The Expanse

Nemesis Spiele – Kritik zu The Expanse 5.10

SPOILER

Die letzte Episode dieser Staffel zögert nicht lange und steigt direkt in die Handlung ein. Monika Stuart (Anna Hopkins) hat sich im Laufe der letzten paar Folgen im Hintergrund als eine nützliche Detektivin erwiesen. Die Serie gibt vermeintlich unwichtigen Crewmitgliedern, die nicht am unmittelbaren Geschehen teilhaben, etwas Sinnvolles zu tun. Bevor sie jedoch ihre Ermittlungen fortsetzen kann, wird sie unwirsch von Bull (José Zúñiga) mit einer Hiobsbotschaft eines bevorstehenden Free-Navy- beziehungsweise Gürtler-Angriffs unterbrochen.

Zwischen diesen beiden Figuren und Holden (Steven Strait) entwickelt sich trotz gewisser Spannungen langsam eine stimmige Chemie. Dies ist möglicherweise auch notwendig, denn zumindest Bull und seine Fähigkeiten als Pilot könnten sich in der nächsten Staffel noch als nützlich erweisen. Typisch für Holden ist jedenfalls, sich bereitwillig opfern zu wollen, damit seine Freunde eine bessere Überlebenschance haben. Nebenbei unterbindet er noch Bulls rassistische Gürtler-Kommentare.

Weltraum-Duell mit dramatischen Konsequenzen

Stammregisseur Breck Eisner untermauert die Feuerkraft und die Übermacht der Free Navy vor der finalen Konfrontation noch einmal, indem er die Kamera in einer recht eindrucksvollen Szene von einem Raumschiff zum nächsten springen lässt. Auch wenn es nicht unbedingt leicht fällt, den Überblick zu behalten, gestaltet Eisner die gesamte Sequenz dank der dynamischen Schnitt-Montagen und einer spannungserzeugenden musikalischen Untermalung von Clinton Shorter äußerst mitreißend. All diese Elemente ergeben ein beeindruckendes Weltraum-Duell.

Im Nachhinein lässt sich sicherlich leicht behaupten, dass Camina Drummers (Cara Gee) Entscheidung, den Angriff auf die Rocinante zu sabotieren, vorhersehbar gewesen ist. Allerdings handelte es sich um eine Figur, die stets zwischen mehreren Stühlen saß: Sie fühlte sich immer hin- und hergerissen zwischen dem Gürtler-Volk, ihrer eigenen Besatzung und Holdens Crew beziehungsweise ihrer Freundschaft zu Naomi (Dominique Tipper).

Außerdem befindet sie sich schon seit dem Beginn ihrer Reise auf der Suche nach einer eigenen Identität, einem Zuhause und vielleicht sogar nach einer politischen Ideologie, der sie folgen kann. Diesen Zwiespalt stellte Gee fortwährend gut dar, dass das Ergebnis dieses Duells zumindest für Nicht-Buchleser vielleicht gar nicht so absehbar war. Dass Karal (Olunike Adeliyi) eines relativ unzeremoniellen Todes stirbt, nämlich durch die Hand einer vergleichsweise unerforschten Nebenfigur namens Michio (Vanessa Smythe), kommt dann doch relativ überraschend daher.

Anschließend scheinen sich alle Mitglieder von Caminas Crew bewusst zu sein, dass das gemeinsame Leben dieser kleinen harmonischen Truppe nach dem Angriff ein Ende genommen hat. Wie um diesen Punkt noch einmal zu unterstreichen, wirft Marco Inaros (Keon Alexander) ein ehemaliges Besatzungsmitglied aus der Luftschleuse und schickt Camina die entsprechende Video-Aufzeichnung dieser Macht- und Rache-Demonstration zu. Serge (Wilex Ly) war ebenfalls eine Hintergrundfigur, zu der Zuschauer wahrscheinlich keinerlei Bindung aufgebaut haben. Möglicherweise hat kaum jemand einen zweiten Gedanken an ihn verschwendet, seitdem er im Rahmen des Free-Navy-Austauschprogramms von Caminas zu Marcos Besatzung überwechselte.

Sein Tod wird dem Publikum nicht direkt gezeigt. Die Zuschauer beobachten Drummers Crew, wie sie Serge beim Sterben zusieht. Eine kluge Regie-Entscheidung, denn für das Publikum hat sein Ableben keine große emotionale Bedeutung. Vielmehr wird durch die schmerzhaften und überzeugenden Reaktionen seiner Kameraden wesentlich besser deutlich, dass Drummers Entscheidung, sich gegen Marco zu stellen, einen erheblichen Preis hat.

Rettung in letzter Sekunde

Naomis Geschichte nimmt ebenfalls buchstäblich wieder Schwung auf, als sie ein Triebwerk ihres Raumschiffes/Weltraumgefängnisses aktivieren kann. Die letzten Episoden schilderten durchaus spannend und weitestgehend monolog- und dialogfrei ihre diversen Rettungsversuche. Es wird trotzdem wieder höchste Zeit, dass etwas physische Bewegung ins Spiel kommt.

Ihr gesamter Überlebenskampf kulminiert in ihrem Sprung aus dem Raumschiff – und noch einmal muss an dieser Stelle Clinton Shorters gänsehauterzeugender Score gelobt werden. Das gepaart mit Tippers schauspielerischer Leistung, die Verzweiflung, Resignation, Mut im Angesicht von Todesangst sowie eine Form von Hoffnung auf Rettung ihres eigenen Lebens vermischt, machen diese Szene zum Höhepunkt dieser Episode.

Die subjektive Kameraarbeit von Jeremy Benning trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei. Alle Beteiligten, sowohl vor als auch hinter der Kamera, arbeiten auf dem höchsten Niveau. Naomis Rettung erschien sicherlich unvermeidlich. Der Moment, in dem es allerdings geschieht und in dem Bobbie Drapers (Frankie Adams) Stimme hinter ihr zu hören ist, stellt jedoch eine lohnende und bewegende emotionale Katharsis dar, auf die die letzten drei Episoden hingearbeitet haben.

Schließlich kann sich jeder seine eigenen Gedanken zu Cas Anvars Abgang machen. Wer sich diesbezüglich an James S. A. Coreys Twitter-Account richten möchte, muss sich eventuell aber ein beherztes “Geht niemanden etwas an!“ oder “Fuck off!“ gefallen lassen. Die Autoren Daniel Abraham, Ty Franck und Naren Shankar hatten sicherlich keine einfache Aufgabe zu erfüllen. Alex' Ableben hat dementsprechend ein leichtes Poochie-kehrt-zu-seinem-Heimatplaneten-zurück-Feeling (bekannt aus der Simpsons-Episode “Poochie, der Wunderhund“), welches sich wahrscheinlich nicht vermeiden ließ.

Zwar hat sich die Serie immer mit den körperlichen und gesundheitlichen Folgen der Raumfahrt und den damit einhergehenden Belastungen durch die g-Kraft auseinandergesetzt, sein Ende wirkt dennoch etwas unbeholfen. Wie schon zu Beginn dieser Review angedeutet, ist es durchaus vorstellbar, dass Bull beziehungsweise Darsteller José Zúñiga als Ersatz schon für die nächste Staffel in den Startlöchern steht.

