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Kritik zu Young Justice Staffel 1: Auf den Spuren der Justice League

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Young Justice

Im Jahre 2019 sollte es nicht lange dauern, bis man jemanden findet, der die MCU-Avengers-Teammitglieder der ersten Stunde problemlos aufzählen kann. Seit dieser besondere Zusammenschluss von Superhelden dank Stan Lee und Jack Kirby 1963 erstmals in einem Comic auftauchte, waren die Rächer, wie sie hierzulande zunächst genannt wurden, wohl nie so populär wie heute. Allerdings waren sie - obwohl die Filmveröffentlichungspolitik der beiden großen Konkurrenten Marvel und DC respektive Disney und Warner etwas anderes suggerieren - nicht die erste Vereinigung an Kämpfern für das Gute, die in den USA im Laufe der Jahrzehnte immer wieder die Erde zu retten hatte. Denn bereits 1960 hatte die Justice League das Licht der Panel-Welt erblickt. Entscheidender als dieser kleine Vorsprung ist jedoch die Tatsache, dass der Trend, Gruppen von Helden gegen Superschurken antreten zu lassen, schon seit über fünfzig Jahren existiert und bis zum heutigen Tage anhält.

Neben den Aushängeschildern der beiden Wettbewerber gibt es aber noch weitere Teams, die sich der fiktionalen Verbrechensbekämpfung verschrieben haben. Weit weniger bekannt als die berühmte Liga der Gerechten sind die sogenannten Teen Titans von DC. Wie es der Name bereits andeutet, handelt es sich hierbei um die jüngeren Partner der Heroenprominenz (Batman, Aquaman, Flash usw.) wie Robin, Aqualad oder Kid Flash. Dieses Gründungstrio (erstmals 1964 mit einem gemeinsamen Auftritt in einem Heft) blieb nicht lange alleine respektive wurde im Laufe der Zeit die Kernbesetzung immer wieder verändert. Und nicht nur das: Spätestens seit dem Start der neuesten Realserie aus dem Hause DC mit dem Titel Titans ist die Junior-Liga auch immer mehr Nicht-Langzeitfans ein Begriff. Dass im Popkultur-Sektor sehr gern umbenannt wird respektive irgendwann Umbenennungen dann auch - gefühlt noch lieber - wieder rückgängig gemacht werden, ist kein Geheimnis. Dennoch geht es in diesem Fall viel mehr darum, dass man gewissermaßen den Reifeprozess des Urteams zum Ausdruck bringen wollte. Denn aus der ersten Generation der Teen Titans wurden eben im Laufe der Zeit die Titans, wodurch neue Gesichter in das Teen-Team nachrücken konnten. Und daher sollte sich auch niemand darüber wundern, dass in der Comic-Welt die Titanen zeitgleich mit und ohne den Zusatz “Teen“ anzutreffen sind. 

Im Jahre 2010 sollte man seitens DC dann allerdings ganz tief in die Kreativkiste greifen und eine Zeichentrickserie mit dem Namen Young Justice aus dem Hut zaubern. Und obwohl man sich, was die Protagonisten anbelangte, exakt aus dem Pool der traditionellen (Teen-)Titans-Charaktere bedient hatte, merkte man diesem Format dennoch direkt eine Ambitioniertheit an, die man bis dato im Kontext mit dem Nachwuchs der Gerechten so noch  nicht gesehen hatte. Grund genug, sich einmal etwas genauer mit diesem (Noch-)Geheimtipp zu beschäftigen.

Young Justice

Wie man große Fußstapfen füllt (in mehreren Staffeln)

Wer in den Neunzigern Kind war und Cartoons liebte, hatte gute Chancen früher oder später auf die Animated Series von DC zu treffen: Batman - The Animated Series (BTAS) und Superman - The Animated Series (STAS). 1999, 2001 und 2004 folgten schließlich noch Batman Beyond/Batman of the Future, Justice League und Justice League Unlimited. Obwohl auch die Marvel-Kreationen New Spider-Man oder X-Men bis heute unglaublich beliebt sind, hatte DC insgesamt einfach doch in Sachen gezeichnete Serien überzeugender abgeliefert. In dieser glorreichen TV-Ära liegt im Übrigen die bis heute von vielen Popkulturfans gelebte Überzeugung begründet, dass der große Konkurrent des “House of Ideas“ zwar auf der Leinwand auf absehbare Zeit nicht mit dem MCU wird mithalten können, aber auf den kleinen Bildschirmen wohl auf Sicht die Nase vorn haben wird.

Die beiden Namen, die untrennbar mit dieser Erfolgsgeschichte verknüpft sind, lauten bekanntlich Bruce Timm und Paul Dini. Ersterer war maßgeblich für den Look verantwortlich (hat allerdings auch viel Einfluss auf den Verlauf der Handlung genommen) und Zweiterer ausschließlich für die inhaltliche Ausrichtung der Kinderprogrammhits. Die Kreativen waren fest entschlossen, die Grenzen des Erlaubten auszutesten (insbesondere bei BTAS), was sicher auch ein Grund dafür war, weswegen ihre Werke bis heute einen exzellenten Ruf in der Fanszene genießen.

2010 dann die kleine Sensation: Kein Vertreter des dynamischen Duos würde an Young Justice mitwirken. Stattdessen übertrug DC Brandon Vietti, der zuvor beispielsweise schon an The Batman oder Batman: The Brave and the Bold mitgearbeitet hatte, und Greg Weisman die Verantwortung. Letzterer Name dürfte bei Cartoon-Liebhabern spätestens dann Begeisterungsstürme auslösen, wenn man ihnen sagt, was auf dessen Referenzliste zu finden ist. Weisman ist nämlich unter anderem der Kopf hinter der womöglich durchdachtesten und komplexesten Disney-Serie überhaupt - die der Mausohren-Konzern (nebenbei bemerkt) unverständlicherweise geradezu stiefmütterlich behandelt: Gargoyles - Auf den Schwingen der Gerechtigkeit. Außerdem geht The Spectacular Spider-Man ebenso auf Weisman zurück wie die vielgelobten Star-Wars-Comics Kanan - Der letzte Padawan sowie Kanan - Das erste Blut.

Dieser Mann hat also bei beiden US-Entertainment-Giganten seine Spuren hinterlassen und gerade mit den ersten zwei Staffeln seiner jungen Helden unglaublich viel für das Image von klassischen Zeichentrickproduktionen getan - in einer Zeit, in der viel zu oft proklamiert wird, dass Computer-animierte Serien und Filme das Maß aller Dinge seien. Daher kam es umso überraschender, als 2013 verkündet wurde, dass es trotz eines großen Cliffhangers in Episode 46 (vorerst) keine weiteren Folgen geben würde. Hauptsächlich hätte das laut Greg Weisman mit den zu geringen Spielzeugverkäufen zu tun gehabt - ein Faktor, der auch bereits bei der Absetzung von Gargoyles eine Rolle gespielt hatte und dessen Bedeutung für den Fortbestand von Cartoons generell nicht unterschätzt werden darf. Doch was heutzutage noch weniger unterschätzt werden darf, ist die Macht des Internets beziehungsweise der Fans. Denn letztendlich waren sie es, die, nachdem Netflix Anfang 2016 Young Justice in sein Portfolio aufgenommen hatte, durch eine Art “Dauer-Bingen“ bewirkten, dass der Streamingriese eine weitere Staffel in Auftrag gab. In den USA debütierte diese Anfang 2019 auf dem neuen DC-eigenen Streamingservice DC Universe, während sie in der restlichen Welt auf Netflix zu finden sein wird. Bis es so weit ist, lohnt ein Blick auf die Anfänge dieses  Ausnahmetitels, der, wie kürzlich bekanntgegeben wurde, auch eine vierte Staffel erhalten wird.

Young Justice

Inhalt

Aus den Assistentenschuhen waren Robin, Kid Flash und Aqualad zwar mittlerweile herausgewachsen, ihre Mentoren kamen aber nach einem intensiven Austausch zu der Überzeugung, dass sie noch nicht bereit dafür seien, der Justice League beizutreten.

Die Konsequenz: Die nächste Generation erhielt ein eigenes Geheimversteck, den sogenannten Mount Justice, in Red Tornado und Black Canary feste Ausbilder, und immer wieder auch echte Missionen, die anspruchsvoll waren, allerdings eben noch nicht unbedingt das Mitwirken der Liga der Gerechten vorausgesetzt hätte. Indirekt waren deren Mitglieder jedoch schon stets involviert, da sich im Wechsel auch immer wieder einzelne von ihnen den Anwärtern temporär annahmen.

Artemis, Superboy und Miss Martian komplettierten die Truppe, die, wie sich schnell herausstellte, von Anfang an deutlich mehr gefordert war, als man ursprünglich hätte annehmen können.

Justice Junior League? Nein, viel mehr!

Wenn man es richtig angeht, schlägt im Zeichentrickbereich wenig bis nichts eine gut gemachte Superheldenserie. Und richtig angegangen sind es zweifellos Brandon Vietti und Greg Weisman im Falle von Young Justice. Den zwei alten Branchenhasen war ganz offensichtlich vollkommen bewusst, dass es ihnen nur nützen könnte, wenn sie von Anfang an Anhänger von Justice League respektive Justice League Unlimited ebenso ansprechen würden wie Vertreter einer jüngeren Generation, die eventuell bis dato noch nicht einmal einen richtigen Bezug zu den großen Comic-Universen hatten. Dass es den beiden Hauptverantwortlichen damit sehr ernst war, erkennt man schon überaus deutlich in den ersten Episoden - vor allem in der Pilotepisode “Unabhängigkeitstag/Independence Day“.

Der Zuschauer wird mittels der bestens bekannten Granden wie Batman oder Superman abgeholt und zügig mit denen vertraut gemacht, die schon in den Startlöchern stehen, um aufzurücken. Der prominenteste Assistent ist sicherlich Robin, der kongeniale Partner des dunklen Ritters. Ein schönes Detail: Es ist wieder Richard John “Dick“ Grayson, also der erste Robin - Kenner wissen, dass es mittlerweile mehrere Boy Wonders gibt, die es in den Comic-Kanon geschafft haben. Dieser ist wieder deutlich jünger als in The Adventures of Batman & Robin, der zweiten BTAS-Staffel, der man einen eigenen Namen spendierte, und in der der junge Mann mit grüner Hose deutlich mehr in den Fokus rückte.

Außer ihm macht das Publikum noch zeitig Bekanntschaft mit Kid Flash alias Wally West und Aqualad alias Kaldur’ahm. Ihre Alter Egos geben den entscheidenden Hinweis: Sie wurden von dem Blitz (Flash) und dem König der Meere (Aquaman) höchstselbst ausgebildet. Zu den dreien gesellen sich im Laufe der Zeit noch Artemis (Crock), Miss Martian alias M’gann M’orzz und Superboy alias Conner Kent. Letzteren entdeckte das Gründungstrio noch alleine im Rahmen des ersten größeren Abenteuers. Und spätestens mit dem Einführen dieser Figur unterstrichen die Macher sehr deutlich, welche inhaltliche Schwerpunkte das weitere Geschehen bestimmen würden.

