischer und psychischer Missbrauch mit Liebe verwechselt wird.

Recap auf der Razorback

Auf der Razorback gibt es weiterhin nicht viel zu tun. In der letzten Episode wurde den Zuschauern noch nicht auf die Nase gebunden, was Naomi (Dominique Tipper) genau unternimmt, um sich selbst und ihre möglichen Retter vor dem mit Sprengstofffallen verkabelten Raumschiff zu schützen. Diese undankbare Aufgabe kommt Bobbie Draper (Frankie Adams) und Alex Kamal (Cas Anvar) zu. Beide lassen noch einmal Revue passieren, was Naomis mittlerweile abgeänderter Hilferuf bedeuten könnte.

Dieser Dialog wechselt sich mit Szenen auf der Rocinante ab, wo Holden (Steven Strait), Monica Stuart (Anna Hopkins) und Bull (José Zúñiga) im Grunde dasselbe Gespräch führen. Der Inhalt kommt etwas ermüdend daher, die Parallelmontage der beiden Szenen sorgt aber immerhin für etwas Dynamik, selbst wenn sich die beiden Raumschiffe nicht wesentlich vorwärtsbewegen.

Naomis und Caminsa Überlebenskämpfe setzen sich fort

Naomis Handlungsbogen wirkt wie eine kleine Fortsetzung der letzten Episode: Dieses Mal muss sie Eis von einem Rohr kratzen, um sich zumindest etwas hydrieren zu können – Wasser- und Sauerstoff beziehungsweise der Mangel dieser beiden grundlegenden Elemente im Weltraum, die der Mensch so dringend zum Überleben benötigt, waren stets wichtige Bestandteile und Themen von The Expanse, und die Serie verliert sie nie aus den Augen beziehungsweise greift immer wieder darauf zurück.

Die Dynamik innerhalb Camina Drummers (Cara Gee) Crew bleibt weitestgehend unverändert. Camina wirkt jedoch immer resignierender, als hätte sie sich selbst, ihre Familie und ihre Unabhängigkeit längst aufgegeben. Nur später kommt es zu einem verständlichen Gefühlsausbruch, als sie merkt, dass Oksana (Sandrine Holt) aus Angst vor Marcos Vergeltung immer mehr faule Kompromisse eingeht. Vielleicht hofft sie sogar wirklich auf Marcos Vision einer besseren Gürtler-Zukunft, die auf Krieg und Terror basiert.

Karal (Olunike Adeliyi) scheint im Gegenzug ihre Rolle als neue Machthaberin über diese sich windende Piraten-Besatzung geradezu zu genießen, insbesondere wenn es darum geht, den letzten Widerstand aus Camina herauszupressen.

Schusswechsel am See Winniepesaukee

Regisseur Breck Eisner wählt sehr schöne erste Kamera-Einstellungen beziehungsweise sogenannte “establishing shots“ des gesamten Gebiets rund um den See Winniepesaukee. Die düsteren Bilder des Shuttles, mit dem die Gruppe um Clarissa (Nadine Nicole) und Amos (Wes Chatham) von der Erde fliehen wollen, lassen schon vorausahnen, dass es eine zentrale Rolle in dieser Episode spielen wird.

Die Vorstellung, dass sich die Reichsten unter den Reichen hier in der Zukunft vom Plebs abschotten und ein eigenes Raumschiff in der Garage stehen haben, mit dem sie notfalls von der Erde fliehen können, wirkt gleichzeitig absurd und absolut plausibel. Dass der Antrieb des Schiffes quasi das gesamte Grundstück in Schutt und Asche legt, erscheint dagegen nicht unbedingt praktisch.

Während dieses Shuttle repariert werden muss, kommt es zwischen einzelnen Individuen zu vorhersehbaren und dennoch abwechslungsreichen Reibereien. Amos steht quasi zwischen Erich (Jacob Mundell), der alles und jeden außerhalb seines Vertrauenskreises zurücklassen möchte, und Clarissa, die Amos’ moralischen Ersatzkompass darstellt. Zu einem gewissen Maße repräsentiert Erich sein altes Leben auf den Straßen Baltimores, in dem es für Amos überlebensnotwendig war, kein Mitleid und keine Menschlichkeit zu zeigen. Clarissa, die wesentlich privilegierter aufgewachsen ist, repräsentiert sein neues Leben, in dem hilflose Zivilisten vor den Stärkeren geschützt und gerettet werden müssen.

So gesehen, ist es nur konsequent, dass Clarissa die brenzlige Situation mit der inseleigenen Privatpolizei entschärfen möchte, bevor es zu mehr unnötigen Toten kommt. Es handelt sich eventuell nicht um die klügste Entscheidung, andererseits hätten bei einer verfrühten Konfrontation auch Menschen sterben können, die für die Reparatur des Shuttles und die Erdflucht essentiell sind. Ihr späteres Plädoyer, dass es wichtig ist, eine Menschengruppe wachsen zu lassen und Individuen nicht nach ihrem Nutzen für die Allgemeinheit zu bewerten, wirkt vielleicht etwas naiv. Die Episode entschärft diese pathosgeladene Rede jedoch mit einer Prise Humor, als Clarissa  Erich kleinlaut eröffnet, dass sie eigentlich eine dreifache lebenslange Haftstrafe wegen Mordes absitzen müsste.

Nachdem die letzten Episoden es etwas ruhiger haben angehen lassen, sorgt die gut inszenierte Actionsequenz für willkommene Abwechslung. Lange Kamerafahrten und wenig sichtbare Schnitte, die Regisseur Eisner hier ebenfalls nutzt, sind mittlerweile ein beliebtes und nicht unbedingt neues Mittel, um solche Actionszenen zu inszenieren. Trotzdem wirkt es nicht minder spannend, effektiv oder mitreißend.

Politischer Widerstand auf dem Mond

Die Episode zeigt nicht den Angriff auf die Gürtler-Stationen, der in der letzten Episode im UN-Kabinett besprochen wurde, sondern nur die Fernsehbilder und die Reaktionen der Zuschauer. Das kann selbstverständlich Budget-Gründe haben. Vielleicht möchten Regisseur Breck Eisner sowie  Daniel Abraham, Ty Franck und Naren Shankar, die drei Autoren dieser Episode, eine generelle Aussage zu diesen Gegenschlägen machen: Angriffe dieser Art, denen vermutlich auch Zivilisten zum Opfer fallen, haben bestenfalls einen symbolischen Wert für die Fernsehkameras und um den Publikum Zuhause ein Gefühl der Befriedigung und der Genugtuung zu verschaffen.

Der Preis dafür besteht im schlimmsten Fall darin, dass der Nährboden für die nächste Terroristen-Generation vorbereitet wird, wie Chrisjen (Shohreh Aghdashloo) in einer leidenschaftlichen Rede vor dem restlichen Kabinett anmerkt, die leider weitestgehend auf taube Ohren stößt. Dass der UN-Generalsekretär seine Gegenschläge für objektiv-rational und nicht emotional motiviert hält, wäre fast schon lachhaft, wenn es nicht so traurig wäre.

Aber auch Chrisjen ist sich der Macht politischer Symbolik bewusst: Sie und die anderen Kabinettsmitglieder treten sicherlich aus moralischen Gründen zurück, allerdings hat ihr Rücktritt auch weitreichende Konsequenzen für den amtierenden UN-Generalsekretär. Christjens Familie hat nie eine große Rolle in der Serie gespielt und infolgedessen ist es schwierig, ihren schmerzhaften Verlust nachzuempfinden. Die Trauer um ihren Ehemann muss Schauspielerin Shohreh Aghdashloo mehr oder weniger allein auf den Schultern tragen und transportieren. Dieses Manko kann die Darstellerin allerdings ganz wunderbar wieder ausgleichen, und die Inszenierung der holografischen Gedenktafel wirkt noch einmal unterstützend, um diesen traurigen Moment zu verkaufen: Die Kamera fährt nach oben und zurück, lässt sie fast schon klein und einsam zurück, während sich der Name ihres Ehemannes zu den vielen anderen gesellt.

Interessanterweise bleibt die Beziehung zwischen Chrisjen und Admiral Delgado (Michael Irby) auch nach dem unfreiwilligen Machtwechsel weiterhin warm und freundschaftlich. Es handelt sich um einen politisch klugen Schachzug, ihm einen Platz in ihrem Kabinett anzubieten. Dieser lehnt selbstverständlich ab und gibt sich hochmütigen Fantasien hin, in denen er Marco Inares schnappt, auch wenn er an Chrisjens Seite wahrscheinlich mehr ausrichten könnte.