Abschiede, Wiedervereinigungen und pathosgeladene Reden

Leider wirkt auch der gesamte Abschluss mit Amos (Wes Chatham) und Erich (Jacob Mundell) etwas verkürzt und antiklimaktisch. Andererseits gibt es zwischen den beiden vermutlich nicht mehr viel zu sagen: Amos hat sein neues Leben gefunden, Erich muss wieder von vorne beginnen – die zerbrochene teure Whiskey-Flasche ist letztendlich ein Symbol dafür, dass alles, was sie einst für wichtig erachtet haben, vielleicht doch nicht so wichtig war … oder es ist nur eine zerbrochene Whiskey-Flasche, die für einen nett-amüsanten Moment sorgt. Dafür gestaltet sich die Wiedervereinigung von Amos und Naomi umso emotionaler und zwischen ihm und Holden umso unterhaltsamer, als er versucht Clarissa Mao (Nadine Nicole) auf das Schiff zu mogeln.

Pathosgeladene, etwas sentimentale Reden lassen sich am Ende einer solchen Staffel vielleicht nicht vermeiden. Aber wenn schon eine solche Rede, dann bitte mit der rauchigen Stimme von Shohreh Aghdashloo. Außerdem wird dem relativ siegessicheren Moment sofort wieder der Wind aus den Segeln genommen. Der Cliffhanger folgt nämlich auf dem Fuße. Zum Schluss bleibt jedoch weiterhin die Frage, ob die 6. Staffel alle Handlungsstränge abschließen wird und Showrunner sowie Autoren die vier noch übrig gebliebenen Bücher zu einer Staffel zusammenfassen sowie gewisse erzählerische Entscheidungen der Vorlage einfach ignorieren werden. Letzteres soll keine Kritik darstellen – Fernsehserien beziehungsweise Adaptionen müssen anderen Regeln gehorchen als ihre Buchvorlagen.

Ein Ausblick auf eine unsichere Zukunft

Admiral Duarte ist zu diesem Zeitpunkt für Nicht-Buchleser noch ein großes Fragezeichen. Generell sollten an dieser Stelle aber weitere Spekulationen vermieden werden, um dieses ungespoilerte Mysterium für Nicht-Leser zu erhalten. Woran die marsianische Fraktion auf dem Planeten jenseits des Ring-Portals arbeitet, scheint jedoch schon ziemlich weit fortgeschritten zu sein.

Das letzte Expanse-Buch erscheint im Oktober, und Produktion für die sechste und vermeintlich letzte Staffel haben bereits begonnen, sodass mit einer Veröffentlichung zumindest der ersten drei Episoden vielleicht schon im Dezember 2021 zu rechnen ist. So bleibt Buchlesern immerhin noch genug Zeit, das letzte Buch zu verschlingen und dann mit bittersüßer Abschiedsmelancholie Vergleiche zur Serienadaption anzustellen – immerhin müssen Fans kein Game-of-Thrones-Szenario befürchten, bei der die Serie den Autor der Buchvorlage überholt.

Fazit:

Insgesamt handelt es sich bei “Nemesis Spiele“ um eine runde Abschluss-Episode, die viele der Handlungsstränge Staffel auf eine spannende und emotionsgeladene Weise zu Ende bringt, auch wenn die gesamte Season oftmals Probleme hatte, den vielen Storylines gerecht zu werden – vielleicht wären ein bis zwei Episoden mehr die Lösung gewesen.

Trotzdem handelte es sich mal wieder um eine thematisch und psychologisch spannende Reise. The Expanse bleibt eine Serie, die weiterhin mit vielen interessanten Bällen jongliert, die von Klassenkampf über Terrorismus und den moralischen Strickfallen bei dessen Bekämpfung bis hin zu psychologischem Missbrauch und letztendlich Zusammenhalt von Freunden und Familie ein reichhaltiges Potpourri bietet, mit der kaum eine andere aktuelle Serie des Genres konkurrieren kann.

Winniepesaukee – Kritik The Expanse 5.09

SPOILER

Nachdem Marco (Keon Alexander) und Filip Inaros (Jasai Chase-Owens) in der letzten Episode mehr oder weniger nur einen zweiminütigen Gastauftritt hatten, bekommen sie in “Winniepesaukee” wieder etwas mehr zu tun. Marco greift anscheinend munter und mit Erfolg UN-Transporter an und sowieso alles, was ihm nicht in den Kram passt.

Der Stolz über seine kleinen Siege verwandelt sich schnell in Wut und Frustration, als er erfahren muss, dass Naomi ihren Raumspaziergang überlebt hat. Nicht nur das, sie scheint auch Marcos elaborierte Falle erfolgreich zu sabotieren. Vielleicht haben er und sein Sohn wirklich erwartet, dass sich Naomi einfach gefangen setzen lässt und sich irgendwann der Familie sowie der Free Navy anschließt.

Filip reagiert äußerst emotional auf diese Neuigkeit. Für ihn und seinen Vater scheint es unvorstellbar, dass sich Naomi einer Umgebung entziehen möchte, in der Zwang, Kontrolle, physischer und psychischer Missbrauch mit Liebe verwechselt wird.

Recap auf der Razorback

Auf der Razorback gibt es weiterhin nicht viel zu tun. In der letzten Episode wurde den Zuschauern noch nicht auf die Nase gebunden, was Naomi (Dominique Tipper) genau unternimmt, um sich selbst und ihre möglichen Retter vor dem mit Sprengstofffallen verkabelten Raumschiff zu schützen. Diese undankbare Aufgabe kommt Bobbie Draper (Frankie Adams) und Alex Kamal (Cas Anvar) zu. Beide lassen noch einmal Revue passieren, was Naomis mittlerweile abgeänderter Hilferuf bedeuten könnte.

Dieser Dialog wechselt sich mit Szenen auf der Rocinante ab, wo Holden (Steven Strait), Monica Stuart (Anna Hopkins) und Bull (José Zúñiga) im Grunde dasselbe Gespräch führen. Der Inhalt kommt etwas ermüdend daher, die Parallelmontage der beiden Szenen sorgt aber immerhin für etwas Dynamik, selbst wenn sich die beiden Raumschiffe nicht wesentlich vorwärtsbewegen.

Naomis und Caminsa Überlebenskämpfe setzen sich fort

Naomis Handlungsbogen wirkt wie eine kleine Fortsetzung der letzten Episode: Dieses Mal muss sie Eis von einem Rohr kratzen, um sich zumindest etwas hydrieren zu können – Wasser- und Sauerstoff beziehungsweise der Mangel dieser beiden grundlegenden Elemente im Weltraum, die der Mensch so dringend zum Überleben benötigt, waren stets wichtige Bestandteile und Themen von The Expanse, und die Serie verliert sie nie aus den Augen beziehungsweise greift immer wieder darauf zurück.

Die Dynamik innerhalb Camina Drummers (Cara Gee) Crew bleibt weitestgehend unverändert. Camina wirkt jedoch immer resignierender, als hätte sie sich selbst, ihre Familie und ihre Unabhängigkeit längst aufgegeben. Nur später kommt es zu einem verständlichen Gefühlsausbruch, als sie merkt, dass Oksana (Sandrine Holt) aus Angst vor Marcos Vergeltung immer mehr faule Kompromisse eingeht. Vielleicht hofft sie sogar wirklich auf Marcos Vision einer besseren Gürtler-Zukunft, die auf Krieg und Terror basiert.