Young Justice

Der Offensichtlichste ist natürlich das Aus-dem-Schatten-ihrer-Mentoren-heraustreten-Wollen. Was die einzelnen Folgen aber erst so überdurchschnittlich gut macht, ist, dass der Zuschauer von Beginn an nicht nur mit der Truppe sympathisiert, sondern eine echte Bindung zu mindestens einem der aufstrebenden Helden aufbaut. Und dass dem so ist, hat primär damit zu tun, dass wir den nicht ganz normalen Teenagern dabei zusehen, wie sie an Herausforderungen wachsen und aus Rückschlägen - eventuell auch mit zeitlicher Verzögerung - etwas lernen. Und wenn sogar Liebe eine Rolle spielt, sollte jeder zu dem Schluss kommen, dass die Fans ihre Lieblinge beim Erwachsenwerden begleiten - und das stets parallel zu Weltrettungsmissionen.

Hierin besteht eindeutig das Erfolgsgeheimnis des Formats: Denn dieser Prozess passt einerseits zu ihrem Wunsch, vollwertige Justice-League-Mitglieder werden zu wollen und läuft andererseits bei jedem Jugendlichen doch sehr individuell ab. Exakt das ist auf den Bildschirmen im Zeitraum zwischen dem 4. Juli und Neujahr eines nicht näher bestimmten Jahres zu bewundern: Eine Gruppe unterschiedlichster Persönlichkeiten, von denen jeder trotz seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten sein Päckchen zu tragen hat. Alle sechs werden im Laufe der Staffel mehr als einmal mit ihren inneren Dämonen konfrontiert - alleine, in einer Klein- oder in der Großgruppe. Jeder dieser Erzählstränge könnte mit “Identitätssuche“ übertitelt werden. Und ohne dass uns diese Dinge auch nur ansatzweise via Holzhammer vermittelt werden, erkennt man irgendwann, dass diejenigen, die hierbei reüssieren, einen großen Schritt in Richtung Liga-der-Gerechten-Vollmitgliedschaft machen.

Ganz nebenbei sieht man besonders gut an dem Umgang von Vietti und Weisman mit DCs größtem Pfund, ihren Bösewichten, wie sehr die beiden gewillt waren, in Sachen enorm ergiebige Comic-Historie aus dem Vollen zu schöpfen. Dennoch funktionieren die einzelnen Folgen auch ohne, dass man sich die davor oder danach spielenden zu Gemüte geführt hat; sie funktionieren jedoch besser, wenn man es hat, und das auf mehreren Ebenen. Vor allem  aber ist früh spürbar, dass nicht einfach nur ein roter Faden existiert, sondern dass es sich um einen handelt, der in dieser Form nicht oft vorkommt und offenbar schon jede Menge Young-Justice-Zukunft beinhaltet - weit bevor diese überhaupt erstmals spruchreif war.

Fazit

Das Team hinter dem Team muss nicht das uninteressantere sein - dies beweist Young Justice auf eindrucksvolle Weise. Außerdem bietet es jedem, der schon immer einmal in das DC-Universum hineinschnuppern wollte, einen idealen Einstiegspunkt und hält gleichzeitig genug Unerwartetes und Originelles für die Treusten der Treuen bereit. Serienfanherz, was willst du mehr?

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Warner Bros. Animation / DC Entertainment

Kritik zu König der Löwen - Hakuna Matata

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Der König der Löwen

Fast 25 Jahre ist es her, dass Disney das Drama Der König der Löwen auf die Leinwand brachte. Der Film sollte zu einem der größten Erfolge der Zeichentrick-Schmiede werden. Passend zum aktuellen Trend, zahlreiche Disney-Klassiker wie das Dschungelbuch oder aktuell Aladdin als Real-Life-Varianten neu aufzulegen, kommt nun auch Der König der Löwen als computeranimierte Quasi-Real-Life-Version in die Kinos. Kann sich die neue Version mit dem Charme des Originals messen?

Für diejenigen, die die Handlung nicht mehr ganz frisch im Kopf haben, hier noch einmal die Kurzzusammenfassung: Das aufmüpfige Löwenjunge Simba soll dereinst den Thron von seinem gütigen Vater, König Mufasa, erben. Dessen Bruder, der hinterhältige Scar, neidet Simba die Thronfolge, da er vor Ankunft des Löwenbabys der rechtmäßige Thronfolger gewesen wäre. Als er Simba mit den Hyänen in einen Hinterhalt lockt, rettet ihn Mufasa, kommt bei dem Versuch jedoch ums Leben.

Scar redet Simba ein, dass er schuld an Mufasas Tod sei. Simba flieht daraufhin ins Exil und trifft dort auf das Erdmännchen Timon und das Warzenschwein Pumba, die ihm ihre ganz eigene Vorstellung von einem guten Leben vermitteln. Doch Simbas Kindheitsfreundin Nala sucht ihn auf, weil sie seine Hilfe braucht: Scar droht, das geweihte Land mit seiner Herrschaft in den Untergang zu führen ...

Fast zu schön, um wahr zu sein

Nehmen wir es gleich vorweg: Die Neuauflage von Der König der Löwen sieht in jeder Filmminute absolut fantastisch aus. Bisher hat es wohl kein animierter Film, bis vielleicht auf den Vorgänger Das Dschungelbuch, geschafft, eine derart realistische Darstellung der Tier-Hauptdarsteller auf Leinwand zu bannen.

Doch genau hier scheiden sich die Geister bei den Kritiken. Während die Zeichentrick-Animatoren in der Originalversion zur Vorbereitung jahrelang Bewegungsstudien durchführten, um den sprechenden und singenden Löwen eine möglichst realistische Anwandlung zu geben, wurden in der Neuauflage nun wirklich alle Register gezogen. In fast jeder Einstellung muss sich der Zuschauer erinnern, dass er es dabei nicht mit einem simplen Tierfilm zu tun hat, bei dem sehr gut dressierte Löwen mit zahmen Tukanen plaudern.

Hier sieht einfach alles gut aus: Das Fell und die Mähnen wehen im Savannenwind. Viele Details wie Blätter und Insekten werden mit einer angemessenen Tiefenschärfe gezeigt. Spiegelungen auf dem Wasser, sogar die Wolken sehen bei Der König der Löwen beeindruckend aus. Vor allem gelingt es, die animierten Effekte nicht so computerspielhaft-überzeichnet und mit einem übertriebenen Farbschema zu zeigen, wie es in einigen anderen Filmen der vergangenen Jahre der Fall war.

Etwas gewöhnungsbedürftig dürften daher allerdings auch die Dialoge und die Gesangseinlagen sein: Da man eben keinen herkömmlichen Tierfilm sieht, müssen die Figuren Lebendigkeit in ihren Zügen widerspiegeln. Dankenswerterweise verzichtet Disney jedoch auf einen allzu überzeichneten Anthropomorphismus, also die Darstellung von menschlichen Eigenschaften und Mimik in den Tiergesichtern, so dass der vielfach befürchtete Effekt des "uncanny valley", dem Unwohlsein des Zuschauers, eine etwas zu realistische Darstellung der Figuren präsentiert zu bekommen, hier nicht übermäßig strapaziert wird.

Anderen Kritikern fehlt eben genau jene Regung, die beispielsweise Mufasas Tod und Simbas Entsetzen darüber angemessen widerspiegeln. Doch wer möchte hier ernsthaft ein realistisch aussehendes, aber tränenüberströmtes oder menschlich grinsendes Löwenkind sehen? Was bei der Zeichentrick-Version noch gut funktioniert hat, muss hier nicht exakt nachgespielt werden. In diesem Fall findet Disney eine gute Mischung aus Bildsprache und stimmlicher Darstellung durch die Synchronsprecher.

Lion King Felsen

Synchron-Cast: Die können sich hören lassen

Für diese Kritik konnten wir leider nur die Originalversion besprechen. Es ist zu vermuten, dass die neue deutsche Variante möglicherweise nicht ganz so ikonisch daherkommen könnte wie in der Originalversion (hier stachen vor allem Thomas Fritsch als Scar, Ilja Richter und Rainer Basedow als Timon und Pumba sowie Hella von Sinnen als Chefhyäne Shenzi hervor), da hier die erste Riege der namhaften Sprecher von heute leider nicht vorkommt.

Daher empfehlen wir, sich mindestens einmal die englische Synchro-Version anschauen. Zwar wären auch die Sprecher aus der Zeichentrick-Version noch verfügbar gewesen, doch Disney entschied sich, den Cast bis auf James Earl Jones als Mufasa neu zu besetzen. Neben John Oliver als Zazu, der wirklich hervorragend in seine Rolle findet, machen sowohl Donald Glover (Star Wars) als auch Beyoncé eine sehr gute Figur.

Auch Seth Rogen (Kung-Fu Panda) und Billy Eichner (Die Pinguine aus Madagascar, Angry Birds) fügen sich als harmonische, wenn auch ungleiche Freunde Timon und Pumba ins Bild. Chiwetel Ejiofor (2012, Amistad, 12 Years a Slave) brummt und ätzt als missgünstiger Scar beeindruckend bis erschreckend, und auch die Hyänen sind deutlich furchterregender als in der Vorlage.

Lion King Timon Pumba Simba

Filmmusik: Von tatkräftigen Tatzen und tanzenden Tukanen

Nicht nur die Handlung, sondern vor allem die Lieder dürfte die Generation der 1990er Jahre stark geprägt haben. Ein Großteil des Soundtracks ist mittlerweile so tief im Kulturverständnis verankert, wie bei wenigen anderen Disneyfilmen danach. Die 2019er-Version von Der König der Löwen nutzt diesen Vorteil geschickt aus. Natürlich darf das ikonische Intro zum Sonnenaufgang über der Savanne zu "The Circle of Life" nicht fehlen. Auch der Elton-John-Klassiker "Can you feel the love tonight" wird in der Neuauflage sowohl musikalisch als auch optisch dem Original durchaus gerecht. Auch die Neuauflage von Timons und Pumbas beliebtesten Nummern (inklusive clever eingesetzter Ablenkungstaktik mit kleiner Referenz an die Kinogeschichte) sind ebenfalls absolut gelungen.

Auf ein paar Lieblingssongs muss man allerdings verzichten: Weder die Hyänen dürfen sich gesanglich verausgaben, noch darf Scar seine finsteren Pläne in einer eigenen Nummer zusammenfassen. Die Entscheidung, ausgerechnet das düstere "Seid bereit" mit unheilschwangerer Nazi-Bildsprache wegzulassen, ist tatsächlich sehr bedauerlich. Andererseits wirkt das Remake ohnehin durch seine realistische Darstellung ernster und düsterer als die Vorlage.