Fazit:

Nachdem die letzte Episode einige Schwierigkeiten hatte, alle Handlungsstränge zu jonglieren, gelingt dies “Winniepesaukee“ etwas eleganter. Auch wenn die gesamte Sequenz auf der Erde und die dort stattfindende aufregende Actionszene im Mittelpunkt stehen, lassen Autoren und Regisseur den übrigen Figuren ebenfalls genügend Zeit, um die eine oder andere Handlung fortzuführen. Wahrscheinlich wird aber erst in der letzten Episode wirklich Schwung in alle Storylines kommen.

Gruselserie 7: Kritik zum Hörspiel Mondära – Im Todesgriff der Würgepflanze

horspielzeit-header.jpg

Hörspiel Headergrafik

Nach geheimnisvollen Alien-Experimenten im Schwarzwald und verschollenen Vampiren im Weltall geht es in dem aktuellen Hörspiel der neu aufgelegten Gruselserie diesmal um Killerblumen im Altenheim. Klingt nach recht trashiger Unterhaltung? Ganz falsch liegt man mit dieser Vermutung nicht. "Mondära – Im Todesgriff der Würgepflanze" beginnt aber wie ein altmodischer Radiokrimi.

Hattie Miller und ihr reichlich angetrunkener Ehemann Henry befinden sich spät abends auf der Rückfahrt von ihrem Stammtisch. Plötzlich läuft eine alte Dame im Nachthemd vor ihnen auf die Straße. Hattie kann gerade noch auf die Bremse treten. Kurz vor der Frau kommt ihr Wagen zum Stehen. Sie erklärt dem verdutzten Ehepaar, das sie aus ihrer Seniorenresidenz geflohen ist, weil jemand ihre Zimmergenossin umgebracht hat. Kurz darauf tauchen zwei Pfleger auf, welche die verwirrte Mrs. Cooper zurück ins Altenheim bringen wollen.

Auf Bitten von Blanche Cooper begleitet Hattie Miller diese zurück in die Seniorenresidenz. Das Verhalten des Personals dort macht sie stutzig und weckt ihren Ermittlerinstinkt. Denn schon während einer Reise ins Amazonasgebiet (Folge 3 "Moskitos – Anflug der Killer-Insekten") war die resolute Seniorin mit rätselhaften Todesfällen konfrontiert. Wie vermutet macht sie im Zimmer von Blanche Cooper und ihrer vermissten Zimmergenossin eine erste mysteriöse Entdeckung.

2019 brachte Europa die ersten Folgen der neuen Gruselserie heraus, welche sich an den klassischen Horrorhörspielen von H. G. Francis orientierten. Der Autor war zwischen 1981 und 1982 dafür verantwortlich, dass viele bekannten Monster aus Kinofilmen und Büchern Einzug in die Kinderzimmer der 80er-Jahre hielten. Francis kopierte in seinen Hörspielen oft mehr oder weniger stark literarische und filmische Vorbilder wie Dracula, Frankenstein, Alien oder Tarantula.

Der Autor, der auch an den Serien Commander Perkins, Masters of the Universe und Jan Tenner mit schrieb, verstarb 2011. Für den Inhalt der derzeitigen Neuauflage ist nun André Minninger (Ein Fall für TKKG, Die drei ???) verantwortlich. Produktion und Regie liegen wie bereits in den 80er-Jahren wieder in den Händen von Heikedine Körting (Die drei ???, Fünf Freunde).

"Sie neigt des Öfteren zu – na nennen wir es mal – dramatischen Auftritten."

Bei H. G. Francis traten die beiden Reporter Tom Fawley und Eireen Fox in insgesamt drei Folgen auf. Auch Minninger lässt nun erstmals Figuren aus seinen früheren Hörspielen wieder auftreten. So gibt es ein Wiederhören mit dem alten Ehepaar Hattie und Henry Miller. Wobei ganz klar Hattie die Hauptfigur mit dem größten Sprechanteil ist.

Sie wird, wie schon in "Moskitos – Anflug der Killer-Insekten" von Elga Schütz gesprochen. In der dritten Folge fiel sie durch merkwürdige Betonungen und eine sehr schrille Stimmlage negativ auf. Das ist in der siebten Folge besser geworden. Leider liefert sie als Sprecherin der Hauptfigur immer noch die schwächste Leistung der gesamten Besetzung ab.

Ihre Hattie Miller klingt manchmal wie eine Parodie – gerade im Zusammenspiel mit Eckart Dux, der ihren Mann Henry spricht. Dux ist eigentlich ein sehr guter Hörspiel- und Synchronsprecher (Ian McKellen als Gandalf in der Hobbit-Trilogie). Aber auch er klingt, gerade als betrunkener Ehemann zu Beginn des Hörspiels, nicht sehr glaubwürdig und im Folgenden oft unterfordert. Immer wieder schimmert seine Qualität als Sprecher durch. Leider wird ihm selten Gelegenheit geboten, sein ganzes Können abzurufen.

Sehr gelungen hingegen ist Judy Winters Darstellung der stellvertretenden Heimleiterin Mrs. Summer. Im Zusammenspiel mit Winter (Synchronstimme von Faye Dunaway, Jane Fonda, Shirley MacLaine) wirken auch die Dialogzeilen von Elga Schütz viel dynamischer.

Als verängstigte Heimbewohnerin Blanche Cooper ist Elke Reissert zu hören. Sie kann bereits auf eine lange Hörspielkarriere zurückblicken (Erna Sauerlich in den TKKG-Folgen 1 – 11) und war bereits in Folge 14 "Die tödliche Begegnung mit dem Werwolf" der ursprünglichen Gruselserie mit dabei. Auch in "Mondära – Im Todesgriff der Würgepflanze" liefert sie eine solide Arbeit ab.

In einer kleinen Rolle ist Wolfgang Pampel als Gärtner Brighton zu hören. Es wäre schön und für das Hörspiel durchaus von Vorteil gewesen, wenn der Synchronsprecher von Harrison Ford einen größeren Sprechanteil bekommen hätte.

Mit Michel Prelle besitzt die siebte Folge zudem einen neuen Erzähler, der durchaus mit dem Niveau von Christian Brückner oder Udo Schenk in den vorangegangenen Teilen mithalten kann. Ihm gelingt es, gerade zu Anfang eine unheimliche Stimmung aufzubauen. Der Hörer kann sich viel besser in das geschilderte Szenario in der nächtlichen Seniorenresidenz hinein versetzen. Der Autor Minninger hätte ruhig öfters auf den Erzähler zurückgreifen können.

"Billig sagen nur Asoziale!"

Neben den schwankenden Leistungen der Sprecherin trägt auch der Autor Schuld daran, dass das Hörspiel nur stellenweise funktioniert. "Mondära – Im Todesgriff der Würgepflanze" beginnt wie ein Krimi. Es gibt viele Verdächtige, die für das Verschwinden von Blanche Coopers Mitbewohnerin verantwortlichen sein könnten. Da sind die beiden ruppigen Pfleger, die stellvertretende Heimleiterin Mrs. Summer, die neugierige Heimbewohnerin Maggie und der Gärtner Brighton.

Leider nutzt Minninger all die anfangs geschickt ausgelegten Fährten nicht, sondern lässt seine Ermittlerin relativ zielstrebig aufs Ziel zu marschieren. Die Nebenfiguren verschwinden nach und nach, ohne dass sie für den Fall groß von Bedeutung gewesen wären. Natürlich muss der Autor der Gruselserie den Bogen zu einer unheimlichen Wendung einschlagen, aber ein wenig mehr Spannung wäre dabei von Vorteil gewesen.

Von Titel wie "Moskitos – Anflug der Killer-Insekten", "Dracula – Tod im All" und "SOS – Wasserleichen an Bord" erwartet niemand tiefsinnige intellektuelle Unterhaltung. Also sollte sich auch kein Hörer über ein unrealistisches Ende bei "Mondära – Im Todesgriff der Würgepflanze" beschweren. Insgesamt kommt die Folge allerdings wesentlich weniger trashig daher, als der Titel vermuten lässt.