Karal (Olunike Adeliyi) scheint im Gegenzug ihre Rolle als neue Machthaberin über diese sich windende Piraten-Besatzung geradezu zu genießen, insbesondere wenn es darum geht, den letzten Widerstand aus Camina herauszupressen.

Schusswechsel am See Winniepesaukee

Regisseur Breck Eisner wählt sehr schöne erste Kamera-Einstellungen beziehungsweise sogenannte “establishing shots“ des gesamten Gebiets rund um den See Winniepesaukee. Die düsteren Bilder des Shuttles, mit dem die Gruppe um Clarissa (Nadine Nicole) und Amos (Wes Chatham) von der Erde fliehen wollen, lassen schon vorausahnen, dass es eine zentrale Rolle in dieser Episode spielen wird.

Die Vorstellung, dass sich die Reichsten unter den Reichen hier in der Zukunft vom Plebs abschotten und ein eigenes Raumschiff in der Garage stehen haben, mit dem sie notfalls von der Erde fliehen können, wirkt gleichzeitig absurd und absolut plausibel. Dass der Antrieb des Schiffes quasi das gesamte Grundstück in Schutt und Asche legt, erscheint dagegen nicht unbedingt praktisch.

Während dieses Shuttle repariert werden muss, kommt es zwischen einzelnen Individuen zu vorhersehbaren und dennoch abwechslungsreichen Reibereien. Amos steht quasi zwischen Erich (Jacob Mundell), der alles und jeden außerhalb seines Vertrauenskreises zurücklassen möchte, und Clarissa, die Amos’ moralischen Ersatzkompass darstellt. Zu einem gewissen Maße repräsentiert Erich sein altes Leben auf den Straßen Baltimores, in dem es für Amos überlebensnotwendig war, kein Mitleid und keine Menschlichkeit zu zeigen. Clarissa, die wesentlich privilegierter aufgewachsen ist, repräsentiert sein neues Leben, in dem hilflose Zivilisten vor den Stärkeren geschützt und gerettet werden müssen.

So gesehen, ist es nur konsequent, dass Clarissa die brenzlige Situation mit der inseleigenen Privatpolizei entschärfen möchte, bevor es zu mehr unnötigen Toten kommt. Es handelt sich eventuell nicht um die klügste Entscheidung, andererseits hätten bei einer verfrühten Konfrontation auch Menschen sterben können, die für die Reparatur des Shuttles und die Erdflucht essentiell sind. Ihr späteres Plädoyer, dass es wichtig ist, eine Menschengruppe wachsen zu lassen und Individuen nicht nach ihrem Nutzen für die Allgemeinheit zu bewerten, wirkt vielleicht etwas naiv. Die Episode entschärft diese pathosgeladene Rede jedoch mit einer Prise Humor, als Clarissa  Erich kleinlaut eröffnet, dass sie eigentlich eine dreifache lebenslange Haftstrafe wegen Mordes absitzen müsste.

Nachdem die letzten Episoden es etwas ruhiger haben angehen lassen, sorgt die gut inszenierte Actionsequenz für willkommene Abwechslung. Lange Kamerafahrten und wenig sichtbare Schnitte, die Regisseur Eisner hier ebenfalls nutzt, sind mittlerweile ein beliebtes und nicht unbedingt neues Mittel, um solche Actionszenen zu inszenieren. Trotzdem wirkt es nicht minder spannend, effektiv oder mitreißend.

Politischer Widerstand auf dem Mond

Die Episode zeigt nicht den Angriff auf die Gürtler-Stationen, der in der letzten Episode im UN-Kabinett besprochen wurde, sondern nur die Fernsehbilder und die Reaktionen der Zuschauer. Das kann selbstverständlich Budget-Gründe haben. Vielleicht möchten Regisseur Breck Eisner sowie  Daniel Abraham, Ty Franck und Naren Shankar, die drei Autoren dieser Episode, eine generelle Aussage zu diesen Gegenschlägen machen: Angriffe dieser Art, denen vermutlich auch Zivilisten zum Opfer fallen, haben bestenfalls einen symbolischen Wert für die Fernsehkameras und um den Publikum Zuhause ein Gefühl der Befriedigung und der Genugtuung zu verschaffen.

Der Preis dafür besteht im schlimmsten Fall darin, dass der Nährboden für die nächste Terroristen-Generation vorbereitet wird, wie Chrisjen (Shohreh Aghdashloo) in einer leidenschaftlichen Rede vor dem restlichen Kabinett anmerkt, die leider weitestgehend auf taube Ohren stößt. Dass der UN-Generalsekretär seine Gegenschläge für objektiv-rational und nicht emotional motiviert hält, wäre fast schon lachhaft, wenn es nicht so traurig wäre.

Aber auch Chrisjen ist sich der Macht politischer Symbolik bewusst: Sie und die anderen Kabinettsmitglieder treten sicherlich aus moralischen Gründen zurück, allerdings hat ihr Rücktritt auch weitreichende Konsequenzen für den amtierenden UN-Generalsekretär. Christjens Familie hat nie eine große Rolle in der Serie gespielt und infolgedessen ist es schwierig, ihren schmerzhaften Verlust nachzuempfinden. Die Trauer um ihren Ehemann muss Schauspielerin Shohreh Aghdashloo mehr oder weniger allein auf den Schultern tragen und transportieren. Dieses Manko kann die Darstellerin allerdings ganz wunderbar wieder ausgleichen, und die Inszenierung der holografischen Gedenktafel wirkt noch einmal unterstützend, um diesen traurigen Moment zu verkaufen: Die Kamera fährt nach oben und zurück, lässt sie fast schon klein und einsam zurück, während sich der Name ihres Ehemannes zu den vielen anderen gesellt.

Interessanterweise bleibt die Beziehung zwischen Chrisjen und Admiral Delgado (Michael Irby) auch nach dem unfreiwilligen Machtwechsel weiterhin warm und freundschaftlich. Es handelt sich um einen politisch klugen Schachzug, ihm einen Platz in ihrem Kabinett anzubieten. Dieser lehnt selbstverständlich ab und gibt sich hochmütigen Fantasien hin, in denen er Marco Inares schnappt, auch wenn er an Chrisjens Seite wahrscheinlich mehr ausrichten könnte.

Fazit:

Nachdem die letzte Episode einige Schwierigkeiten hatte, alle Handlungsstränge zu jonglieren, gelingt dies “Winniepesaukee“ etwas eleganter. Auch wenn die gesamte Sequenz auf der Erde und die dort stattfindende aufregende Actionszene im Mittelpunkt stehen, lassen Autoren und Regisseur den übrigen Figuren ebenfalls genügend Zeit, um die eine oder andere Handlung fortzuführen. Wahrscheinlich wird aber erst in der letzten Episode wirklich Schwung in alle Storylines kommen.

Kieselstein im Meer – Kritik The Expanse 5.08

SPOILER

Auch wenn dies bei der Produktion wahrscheinlich nicht unbedingt beabsichtigt war, fällt es schwer, nicht an aktuelle globale Gesundheitskrisen zu denken, wenn Clarissa (Nadine Nicole) und Amos (Wes Chatham) die draußen abgelegten Leichen von alten Menschen entdecken. Globale tragische Ereignisse treffen auch in der spekulativen Zukunft zuerst die Schwachen und die Alten. Das scheint zumindest die traurige und zeitlose Wahrheit zu sein, auf die Dan Nowak, Autor dieser Episode, abzielt.