Wieso man stattdessen eine mehrminütige Sequenz mit Naturdarstellungen durchstehen muss, die schlicht für die optischen Schauwerte geschaffen wurde, die den Film im letzten Drittel unnötig streckt, bleibt jedoch das Geheimnis der Macher - diese Szene hätte man ebensogut als Bonusmaterial auf der DVD ergänzen können.

Lion King Scar

Ein letztes Wort noch zur Regie bei den musikalischen Nummern: Tatsächlich hat Disney es geschafft, das bereits erwähnte "uncanny valley" der realistischen Tierfiguren, die, wie es sich für einen Disneyfilm gehört, eben auch singen und tanzen, so darzustellen, dass es praktisch nie albern oder überzogen wirkt. So gibt es beispielsweise bei Simbas Solonummer ganz bewusst keine choreografierten Paraden, in der sich Straußen, Giraffen und Elefanten zu wahnwitzigen Pyramiden stapeln, wie es in der Vorlage und in guter alter Disney-Tradition üblich ist.

Einzig in einer kurzen Szene mit Timon droht diese Darstellung fast zu kippen - vielleicht handelte es sich hier um eine der früheren Experimente mit der hyperrealistischen Darstellung. In den allermeisten Fällen findet die Kamera jedoch eine gute Lösung für die Bildsprache, bei der sich die Tierherden nicht unnatürlich gebärden müssen und es trotzdem noch genug zu gucken gibt und der Humor nicht zu kurz kommt.

Simba Baby Lion KIng

Fazit: Kann es wirklich Liebe sein?

Die Neuauflage von Der König der Löwen kann sich tatsächlich sehen lassen. Fans des Originals werden allein aus Neugierde, wie ihre Lieblinge mit der neuen Technik wirken, in den Film strömen. Durch die sehr realistischen Darstellungen könnte der Film allerdings fast schon etwas zu düster für jüngere Kinder sein. Alle anderen dürften jedoch viel Spaß mit den liebgewonnenen Figuren haben.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Walt Disney Studios

Spoiler-Kritik zu Stranger Things Staffel 3

SPOILER

2019 ist definitiv ein besonderes Jahr für Popkulturfans auf der ganzen Welt: Mit Avengers: Endgame endete die erste große MCU-Ära, die vieldiskutierte achte Game-of-Thrones-Staffel setzte einen Strich unter eine der bedeutendsten Serien unserer Zeit, die Skywalker-Saga erhält mit Star Wars - Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers nach inzwischen Jahrzehnten im Dezember ihr Abschlusskapitel und der Kinosommer wird von Peter Parker (Spider-Man: Far From Home) und Simba (Der König der Löwen) dominiert. Außerdem startet Ende des Jahres The Witcher mit dem unausgesprochenen Ziel, das neue GoT zu werden.

Ein Format, das ursprünglich sicherlich nicht auch nur im Entferntesten als potenzieller Das-Lied-von-Eis-und-Feuer-Erbe gedacht war, ist Stranger Things. Was etwa das Genre anbelangt, die Anzahl der Handlungsstränge oder die Komplexität der Welt, unterscheiden sich die beiden Publikumsmagneten natürlich auch deutlich. Außerdem heißt es nicht umsonst seit Ewigkeiten, dass die großen Welthits, die ein sehr breites Publikum ansprechen, in der Regel dem Fantasy-Bereich entstammen - Harry Potter oder Der Herr der Ringe lassen grüßen. Und dennoch: Stranger Things ist etwas gelungen, was nicht viele gehypte Titel zuletzt geschafft haben: Es hat die Fans der ersten Stunde nicht verloren und stets neue hinzugewinnen respektive den Hype gewissermaßen konservieren können. Staffel 3 eignet sich gut, um zumindest in Ansätzen zu erklären, warum dem so ist.

Inhalt

Mittlerweile dürfte es sich herumgesprochen haben, das vermeintlich endgültig geschlossene interdimensionale Tore nicht selten wieder geöffnet werden, und wie es der Zufall - oder ein russisches Geheimlabor - so will, darf der Zuschauer in den ersten Minuten der ersten Folge Zeuge eines solchen Toröffnungsversuchs sein.

Wie sich schnell herausstellt, ist das aber gar nicht das Hauptproblem der den Fans mittlerweile so vertrauten Truppe aus nicht mehr ganz so kleinen und weiterhin großen Helden. Da Elfi - wie schon der Trailer andeutet - im letzten finalen Gefecht den legendären ungebetenen Gast gar nicht zurück in seine Welt befördert, sondern nur in unserer eingesperrt hat. Und dieser hat mit ihr und ihren Freunden noch eine Rechnung offen …

Stranger Things Staffel 3

Die “alten“ Hasen von Hawkins

Man vergisst recht schnell, dass die globale Liebe für dieses Mystery-Universum auf lediglich siebzehn Episoden fußt - zumindest bis zum 4. Juli 2019. Ab diesem Tag war es nämlich allen Anhängern und solchen, die es noch werden wollen, möglich, Hawkins zum nunmehr dritten Mal einen Besuch abzustatten und nach einer langen Zeit des Wartens viele liebgewonnene Charaktere wiederzutreffen.

Eines wird allerdings frühzeitig klar: Ja, das sind die Kids, mit denen man schon so viel erlebt hat, sie sind jedoch älter geworden, und das tut dem Streaming-Hit in vielerlei Hinsicht gut. Denn auf diese Weise verändert sich die Dynamik innerhalb der Gruppe, es kommen neue Themen auf, und es werden weitere künftige Entwicklungen vorbereitet, die nötig sind, um die Serie frisch zu halten. 

Eleven/Elfi und Mike treiben Hopper in den Wahnsinn, weil sie offenbar einen Knutschweltrekord aufstellen wollen - etwas in der Art dürfte er zumindest denken - und zu allem Überfluss dabei immer wieder “vergessen“, die Tür wenigstens einen Spalt breit offen zu lassen. Das junge Paar hat aber auch seinen ersten großen Streit, der das wohl mächtigste Mädchen der Welt und Max endgültig zu besten Freundinnen werden lässt. Das wiederum macht das Leben ihrer Liebsten (Mike und Lucas) nicht einfacher - woraus zum Beispiel auch Spannungen innerhalb ihrer Jungs-Gruppe resultieren. Symptomatisch dafür steht Will, der am liebsten den Status quo erhalten und weiterhin D&D spielen will, nach der enttäuschenden Erkenntnis, dass dies jedoch unmöglich zu sein scheint, sogar das Symbol dieser besonderen Kindheit, seine Burg Byers, zerstört. Kurz: Pubertät pur in der Kleinstadt der wundersamen Ereignisse.

Dustin schwebt ebenfalls auf Wolke sieben: Im Wissenschaftscamp hat er seine Suzie kennengelernt, von der er jedem, wirklich jedem, der ihm begegnet, früher oder später vorschwärmt. Seine Freunde sind allerdings skeptisch und fragen sich sogar, ob diese Traumfrau überhaupt existiert. So viel sei verraten: Allein die Momente, in denen sie erwähnt wird, sind zumeist überaus unterhaltsam.

Sein kongenialer Partner Steve “The Hair“ Harrington hat dafür bei den Frauen aktuell weniger Glück, was bei ihm jedoch nach und nach - während er Eis verkauft - zu einem Umdenken führt, und ihn schließlich erkennen lässt, dass es Wichtigeres gibt, als der (Prom-)King zu sein.

Außerdem müssen Nancy und Jonathan auf die harte Tour lernen, dass das Berufsleben nicht nur Sonnenseiten zu bieten hat. Billy hat ebenfalls schon - wie soll man es ausdrücken? - bessere Tage erlebt, und Hopper lässt sich von Joyce irgendwann davon überzeugen, dass sich - wieder einmal - etwas Unerklärliches in der sympathischen Kleinstadt ereignet. In diesem Kontext kommt es dann sogar zum Comeback von Murray Bauman. Man kann also festhalten: Auch vor dem großen Monsterangriff hatten die Protagonisten der Serie diesmal bereits eine Menge zu tun.

Stranger Things Staffel 3

Allein an dieser Auflistung sieht man, dass die Macher das Bildschirmgeschehen vor allem deshalb von Anfang an zügig vorantreiben können, weil dem Zuschauer der Ur-Cast und das Setting mittlerweile so vertraut sind. Ebendiesem nachvollziehbar zu vermitteln, dass und inwiefern sich die Hauptfiguren verändert haben, ist bekanntermaßen Aufgabe der Drehbuchautoren, jedoch in noch größerem Maße die der Darsteller.

In diesem Zusammenhang muss aber auch angemerkt werden, dass aus einem wirklich überzeugenden Ensemble nach Millie Bobby Brown (Elfi) in den ersten zwei Staffeln mittlerweile ebenfalls Gaten Matarazzo (Dustin) und Joe Keery (Steve) deutlich herausstechen. Die bereits in den Episoden von 2017 wunderbar eingefangene Chemie zwischen den beiden gefiel offenbar nicht nur den Fans, sondern auch - oh Wunder! - den Kreativ-Verantwortlichen, den Duffer Brothers, die ihre Rollen deswegen konsequenterweise auch zu den Köpfen eines neuen Teams beförderten.

Neu in der Welt zwischen den Welten

Dazu gehören neben den zwei Quasi-Brüdern zum einen die uns schon aus wenigen Szenen bekannte Erica Sinclair (Priah Ferguson), die kleine Schwester von Lucas, der man neben vielen unterhaltsamen mindestens einen absolut Meme-würdigen Satz in den Mund legt. Und zum anderen Robin, die, wenn man den unzähligen Kommentaren unter diversen Beiträgen mit Stranger-Things-Bezug Glauben schenkt, in Windeseile ein absoluter Publikumsliebling geworden ist.

Einen großen Verdienst daran hat Maya (Thurman-)Hawke, die Tochter von Uma Thurman und Ethan Hawke. Mit einem lapidaren “Bei den Eltern ist das ja kein Wunder!“ sollte man sich allerdings nicht einfach zufriedengeben. Das Fass mit der Aufschrift “Es ist nicht unbedingt leicht, als Mitglied einer Schauspielerfamilie ernstgenommen zu werden” muss und sollte an dieser Stelle nicht geöffnet werden, denn im Falle dieser jungen Darstellerin hat schlicht zuerst die Leistung gesprochen. An diesem Beispiel kann man im Übrigen schön einen Nicht-Rezipienten-bezogenen Vorteil, den das typische Alle-Episoden-auf-einmal-zu-Verfügung-Stellen seitens Netflix mit sich bringt, benennen: Die Leute bingen nämlich erst und googlen dann - eventuell auch zwischendurch, dann jedoch auf der Grundlage eines ersten, zweiten oder dritten Eindrucks.