Der Hörspielproduktion kommt dabei zugute, dass sie die Würgepflanzen nicht zeigen muss. Filme über Killerpflanzen wie Blumen des Schreckens (1963) drohen sehr schnell ins Lächerliche abzugleiten, da es extrem schwierig ist, realistische und gruselige Pflanzen darzustellen. Roger Corman brach 1960 in seinem Film Kleiner Laden voller Schrecken den Horror auch immer absichtlich mit Humor, um von seiner nicht perfekten Gruselblume abzulenken.

"Und diese Frau, die ich vorhin fast überfahren habe, scheint mir auch noch alle Nadeln an der Tanne zu haben."

Minninger kann bekannte Themen aus Filmen gut interpretieren und zu etwas Neuem zusammensetzen. Dies gelingt ihm mit "Mondära – Im Todesgriff der Würgepflanze" besser als in einigen der vorangegangenen Folgen. Was ihm aber ganz und gar nicht glückt, sind die Dialoge. Das Ehepaar Miller hätte ein äußerst interessantes Ermittlerduo werden können, leider sind sie aber völlig unsympathisch.

Es liegt nicht nur an der Sprecherleistung von Elga Schütz, dass ihre Dialoge mit Eckart Dux hölzern und gekünstelt klingen, sondern auch an der Textvorlage. Henry nennt seine Frau "Püppchen" oder beschwert sich über ihr Geplapper. Im Gegenzug wird er von ihr ständig gemaßregelt. Ein Paar, mit dem die Hörer mitfiebern, klingt anders. Die Chemie zwischen den beiden stimmt nicht und letztlich ist den Hörern ihr weiteres Schicksal egal. Hinzu kommen unlustige Witze und falsche Sprachbilder. Erst als die beiden gegen Ende im Gewächshaus ermitteln, wird ihr Spiel miteinander besser.

Gerne hört man hingegen Wolfgang Pampel als Gärtner Brighton zu, wenn er in einer Tonbandaufnahme den Hintergrund des Schreckens schildert. Ihm hätte man gerne noch ein paar Minuten länger gelauscht, auch wenn er mit schaurigem Pathos den größten Monsterquatsch von sich gibt.

"Glauben Sie mir, es wäre nur zu ihren Besten gewesen."

Ein älteres Ehepaar als Ermittler und ein Altenheim als Handlungsort sind eine äußerst interessante Grundlage für eine Gruselgeschichte. Es ist schön, dass einmal nicht nur junge Menschen zu Helden werden. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch die Folge "In den Fängen des Todes" der Reihe Dreamland-Grusel. Dabei fällt im direkten Vergleich auf, dass dort die beiden Helden öfters über ihr Leben in ihrer Seniorenresidenz reflektieren. Auch bei Dreamland-Grusel wird eine ziemlich klischeehafte Horrorgeschichte erzählt, die ihren speziellen Reiz durch den ungewohnten Handlungsort gewinnt. Da hätte man in "Mondära – Im Todesgriff der Würgepflanze" aus der ähnlichen Grundkonstellation ebenfalls mehr herausholen können.

Aus technischer Sicht wurde das Hörspiel von Heikedine Körting in gewohnt sehr guter Qualität umgesetzt. Lediglich die musikalische Untermalung ist merkwürdig. Mal erklingt ein atmosphärischer Grusel-Soundtrack, dann wieder erinnert die Musik an eine schlechte deutsche Komödie aus den 60er-Jahren.

Zum Ende muss das Cover der CD lobend erwähnt werden. Dem Künstler Wolfram Damerius ist es gelungen, ein stimmungsvolles Titelbild mit wenigen lila, gelb, schwarz und orange Tönen zu schaffen. Es wirkt eigenständig, erinnert aber zugleich an die alten Cover der Gruselserie von H. G. Francis.

Fazit

Insgesamt kann man "Mondära – Im Todesgriff der Würgepflanze" trotz all der negativen Kritikpunkte gut an einen regnerischen Nachmittag weghören. Die Geschichte besitzt durchaus Potenzial, welches aber nicht vollständig ausgeschöpft wird. Elga Schütz ist leider nicht in der Lage, als Hauptsprecherin ein ganzes Hörspiel zu tragen – zumindest nicht, solange André Minninger ihre Dialoge verfasst. Bevor man diese Geschichte erneut hört, wird man eher zu einer der anderen Folgen der Reihe greifen oder auf die nächste Veröffentlichung der neuen Gruselserie warten. Im Mai 2021 kehrt nämlich Frankenstein beziehungsweise "Frankensteins Nichte – Erbin des Wahnsinns" zurück.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Europa/Wolfram Damerius/Dangerous

Kieselstein im Meer – Kritik The Expanse 5.08

SPOILER

Auch wenn dies bei der Produktion wahrscheinlich nicht unbedingt beabsichtigt war, fällt es schwer, nicht an aktuelle globale Gesundheitskrisen zu denken, wenn Clarissa (Nadine Nicole) und Amos (Wes Chatham) die draußen abgelegten Leichen von alten Menschen entdecken. Globale tragische Ereignisse treffen auch in der spekulativen Zukunft zuerst die Schwachen und die Alten. Das scheint zumindest die traurige und zeitlose Wahrheit zu sein, auf die Dan Nowak, Autor dieser Episode, abzielt.

Es ist nur verständlich, dass Erich (Jacob Mundell) an der Welt festhalten möchte, die er sich mit viel Mühe und Not erkämpft hat. In der derzeitigen Krise glaubt er sogar, eine Chance zu erkennen. Er gibt seinen naiven und voller Selbststolz gefassten Plan fast schon zu schnell auf, als er sich ausgerechnet von Clarissa eines Besseren belehren lässt – eine Dame, wohlgemerkt, die er gerade erst kennengelernt hat. An manchen Stellen erscheint es fast so, als würden die verschiedenen Handlungsstränge dieser Staffel zu schnell und an anderen Stellen wiederum zu langsam voranschreiten.

Naomi allein und sprachlos im Weltall

Dominique Tipper hat als Naomi währenddessen eine fast unmögliche Aufgabe zu stemmen: In dieser Episode muss sie glaubhaft unfassbare Schmerzen verkaufen, die ein Weltraumspaziergang ohne Raumanzug wahrscheinlich mit sich bringt (schätzungsweise hat das noch niemand in der Realität ausprobiert). Ferner muss sie dies und ihre eigene Rettungsversuche ganz alleine und ohne Szenenpartner bewältigen. Das macht sie aber außerordentlich gut: Bei jeder Bewegung, die sie vollführt, und bei jeder Luke, die sie mit großer Kraftanstrengung öffnet, sind ihre körperlichen Schmerzen fast spürbar. Das liegt aber zum Teil auch an dem überzeugenden Make-up von Verity Fiction und Brian Hui, die äußerst glaubhaft ein ramponiertes Gesicht und geschwollene Gliedmaßen erschaffen haben.

Bis auf den sich immer wiederholenden Fake-Hilferuf von Naomi, der letztendlich der Free Navy feindlich gesinnte Schiffe anlocken und in die Luft sprengen soll, verläuft die gesamte Sequenz fast wortlos. Nur das eine oder andere verzweifelte “Nein!“ oder “Fuck!“ darf die Darstellerin über die Lippen bringen.

Es ist Regisseurin Marisol Adler und Drehbuchautor Dan Nowak hoch anzurechnen, dass sie der Versuchung, Naomis Handlungen beispielsweise mit einem ungelenken Selbstgespräch zu erklären, widerstehen. Sie versucht etwas, scheitert, dann versucht sie etwas anderes, hat Erfolg, nur um kurze Zeit später wieder zu scheitern – alles, was für die Szenen relevant ist, wird nur in Tippers ausdrucksstarkem und emotional-verzweifeltem Spiel sichtbar. In solchen kleinen unscheinbaren Momenten glänzt die Serie immer wieder und hebt sich von anderen Genre-Vertretern ab, die ihrem Publikum nicht zutrauen, Handlungen nachvollziehen zu können, die dem Show-don’t-tell-Prinzip folgen.