Es ist nur verständlich, dass Erich (Jacob Mundell) an der Welt festhalten möchte, die er sich mit viel Mühe und Not erkämpft hat. In der derzeitigen Krise glaubt er sogar, eine Chance zu erkennen. Er gibt seinen naiven und voller Selbststolz gefassten Plan fast schon zu schnell auf, als er sich ausgerechnet von Clarissa eines Besseren belehren lässt – eine Dame, wohlgemerkt, die er gerade erst kennengelernt hat. An manchen Stellen erscheint es fast so, als würden die verschiedenen Handlungsstränge dieser Staffel zu schnell und an anderen Stellen wiederum zu langsam voranschreiten.

Naomi allein und sprachlos im Weltall

Dominique Tipper hat als Naomi währenddessen eine fast unmögliche Aufgabe zu stemmen: In dieser Episode muss sie glaubhaft unfassbare Schmerzen verkaufen, die ein Weltraumspaziergang ohne Raumanzug wahrscheinlich mit sich bringt (schätzungsweise hat das noch niemand in der Realität ausprobiert). Ferner muss sie dies und ihre eigene Rettungsversuche ganz alleine und ohne Szenenpartner bewältigen. Das macht sie aber außerordentlich gut: Bei jeder Bewegung, die sie vollführt, und bei jeder Luke, die sie mit großer Kraftanstrengung öffnet, sind ihre körperlichen Schmerzen fast spürbar. Das liegt aber zum Teil auch an dem überzeugenden Make-up von Verity Fiction und Brian Hui, die äußerst glaubhaft ein ramponiertes Gesicht und geschwollene Gliedmaßen erschaffen haben.

Bis auf den sich immer wiederholenden Fake-Hilferuf von Naomi, der letztendlich der Free Navy feindlich gesinnte Schiffe anlocken und in die Luft sprengen soll, verläuft die gesamte Sequenz fast wortlos. Nur das eine oder andere verzweifelte “Nein!“ oder “Fuck!“ darf die Darstellerin über die Lippen bringen.

Es ist Regisseurin Marisol Adler und Drehbuchautor Dan Nowak hoch anzurechnen, dass sie der Versuchung, Naomis Handlungen beispielsweise mit einem ungelenken Selbstgespräch zu erklären, widerstehen. Sie versucht etwas, scheitert, dann versucht sie etwas anderes, hat Erfolg, nur um kurze Zeit später wieder zu scheitern – alles, was für die Szenen relevant ist, wird nur in Tippers ausdrucksstarkem und emotional-verzweifeltem Spiel sichtbar. In solchen kleinen unscheinbaren Momenten glänzt die Serie immer wieder und hebt sich von anderen Genre-Vertretern ab, die ihrem Publikum nicht zutrauen, Handlungen nachvollziehen zu können, die dem Show-don’t-tell-Prinzip folgen.

Wassertreten ohne Richtung und Ziel

Während die Naomi-Storyline mit Worten und Erklärungen spart, geschieht auf der Rocinante genau das Gegenteil. Hier scheint es jedoch notwendig, alles Wesentliche noch einmal Revue passieren zu lassen, damit jeder weiß, wer sich wo befindet und was als Nächstes zu tun ist. Allerdings ist dies nicht unbedingt spannend oder herausfordernd für Darsteller oder Zuschauer. Außerdem wird man das Gefühl nicht los, dass die Crew der Rocinante und die Zweier-Besatzung der Razorback, bestehend aus Bobbie Draper (Frankie Adams) und Alex Kamal (Cas Anvar), zumindest momentan lediglich Wasser treten müssen, ohne sich wirklich vorwärts zu bewegen.

Zerbröckelnde Ersatzfamilien

Die Lage um Drummer (Cara Gee) und ihre Crew spitzt sich derweilen weiter zu. Es wird aber ebenfalls klar, welches Schicksal ihr droht, sollte sie sich gegen Marco Inaros (Keon Alexander) und seine sogenannte Free Navy auflehnen. Der kleine Moment der Freude mit dem schwerelosen Wasser am gemeinsamen Essenstisch bildet den emotionalen Kern dieser Episode und wirkt wie ein flüchtiges Überbleibsel, als sie noch ohne zweifelhafte politische Agenda plündern durften. Dieser Moment ist genauso schnell wieder verflogen, wie er gekommen ist. Die Familiendynamik, die Drummer lange gesucht und sich hart erkämpft hat, weist schon wieder erste Risse auf, und es scheint lediglich eine Frage der Zeit zu sein, bis sie vollends auseinander bricht.

Die Serie hat sich weitestgehend erfolgreich bemüht, den Terroristen rund um Marco, seinem Sohn Filip und Cyn ein menschliches und nuanciertes Gesicht zu verleihen. Auf Karal (Olunike Adeliyi) trifft dies leider weniger zu. Während alle anderen die Möglichkeit haben, unterschiedliche Perspektiven einnehmen und emotional-facettenreich agieren dürfen, bleibt ihr nur die undankbare Rolle der loyalen Fanatikerin, die ohne Zögern tötet und gegen alle integriert, die sich der Free Navy in den Weg zu stellen drohen. Das klingt auf dem Papier zwar cool, wirkt hier jedoch recht eindimensional.

Bekannte politische Ränkespiele mit unbekannten Personen

Der neue UN-Generalsekretär David Paster (Sugith Varughese) wirkt bei seiner Ansprache sichtlich nervös, bescheiden und verunsichert. Insbesondere wenn es aber darum geht, den Terroristen die gerechte Strafe zukommen zu lassen, entwickelt er ein gewisses Selbstbewusstsein, als könne man ihm im Echtzeit dabei zusehen, wie er zum ersten Mal auf den Geschmack von wahrer politischer Macht kommt.

So geschieht es dann auch relativ schnell, dass er sich hinter Chrisjens Rücken (Shohreh Aghdashloo) mit Admiral Delgado (Michael Irby) berät, wenn es darum geht, einen Gegenschlag durchzuführen, der das Leben einer nicht unerheblichen Menge an Zivilisten fordern könnte. Letztendlich muss er sich mit den moralisch-ethischen Fragestellungen beschäftigen, denen sich jeder Staatsführer in Zeiten des Terrors stellen muss. Paster scheint aber nicht lange zu zögern und alle Vorbereitungen zu treffen, die auf das Schlimmste hinauslaufen. Auch dieser Handlungsstrang wirkt leider etwas vorhersehbar. Diese politischen Ränkespiele sind schon zu genüge bekannt, und letztendlich bleibt es fraglich, wie viel Spannung und Dramatik diese erzeugen können, zumal zwei der drei hier wichtigen Figuren noch relativ unbekannt sind.

Fazit:

Was sich schon in den letzten Episoden angedeutet hat, wird durch "Kieselstein im Meer“ noch einmal besonders evident: Das Aufsplitten in viele verschiedene, kleine Handlungsbögen gewährt  zahlreichen altbekannte und heißgeliebten sowie neueren Figuren nicht genügend Bewegungsspielraum. Die Folge ist, dass die Zuschauer mal zwei Minuten hier verbringen und mal zehn Minuten dort, ohne dass es möglich ist, wirklich in eine Storyline zu investieren.