Die Mehrheit war folglich zuerst angetan von Robin beziehungsweise Hawkes Leistung und hat anschließend recherchiert, was bedeutet, dass das Gros der Streamingdienst-Abonnenten zu diesem Zeitpunkt schon überzeugt von dem Neuzugang war. Trotz der Tatsache, dass über allem natürlich abermals eine monströse Bedrohung steht, freut man sich doch gefühlt jedes Mal aufs Neue, wenn sie und Keery gemeinsam Eis verkaufen, ihren Laden "anderweitig“ nutzen oder zusammen mit Matarazzo und Ferguson ein möglicherweise das Schicksal der Welt maßgeblich beeinflussendes Rätsel lösen wollen. Die beiden Letztgenannten spielen sich aber ebenfalls wunderbar die Bälle zu - dabei erfährt das Publikum unter anderem nach sicherlich vielen Jahren des Belächelns, dass hinter einem My-little-Pony-Rucksack so viel mehr stecken kann, als man zunächst annehmen könnte.

Stranger Things Staffel 3

Hopper und Joyce suchen hingegen - wie gesagt - Murray Bauman auf. Dieser trat bereits in Staffel 2 in Erscheinung, ist dieses Mal allerdings wesentlich häufiger zu sehen. Nachdem der von Brett Gelman gespielte Privatdetektiv, der stets auf "drei Nummern sicher“ geht, schon Jonathan und Nancy zu ihrem Liebesglück verholfen hat, nimmt er sich diesmal den von Winona Ryder und David Harbour verkörperten Charakteren an. Dies ist doppelt lustig, wenn man weiß, dass Gelman in Love, einem weiteren äußerst empfehlenswerten Netflix-Original, einen schmierigen, narzisstischen, jedoch irgendwie auch bemitleidenswerten Radio-Therapeuten für Lebens- und Liebesfragen namens Dr. Greg (Colter) mimt.

Seine Hauptaufgabe besteht jedoch darin, für die Eltern auf Abwegen zu übersetzen, denn die haben bei ihren Ermittlungen den russischen Wissenschaftler Dr. Alexei entführt, der dummerweise kein Wort Englisch kann. Diesem dabei zuzusehen, wie er mithilfe von Bauman seine Forderungen (amerikanisches Fast Food und Süßes) durchzusetzen versucht, macht dank eines sehr spielfreudigen Alec Utgoff wirklich Laune. Er erinnert dabei stark an ein Kind, das nur unter bestimmten Bedingungen dabei helfen wird, seinen Landsleuten einen Strich durch die Rechnung zu machen - vorher aber noch eine Folge Woody Woodpecker gucken will. Im Rahmen dieser munteren Unterredungen sorgt Joyce übrigens dafür, dass Baumans an sich streng geheime Telefonnummer aus dessen Sicht plötzlich so gar nicht mehr geheim ist, was US-Journalisten dazu veranlasst hat, ihn einfach einmal anzurufen und zu ihrer Überraschung auf diese Weise eine interessante von Bauman eingesprochene Nachricht zu erhalten.

Und täglich grüßt das Monster

Nein, selbstverständlich ist der Mind Flayer nicht vergessen. Er macht wieder sehr früh im Handlungsverlauf auf sich aufmerksam. Er agiert diesmal allerdings noch durchdachter als bisher, was ihn noch gefährlicher macht, sowie ein Beleg dafür ist, dass auch er sich weiterentwickelt hat. Ein besonderes Lob gebührt hier zweifelsohne Matt und Ross Duffer. Sie leiten sein neues Vorgehen überaus plausibel her, weswegen man diesmal auch weit weniger als in der vergangenen Staffel das Gefühl hat, dass sich an der Bedrohung selbst nicht allzu viel geändert hat - dies gilt übrigens ebenso für dessen beeindruckende neue Optik, bei der sich das Design-Department erneut selbst übertroffen hat.

Die Wege der unterschiedlichen Teams, in die man die Charaktere eingeteilt hat, führen im großen Finale selbstredend alle zu ihm. Dennoch ist diesmal aus den bereits beschriebenen Gründen der Weg - auch im übertragenen Sinne - noch mehr das Ziel als in der Vergangenheit, und das wiederum verstärkt nochmals das Mitfiebern mit den Protagonisten.

So ist am Ende die obligatorische Schlussschlacht natürlich wieder ein absolutes Highlight der Staffel, jedoch eines, vor dem sich die emotionalen Höhepunkte (ein Gespräch auf einer Toilette und ein besonderer Brief) definitiv nicht verstecken müssen.

Stranger Things Staffel 3

Fazit

Stranger Things ist zurück, und das so gut, wie man es von einer dritten Staffel nur erwarten kann. Der Wow-Effekt der ersten ist logischerweise nicht mehr reproduzierbar, dafür spielt man aber gekonnt all die Trümpfe aus, die man dank der selbst geleisteten Vorarbeit über 17 Folgen hinweg zusammengetragen hat. Vor allem setzt man allerdings einen Schlusspunkt, der gleichermaßen Startschuss für viel Innovation sein kann, und beschert uns - das darf nicht unterschlagen werden - das vielleicht legendärste Duett in der Geschichte der Popkultur.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Netflix

Stranger Things 3 | Finaler Trailer | Netflix

Anime-Kritik: Digimon Adventure tri. (1/2)

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Digimon Adventure tri

Wer noch nie etwas von den ersten Abenteuern der Digiritter oder generell von Digimon gehört hat, sollte vielleicht lieber mit folgenden Beiträgen aus der Reihe Nostalgie in Serie beginnen, da diese Rezension logischerweise auf viele Dinge, die dort bereits zur Sprache kamen, Bezug nimmt.

Wiedervereinigung

Diese besondere Leinwandreise begann bekanntlich mit Digimon Adventure tri. 1: Reunion. Und es kommt sicher nicht von ungefähr, dass sich die Titel der Filme (wie beispielsweise Reunion beziehungsweise Wiedervereinigung) sehr gut als Zwischenüberschriften eignen, wenn man alle sechs Teile als das große Ganze bespricht, das sie genau genommen eigentlich auch sind. Besonders interessant ist außerdem, dass sie durchaus mehrdeutig sind. Schließlich werden die Zuschauer nicht nur Zeuge des Wiedersehens der mittlerweile nicht mehr ganz jungen Gruppe an Auserwählten, sondern werden selbst nach vielen Jahren mit zahlreichen vertrauten Gesichtern konfrontiert - vorausgesetzt, sie gehören zu denjenigen, die in um die Jahrtausendwende herum Nachmittag für Nachmittag mit ihren Helden “ihren Traum gelebt haben“.

Diese doppelte Wiedersehensfreude ist es auch, die dieses Projekt, das auf der ganzen Welt Fanherzen höherschlagen ließ, trägt, und das Fundament darstellt, auf dem die Macher einen eher ungewöhnlichen erzählerischen Ansatz verfolgt haben, der vor allem in Digimon Adventure tri. 1: Reunion, Digimon Adventure tri. 2: Determination sowie in Digimon Adventure tri. 3: Confession zum Tragen kommt: Die menschlichen Protagonisten standen nicht weniger, sondern - im Gegenteil - sogar noch mehr im Fokus als in der Urserie. Ohne Zweifel ein sehr mutiger Schritt. Denn natürlich ist es naheliegend, als treuer Anhänger davon auszugehen, dass Digiritter und Digimon auch in einer Fortsetzung - wie gewohnt - Protagonistenstatus haben würden. Je länger man aber über den Entschluss der Verantwortlichen nachdenkt, desto plausibler erscheint er, und das aus mehreren Gründen.

Digimon Adventure tri

Bestimmung

Erstens setzt Reunion drei Jahre nach Digimon Adventure 02 und sogar sechs Jahre nach Digimon Adventure 01 ein, und schon damals wurde in beiden Fällen Entwicklung groß- und Stillstand kleingeschrieben. Der nie älter werdende Ash, der es nicht mit Digital, sondern Pocket Monsters zu tun hat und der innerhalb einzelner Staffeln mit seinen Pokémon zwar durchaus eine Entwicklung durchmacht, pünktlich zum Start einer neuen allerdings gefühlt wieder fast bei Null anfängt, kann an dieser Stelle gut als Gegenbeispiel angeführt werden. Die Entscheidungen, die die anfänglichen Kinder und späteren Teenager im Verlaufe ihrer großen Reise trafen, hatten stets Auswirkungen, die den weiteren Verlauf des Geschehens bestimmten. Diese ließen sie vor allem reifen, insbesondere da sie sie mehr als einmal an ihre Grenzen brachten. Und obwohl das zumeist junge TV-Publikum all das damals vielleicht noch nicht hundertprozentig in Worte fassen konnte, so war für es doch eines spürbar: Dieses Format unterscheidet sich merklich von anderen in diesem Umfeld ausgestrahlten, und zwar aufgrund der Ernsthaftigkeit und Tiefe, die seit jeher ebenso untrennbar mit dem Anime verbunden sind wie Digitationen. Und daher ist es nur logisch, dass man diese Tatsache bei der Fortschreibung der legendären Geschichte in angemessener Form berücksichtigt.

Zweitens geht Entwicklung immer mit Veränderung einher und schafft Platz für Neues. In dieser Hinsicht konnte man sich ebenfalls stets auf Macher verlassen. So fühlen sich die ersten Episoden von Digimon Adventure 01 beispielsweise deutlich anders an als die letzten und die Staffel insgesamt auch anders als Digimon Adventure 02. Diese Andersartigkeit ist gewissermaßen eine Garantie für Abwechslung. Wenn die einzige Konstante jedoch der dauerhafte Wandel ist, wird der beim Zuschauer erwünschte Effekt nach und nach abnehmen, weil es schließlich etwas Beständiges braucht, um den zwingend notwendigen Vergleich zwischen Vorher und Nachher überhaupt anstellen respektive um nachvollziehen zu können, welche Faktoren dabei welche Rolle gespielt haben.

Und deshalb ist es auch drittens nicht verwunderlich, dass es dennoch etwas gibt, das sich durch sämtliche 104 Folgen der ersten beiden Franchise-Ableger zieht: Freundschaft in all ihren Facetten und Formen. Wer sich nun wundert und mit einer etwas spektakuläreren Antwort gerechnet hatte, dem sei gesagt: Es gibt nur wenige animierte Welterfolge, die auf so besondere Weise das Einstehen füreinander, das Leben in einer Gemeinschaft und auch die dabei fast unter Garantie entstehenden Konflikte und Herausforderungen behandeln - und all das vor dem Hintergrund des Heranreifens und der ersten Schritte in Richtung Erwachsenwerden.