Wassertreten ohne Richtung und Ziel

Während die Naomi-Storyline mit Worten und Erklärungen spart, geschieht auf der Rocinante genau das Gegenteil. Hier scheint es jedoch notwendig, alles Wesentliche noch einmal Revue passieren zu lassen, damit jeder weiß, wer sich wo befindet und was als Nächstes zu tun ist. Allerdings ist dies nicht unbedingt spannend oder herausfordernd für Darsteller oder Zuschauer. Außerdem wird man das Gefühl nicht los, dass die Crew der Rocinante und die Zweier-Besatzung der Razorback, bestehend aus Bobbie Draper (Frankie Adams) und Alex Kamal (Cas Anvar), zumindest momentan lediglich Wasser treten müssen, ohne sich wirklich vorwärts zu bewegen.

Zerbröckelnde Ersatzfamilien

Die Lage um Drummer (Cara Gee) und ihre Crew spitzt sich derweilen weiter zu. Es wird aber ebenfalls klar, welches Schicksal ihr droht, sollte sie sich gegen Marco Inaros (Keon Alexander) und seine sogenannte Free Navy auflehnen. Der kleine Moment der Freude mit dem schwerelosen Wasser am gemeinsamen Essenstisch bildet den emotionalen Kern dieser Episode und wirkt wie ein flüchtiges Überbleibsel, als sie noch ohne zweifelhafte politische Agenda plündern durften. Dieser Moment ist genauso schnell wieder verflogen, wie er gekommen ist. Die Familiendynamik, die Drummer lange gesucht und sich hart erkämpft hat, weist schon wieder erste Risse auf, und es scheint lediglich eine Frage der Zeit zu sein, bis sie vollends auseinander bricht.

Die Serie hat sich weitestgehend erfolgreich bemüht, den Terroristen rund um Marco, seinem Sohn Filip und Cyn ein menschliches und nuanciertes Gesicht zu verleihen. Auf Karal (Olunike Adeliyi) trifft dies leider weniger zu. Während alle anderen die Möglichkeit haben, unterschiedliche Perspektiven einnehmen und emotional-facettenreich agieren dürfen, bleibt ihr nur die undankbare Rolle der loyalen Fanatikerin, die ohne Zögern tötet und gegen alle integriert, die sich der Free Navy in den Weg zu stellen drohen. Das klingt auf dem Papier zwar cool, wirkt hier jedoch recht eindimensional.

Bekannte politische Ränkespiele mit unbekannten Personen

Der neue UN-Generalsekretär David Paster (Sugith Varughese) wirkt bei seiner Ansprache sichtlich nervös, bescheiden und verunsichert. Insbesondere wenn es aber darum geht, den Terroristen die gerechte Strafe zukommen zu lassen, entwickelt er ein gewisses Selbstbewusstsein, als könne man ihm im Echtzeit dabei zusehen, wie er zum ersten Mal auf den Geschmack von wahrer politischer Macht kommt.

So geschieht es dann auch relativ schnell, dass er sich hinter Chrisjens Rücken (Shohreh Aghdashloo) mit Admiral Delgado (Michael Irby) berät, wenn es darum geht, einen Gegenschlag durchzuführen, der das Leben einer nicht unerheblichen Menge an Zivilisten fordern könnte. Letztendlich muss er sich mit den moralisch-ethischen Fragestellungen beschäftigen, denen sich jeder Staatsführer in Zeiten des Terrors stellen muss. Paster scheint aber nicht lange zu zögern und alle Vorbereitungen zu treffen, die auf das Schlimmste hinauslaufen. Auch dieser Handlungsstrang wirkt leider etwas vorhersehbar. Diese politischen Ränkespiele sind schon zu genüge bekannt, und letztendlich bleibt es fraglich, wie viel Spannung und Dramatik diese erzeugen können, zumal zwei der drei hier wichtigen Figuren noch relativ unbekannt sind.

Fazit:

Was sich schon in den letzten Episoden angedeutet hat, wird durch "Kieselstein im Meer“ noch einmal besonders evident: Das Aufsplitten in viele verschiedene, kleine Handlungsbögen gewährt  zahlreichen altbekannte und heißgeliebten sowie neueren Figuren nicht genügend Bewegungsspielraum. Die Folge ist, dass die Zuschauer mal zwei Minuten hier verbringen und mal zehn Minuten dort, ohne dass es möglich ist, wirklich in eine Storyline zu investieren.

Abgesehen von Naomi und Schauspielerin Dominique Tipper, die ihre Sache ganz wunderbar macht, bleibt für alle anderen nicht genügend Zeit. Verständlicherweise ist das auch keine leichte Aufgabe für Drehbuchautoren und Regisseure, so viele Bälle auf einmal zu jonglieren. Dennoch haben Handlung und sogar einige Charakterentwicklungen, die sich nur zentimeterweise fortbewegen, darunter zu leiden.

Immerhin lohnt sich der Abspann: Kritik zu Dark Justice - Du entscheidest!

dark_justice.jpeg

Jake De Long (Martin McCann) ist einer der besten Programmierer der Welt. In einem verlassenen Lagerhaus in Luxemburg arbeitet er an einer geheimen Website, die demnächst live gehen soll. Doch die Polizei sitzt ihm im Nacken und steht kurz davor, sein Versteck zu stürmen. Es gelingt ihm zu entkommen und nach Kanada zurückzufliegen, wo seine Kollegin Valérie (Astrid Roos) auf ihn wartet, um ihre eigentliche Lebensmission zu erfüllen: die Entführung von vier global einflussreichen Persönlichkeiten. Das Ziel ist es, sie dazu zu bringen, ihre Umweltsünden zu gestehen, während sie live über Jakes Website im Internet übertragen werden. Die Zuschauer sollen entscheiden – schuldig oder nicht …

Die Inhaltsangabe zu Dark Justice - Du entscheidest! hätte das Potential zu einem eigentlich spannenden Thriller. Hätte. Eigentlich. Leider tappt der Film von Regisseur Pol Cruchten in einige Fallen, die der Geschichte nach und nach die Spannung nehmen.

Dabei legt Dark Justice - Du entscheidest! einen soliden Start hin. Die Wahl der vier global einflussreichen Persönlichkeiten zur Entführung scheint die Hauptfigur Jake De Long mit Bedacht getroffen zu haben. In einem Raum finden sich Konzernchef Alain Jarnac (Philippe Duclos), die kanadische Umweltministerin Priscila Spencer-Kraft (Désirée Nosbusch), Öltycoon Jean Dubois (Yves Jacques) sowie die Asiatin Ning Tang (Mai Duong Kieu), deren Rolle aus Spoilergründen hier nicht näher erläutert wird, wieder. Via Bildschirm schaltet sich eine fiktive Figur hinzu und listet nach und nach die Verfehlungen der Entführten auf - dabei wird alles per Livestream übertragen. Das Publikum des Streams hat nur eine Aufgabe: Darüber zu entscheiden, ob die Entführten schuldig oder unschuldig sind.

Eine Website braucht ein call to action!

Allerdings nutzt die Geschichte hier so gar nicht die Möglichkeiten, die sich hier bieten. Abgesehen davon, dass die Situation mit den Entführten in dem Raum Potential für ein beklemmendes Kammerspiel geboten hätten, suggerieren Titel und Inhaltsangabe, dass das Streaming-Publikum interaktiv handeln kann; dabei scheint die anonyme Masse, die sich an dem Schauspiel weidet, gerade einmal einen Votingbutton drücken zu müssen. Nämlich “schuldig” und “unschuldig”. Bekommen die Entführten dann noch einen Schwarz-Weiß-Anstrich, weiß man sofort, in welche Richtung die Entscheidung gehen wird. Schuldig. Aber so was von.

Damit auch keine Zweifel daran bestehen, dass wenigstens der Konzernchef Jarnac böse ist und zwar so richtig und doll, zieht der Film Parallelen zu einem weltbekannten Konzern mit Sitz in der Schweiz. Und das nicht mal zufällig, denn die Parallelen geben sich keine Mühe zu verbergen, auf wen hier angespielt wird. Denn die Gruppierung um De Long klagt an, dass Jarnacs Unternehmen die Wasserrechte in Gebieten erwirbt, wo sauberes Wasser mit das höchste Gut ist - und das dort gewonnene Wasser weiterverkauft. Der Hauptsitz von Jarnacs Konzern ist in Genf. Klingt alles bekannt? Soll es auch.