Abgesehen von Naomi und Schauspielerin Dominique Tipper, die ihre Sache ganz wunderbar macht, bleibt für alle anderen nicht genügend Zeit. Verständlicherweise ist das auch keine leichte Aufgabe für Drehbuchautoren und Regisseure, so viele Bälle auf einmal zu jonglieren. Dennoch haben Handlung und sogar einige Charakterentwicklungen, die sich nur zentimeterweise fortbewegen, darunter zu leiden.

Oyedeng – Kritik The Expanse 5.07

SPOILER

Es macht nur Sinn, dass diese dramatische und mit Emotionen randvoll gefüllte Episode mit Erinnerungen an glücklichere Zeiten beginnt: Naomi (Dominique Tipper) und Marco (Keon Alexander) empfinden noch Liebe zueinander und zu ihrem Kind. Eine sehr warme, intime und wortlose Rückblende, die einer kalten und harten Gegenwart gegenübergestellt wird.

Im späteren Gespräch zwischen den beiden zeigt sich jedoch noch einmal, dass ihre Beziehung oft viele andere und düsterere Facetten aufwies. Exposition dieser Art kann gelegentlich umständlich und langweilig wirken. Dan Nowak, Autor dieser Episode, sowie Regisseurin Marisol Adler entscheiden sich interessanterweise dennoch nicht dafür, alles in Rückblenden zu zeigen. Das ergibt durchaus Sinn, denn abgesehen von den kleinen Momenten gemeinsamen Glücks, haben beide eine jeweils vollkommen andere Sichtweise auf ihre gemeinsame Vergangenheit. Diese Diskrepanz und die unterschiedlichen Standpunkte der beiden, mit denen sie um die Seele ihres Sohnes Filip (Jasai Chase Owens) kämpfen, ist wesentlich wichtiger und macht die Episode dramatischer und spannender.

Mutterliebe vs. Vaterliebe

Marco versteckte einst Filip, um Naomi an sich zu binden. Das sagt wiederum sehr viel über Marcos Psychologie aus, der Liebe und Freundschaft mit grenzenloser Loyalität gleichsetzt. Die Personen, die er nicht kontrollieren kann, landen schnell auf seiner Feindesliste. Mit Filip gelingt ihm das relativ einfach: Dieser wünscht sich nichts mehr als die Liebe, den Stolz und die Anerkennung seines Vaters. Marco scheint dies zu erkennen und ihm genau diese väterlichen Gefühle vorzuenthalten, um Filip gefügig zu machen.

Auch in einer späteren Szene wird Marcos Macht über Filip noch einmal deutlich: Erst erniedrigt er seinen Sohn vor versammelter Mannschaft, dann gesteht er ihm zumindest ein wenig Anerkennung zu. Gleichzeitig stellt Marco jedoch klar, dass er – und zwar nur er – im Zentrum der neuen Gürtler-Bewegung und der damit verknüpften Revolution steht. Er möchte unbedingt als Führerpersönlichkeit und zentrale Figur gesehen werden. Eine Position, die er sich in seinem Streben nach Macht und seinem Narzissmus schon gar nicht von seinem Sohn streitig machen lässt. Vielleicht empfindet er auf seine eigene verdrehte Art noch so etwas wie Liebe für Filip, allerdings erlaubt ihm die Schwäche, die er in ihm zu sehen glaubt, nicht, dieses Gefühl auszudrücken.

Ein faszinierender Kontrast zwischen den beiden Elternteilen entsteht durch eine gefühlvolle Szene zwischen Naomi und Filip. Im Gegensatz zu Marco rückt sich Naomi nicht ins Zentrum, wenn sie von vergangenen Heldentaten erzählt. Stattdessen betont sie immer wieder, dass sie nicht allein, sondern viele Menschen gemeinsam verantwortlich waren. Naomi möchte Leben bewahren, Marco möchte es zerstören – "Menschen zu töten, ist kein Ausdruck von Stärke" ist ein zentraler Satz dieser Konversation.

Als sich Naomi neben Filip setzt, wirkt sein Gesichtsausdruck fast verängstigt. Seine Stärke erscheint auch hier wieder als Fassade, die schnell zu bröckeln droht. Ähnlich unglaubwürdig wirkt seine Aussage, dass sein Vater ihn nicht kontrolliere und er sein eigener Herr sei. Der Schmerz eines von seiner Mutter verlassenen Kindes ist weiterhin sehr präsent, genauso wie Naomis Bedauern darüber, dass sie ihn einst verlassen musste. Beide Darsteller agieren in dieser emotional-komplexen Szene äußerst überzeugend.

Katharsis schützt nicht vor Verrat

Als wären nicht schon genug Tränen geflossen, geht es gefühlsbetont und dramatisch weiter. Denn auch das Gespräch zwischen Naomi und Cyn (Brent Saxton) ist von Schmerz und Bedauern geprägt. Nachdem sie mehr oder weniger ein paar Episoden um die Wahrheit herumtanzten, ist es nun an der Zeit für ein wenig erschütternde Ehrlichkeit. Insbesondere Cyns Geständnis darüber, dass er die ganze Zeit wusste, wo Marco den gemeinsamen Sohn Filip versteckt hält und dass er nur die Familie schützen wollte, die zu dem Zeitpunkt aber schon längst nicht mehr existierte, ist geradezu herzzerreißend.

Neben Dominique Tipper, die zum zweiten Mal innerhalb von knapp 50 Minuten eine schauspielerische Glanzleistung abliefert, sticht wieder einmal Brent Saxton hervor, der kurz vor seinem Expanse-Abtritt noch einmal die volle emotionale Bandbreite auffahren darf.

Cyns und Filips Betrug erscheint trotzdem unvermeidlich – Marco weiß genau, welche psychologischen Knöpfe er zu drücken hat, um den Sohn gegen die Mutter aufzustacheln und seine Freund Cyn zum Verrat zu bewegen. Naomi kann diese über Jahre verfeinerten Kontroll-Mechanismen nicht innerhalb von ein paar Tagen wieder rückgängig machen. Letztendlich bleibt ihr wieder einmal nichts anderes übrig, sowohl Filip als auch Cyn erneut und wahrscheinlich endgültig aufzugeben. Wie beim ersten Mal, als sie Filip verloren hat, begibt sie sich wieder zu einer Luftschleuse. Dieses Mal lässt sie sich allerdings wirklich ins Vakuum des Weltalls saugen.

Die Spritze, die sich Naomi während ihres Weltraumspazierganges ohne Raumanzug gönnt, wurde übrigens schon ein paar Episoden vorher eingeführt, als Holden Monica Stuart vor dem Tod per Vakuum bewahrt hat. Wenn jemand die "Logik" dieser Szene anzweifeln möchte, steht der Twitter-Account von James S.A. Corey offen, Pseudonym für das Expanse-Autorenduos. Dieser hatte einiges zu diesem Thema zu sagen und einige Kommentare und Fragen bereits beantwortet. Ein gutes Beispiel findet sich hier.

Wort- und Feuergefechte auf der Ersatzbank

Naomis Storyline stellt klar den Mittelpunkt der Episode dar, aber auch Holden darf sich in "Oyedeng" Bedauern und Zweifel erlauben – vor allem darüber, dass er Fred Johnson (Chad Coleman) nie wirklich getraut hat. Die Szenen auf der Rocinante sind emotional nicht unbedingt so ergiebig wie auf dem Gürtler-Schiff, allerdings hat sie noch einmal handfeste Weltraum-Action und spannende Raumschiff-Manöver zu bieten.