Digimon Adventure tri

Und obwohl es sich um auserwählte Kinder handelte, die, wie sich im Laufe der Zeit herausstellte, eine Bestimmung hatten, käme niemand auf die Idee, zu glauben, dass das Identifikationspotenzial der Hauptfiguren dadurch gemindert werden würde. Im Gegenteil: Gerade weil Tai, Matt, Kari, T.K., Sora, Mimi, Izzy und Joe so unterschiedlich sind, dürfte sich jeder Zuschauer von einem von ihnen - zumindest unterbewusst - gut repräsentiert fühlen. Die Bindung zwischen den jungen Helden und ihren Fans hat aber nicht nur darin ihren Ursprung, sondern auch in der quasi allgegenwärtigen ausgestreckten Hand, die den eigenen Anhängern gilt. Ebendiese wurden nämlich durch ein „beherztes Zupacken“ sozusagen selbst zu Digirittern, weil sie der Gruppe bis heute bei jedem ihrer Kämpfe zur Seite stehen, mit ihnen lachen und weinen, und selbstredend auch weil ihnen die Digimon-Partner ihrer „Freunde“ immer mehr ans Herz wachsen.

(Selbstein-)Geständnis

Sämtliche der genannten Punkte treffen nun ebenfalls auf die Digimon-Adventure-tri.-Filme zu - vor allem auf die Kapitel eins bis drei. Nur waren die Macher diesmal gewillt, noch den einen oder anderen Schritt weiterzugehen. So spielt etwa die erste Hälfte der Reihe nahezu komplett in unserer Welt, und die titelgebenden Wesen sind deutlich weniger präsent, als man es hätte erwarten können. Überdies erfährt der Zuschauer eine Menge über das Innenleben der Teenager und wird oftmals Zeuge längerer ernster Unterhaltungen. Diese Tatsache führt dazu, dass das Leinwand- beziehungsweise Bildschirmgeschehen auf den ersten Blick recht gewöhnlich oder ereignisarm erscheint, was von einigen auch kritisch angemerkt wurde.

Vollständig entkräften kann man diesen Vorwurf nicht. Die Kernhandlung ist schnell zusammengefasst: Vereinzelt tauchen von einem bösartigen Virus befallene Digimon in Japan auf und sorgen für Chaos. Recht schnell steht die Befürchtung im Raum, dass weitere Infizierungen nicht nur für die Digiwelt, sondern auch für unsere schwerwiegende Folgen haben dürften. Außerdem wird mit der Paarung Meiko-Meikuumon ein neues Digiritter-Partner-Duo eingeführt, das, wie sich schnell herausstellt, in der Reihe eine Schlüsselrolle zukommt, und dazu beiträgt, dass sich darüber hinaus neue Dynamiken innerhalb der altbekannten Truppe entwickeln. Deswegen fehlt tatsächlich etwas die gewohnte Action; an das deutlich langsamere Erzähltempo muss man sich ebenfalls zunächst gewöhnen. Hat man dies allerdings geschafft, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass in einem die Erkenntnis reift, dass es sich hierbei um sehr bewusste dramaturgische Entscheidungen handelt. Auf diese Weise dokumentiert man abermals, dass sich Digimon Adventure nie damit begnügt, den Fans Bewährtes in leicht variierter Form zu präsentieren; vielmehr werden diese stets aufs Neue überrascht - ohne sich jedoch jemals auch nur ansatzweise von dem emotionalen Kern des Franchises zu entfernen.

Digimon Adventure tri

Ein Aspekt, den man aber nur schwer nachvollziehen kann, ist der Umgang mit dem Thema Digitation in den ersten drei Kapiteln dieser verkappten dritten Staffel. Nur Agumon und Gabumon gelang es in den ersten beiden, - ohne Verschmelzung mit einem anderen Digimon - auf das Mega-Level zu digitieren. Der Weg dorthin war im wahrsten Sinne des Wortes ein steiniger, dementsprechend hoch war der Gänsehautfaktor, als die Mitfiebernden erstmals WarGreymon und MetalGarurumon auf dem heimischen Bildschirm bewundern durften. Wenn die Situation beinahe ausweglos zu sein schien, waren es diese beiden Maxi-Monster, die das Blatt noch zum Guten wenden konnten. Daher ist es nur umso verständlicher, dass die Treuesten der Treuen auf wenig so gespannt waren wie auf die erstmaligen Mega-Digitationen weiterer Partner-Digimon. Zu diesem kommt es zwar, jedoch ohne großen Vorlauf. Aus diesem Grund fallen diese besonderen Momente bei Weitem nicht so episch aus, wie es möglich gewesen wäre. Optisch hingegen überzeugt jede der gezeigten Digitationen, die man auf innovative Weise modernisiert hat, was das Ganze eigentlich nur noch bedauerlicher macht.

In dem zweiten und finalen Teil wird es um die drei abschließenden Kapitel Lost, Coexistence und Our Future gehen und ein finales Fazit gezogen werden.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Toei Animation

DIGIMON ADVENTURE tri. Chapter 1: Reunion (Deutscher Trailer)

Kritik zu Spider-Man: Far From Home - Eurotrip

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Spider-Man: Far From Home Scene Still

Peter Parker (Tom Holland) begibt sich mit seinem Naturwissenschafts-Kurs auf Europatour. Eigentlich will er dabei seine Superhelden-Existenz kurz vergessen, aber dann tauchen überall auf der Welt sogenannte Elementals auf, die Städte wie Venedig oder Prag verwüsten. Zwar versucht Peter als Spider-Man zu helfen, doch ohne den plötzlich auftauchenden Mysterio (Jake Gyllenhaal) wären er und Nick Fury (Samuel L. Jackson) ziemlich aufgeschmissen. Doch bald stellt sich heraus, dass der mysteriöse Superheld andere Beweggründe hat.

Vor Beginn der Pressevorführung verlas eine Mitarbeiterin eine Bitte: Man möge doch bis zum Ende des Films sitzen bleiben, aber vor allem nichts spoilern und daher auch kein Wort über die Charakterentwicklung der Figuren verlieren. Jeder hätte verdient, den Film so unbefangen zu schauen wie die versammelten Presseleute. Natürlich hat die Dame mit dem letzten Satz Recht. Aber die von Marvel mit befeuerte Spoiler-Paranoia lässt einen als Kritiker schon recht ratlos zurück: Worüber soll man den nun schreiben, wenn man von der Geschichte und den Charakteren nichts erzählen darf, da empfindliche Gemüter dies als Spoiler werten könnten? Zumindest bei Spider-Man: Far From Home kann man da aber Entwarnung geben: Weder Geschichte noch Charakterentwicklung geben viel her, was man verraten könnte.

Nach der Endgamokalypse

Viel wichtiger für Fans des MCU: Der Film schließt die Geschehnisse um die Avengers-Filme, zuletzt Avengers: Endgame, ab und thematisiert immer mal wieder nebenbei die Lücke von fünf Jahren, welche die Ereignisse dieses Handlungsbogens hinterlassen haben. Dabei ist bereits der Beginn des Films ein Spoiler, für all jene, die Endgame nicht gesehen haben. Menschen, denen der MCU-Zirkus aber weniger bedeutet, werden so immerhin kurz über die für Peter und seine Freunde wichtigen Ereignisse informiert. So ist der Film auch dann gut verständlich, wenn man sich nur grob in Marvels Comic-Universum auskennt.

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Spider-Man: Far From Home Scene Still

Allerdings bleibt kaum Zeit, nach dem Warum und Wieso zu fragen: Spider-Man: Far From Home erzählt sehr zügig seine Geschichte und spart dabei zum Glück nicht mit Humor. Die Marvel-Filme hatten schon immer eine gewisse Leichtigkeit in der Erzählung, mit viel Gewicht auf Witzen und Lacher, auch da bildet der zweite Spider-Man-Film mit Tom Holland keine Ausnahme. Im Gegenteil, er gehört wahrscheinlich mit zu den witzigsten Werken aus dem MCU. Das, und die natürlich sehr klischeehafte und karikierende Darstellung der verschiedenen europäischen Länder, erinnert dabei stellenweise an Europareise-Komödien wie dem Klassiker Hilfe, die Amis kommen (im Original National Lampoon‘s European Vacation) oder dem eher zotigen Teenie-Film Eurotrip.

Natürlich rummst es trotzdem in den Kämpfen mit den Elementarwesen ordentlich, an CGI wird nicht gespart und Spider-Man darf zeigen, was er drauf hat. Da bietet der Film auch nicht mehr oder weniger als die anderen Marvel-Teile. Der anfangs sympathische Bösewicht Mysterio könnte da noch etwas rausreißen, zumal Jake Gyllenhaal seine Figur gut und überzeugend spielt – nur leider scheitert Spider-Mans Gegenspieler ein wenig an den Ambitionen der Autoren. Denn wo Mysterio eine Aussage zur Rolle von Superhelden in einer Post-Endgame-Welt hätte treffen können, entpuppt er sich vielmehr als gewöhnlicher Bösewicht mit nicht völlig eindeutigen Motiven, der gegenüber Peter Parker auch keine weiterentwickelnde Rolle einnehmen kann. Sprich: An der Begegnung mit Mysterio wächst Peter Parker charakterlich nicht wirklich weiter. Sein grundsätzlicher Gegensatz, also seinem Wunsch nach einer ruhigen Existenz als High-School-Schüler und den weltrettenden Aufgaben eines Superhelden, bleibt genauso erhalten wie sein ambivalentes Verhältnis zu seinem ehemaligen Idol. Aber jetzt sei besser geschwiegen, bevor noch jemand "Spoiler" krakeelt.

Es geht um die Wahrheit - und Superhelden

Zudem entwickelt Spider-Man: Far From Home gegen Ende den Willen, eine Aussage über unser heutiges Verhältnis zu Wahrheit zu treffen, angesichts von Diskussionen um "alternative Fakten", "Lügenpresse" und ähnliches. Doch taucht dies nur am Rande auf, genau wie die etwas selbstironische Betrachtung von CGI und Motion Capturing. Aber vor allem am Ende konzentriert sich Spider-Man: Far From Home viel stärker darauf, seine Superhelden-Geschichte zum Abschluss zu bringen, wodurch die Diskussion um Wahrheit und unserem Verhältnis zu ihr untergeht. Aber gerade das zum Thema des Films zu machen, hätte ihn aus der mittlerweile etwas erschöpfenden Masse an Comic-Verfilmungen herausheben können.

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Spider-Man: Far From Home Scene Still

In Sachen MCU schließt dieser Film die dritte Phase ab und schildert die Nachwirkungen des Kampfes um die Infinity-Steine. Allerdings ist noch nicht zu erkennen, wie viel Einfluss die Ereignisse in Europa auf das gesamte MCU haben könnten.