Und genau an dieser Stelle wird der Film nervig. Jarnac gibt sich wie ein bockiges Kind, fast erwartet man, dass er sich trotzig auf den Boden wirft und einen formvollendeten Tobsuchtsanfall bekommt. Na ja. Eigentlich bekommt er ihn auch, schließlich darf die Figur lauthals “FAKE NEWS!!!” brüllen - und man war noch nie so froh, dass eine real existierende Person, die diesen Formulierung in den letzten vier Jahren inflationär gebraucht hat, seit dieser Woche aus ihrem Kinderzimmer ausziehen musste.

Fake News!

Nervig ist auch, dass die Entführer auf jede Finte reinfallen, die die Entführten so nutzen, damit sie ihre Entführer überwältigen können. Jede Aktion, die in Dark Justice - Du entscheidest! zu sehen ist, steht im Handbuch “Wie Sie sich aus einer Entführungssituation befreien” direkt im ersten Kapitel. Dadurch ist die Handlung auch so vorhersehbar, dass es reicht, ihr nur mit einem Auge zu folgen und ihr nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit zu schenken.

Außerdem schießt sich das Drehbuch mitunter selbst ins Knie. Über Umweltsünden sollen nicht nur die Entführten, sondern auch die Zuschauer nachdenken. Man kann großzügig darüber wegsehen, dass Aktivist De Jong erst einmal lecker mit dem Flugzeug um den halben Globus jettet, um seinen Plan in die Tat umzusetzen, schließlich ist nicht jeder seefest und manchmal drängt dann doch der Zeitfaktor. Ebenso kann man noch darüber hinwegsehen, dass auch Hacker mit ihrem Equipment die Umwelt belasten. Aber wenn der Film berechtigterweise auf viel zu viel Plastikmüll hinweist, die Entführten ihre Sandwiches dann jedoch erst einmal genüsslich aus Frischhaltefolie auswickeln … “merkste selber, ne?!”.

Vermutlich haben auch die Darsteller gewusst, dass sie mit ihren Rollen nicht viel bewirken können. Es war zu erwarten, dass es mit dem Ensemble keine Höchstleistungen zu sehen geben wird, aber gerade die (Nicht)-Leistung von Philippe Duclos, der die nicht gerade unwichtige Rolle von Konzernchef Jarnac spielt, sorgt für Kopfschütteln. Er kann ebenso wenig überzeugen wie Désirée Nosbusch - was jedoch ebenfalls wenig überraschend ist. Völlig blass bleiben auch die klischeebesetzten Komplizen rund um De Jong: Die Quotenfrau, der Hacker mit vermutlich indischen Wurzeln sowie der große, kräftige Kerl, der fürs Grobe zuständig ist.

Im letzten Viertel verliert sich der Film dann in irgendwelchen Handlungssträngen, die vorab mal kurz erwähnt wurden, aber auch zum Ende hin nicht wirklich aufgelöst werden. In den finalen Szenen folgt die unvermeidliche Montage, die wohl nachdenklich stimmen soll. Zugegeben, es ist nach wie vor bedrückend, kompakt vor Augen geführt zu bekommen, was wir Menschen mit unserer Welt anstellen - jedoch wirkt diese Montage nach der unschlüssig-erzählten Geschichte einfach nur plump. Das Beste an Dark Justice - Du entscheidest! Ist offen gesagt der Abspann. Denn der ist mit “Beds are burning” von Midnight Oil unterlegt. Zwar auch wieder ein wenig überraschendes Klischee. Aber dennoch ist der Song nach 34 Jahren immer noch verdammt gut.

Fazit

Mit der Prämisse hätte Dark Justice - Du entscheidest! ein spannendes Kammerspiel werden können. Leider bieten jedoch sowohl das Drehbuch als auch das Ensemble so einige Aussetzer, sodass weder Spannung noch die bei der Thematik gebotenen Denkanstöße aufkommen wollen. Wer sich dennoch sein eigenes Bild von Pol Cruchtens Film machen möchte, kann das seit 14. Januar machen. Dark Justice - Du entscheidest! ist als DVD, Blu-ray und digital erhältlich.

Oyedeng – Kritik The Expanse 5.07

SPOILER

Es macht nur Sinn, dass diese dramatische und mit Emotionen randvoll gefüllte Episode mit Erinnerungen an glücklichere Zeiten beginnt: Naomi (Dominique Tipper) und Marco (Keon Alexander) empfinden noch Liebe zueinander und zu ihrem Kind. Eine sehr warme, intime und wortlose Rückblende, die einer kalten und harten Gegenwart gegenübergestellt wird.

Im späteren Gespräch zwischen den beiden zeigt sich jedoch noch einmal, dass ihre Beziehung oft viele andere und düsterere Facetten aufwies. Exposition dieser Art kann gelegentlich umständlich und langweilig wirken. Dan Nowak, Autor dieser Episode, sowie Regisseurin Marisol Adler entscheiden sich interessanterweise dennoch nicht dafür, alles in Rückblenden zu zeigen. Das ergibt durchaus Sinn, denn abgesehen von den kleinen Momenten gemeinsamen Glücks, haben beide eine jeweils vollkommen andere Sichtweise auf ihre gemeinsame Vergangenheit. Diese Diskrepanz und die unterschiedlichen Standpunkte der beiden, mit denen sie um die Seele ihres Sohnes Filip (Jasai Chase Owens) kämpfen, ist wesentlich wichtiger und macht die Episode dramatischer und spannender.

Mutterliebe vs. Vaterliebe

Marco versteckte einst Filip, um Naomi an sich zu binden. Das sagt wiederum sehr viel über Marcos Psychologie aus, der Liebe und Freundschaft mit grenzenloser Loyalität gleichsetzt. Die Personen, die er nicht kontrollieren kann, landen schnell auf seiner Feindesliste. Mit Filip gelingt ihm das relativ einfach: Dieser wünscht sich nichts mehr als die Liebe, den Stolz und die Anerkennung seines Vaters. Marco scheint dies zu erkennen und ihm genau diese väterlichen Gefühle vorzuenthalten, um Filip gefügig zu machen.

Auch in einer späteren Szene wird Marcos Macht über Filip noch einmal deutlich: Erst erniedrigt er seinen Sohn vor versammelter Mannschaft, dann gesteht er ihm zumindest ein wenig Anerkennung zu. Gleichzeitig stellt Marco jedoch klar, dass er – und zwar nur er – im Zentrum der neuen Gürtler-Bewegung und der damit verknüpften Revolution steht. Er möchte unbedingt als Führerpersönlichkeit und zentrale Figur gesehen werden. Eine Position, die er sich in seinem Streben nach Macht und seinem Narzissmus schon gar nicht von seinem Sohn streitig machen lässt. Vielleicht empfindet er auf seine eigene verdrehte Art noch so etwas wie Liebe für Filip, allerdings erlaubt ihm die Schwäche, die er in ihm zu sehen glaubt, nicht, dieses Gefühl auszudrücken.

Ein faszinierender Kontrast zwischen den beiden Elternteilen entsteht durch eine gefühlvolle Szene zwischen Naomi und Filip. Im Gegensatz zu Marco rückt sich Naomi nicht ins Zentrum, wenn sie von vergangenen Heldentaten erzählt. Stattdessen betont sie immer wieder, dass sie nicht allein, sondern viele Menschen gemeinsam verantwortlich waren. Naomi möchte Leben bewahren, Marco möchte es zerstören – "Menschen zu töten, ist kein Ausdruck von Stärke" ist ein zentraler Satz dieser Konversation.

Als sich Naomi neben Filip setzt, wirkt sein Gesichtsausdruck fast verängstigt. Seine Stärke erscheint auch hier wieder als Fassade, die schnell zu bröckeln droht. Ähnlich unglaubwürdig wirkt seine Aussage, dass sein Vater ihn nicht kontrolliere und er sein eigener Herr sei. Der Schmerz eines von seiner Mutter verlassenen Kindes ist weiterhin sehr präsent, genauso wie Naomis Bedauern darüber, dass sie ihn einst verlassen musste. Beide Darsteller agieren in dieser emotional-komplexen Szene äußerst überzeugend.