Wie schon Amos in der letzten Episode wird aber auch hier noch einmal veranschaulicht, dass Holden ebenfalls Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung benötigt, die ihn von unüberlegten Entscheidungen abhalten. Dieses Mal ist die Journalistin Monica Stuart (Anna Hopkins) die Stimme der Vernunft, die ihn davon abbringt, sich in ein Feuergefecht mit der Free Navy zu stürzen und stattdessen dem Protomolekül nachzujagen. Außerdem liefert sie gleich noch ein paar nützliche Theorien bezüglich der verschwörerischen Mars-Gürtler-Connection.

Bobbie (Frankie Adams) und Alex (Cas Anvar) müssen bereits seit mehreren Episoden mehr oder weniger auf der Ersatzbank Platz nehmen – inklusive einem kleinen Feuergefecht hier und ein bisschen freundschaftliches Scherzen dort. Bobbie darf sich dieses Mal lässig eine Kugel aus dem schusssicheren Raumanzug ziehen und Alex ein wenig mit Holden telefonieren. Es ist nicht viel, aber die Szenen sind wohl oder übel notwendig, um den Plot voranzutreiben.

Fazit:

Die Episode "Oyedeng" konzentriert sich neben einer kurzen Acton-Szene voll und ganz auf die Beziehung zwischen Naomi, Marco, Filip und Cyn. Während die letzten Episoden in dieser Hinsicht jedoch noch zurückhaltend waren, bricht hier vollends der emotionale Damm. Dennoch handelt es sich um eine der besten Episoden der gesamten Staffel. Und weil The Expanse stets auch die emotionale Seite seiner Figuren nie außer Acht gelassen hat, wirken diese Momente stets überzeugend und verdient.

Insbesondere Dominique Tipper darf hier glänzen, wird aber durch Keon Alexander, Jasai Chase Owens und Ben Saxton bestens ergänzt und unterstützt. Die Episode tut gut daran, sich weitestgehend auf dieses mitreißende psychologische Kammerspiel im Weltraum zu fokussieren und einige andere Storylines (Amos, Drummer und zum Teil auch Chrisjen) vollkommen auszublenden.

Stämme – Kritik zu The Expanse 5.06

SPOILER

Es geschieht selten, dass das Expanse-Publikum Chrisjen Avasarala (Shohreh Aghdashloo) absolut niedergeschlagen, fassungslos, ängstlich und ohne jede Kontrolle über die aktuelle Situation oder ihre eigene Emotionen erlebt. Aghdashloo spielt diese Szene fabelhaft und auch äußerlich überzeugend mit einem vergrämten eingefallenen Gesicht sowie zitternden Händen. Sie schafft es gerade noch so, sich zusammenzureißen, während sie den Minister für Transportwesen und jetzt neuen UN-Generalsekretär David Paster (Sugith Varughese) in ihrem Mond-Büro empfängt.

Es handelt sich nicht unbedingt um eine dramatische, aber dennoch um eine wichtige Konversation: Der neue Generalsekretär erkennt sofort, dass er für seine neue Aufgabe nicht das notwendige Rüstzeug mitbringt und holt die wesentlich erfahrene Chrisjen für eine Kabinetts-Position an Bord. Die Szene sagt generell mehr über ihren Geisteszustand aus, als den Plot voranzutreiben. Nebenbei und ohne eigenes Zutun schafft sie es dennoch, sich wieder eine Machtposition anzueignen, auch wenn der Preis dafür sehr hoch war.

Der Winter ist da

Der Winter ist mittlerweile auf der Erde angebrochen. Clarissa (Nadine Nicole) und Amos (Wes Catham) haben inzwischen eine Dynamik entwickelt, die von einer Mischung aus unterhaltsamer Schlagfertigkeit und ehrlicher Konversationen über die jeweilige eigene Vergangenheit und über den aktuellen emotionalen Zustand geprägt ist. Hier werden noch einmal der ungleiche Lebensverlauf und die vollkommen unterschiedlichen Hintergründe und Herkunft der beiden ungleichen Freunde deutlich: Während Clarissa eine behütete Kindheit genießen konnte, bei der sie auf Klassenfahrt Bäume pflanzte, musste Amos in seiner Jugend schon ums Überleben kämpfen.

Das zeigt sich auch in ihrem Verhalten, wenn sie Menschen in dieser neuen apokalyptischen Welt begegnen: Clarissa steht dem reisenden Fremden (Tony Munch), der sich an seinem Feuer wärmt, äußerst vertrauensvoll gegenüber. In Amos wächst bereits das Misstrauen, als dieser Fremde Clarissas Jacke bewundert. Als dieser ihnen noch einen Drink anbietet, hat Amos genug. Schauspieler Tony Munch leistet in dieser kleinen Rolle gut Arbeit. Weder durch seine Darstellung noch durch die Inszenierung wird deutlich, welche Intention dieser Fremde hat, falls überhaupt eine Intention vorhanden ist. Diese Ambiguität wird bis zum Ende nicht aufgelöst, zumindest nicht in dieser Episode.

Ganz anders läuft die Konfrontation mit einem Herren ab, der Haus und Hof mit einem futuristischen Gewehr und einer menschlichen Attrappe verteidigt, die er für seinen Sohn ausgibt. Prepper gibt es anscheinend auch in der Zukunft, was wenig verwunderlich ist. Der Versuch, rational mit diesem Menschen zu verhandeln beziehungsweise eine Angriffsmöglichkeit zu finden, wirkt verzweifelt und unüberlegt. Und das wird Amos schnell selbst klar.

Eine interessante Entscheidung von Autorin Hallie Lambert und Regisseur Jeff Woolnough, die Episode mit dieser Feststellung enden zu lassen. Amos ist sich selbst bewusst, dass sein moralischer Kompass nicht funktioniert, beziehungsweise, dass seine Crew/seine Freunde/seine Familie diese Funktion erfüllten. Das führt einerseits dazu, dass er das kleine bisschen Menschlichkeit verliert, das er sich in den letzten vier Staffeln erkämpft hat, und dass er unvernünftige Risiken eingeht. Zwar kann Clarissa als sowas wie sein Gewissen in dieser Episode fungieren, ihre Verzweiflung treibt sie selbst zu moralisch fragwürdigen Taten, auch wenn sie hinterher Zweifel und Gewissensbisse plagen.

Raumschiff-Reboot und Weltraum-Manöver

In den anderen Gefilden der Galaxis passiert im Grunde nicht viel: Holden (Steven Strait) versucht, die Rocinante neu zu starten, und Reporterin Monica Stuart (Anna Hopkins) möchte es sich nicht nehmen lassen, an der nächsten Mission teilzunehmen. Auf Holden wartet eine Nachricht von Naomi (Dominique Tipper), die sie wahrscheinlich schon vor ihrer Abreise vorbereitet hat, falls sie aus irgendeinem Grund nicht zurückkehrt. Offensichtlich ist er noch nicht bereit, sich diese Mitteilung anzusehen, weil es auch zum Teil bedeuten würde, dass er sie schon aufgegeben hat. Ein knuffiges und im Grunde auch sinnvolles Detail ist, dass Holden für Monica eine Art Gast-Account einrichtet, mit dem sie einen eingeschränkten Zugang zu den Raumschiff-Funktionen erhält.