Fazit

So bleibt Spider-Man: Far From Home ein durchaus witziger, unterhaltsamer Superhelden-Film, der allerdings auch nur mehr vom Gleichen liefert, mit ein paar Variationen in Thema, Aufbau und Struktur. Fans des MCU bekommen das, was sie erwarten und haben Spaß, alle anderen können Popcorn-Kino genießen und Comic-Muffel sollten sich fragen, warum sie überhaupt eine Karte gekauft haben.

Kritik zu Judgment: Vom Anwalt zum Detektiv

Rund 99,9% der Angeklagten werden in Japan vor Gericht verurteilt. Kann die Staatsanwaltschaft den geringsten Verdacht auf den Schuldigen lenken, zögern Richter meist nicht. Gerechtigkeit ist zweitrangig: Staatsanwälte und Richter brauchen für ihre Karriere eine hohe Verurteilungsrate. Sind Fälle unklar, kommt es oft nicht zum Prozess - selbst bei schweren Verbrechen wie Mord. Umso eindrucksvoller ist es, dass Junganwalt Takayuki Yagami seinem Mandanten, einem mutmaßlichen Serienmörder, zum Freispruch verhelfen kann. Der 32-Jährige wird in Tokio zu einem Superstar und kann sich vor Klienten kaum noch retten. Das alles endet schlagartig, als sich der freigesprochene Mandant doch als Serienmörder herausstellt. Yagamis Karriere endet so schnell, wie sie begonnen hat. Drei Jahre später setzt Judgment an: Der gefallene Anwalt kommt als Privatdetektiv über die Runden. Seinen maßgeschneiderten Anzug hat er gegen eine Lederjacke getauscht.

Für die Entwicklung des Playstation-Spiels war Ryu Ga Gotoku Studio zuständig, die sich weltweit mit den Yakuza-Titeln einen Namen gemacht haben. Judgement ist unverkennbar ein Spin-off der Reihe, die Geschichte stammt wieder aus der Feder des Produzenten Toshihiro Nagoshi. Die Gemeinsamkeiten sind so zahlreich, dass es fast schon auf der Hand liegt, von einer Kopie zu sprechen. Kamurocho, der fiktionale Stadtteil von Tokio, sieht noch exakt so aus wie in Yakuza 6 aus dem vergangenen Jahr. Die Restaurants servieren noch das gleiche Essen, die Straßen haben die bekannten Namen und selbst die Gangs liefern sich noch Kleinkriege. Böse Zungen könnten nun natürlich behaupten, in Judgment werden nur alte Grafiken, Modelle und Ideen für schnellen Gewinn wiederverwertet. Wenn das Spiel ein Disney-Film wäre, käme es mit dem Zusatz “A Yakuza tale” in die Kinos.

Enge Spielwelt, großer Umfang

Die Kritik ist valide, bezieht jedoch nicht die Entwicklungszeit an derart riesigen Projekten mit ein. Denn in Judgment steckt, wie gewohnt, mehr drin, als es zu Anfang vielleicht scheinen mag. Neben Open-World-Titel wie Assassin’s Creed Odyssey und The Witcher 3 wirkt Kamorocho inzwischen fast winzig. Trotzdem schaffen es die Entwickler irgendwie wieder mehr einzigartige optionale Inhalte einzubauen, als die Konkurrenz. Eine bekannte Palette an Minispielen wartet auf Yagami, doch es sind die neuen Nebenbeschäftigungen, die endgültig den Sprung aus der finsteren Unterwelt der Yakuza erlauben. Während Kiryu Kazuma sich nur den skurrilen Nebengeschichten gewidmet hat, lernt Yagami als Zivilist die normalen Bewohner der Welt kennen. So diskutiert der Privatdetektiv mit einem Restaurantbesitzer über den Umgang mit Kundenkontakt und vereinbart mit Charakteren aus der Geschichte Treffen, oder sogar ein Rendezvous im lokalen Sushi-Lokal.

Judgment Telefon

Besagte Erzählung verläuft episodisch, von Fall zu Fall, denn so ganz kann der Ex-Anwalt seine Vergangenheit nicht hinter sich lassen. Den ersten Job als Detektiv kriegt er beispielsweise von seiner ehemaligen Kanzlei. Diese vertritt einen Yakuza-Boss, dem die Polizei einen brutalen Mord vorwirft. Yagami soll Beweise sammeln und findet schnell heraus, dass ein Serienmörder in Kamurocho sein Unwesen treibt, der seinen Opfern beide Augen ausdrückt. Doch obgleich die Handlung mit einer relativ einfachen Untersuchung beginnt, decken Yagami und seine Mitstreiter eine komplizierte Verschwörung mit einer Prise Geheimhaltung und einem Teelöffel Verrat auf. Involviert sind Polizei, Rechtssysteme, Yakuza und höchste politische Fraktionen. Diese Art von Kriminalthriller ist definitiv nicht neu, unterhält aber durch die ausgezeichnet gedrehten Zwischensequenzen hervorragend.

Drohnen-Derby am Tatort Tokio

Das Studio hat wieder viel Geld in Motion Capture und namhafte (lokale) Persönlichkeiten gesteckt. Dadurch ist das Spiel schon vor der westlichen Veröffentlichung ins Gespräch gekommen: Schauspieler Pierre Taki wurde für Drogenmissbrauch verhaftet, was in Japan große Wellen geschlagen hat. Sega hat sofortige Konsequenzen gezogen: Der Verkauf Judgment wurde sofort gestoppt. Die Figur des Gangsterbosses Hamura verkörpert inzwischen in allen Versionen ein anderer Schauspieler. Kurios: Auch der Konzern Square Enix hat Taki, der in Japan den Schneemann Olaf im Animationsfilm Die Eisprinzessin spricht, aus zugehörigen Medien entfernt. Von diesem Skandal merkt man nun in keiner Fassung des Videospiels etwas. Die Darsteller liefern glaubhafte Emotionen ab, ohne in zu dramatische Gefilde abzudriften, wie vergleichbare Spieleproduktionen. Erstmals gibt es nun auch eine englische Sprachausgabe und ausführliche deutsche Untertitel.

Das neue Thema der Anwalts- und Detektivarbeit wurde aber nicht nur durch Inszenierung realisiert. Statt sich wie in Yakuza ausschließlich mit Gegnern zu prügeln, muss Yagami nun Zeugen befragen, Verdächtige beschatten und Videomaterial per Drohne sammeln. An dieser Stelle werden sich die Geister scheiden: Denn statt einer soliden Abwechslung zu den Kämpfen ist die Detektivarbeit repetitiv. Die fünfte Beschattung kann schnell zur nervigen Verpflichtung werden. Die sechste Spurensuche an Tatorten möchte der Spieler schnell hinter sich bringen, um wieder zu den interessanten Teilen von Judgment zu kommen. Vielleicht ist Ryu Ga Gotoku Studio dabei etwas zu konservativ mit Neuerungen. Es ist schwer auszumachen, ob die neuen Elemente aus vergleichbaren Spielen zu gewohnt sind, oder die restlichen Teile einfach qualitativ hochwertiger.

Judgment Kampf

Fazit

Wer Yakuza gespielt kann in Judgment eintauchen und schwimmen, wie ein Fisch im Wasser. Aber was erst sehr bekannt vorkommt, wird langsam etwas Eigenständiges. Kamurocho bleibt immer gewohnt, aber die Perspektive ändert sich. Während Kiryu als Yakuza immer in der Unterwelt geblieben ist, hat Yagami einen anderen Blickwinkel. Der Spieler sieht Tokio und dessen Bewohner in einem neuen, zivilen Licht. Dann wird auch klar, warum die alte Formel auch neu gut funktioniert: Diese offene Welt wirkt nicht konstruiert, sondern lebendig. Davon können andere Spiele mit größerem Budget oft nur träumen.

Judgment ist für die Playstation 4 erhältlich.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Sega

Judgment - Launch Trailer | PS4

Kritik zu Tolkien – Über die Sprache und die Liebe

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Tolkien Movie Still

John Ronald Reuel Tolkien (Nicholas Hoult) wächst im ländlichen England auf, muss nach dem Tod seines Vaters aber in die Industriestadt Birmingham ziehen. Als auch noch seine Mutter stirbt, werden John und sein Bruder zu Waisen und kommen in die Obhut einer Frau der britischen Oberschicht. Dort lernt Tolkien nicht nur seine Liebe zu Sprachen kennen, sondern auch die Frau, die sein Leben mitgestalten soll.

Es ist allgemein bekannt, dass Tolkien sein Hauptwerk Der Herr der Ringe trotz möglicher Parallelen nicht als Allegorie auf den Zweiten Weltkrieg, den er als Professor in Oxford und Vater eines im Krieg kämpfenden Sohnes miterlebte, gelesen wissen wollte. Vielmehr, so Tolkien im Vorwort der späteren Ausgaben des Herrn der Ringe, verabscheue er die Allegorie als sprachliches Mittel. Umso schwerer muss es da einem Film fallen, das Leben Tolkiens mit Bezug auf sein Hauptwerk in Szene(n) zu setzen. Schließlich ist der Film als visuelles Medium geradezu darauf angewiesen, mit Bildern und Anspielungen zu arbeiten.

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Tolkien Movie Still

Daher überrascht es nicht, wenn Tolkien an seinem Anfang mit durch ein Ödland reitenden Kriegern gleich zwei Anspielungen macht: Zum einen natürlich auf die vom Autoren geschaffene Fantasy-Welt, zum anderen auf den Ersten Weltkrieg, den Tolkien als Offizier miterlebte und welcher die Rahmenhandlung für den Film bildet. In den Schützengräben der Schlacht an der Somme ist Tolkien zusammen mit einem Gefreiten namens Sam (welch ein Zufall…) auf der Suche nach einem Freund aus Schulzeiten. Diese Suche führt Tolkien durch die Schützengräben und apokalyptischen Schauplätze des Ersten Weltkriegs, die der Film bildgewaltig darstellen kann.

Überhaupt arbeitet Tolkien viel mit visuellen Anspielungen, die vor allem Freunde der Herr-der-Ringe-Verfilmungen freuen dürfte. So bemüht sich der Film, den Kontrast zwischen der beinahe idyllischen Kindheit in der englischen Landschaft mit dem Aufwachsen im industriellen Birmingham klar zu zeigen und nutzt dafür Einstellungen und Farben, die man bereits aus der Trilogie von Warner Bros. kennt. Wer dann noch ein wenig über Tolkiens Leben weiß, wird viel Vertrautes in dieser Filmbiografie wieder entdecken.