Katharsis schützt nicht vor Verrat

Als wären nicht schon genug Tränen geflossen, geht es gefühlsbetont und dramatisch weiter. Denn auch das Gespräch zwischen Naomi und Cyn (Brent Saxton) ist von Schmerz und Bedauern geprägt. Nachdem sie mehr oder weniger ein paar Episoden um die Wahrheit herumtanzten, ist es nun an der Zeit für ein wenig erschütternde Ehrlichkeit. Insbesondere Cyns Geständnis darüber, dass er die ganze Zeit wusste, wo Marco den gemeinsamen Sohn Filip versteckt hält und dass er nur die Familie schützen wollte, die zu dem Zeitpunkt aber schon längst nicht mehr existierte, ist geradezu herzzerreißend.

Neben Dominique Tipper, die zum zweiten Mal innerhalb von knapp 50 Minuten eine schauspielerische Glanzleistung abliefert, sticht wieder einmal Brent Saxton hervor, der kurz vor seinem Expanse-Abtritt noch einmal die volle emotionale Bandbreite auffahren darf.

Cyns und Filips Betrug erscheint trotzdem unvermeidlich – Marco weiß genau, welche psychologischen Knöpfe er zu drücken hat, um den Sohn gegen die Mutter aufzustacheln und seine Freund Cyn zum Verrat zu bewegen. Naomi kann diese über Jahre verfeinerten Kontroll-Mechanismen nicht innerhalb von ein paar Tagen wieder rückgängig machen. Letztendlich bleibt ihr wieder einmal nichts anderes übrig, sowohl Filip als auch Cyn erneut und wahrscheinlich endgültig aufzugeben. Wie beim ersten Mal, als sie Filip verloren hat, begibt sie sich wieder zu einer Luftschleuse. Dieses Mal lässt sie sich allerdings wirklich ins Vakuum des Weltalls saugen.

Die Spritze, die sich Naomi während ihres Weltraumspazierganges ohne Raumanzug gönnt, wurde übrigens schon ein paar Episoden vorher eingeführt, als Holden Monica Stuart vor dem Tod per Vakuum bewahrt hat. Wenn jemand die "Logik" dieser Szene anzweifeln möchte, steht der Twitter-Account von James S.A. Corey offen, Pseudonym für das Expanse-Autorenduos. Dieser hatte einiges zu diesem Thema zu sagen und einige Kommentare und Fragen bereits beantwortet. Ein gutes Beispiel findet sich hier.

Wort- und Feuergefechte auf der Ersatzbank

Naomis Storyline stellt klar den Mittelpunkt der Episode dar, aber auch Holden darf sich in "Oyedeng" Bedauern und Zweifel erlauben – vor allem darüber, dass er Fred Johnson (Chad Coleman) nie wirklich getraut hat. Die Szenen auf der Rocinante sind emotional nicht unbedingt so ergiebig wie auf dem Gürtler-Schiff, allerdings hat sie noch einmal handfeste Weltraum-Action und spannende Raumschiff-Manöver zu bieten.

Wie schon Amos in der letzten Episode wird aber auch hier noch einmal veranschaulicht, dass Holden ebenfalls Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung benötigt, die ihn von unüberlegten Entscheidungen abhalten. Dieses Mal ist die Journalistin Monica Stuart (Anna Hopkins) die Stimme der Vernunft, die ihn davon abbringt, sich in ein Feuergefecht mit der Free Navy zu stürzen und stattdessen dem Protomolekül nachzujagen. Außerdem liefert sie gleich noch ein paar nützliche Theorien bezüglich der verschwörerischen Mars-Gürtler-Connection.

Bobbie (Frankie Adams) und Alex (Cas Anvar) müssen bereits seit mehreren Episoden mehr oder weniger auf der Ersatzbank Platz nehmen – inklusive einem kleinen Feuergefecht hier und ein bisschen freundschaftliches Scherzen dort. Bobbie darf sich dieses Mal lässig eine Kugel aus dem schusssicheren Raumanzug ziehen und Alex ein wenig mit Holden telefonieren. Es ist nicht viel, aber die Szenen sind wohl oder übel notwendig, um den Plot voranzutreiben.

Fazit:

Die Episode "Oyedeng" konzentriert sich neben einer kurzen Acton-Szene voll und ganz auf die Beziehung zwischen Naomi, Marco, Filip und Cyn. Während die letzten Episoden in dieser Hinsicht jedoch noch zurückhaltend waren, bricht hier vollends der emotionale Damm. Dennoch handelt es sich um eine der besten Episoden der gesamten Staffel. Und weil The Expanse stets auch die emotionale Seite seiner Figuren nie außer Acht gelassen hat, wirken diese Momente stets überzeugend und verdient.

Insbesondere Dominique Tipper darf hier glänzen, wird aber durch Keon Alexander, Jasai Chase Owens und Ben Saxton bestens ergänzt und unterstützt. Die Episode tut gut daran, sich weitestgehend auf dieses mitreißende psychologische Kammerspiel im Weltraum zu fokussieren und einige andere Storylines (Amos, Drummer und zum Teil auch Chrisjen) vollkommen auszublenden.

Kritik zu Outside the Wire: Anthony Mackie macht coolen Shit bei Netflix

Im Jahr 2035 befinden sich große Teile der Ukraine in einem Bürgerkrieg. Um die Situation unter Kontrolle zu bekommen, wurde in dem Land eine entmilitarisierte Zone eingerichtet, von der aus amerikanische Truppen für Frieden sorgen sollen. So wirklich erfolgreich war das US-Militär dabei allerdings nicht, sodass man mittlerweile auch Roboter an der Seite der US-Soldaten ins Feld schickt.

Nachdem der Drohnen-Pilot Thomas Harp (Damson Idris) eine folgenschwere Entscheidung getroffen hat, die zwei US-Soldaten das Leben kostete, wird er von seinem ruhigen Arbeitsplatz in den USA in das Krisengebiet versetzt. Hier untersteht er fortan dem Offizier Leo (Anthony Mackie). Wie sich allerdings bald herausstellt, ist Leo kein Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz, und zwar die erste ihrer Art. Gemeinsam mit Harp operiert Leo hinter den Kampflinien und versucht, den Terroristen Victor Koval zu finden. Dieser hat es auf ein Netzwerk alter sowjetischer Atomwaffen abgesehen, die immer noch in der Ukraine gelagert werden sollen.

Mit schnell inszenierten Action-Filmen konnte Netflix im vergangenen Jahr einige Erfolge feiern, und 2021 scheint man dem Konzept weiter treu zu bleiben. Outside the Wire erweist sich dabei als typischer Vertreter aus dem Netflix-Portfolio. Oft handelt es sich um Produktionen, die früher vergleichsweise günstig für das DVD-Regal in der Videothek produziert worden wären. Heute bekommen diese Filme von Netflix das zehnfache Budget, erfüllen aber immer noch den gleichen Zweck der eher leichten Unterhaltung auf dem heimischen Sofa.

Im Falle von Outside the Wire kann man dem Film aber zumindest zugute halten, dass man versucht, etwas differenzierter an die Sache heranzugehen. Themen wie der Einsatz von Drohnen, die oft dubiosen Interessen an einem bewaffneten Konflikt Beteiligter und die zivilen Opfer werden angeschnitten. Allerdings passiert das meist mit dem Holzhammer, wirklich tiefgreifend beschäftigt sich das Drehbuch mit dieser Materie nicht.

Im Grunde genommen muss Outside the Wire dies auch nicht, schließlich handelt es sich vornehmlich um einen Action-Film mit leichtem Sci-Fi-Setting. Die Action an sich fällt aber auch nur in die Kategorie nett und nicht viel mehr. Viele Dinge hat man in anderen Filmen schon deutlich besser gesehen, was auch die Optik und das Setting an sich betrifft. Die besten Szenen sind die, in denen Anthony Mackies Leo von der Leine gelassen wird. Da Mackie aber auch selbst als Produzent am Film beteiligt war, drängt sich irgendwann aber auch der Gedanke auf, dass die Daseinsberechtigung für Outside the Wire vor allem "Anthony Mackie macht coolen Shit" war.

Mackie spielt dabei wieder gewohnt sympathisch, auch wenn er sich darstellerisch kein Bein ausreißt. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, als könne Mackie Figuren wie Leo mittlerweile im Schlaf spielen. An seiner Seite ist Damson Idris zu sehen, der bisher vor allem durch Episoden in The Twilight Zone und Black Mirror auf sich aufmerksam machen konnte. Auch Idris macht seine Sache sehr gut und spielt den Soldaten, der unverhofft mitten in einem Krisengebiet landet, durchaus glaubwürdig. Allerdings kann auch die darstellerische Leistung das letzte Drittel des Films nicht mehr retten.