Kreative Weltraum-Kampfmanöver konnte The Expanse stets spannend und clever inszenieren. Bobbie (Frankie Adams) darf in dieser Episode wieder zeigen, was in ihrem Space-Suit steckt. Action, Explosionen, Bomben und ausfahrbare Space-Korridore – die Szene hat alles, was ein solcher Kampf benötigt, um ein wenig Abwechslung in die ruhige und dialoglastige Episode zu bringen. Es zeigt sich aber auch, dass durch die Fragmentierung der einzelnen Parteien manche Figuren auf etwas unbefriedigende Weise nur wenig Zeit pro Episode erhalten.

Zweifelhafte Heilsversprechen

Die Episode fokussiert sich neben Amos und Clarissa deutlich auf Marco (Keon Alexander) und seine Free Navy. Dieser verliert langsam die Geduld mit seiner Crew, mit Naomi und seinem Sohn Filip (Jasai Chase Owens). Die Tatsache, dass die Rocinante dank Naomis Einschreiten offensichtlich nicht explodiert ist und die Verfolgung aufgenommen hat, trägt offensichtlich zu seinem Wutausbruch bei. Gleichzeitig zeigt er langsam sein wahres Gesicht, falls er es in den Episoden zuvor noch nicht deutlich genug getan hat: Als großer Redenschwinger, der die Drecksarbeit – in diesem Fall Naomi aus der Luftschleuse werfen – lieber jemand anderem überlassen möchte.

Naomi stellt für Filip wahrscheinlich noch so etwas wie ein letztes Bisschen Menschlichkeit dar, die er sich bewahren möchte, nachdem er zumindest mitverantwortlich für den Tod mehrerer Millionen Menschen ist. Vielleicht erkennt er in seiner Mutter auch einfach etwas, was er in seinem eigenen Vater nicht sehen kann: Eine Person, die bereit ist, sich für die Menschen aufzuopfern, die sie liebt. Schauspieler Brent Saxton leistet als Cyn wieder gute Arbeit, während er Marco zur Sau macht und sich zwischen ihm und Naomi und Filip stellt.

Die Piratenbande um Drummer herum muss sich schnell eingestehen, dass sie der Feuerkraft von Marcos Free Navy haushoch unterlegen sind. Der Freund-oder-Feind-Einstellung, mit der Marco seine eigene und andere Gürtler-Fraktionen gefügig macht, haben sie ebenfalls nicht viel entgegenzusetzen. Gleichzeitig ist Marco in seiner pompösen Vision für die Zukunft seines Volkes äußerst verführerisch. Das praktische an diesen Big-Picture-Visionären ist, dass sie sich nicht um die Alltagsprobleme ihrer Untergebenen kümmern müssen, solange sie in der Lage sind, große Reden zu schwingen.

Als ein Mitglied von Drummers Besatzung akuter Nahrungsknappheit erzählt, schwärmt er von einem Nahrungsüberfluss in ferner Zukunft. Das löst zwar nicht die Probleme im Hier und Jetzt, kann aber anscheinend viele Gürtler-Fraktionen überzeugen, sich ihm anzuschließen. Drummer selbst befindet sich in einer unmöglichen Position: Sie möchte keinen offenen Krieg, allerdings wäre sie wahrscheinlich vogelfrei vollkommen allein im Universum unterwegs, wenn sie sich Marco und der Free Navy verweigern würde.

Fazit

Der Plot schreitet an dieser Stelle nur langsam voran. Vielmehr geht es immer noch darum, über die Ereignisse der letzten paar Episoden hinwegzukommen, und im Zuge dessen, die eigene Menschlichkeit nicht zu verlieren, sofern sie überhaupt vorhanden war. Im Moment spielt sich weiterhin noch vieles auf Charakter-Ebene ab und es macht sich weiterhin bezahlt, dass die Serie diese immer gut managen konnte, und die Darsteller aus verhältnismäßig wenig Spielraum viel herausholen können.

Es ist aber erfreulich, dass einzelne Handlungsstränge langsam zusammengeführt werden, denn viel Zeit bleibt nicht pro Episode, um alles und jeden wirklich befriedigend abzudecken. Insbesondere Alex (Cas Anvar) und Bobbie sowie Holden und seine behelfsmäßige Besatzung haben darunter zu leiden.

Aus dem Loch – Kritik zu Expanse 5.05

SPOILER

Wie reagiert eine Bevölkerung, wenn eine Gruppierung aus der eigenen Mitte eine unvorstellbaren Terrorakt begeht, der circa zwei Millionen Todesopfer fordert, und dessen ökonomischen und ökologischen Folgen noch mehr Leidtragende nach sich ziehen wird?

Drummer (Cara Gee) und ihre Piratentruppe stellen sich in ihrer Schockstarre zahlreiche Fragen diesbezüglich: Wie sollen wir weiter vorgehen? Werden wir zukünftig zusammen mit den Terroristen in einen Topf geworfen? Müssen wir mit strengeren Restriktionen und weniger Bewegungsfreiheit im Weltall rechnen? Und haben die Erdbewohner beziehungsweise Inneren, welche die Gürtler jahrelang unterdrückt haben, es vielleicht gar nicht anders verdient? Vor unbequemen Diskussionen, die sogar unter vermeintlich positiven und heldenhaften Gruppen entstehen, scheut die Serie nicht zurück.

Drummer selbst plagen unterdessen nun noch mehr Gewissensbisse, weil sie sich mittlerweile nicht mehr nur für den Tod Klaes Ashford (David Strathairn) verantwortlich fühlt, sondern auch für den Terrorakt. Schließlich war es ihre entscheidende Stimme, die Marco Inaros (Keon Alexander) in der letzten Staffel vor der Exekution bewahrt hat. Anstatt sich jedoch erneut von ihrer Geliebten Oskana (Sandrine Holt) trösten zu lassen und vermeintliche Schwäche zu zeigen, nimmt sie wieder eine kühle, militärische Pose ein und beschließt, die Konfrontation zu suchen – in welcher Form ist noch nicht klar.

Schön subtil verdeutlicht sich diese noch einmal in kleinen Verhaltensweisen: Oksana legt ihre Hand auf Drummers Hand. Letztere zieht ihre Hand allerdings sofort wieder weg, als wolle sie sich keine Schwäche oder Emotionen mehr erlauben. Es ist immer wieder auffällig, wie viel in der Serie im Nichtgesagten steckt und wie viel durch Gesten ausgedrückt wird.

Katastrophenfilm-Szenario im Zukunfts-Gefängnis

Wenn die Welt um uns zusammenbricht, versuchen wir trotzdem, krampfhaft an alten Strukturen festzuhalten. Gefängniswärterin Rona (Natalie Brown) fällt jedenfalls nichts Besseres ein, als weiterhin gewohnte Pflichten zu erfüllen, bis sich jemand von “oben“ meldet. Noch kann sie nicht wissen, dass „oben“ nicht mehr existiert. Als jemand, der an missliche Lagen gewöhnt ist, hat Amos (Wes Catham) eine etwas andere Herangehensweise, nämlich die Flucht nach vorn.

Wieder ergibt sich hier eine Situation, in der engste Räume und klaustrophobische Settings für Spannung sorgen. Im Grunde handelt es sich hierbei um ein klassisches Katastrophenfilm-Szenario, in dem vollkommen unterschiedliche Personen zusammengewürfelt werden und ein gemeinsames Überlebensziel verfolgen. Konflikte, Spitzfindigkeiten oder der eine oder andere Gefängniswärter beziehungsweise Gefangene, der einen Fahrstuhlschacht hinunter fällt, bleiben dabei nicht aus.