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Tolkien Movie Still

So die wichtige Rolle der Mutter, die ihre Kinder früh mit alten Sagen und Märchen vertraut machte, oder besondere Bedeutung seines Freundeskreises an der Schule und natürlich schließlich die Begegnung mit seiner späteren Frau Edith (Lily Collins). Beide leben sie als Waisen, vermittelt durch einen Pfarrer (Colm Meaney), sparen sich Theaterbesuche vom Mund ab und werden schließlich voneinander getrennt, da ihre Verbindung als unstandesgemäß gesehen wird und sich Tolkien zudem auf seine Universitätsexamen konzentrieren soll.

Insofern ist Tolkien neben einer Biografie des Autors auch ein starker Liebesfilm über die Beziehung zwischen Edith und ihrem Mann, der es tatsächlich schafft, die Anziehung zwischen den beiden verständlich zu zeigen. Daneben bietet Tolkien aber auch Züge eines Internatsfilms, wenn er die Freundschaft seiner Hauptfigur zu den anderen jungen Männern und ihrem Geheimclub zeigt. Untermalt werden diese Szenen immer wieder von visuellen Verweisen auf Tolkiens Gedanken und Fantasien, die ihn schließlich zum Autoren des Hobbit und Herrn der Ringe werden lassen.

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Tolkien Movie Still

So schafft es Tolkien, einerseits das Leben des jungen Mannes zu inszenieren und gleichzeitig zu zeigen, woher er später seine Inspiration und Motivation nahm, die Mythen, Legenden und Geschichten zu schreiben, die seinen Weltruhm begründeten. Die beiden Hauptdarsteller Nicholas Hoult und Lily Collins machen dabei einen guten Job, auch wenn Hoult für einen britischen Gelehrten vielleicht etwas zu breite Schultern hat. Lediglich gegen Ende fällt Tolkien etwas ab und macht große erzählerische Sprünge, die man vielleicht auch eleganter hätte darstellen können.

Fazit

Tolkien zeigt eine adäquate Erzählung der Jugend und Heranwachsens von J. R. R. Tolkien mit Fokus auf die Beziehung zu seiner Frau Edith. Anschaulich inszeniert und mit vielen Bezügen zum Herrn der Ringe bietet der Film für Fans und Kenner von Tolkiens Wert gute Unterhaltung. Der Rest freut sich über einen schönen Liebesfilm.

TOLKIEN | Trailer 2 | FOX Searchlight

TOLKIEN | Offizieller Trailer 2 | Deutsch HD German (2019)

Kritik zu The Dead Don’t Die - Die Hipsterzombies kommen!

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The Dead Don't Die

Im abgelegenen Städtchen Centerville, irgendwo in den USA, geht neuerdings etwas Merkwürdiges vor sich: Erst sind sämtliche Funkverbindungen und Satellitensignale hinüber, dann greifen zahlreiche Haustiere ihre Besitzer an oder verschwinden spurlos. Schließlich bemerken die Bewohner, dass es nicht mehr dunkel zu werden scheint - und alle Welt plötzlich verrückt spielt. Die Dorfpolizisten Cliff (Bill Murray), Mindy (Chloe Sevigny) und Ronnie (Adam Driver) sehen dem Treiben in der Stadt mit lakonischer Trägheit zu - bis sich plötzlich die Toten aus ihren Gräbern erheben.

Auch die Bestatterin Zelda (Tilda Swinton) hat so ihre Probleme mit den Untoten: Die Leichen, die bei ihr auf dem Tisch liegen, wollen schlicht nicht stillhalten beim Präparieren. Der Verkäufer Bobby Wiggins (Caleb Landry Jones) ist derweil eher von aufdringlichen Touristen genervt, unter ihnen die vorlaute Zoe (Selena Gomez). Und was hat das Ganze mit dem Obdachlosen Bob (Tom Waits) zu tun, der den Angriff der Zombiehorden bereits vorausgesagt hat?

Staraufgebot a la Jarmusch: Happy Zombie

Eine Jarmusch-Produktion bietet gewohnt viel fürs Fan-Auge. Denn wer das Oevre von Regisseur Jim Jarmusch kennt, der weiß, dass sich hier die Creme de la Creme der Indiefilm-Szene die Klinke in die Hand gibt. Neben den Dauerbesetzungs-Kandidaten Bill Murray, Tom Waits, Iggy Pop und Steve Buscemi haben es längst auch Tilda Swinton, Chloe Sevigny, Adam Driver und einige mehr auf Jarmuschs Lieblings-Besetzungsliste geschafft. So bietet auch The Dead Don't Die ein gehöriges Staraufgebot. Hier können neben den beiden Hauptdarstellern Driver und Murray vor allem Tilda Swinton und Caleb Landry Jones überzeugen.

Wie gewohnt, setzt Jarmusch eher auf episodenhafte Szenen statt auf einen durchgehenden Handlungsstrang, um die etwas eigenwilligen Bewohner von Centerville und ihre Begegnung mit den Untoten in Szene zu setzen. Jarmusch macht aus seiner Bewunderung für Zombie-Klassiker wie jene aus der Feder von George A. Romero keinen Hehl.

The Dead Don't Die

Sie kommen aus der Hölle, denn da gibt es viel zu viele

Allerdings dürfte die Machart von Jarmuschs Filmen ebenso Geschmackssache sein wie der ihnen eigene, verschrobene Humor. Jarmuschs Figuren wirken ohnehin oft etwas theaterhaft und entrückt, sodass die Metaebene ihres Daseins förmlich aus der Leinwand herausragt. Was jedoch bei Episodenfilmen wie Coffee and Cigarettes angenehm schräg und charmant wirkte, wird bei The Dead Don't Die eher zu einem Pferdefuß. Nur wenige der Hollywood-Größen haben durch Jarmuschs typische Note die Möglichkeit, mit ihrer Figur Eins auf der Leinwand zu werden.

Vielmehr hat Jarmusch bei The Dead Don't Die enorme Probleme, ein Tempo zu finden, dass der eigentlich ja recht bedrohlichen Situation eines Zombieangriffs gerecht wird. Kurz: Viele Szenen schleppen sich geradezu dahin. Zusätzlich zitiert Jarmusch die zu oft gesehenen Zombiefilm-Klischees und garniert sie mit eher schal wirkenden Sprüchen, deren Pointen nur relativ selten zünden. Woran das liegt, kann nur spekuliert werden, denn die Grundzutaten stimmen eigentlich. Sogar die Details wie liebevoll gestaltete Schilder mit lakonischen Sprüchen dürften wenigstens für ein leichtes Zucken der Mundwinkel sorgen.

The Dead Don't Die

Zu spät für Zombocalypse?

Vielleicht hat Jarmusch jedoch schlicht den Zeitpunkt für eine Indie-Zombiekomödie verpasst. Mit Serien wie The Walking Dead, wo schon länger die Luft raus ist, scheint der Zombie-Hype schon um einige Jahre überschritten. Auch ein Regisseur wie Jim Jarmusch kann bekannten Indie-Perlen mit Zombie-Humor wie Shaun of the Dead (2004), Zombieland (2009), Cargo (2017) oder gar Cabin in the Woods (2011) wenig bis nichts hinzufügen. Vielmehr fragt sich der Zuschauer, wieso nun auch die typischen Jarmusch-Figuren den Untoten ausgesetzt werden müssten. Antwort: Weil Jarmusch es kann. Oder eben nicht. Eine Erklärung zur Zombocalypse gibt der Film zwar am Ende ab - wie viel Sinn die Storyline jedoch ergibt, darf gerne in den Kommentaren diskutiert werden.

Auch die Prämisse, weshalb es überhaupt zu der Zombie-Katastrophe kommt, ist eine kaum verklausulierte Kritik an der US-Regierung, die nur wenig elegant, dafür umso plumper daherkommen. Mit dem sogenannten "Polar Fracking" soll die Erdrotation aufgehalten worden sein, sodass der blaue Ball ab sofort stillsteht. Was das für die Vegetation und das Klima bedeutet, werde von der Regierung kurzerhand beiseite gewischt.

Stattdessen verkündet eine Radiostimme, dass selbstverständlich alles in Ordnung sei, man habe die Situation unter Kontrolle. Steve Buscemi, der als rotbemützter Trump-Anhänger über "die da oben" wettert und hinter jeder Ecke Verschwörungen vermutet, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Das ist kein feiner Humor mit politischen Spitzen mehr, das ist ein regelrechter Humor-Panzer. Aber vielleicht muss man in der Indie-Filmwelt mittlerweile ebenso laut sein wie die, gegen die man mit seiner Kunst ankämpft.

The Dead Don't Die

Fazit: Wenn ich ein Zombie wär

Mit The Dead Don't Die hat Jim Jarmusch einen deutlich verspäteten und verblüffend schlappen Beitrag zu der Kategorie Zombie-Komödie geleistet. Fans dürften sich sicherlich über die Ansammlung an Szenen freuen, in denen die Jarmusch-Allstars aufspielen. Etwas Neues oder Spannendes bietet der Macher jedoch eher nicht. Für einen Jarmusch-Nachmittag auf der Couch dürfte The Dead Don't Die jedoch ein paar unterhaltsame Szenen bieten.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Universal Pictures

Kritik zu X-Men: Dark Phoenix – Nur die Wurst hat zwei

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X-Men: Dark Phoenix

Die 90er! Und mittendrin die X-Men, die zu Hilfe gerufen werden, um ein Space Shuttle zu retten, das in die Fänge einer kosmischen Macht geraten ist. Während der Rettungsaktion nimmt Jean Grey (Sophie Turner) diese Macht in sich auf, was ihren Charakter zunehmend verändert und sie zu einer Gefahr für die X-Men werden lässt. Gleichzeitig wollen die außerirdischen Lebensformen der Shi‘ar Jean Greys habhaft werden, um mit ihrer Hilfe die Erde zu besiedeln.