Auch wenn man Outside the Wire über zwei Drittel einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen kann, am Ende fällt der Film leider vollkommen auseinander. Dabei hilft es auch nicht, dass gewisse Entwicklungen bereits im Trailer vorweggenommen wurden. Aber auch ohne diesen Spoiler entwickelt sich die Geschichte in eine erwartbare und gleichzeitig aber auch wenig nachvollziehbare Richtung. Vor allem vor dem Hintergrund, dass im ersten Drittel eine Menge Zeit für Exposition aufgewendet wird, wundert es, dass das Drehbuch vollkommen vergisst, gewisse Motivationen für spätere Entwicklungen aufzubauen. So werden bestimmte Pläne erst am Ende in einem eher langweiligen Gespräch enthüllt und selbst dann bleiben die Dialoge ziemlich nebulös.

Hinzu kommt, dass dem Film auch actiontechnisch zum Schluss die Puste ausgeht. So setzten die Macher im Finale eher auf Spannung, aber so wirklich will dies ebenfalls nicht funktionieren. Viele Action-Filme können ihre schwache Geschichte oft zumindest mit einem actionreichen und explosiven Finale kaschieren. Outside the Wire gelingt weder ein inhaltlich rundes noch ein actionreich eindrucksvolles Ende.

Fazit

Outside the Wire ist ein weiterer Netflix-Film, der nicht wehtut, wenn man an einem Samstagabend Lust auf etwas Action hat. Wirklich viel Neues oder Innovatives sollten die Zuschauer aber nicht erwarten. Vor allem zum Ende hin macht sich leider das extrem schwache Drehbuch bemerkbar, was die Macher dann auch nicht mehr mit einer guten Action-Szene verdecken können.

Kritik zu WandaVision: Die Marvel-Serie startet Phase 4 bei Disney+

WandaVision 01.jpg

WandaVision Episode 1

Das letzte Mal, als Wanda Maximoff und Vision gemeinsam auf der Leinwand zu sehen waren, stellten sie sich dem Tyrannen Thanos entgegen. Beiden Marvel-Helden kostete dieses Unterfangen das Leben, nur Wanda kehrte fünf Jahre später wieder zurück. Über das Schicksal von Vision herrschte dagegen Ungewissheit, doch auch er scheint in irgendeiner Form noch zu existieren.

In WandaVision finden sich Wanda und Vision in einer amerikanischen Vorstadt in den 50er-Jahren wieder. Sie versuchen, ein normales Leben zu führen, in dem sie ihre Fähigkeiten und das Aussehen von Vision vor den anderen Menschen verstecken. Dem Paar wird allerdings auch bald klar, dass etwas nicht zu stimmen scheint. So fehlen ihnen signifikante Informationen über ihr früheres Leben wie die Tatsache, wann sie geheiratet haben, wie lange sie sich kennen oder woher sie eigentlich kommen. Zudem beginnen sich schon bald mysteriöse Ereignisse zu häufen und die Idylle der Kleinstadt droht auseinanderzubrechen

Rund eineinhalb Jahre mussten sich Marvel-Fans nach dem Ende von Spider-Man: Far from Home gedulden, bevor es mit neuen Abenteuern aus dem MCU weitergeht. Dies ist die längste Wartezeit zwischen seit Der unglaubliche Hulk und Iron Man 2, die 2008 und 2010 in die Kinos kamen. Und es lässt sich argumentieren, dass die Pause dem MCU durchaus gut getan hat. Nach dem großen Spektakel im Jahr 2019 konnte sich so wieder Vorfreude aufbauen, daher war es vielleicht gar nicht so schlecht, dass 2020 aufgrund der Corona-Krise keine Marvel-Filme in die Kinos kamen.

Mit WandaVision startet nun offiziell Phase 4 des MCU, und es lässt sich gleich zu Beginn festhalten, dass man es hier wirklich einmal mit einem Vertreter zu tun, der sich deutlich von den bisherigen Filmen (Serien wie Daredevil oder Agents of S.H.I.E.L.D. dürften sich mittlerweile offiziell als "nicht zum Kanon gehörend" einstufen lassen) unterscheidet. Schon im Vorfeld war klar, dass die Macher rund um Showrunner Jac Schaeffer auf das Konzept der Sitcoms in verschiedenen Dekaden setzen würden, und nach den ersten beiden Episoden kann man nur sagen, dass man dieses wirklich sehr verinnerlicht.

Während die erste Folge, die den einfachen Titel "Episode 1" trägt, sich an amerikanischen Comedyserien aus den 50ern orientiert, macht man in der zweiten Folge bereits einen Sprung in die 60er und frühen 70er. Der Stil der jeweiligen Dekade wird dabei sehr toll eingefangen und der Humor funktioniert ebenfalls ziemlich gut, auch wenn dieser natürlich immer Geschmackssache ist.

Festhalten lässt sich dabei allerdings, dass das Mysterium darum, wo genau Wanda und Vision nun eigentlich sind und was sie dahin gebracht hat, sehr langsam vorangetrieben wird. Beide Folgen sind eher Sitcom-Folgen mit einer Prise Rahmenhandlung. Aus diesem Grund muss man auch festhalten, dass WandaVision zumindest bisher wie eine Serie wirkt, die nicht unbedingt von dem wöchentlichen Ausstrahlungsrhythmus profitiert und eher für Bingen geeignet scheint. Dies kann sich mit einem stärkeren Fokus auf die Rahmenhandlung in späteren Folgen aber auch noch ändern.

Dass die beiden Episoden trotzdem wirklich unterhaltsam sind, haben sie vor allem ihren beiden Hauptdarstellern zu verdanken. Elizabeth Olsen und Paul Bettany haben schon auf der Leinwand eine tolle Chemie, und auch in ihrer ersten Serie funktioniert das Duo sofort wieder. Gerade Olsen scheint zudem einen großen Spaß daran zu haben, die klassischen Sitcoms wieder aufleben zu lassen und ist ganz klar ein Fixpunkt der Serie.

Bei den Neuzugängen im MCU wie Kathryn Hahn als Agnes oder Asif Ali als Norm lässt sich dagegen bisher noch kein wirkliches Urteil bilden. Die Darsteller funktionieren in ihren Sitcomrollen sehr gut, wirklich einen Eindruck konnten sie aber noch nicht hinterlassen. Hahn spielt beispielsweise die typische Klischeefreundin von Nebenan und tut dabei genau das, was man von einer solchen Rolle eben erwartet. Fans von Die wilden Siebziger dürfen sich zudem über einen Auftritt von Debra Jo Rupp freuen, bei der es ebenfalls Spaß macht, sie wieder einmal in einem Sitcom-Setting zu sehen.

Fazit

WandaVision ist der erwartet ungewöhnliche Start in die 4. Phase von Marvels Cinematic Universe. Die Macher haben sich voll und ganz den amerikanischen Sitcoms verschrieben und setzen dieses Konzept auch hervorragend um. Darunter leidet allerdings etwas das Mysterium, bei dem es in den ersten beiden Folgen nur im Schneckentempo vorangeht. Die unterhaltsamen Comedygeschichten und vor allem die stark aufgelegten Hauptdarsteller trösten darüber aber locker hinweg.

Stämme – Kritik zu The Expanse 5.06

SPOILER

Es geschieht selten, dass das Expanse-Publikum Chrisjen Avasarala (Shohreh Aghdashloo) absolut niedergeschlagen, fassungslos, ängstlich und ohne jede Kontrolle über die aktuelle Situation oder ihre eigene Emotionen erlebt. Aghdashloo spielt diese Szene fabelhaft und auch äußerlich überzeugend mit einem vergrämten eingefallenen Gesicht sowie zitternden Händen. Sie schafft es gerade noch so, sich zusammenzureißen, während sie den Minister für Transportwesen und jetzt neuen UN-Generalsekretär David Paster (Sugith Varughese) in ihrem Mond-Büro empfängt.

Es handelt sich nicht unbedingt um eine dramatische, aber dennoch um eine wichtige Konversation: Der neue Generalsekretär erkennt sofort, dass er für seine neue Aufgabe nicht das notwendige Rüstzeug mitbringt und holt die wesentlich erfahrene Chrisjen für eine Kabinetts-Position an Bord. Die Szene sagt generell mehr über ihren Geisteszustand aus, als den Plot voranzutreiben. Nebenbei und ohne eigenes Zutun schafft sie es dennoch, sich wieder eine Machtposition anzueignen, auch wenn der Preis dafür sehr hoch war.

Der Winter ist da

Der Winter ist mittlerweile auf der Erde angebrochen. Clarissa (Nadine Nicole) und Amos (Wes Catham) haben inzwischen eine Dynamik entwickelt, die von einer Mischung aus unterhaltsamer Schlagfertigkeit und ehrlicher Konversationen über die jeweilige eigene Vergangenheit und über den aktuellen emotionalen Zustand geprägt ist. Hier werden noch einmal der ungleiche Lebensverlauf und die vollkommen unterschiedlichen Hintergründe und Herkunft der beiden ungleichen Freunde deutlich: Während Clarissa eine behütete Kindheit genießen konnte, bei der sie auf Klassenfahrt Bäume pflanzte, musste Amos in seiner Jugend schon ums Überleben kämpfen.

Das zeigt sich auch in ihrem Verhalten, wenn sie Menschen in dieser neuen apokalyptischen Welt begegnen: Clarissa steht dem reisenden Fremden (Tony Munch), der sich an seinem Feuer wärmt, äußerst vertrauensvoll gegenüber. In Amos wächst bereits das Misstrauen, als dieser Fremde Clarissas Jacke bewundert. Als dieser ihnen noch einen Drink anbietet, hat Amos genug. Schauspieler Tony Munch leistet in dieser kleinen Rolle gut Arbeit. Weder durch seine Darstellung noch durch die Inszenierung wird deutlich, welche Intention dieser Fremde hat, falls überhaupt eine Intention vorhanden ist. Diese Ambiguität wird bis zum Ende nicht aufgelöst, zumindest nicht in dieser Episode.

Ganz anders läuft die Konfrontation mit einem Herren ab, der Haus und Hof mit einem futuristischen Gewehr und einer menschlichen Attrappe verteidigt, die er für seinen Sohn ausgibt. Prepper gibt es anscheinend auch in der Zukunft, was wenig verwunderlich ist. Der Versuch, rational mit diesem Menschen zu verhandeln beziehungsweise eine Angriffsmöglichkeit zu finden, wirkt verzweifelt und unüberlegt. Und das wird Amos schnell selbst klar.

Eine interessante Entscheidung von Autorin Hallie Lambert und Regisseur Jeff Woolnough, die Episode mit dieser Feststellung enden zu lassen. Amos ist sich selbst bewusst, dass sein moralischer Kompass nicht funktioniert, beziehungsweise, dass seine Crew/seine Freunde/seine Familie diese Funktion erfüllten. Das führt einerseits dazu, dass er das kleine bisschen Menschlichkeit verliert, das er sich in den letzten vier Staffeln erkämpft hat, und dass er unvernünftige Risiken eingeht. Zwar kann Clarissa als sowas wie sein Gewissen in dieser Episode fungieren, ihre Verzweiflung treibt sie selbst zu moralisch fragwürdigen Taten, auch wenn sie hinterher Zweifel und Gewissensbisse plagen.

Raumschiff-Reboot und Weltraum-Manöver

In den anderen Gefilden der Galaxis passiert im Grunde nicht viel: Holden (Steven Strait) versucht, die Rocinante neu zu starten, und Reporterin Monica Stuart (Anna Hopkins) möchte es sich nicht nehmen lassen, an der nächsten Mission teilzunehmen. Auf Holden wartet eine Nachricht von Naomi (Dominique Tipper), die sie wahrscheinlich schon vor ihrer Abreise vorbereitet hat, falls sie aus irgendeinem Grund nicht zurückkehrt. Offensichtlich ist er noch nicht bereit, sich diese Mitteilung anzusehen, weil es auch zum Teil bedeuten würde, dass er sie schon aufgegeben hat. Ein knuffiges und im Grunde auch sinnvolles Detail ist, dass Holden für Monica eine Art Gast-Account einrichtet, mit dem sie einen eingeschränkten Zugang zu den Raumschiff-Funktionen erhält.

Kreative Weltraum-Kampfmanöver konnte The Expanse stets spannend und clever inszenieren. Bobbie (Frankie Adams) darf in dieser Episode wieder zeigen, was in ihrem Space-Suit steckt. Action, Explosionen, Bomben und ausfahrbare Space-Korridore – die Szene hat alles, was ein solcher Kampf benötigt, um ein wenig Abwechslung in die ruhige und dialoglastige Episode zu bringen. Es zeigt sich aber auch, dass durch die Fragmentierung der einzelnen Parteien manche Figuren auf etwas unbefriedigende Weise nur wenig Zeit pro Episode erhalten.

Zweifelhafte Heilsversprechen

Die Episode fokussiert sich neben Amos und Clarissa deutlich auf Marco (Keon Alexander) und seine Free Navy. Dieser verliert langsam die Geduld mit seiner Crew, mit Naomi und seinem Sohn Filip (Jasai Chase Owens). Die Tatsache, dass die Rocinante dank Naomis Einschreiten offensichtlich nicht explodiert ist und die Verfolgung aufgenommen hat, trägt offensichtlich zu seinem Wutausbruch bei. Gleichzeitig zeigt er langsam sein wahres Gesicht, falls er es in den Episoden zuvor noch nicht deutlich genug getan hat: Als großer Redenschwinger, der die Drecksarbeit – in diesem Fall Naomi aus der Luftschleuse werfen – lieber jemand anderem überlassen möchte.

Naomi stellt für Filip wahrscheinlich noch so etwas wie ein letztes Bisschen Menschlichkeit dar, die er sich bewahren möchte, nachdem er zumindest mitverantwortlich für den Tod mehrerer Millionen Menschen ist. Vielleicht erkennt er in seiner Mutter auch einfach etwas, was er in seinem eigenen Vater nicht sehen kann: Eine Person, die bereit ist, sich für die Menschen aufzuopfern, die sie liebt. Schauspieler Brent Saxton leistet als Cyn wieder gute Arbeit, während er Marco zur Sau macht und sich zwischen ihm und Naomi und Filip stellt.

Die Piratenbande um Drummer herum muss sich schnell eingestehen, dass sie der Feuerkraft von Marcos Free Navy haushoch unterlegen sind. Der Freund-oder-Feind-Einstellung, mit der Marco seine eigene und andere Gürtler-Fraktionen gefügig macht, haben sie ebenfalls nicht viel entgegenzusetzen. Gleichzeitig ist Marco in seiner pompösen Vision für die Zukunft seines Volkes äußerst verführerisch. Das praktische an diesen Big-Picture-Visionären ist, dass sie sich nicht um die Alltagsprobleme ihrer Untergebenen kümmern müssen, solange sie in der Lage sind, große Reden zu schwingen.

Als ein Mitglied von Drummers Besatzung akuter Nahrungsknappheit erzählt, schwärmt er von einem Nahrungsüberfluss in ferner Zukunft. Das löst zwar nicht die Probleme im Hier und Jetzt, kann aber anscheinend viele Gürtler-Fraktionen überzeugen, sich ihm anzuschließen. Drummer selbst befindet sich in einer unmöglichen Position: Sie möchte keinen offenen Krieg, allerdings wäre sie wahrscheinlich vogelfrei vollkommen allein im Universum unterwegs, wenn sie sich Marco und der Free Navy verweigern würde.

Fazit

Der Plot schreitet an dieser Stelle nur langsam voran. Vielmehr geht es immer noch darum, über die Ereignisse der letzten paar Episoden hinwegzukommen, und im Zuge dessen, die eigene Menschlichkeit nicht zu verlieren, sofern sie überhaupt vorhanden war. Im Moment spielt sich weiterhin noch vieles auf Charakter-Ebene ab und es macht sich weiterhin bezahlt, dass die Serie diese immer gut managen konnte, und die Darsteller aus verhältnismäßig wenig Spielraum viel herausholen können.

Es ist aber erfreulich, dass einzelne Handlungsstränge langsam zusammengeführt werden, denn viel Zeit bleibt nicht pro Episode, um alles und jeden wirklich befriedigend abzudecken. Insbesondere Alex (Cas Anvar) und Bobbie sowie Holden und seine behelfsmäßige Besatzung haben darunter zu leiden.

Pages

Subscribe to RSS - Kritik