Alles hat ein Ende – leider oder zum Glück, das sei der jeweiligen Situation überlassen. Wenn es um den sanften Neustart der X-Men-Reihe geht, die mit X-Men: Erste Entscheidung 2011 ihren Anfang nahm und spätestens mit X-Men: Apocalypse erlahmte, sind die Meinungen gespalten. Jetzt müsste die Serie zu ihrem Finale noch einmal alle erzählerischen Kräfte sammeln und diese Zeitlinie zu einem zufriedenstellenden Ende bringen. Müsste…

Nichts für Neueinsteiger

Es startet alles mit einer Rückblende in die Kindheit Jean Greys und wie sie zu den X-Men gekommen ist, inklusive ihrer ersten Begegnung mit Professor Xavier (James McAvoy). Dann kommt die Rettungsaktion, in der alle Mutanten ihre Kräfte einsetzen können, inklusive Jean Grey. Und hier fangen die Probleme schon an: Was genau das Problem des Space Shuttles ist, warum die NASA die Gefahr nicht vorhersehen konnte, wie man plante, die Crew zu retten und was eigentlich Jean Greys Kräfte sind – all das wird nicht wirklich erklärt. Nun müsste man nicht alles erklären, schon gar nicht in den ersten paar Minuten des Films, aber zumindest wäre es schön, wenn der Film Ansätze einer in sich schlüssigen Handlung bieten würde. Würde…

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X-Men: Dark Phoenix Movie Still

Wenigstens kann das Ensemble der Schauspieler ein bisschen besser unterhalten: James McAvoy, Nicholas Hoult, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence und Sophie Turner sind ein paar große Namen, die eine gute Arbeit abliefern. Leider kann das nicht wirklich davon ablenken, dass die Konflikte und ihre Inszenierung etwas müde wirken, genau wie sich der Film insgesamt etwas über seine Laufzeit schleppt. Das mag daran liegen, dass die Motivationen der Charaktere nicht wirklich klar sind, dass die Geschichte an und für sich bekannt ist, sowohl innerhalb des Marvel-Universum als auch allgemein in ihren Grundzügen. Da hätten die Actionszenen wenigstens ordentlich unterhalten können. Hätten…

Das kommt bekannt vor

Aber wenn die Mutanten aufeinandertreffen und sich mit ihren Superkräften beharken, wirkt das zwar Aufsehen erregend, technisch gut umgesetzt und mit spektakulären Schauwerten (als Highlight bricht eine U-Bahn in ein Wohnhaus), aber auch hier fehlt die Motivation: Warum kämpfen die Mutanten nochmal miteinander? Warum sind die Bösen hinter Jean Grey her und wer sind die überhaupt? Gerade im Aufbau der Gegenspieler scheitert X-Men: Dark Phoenix völlig und greift auf eine außerirdische Macht zurück, deren Motivation nur oberflächlich geschildert wird und deren Kräfte im schwammigen Unklaren bleiben. Zumal es diese dritte Kraft eigentlich nicht gebraucht hätte und sie nur dazu dient, Xaviers X-Men und Magnetos Renegaten wieder zu vereinen. Wo haben wir das schonmal gesehen?

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X-Men: Dark Phoenix Movie Still

So bleibt X-Men: Dark Phoenix leider im Konjunktiv versunken: Es hätte ein guter Film werden können, es könnte ein schöner Abschluss einer bemerkenswert gestarteten X-Men-Filmreihe sein, es wäre gut geworden, wenn nicht… ja, was? Was lief schief? So richtig lässt sich das nicht sagen, vielleicht verlor die Reihe einfach an Zugkraft, an dem Willen, eine Aussage zu treffen. So ist X-Men: Dark Phoenix für Fans der X-Men vielleicht noch interessant, um mit ihren Helden einen Abschluss feiern zu können. Was bleibt ist das vage Gefühl, dass alles ein Ende hat und X-Men: Dark Phoenix zum Glück keine Wurst ist.

Fazit:

X-Men: Dark Phoenix ist der  für Fans der Reihe immerhin halbwegs unterhaltsame  Versuch, die X-Men-Filme abzuschließen. Wer seine Helden unbedingt nochmal auf der Leinwand sehen möchte, der wird seinen Spaß haben, alle anderen sind entweder verwirrt oder sparen sich das Ticket.

X-Men: Dark Phoenix | Offizieller Trailer 4 | Deutsch HD German (2019)

Kritik zu Rage 2: Wut, Zorn und Belanglosigkeit

Rage 2 Header

Rage 2 Header

Wer kennt das nicht? Ein gigantischer Meteorit prallt auf die Erde auf und verwandelt die Oberfläche des Planeten in eine dystopische Wüste mit zerklüfteten Ruinen. Ein Großteil der Bevölkerung wurde dabei ausgelöscht, und die Zivilisation ist nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst. Die letzten Überlebenden sind entweder kannibalische Mutanten oder anarchistische Banditen, die plündern, morden und in ihren martialischen Fahrzeugen brutale Rennen fahren. Ja, das Videospiel Rage hat eine uninspirierte Prämisse, die Mad Max imitiert und sich nicht wirklich weiterentwickelt. Umso verwunderlicher ist es deswegen, dass der wenig beachtete Titel von 2010 jetzt einen Nachfolger bekommen hat. Rage 2 wurde von Avalanche Studios entwickelt, die bereits eine Mad-Max-Adaption veröffentlicht haben. Das alte Studio id Software wirkt nur unterstützend, wenn es darum geht, Gegnern mit der Schrotflinte Blutfontänen zu entlocken.

Das Alleinstellungsmerkmal von Rage 2 sollte spaßiges Chaos in einer herausstechenden pinken Farbgebung sein, so hat es jedenfalls Publisher Bethesda beworben. Diese Versprechungen finden sich nach der Veröffentlichung nun so gar nicht im zurückhaltenden Endprodukt wieder. Der Shooter ist beinahe zahm, bietet keine eigenen Ideen im Genre und wäre vor zehn Jahren vielleicht unverbraucht gewesen. Heute erwarten Spieler eine offene Welt mit dutzenden Aktivitäten, abwechslungsreiche Kämpfe und eine Geschichte, die als roter Faden durch diese Inhalte dient. Nichts davon überrascht mehr oder ist ein schlagkräftiges Verkaufsargument. In Rage 2 passt zwar alles verhältnismäßig gut zusammen, doch irgendwo in den hundert Jahren nach dem Meteoriteneinschlag hat das Spiel seine Identität verloren. Was hebt genau diese Postapokalypse von einer beliebigen anderen ab? Selbst die pinken Farbtöne waren dieses Jahr schon in Far Cry New Dawn zu sehen - und haben dort wesentlich organischer ins Gesamtbild gepasst.

Verbrauchte Stereotype treffen verblutende Shotgun-Typen

Eine unklare Richtungsangabe gibt es schon am Anfang der Geschichte, die irgendwie das Ende des ersten Teils unterbringt und gleichzeitig klar macht: Den kann man beruhigt nicht gespielt haben. Hier dennoch ein kleiner Rückblick: Rage drehte sich um Nicolas Raine, ein Überlebender aus dem 21. Jahrhundert, der in einer Arche hundert Jahre nach der Apokalypse aus seiner Kryostase aufwacht. In der zerklüfteten Welt besiegt der Protagonist also die tyrannische Autorität. Während des Abspanns aktiviert der Protagonist alle verbleibenden Archen um den Globus und lässt einige Raumstationen vom Himmel stürzen, die die Oberfläche per Terraforming wieder in ein blühendes Paradies verwandeln sollen. In den ersten Minuten des zweiten Teils ist all das sofort wieder egal: 30 Jahre später wachsen zwar wieder Pflanzen, doch die Archenbewohner haben sich entschieden, nicht beim Wiederaufbau zu helfen. Anarchie regiert also weiterhin, weil niemand aufgeräumt hat.

Rage 2 Mutant

Auch die Autorität ist zurück, die Rebellen aus dem ersten Teil haben in den letzten Jahrzehnten irgendwie vergessen, das Problem endgültig zu lösen. Also plättet Oberbösewicht General Cross zu Beginn die hochentwickelte Siedlung von Protagonist Walker, der (oder die - das Geschlecht wählt der Spieler) zurückbleibt und von jedem Charakter im Spiel dazu auserwählt wird, als letzte Rettung die Autorität erneut zu besiegen. Mit dem Ziel wird Walker ein Ranger, quasi ein futuristischer Robocop mit Nanomaschinen im Blut, die Superkräfte verleihen. Das ist der Teil des Spiels, der auf dem Papier spaßig klingt, und auch wenigstens teilweise die größte Stärke von Rage 2. Die Kämpfe und Schusswechsel sind wild und energiegeladen, beinahe wie im Reboot von Doom. Doch dieser Teil des Spiels wird leider von einem anderen Teil kannibalisiert: der offenen Welt.

Wer ist dieser Max und warum ist er immer wütend?

Wahrscheinlich weiß jeder, der in den letzten Jahren ein Videospiel gespielt hat, wie eine offene Welt funktioniert. Das zweckmäßige Auto befördert den Spieler zu einer Aktivität auf der Karte, etwa eine Straßensperre oder einer Banditenfestung. Dort gilt es dann alle Feinde zu besiegen. Wenn keiner mehr steht, gibt es eine Belohnung und einen Hinweis vom Spiel. In Rage 2 macht das vielleicht zwei, drei Stunden Laune, bis eine gewisse Routine einsetzt. Gegner und Strukturen sind nicht abwechslungsreich, weil sie in einer offenen Welt allzeit bereitstehen müssen und gegebenenfalls vom Spieler übersehen werden. Genauso funktionieren bedauernswerterweise auch neue Fähigkeiten und Waffen. Diese sind in verlassenen Archen zu finden, die überall in der Welt verstreut sind. Es gilt: Wer nicht aktiv danach sucht, wird nicht alle finden. Somit bleibt vom Doom-Gameplay wenig über. Ohne strukturiertes Leveldesign und zahlreiche Waffen wirkt es mittelmäßig.

Auch wer sich dann hoffnungsvoll der Geschichte widmet, wird enttäuscht. Zwar sind einige Level auf einem höheren Niveau, doch die Missionen werden von generischem Grinding und den immer gleichen Bossgegnern getrübt. Das größte Problem bleibt aber die trostlose und uninspirierte Postapokalypse. Es ist, als würde man Mad Max jede Gesellschaftskritik in seinen Banditen-Hierarchien entziehen. Walker kämpft nie wirklich für die gewöhnlichen Menschen, die anarchische Gesellschaft mit all ihrem brutalen Chaos soll einfach beibehalten werden. In Städten sieht der Spieler immer wieder Obdachlose und arme Zivilisten, die zwischen Autowracks und Reifenstapeln reine Dekoration für die schmutzigen Gassen bleiben. Die Autorität hat als pures Böse natürlich keinen besseren Gegenvorschlag: Cyborg Cross will durch Menschenversuche und Mutanten die perfekte Spezies erschaffen um die Erde neu zu besiedeln. Ein Motiv als Beispiel für das Spiel selbst: Bekannt, verbraucht und ohne jegliche eigene Note.

Rage 2 Cybermutant

Fazit

Rage 2 hat seine Momente. Das erste Mal mit der Schrotflinte in der Kanalisation gegen Mutanten antreten, das hält, was es verspricht. Aber, wer eine Mission später die Struktur des Spiels durchschaut, sieht plötzlich alle Schwächen auf einmal. Vor jedem Hindernis wird abgewogen: Muss ich diese Aufgabe wirklich erledigen, oder fahre ich einfach weiter? Die Fragestellung wird nach etwa sechs Stunden erweitert: Schalte ich Rage 2 jetzt nochmal an, oder spiele ich lieber Doom für das Gameplay oder Mad Max für die Postapokalypse? Die Argumente für Rage 2 halten sich in diesen Momenten stark in Grenzen.

Rage 2 ist für Playstation, Xbox und den PC erhältlich.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Bethesda

RAGE 2 – Official Launch Trailer

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