Dass Muskelmann Konecheck (Boomer Philips) noch einmal eine entscheidende Rolle spielen wird, war schon in der letzten Episode abzusehen. Dass der kanadische Schauspieler Boomer Philips sich offensichtlich mit viel Spaß und Humor in die psychopathische Rolle stürzt, kommt jedoch als unterhaltsame Überraschung daher. Da stört es wenig, dass der Moment, in dem er sich gegen die restliche Gruppe Überlebender wendet, wiederum relativ vorhersehbar war – Amos‘ Hang zur Spitznamengebung war dabei wahrscheinlich nicht unbedingt hilfreich.

Das Setdesign der zerstörten Erde wirkt etwas arg studiohaft. Letztendlich bleibt aber die Frage, wie viel Budget der Serie zur Verfügung steht. Schließlich muss The Expanse wahrscheinlich immer noch mit weniger Mitteln auskommen als manch andere Science-Fiction-Serie. Dafür hat Regisseur Jeff Woolnough den vorangegangenen Aufstieg umso unterhaltsamer und spannender gestaltet.

Zum Nichtstun verdammt

Auf der Tychon-Station wirkt Holden (Steven Strait) noch isolierter und verlorener als zuvor. Mit Fred Johnson (Chad Coleman) hat er einen wichtigen Verbündeten verloren, auch wenn sie sicherlich nicht immer einer Meinung waren. Von seinen restlichen Freunden hört er nichts, und seine Nachricht an Naomi (Dominique Tipper) wirkt mehr wie ein verzweifelter Hilferuf.

Free-Navy-Terroristin Sakai (Bahia Watson) lässt weder Informationen aus sich herausprügeln noch lässt sie sich durch die klassische Good-Cop-Masche überreden, irgendetwas Essentielles preiszugeben. Matthew Rasmussen, Autor dieser Episode, tut aber sein Möglichstes, um dieser terroristischen Gürtler-Fraktion ein menschliches Gesicht und nachvollziehbare Motivation zu verleihen, ohne gleich für Terrorismus als notwendiges Mittel gegen Unterdrückung zu plädieren. Holden glaubt zwar, dass Saki ein gutes Leben auf der Tycho-Station geführt hat, allerdings muss er sich mit einer anderen Perspektive auseinandersetzen. Nämlich, dass diese „gute“ Leben bestenfalls vom Wohlwollen einer mächtigeren Klasse abhängt und schnell wieder rückgängig gemacht werden kann. Freiheit, so könnte man meinen, sieht anders aus.

Dass ihm Sakais letzte Abschiedsworte nicht ominös und verdächtig vorkommen und dass er nicht darauf kommt, dass die Terroristin, die in den letzten Tagen und Wochen an der Rocinante gearbeitet hat, eben dieses Raumschiff sabotiert hat, ist vielleicht ein bisschen ärgerlich. Eventuell ist Holden einfach ohne seine restliche Crew dermaßen aufgeschmissen und orientierungslos, dass er den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann. Immer gibt es Naomi die Chance, aus ihrer Passivität der letzten Episoden auszubrechen und den Tag zu retten.

Während Holden also zum Nichtstun verdammt ist, arbeitet Naomi fieberhaft daran, sich aus ihrer aktuellen Situation zu befreien. Sie hat es Marcos Arroganz zu verdanken, dass sie sich frei auf dem Mars-Schiff bewegen kann. Oder vielleicht glaubt er wirklich daran, dass Naomi, er und sein Sohn wirklich wieder als Familie zusammenfinden können. Auch Filips Motivation, seine Mutter nach dem missglückten und wenig durchdachten Mordversuch ans Messer zu liefern, ist noch unklar, macht die gesamte Figuren-Dynamik auf diesem Schiff aber etwas interessanter.

Das gilt auch für die Vater-Sohn-Beziehung und das physische Gebaren zwischen Marco und Filip. Marco bringt seine Enttäuschung über das Verhalten seines Sohnes nicht unbedingt auf eine Weise zum Ausdruck, die man erwarten sollte. Anstatt Wut folgen eine spielerische Kabbelei und eine gewisse Form von Verständnis für dessen innere Zerrissenheit. Aber selbst das wirkt eher wie ein Mittel zum Zweck, um Filip gefügig zu machen – trotzdem toll dargestellt von Schauspieler Keon Alexander.

Mit Cyn (Brent Saxton) erhält die Free-Navy-Gruppe ein weiteres und wesentliches sympathischeres menschliches Antlitz. Während Marco als manipulativer Blender deutlich erkennbar ist und Filip weiterhin von seinem eigenen Hass und Zweifel gefangen gehalten wird, macht es die Serie seinen Zuschauern trotzdem nicht allzu einfach, diese Menschen als stereotype Terroristen abzustempeln und zu verteufeln. Cyn verkörpert hier überzeugender als seine Mitstreiter die gesamte Problematik, Tragik und Ausweglosigkeit des Gürtler-Volkes, was selbstverständlich auch dem überzeugenden Darsteller Brent Saxton zu verdanken ist.

Fazit

Es war vorauszusehen, dass die aktuelle Episode nach den Ereignissen der letzten Woche einen Gang zurückschaltet und sich mit den Konsequenzen beschäftigt. Das nimmt unterschiedliche und interessante Formen an: Während die einen sich aus potenziell tödlichen Situationen befreien müssen, sammeln andere emotionale Scherben auf. Dabei ist es durchaus verständlich, dass nicht allzu viel auf der reinen Handlungsebene passiert.

Vieles findet auf einer persönlichen Figurenebene statt, und einiges wird sogar durch kleine Gesten vermittelt. Diese Episode handelt unter anderem von Hilflosigkeit im Angesicht des Unvorstellbaren, auch wenn sich verschieden Figuren wie Holden noch sehr dagegen sträuben. Ferner versucht die Episode, effektiv ein nuancierteres Bild der terroristischen Seite zu zeigen und ist vor allem dank Bahia Watson und Brent Saxton damit erfolgreich.

Gaugamela – Kritik zu The Expanse 5.04

SPOILER

Das Gute an den Veränderungen bei Buchadaptionen: Sie können sogar Buchleser noch überraschen und bestenfalls Spannung genug aufbauen, dass sich jeder Zuschauer die Fingernägel abkaut.

Während der dramatische Einschlag des Asteroiden-Angriffs durch die vorangegangenen ausführlichen Ermittlungen sicherlich etwas geschmälert wurde – und ja, diese Ermittlungen waren notwendig, damit die vielen Figuren in den ersten paar Episoden der 5. Staffel etwas zu tun haben – überschlagen sich die Ereignisse in der 4. Episode. Action, Dramatik, Schock und Verlust bestimmen "Gaugamela". Und zwar nicht zu knapp. Allerdings ließ sich schon in der letzten Episode absehen, dass der Container-Plan nur schief gehen konnte.

Herzzerreißende Ratten-Geschichten

Aber eins nach dem anderen. Aufgrund ihres gemeinsamen Hintergrundes im Mars-Militär verbindet Bobbie (Frankie Adams) und Alex (Cas Anvar) eine tiefgehende Freundschaft. Im Gegensatz zu Bobbie hält Alex allerdings noch am naiven Glauben fest, dass nicht alle unter Verdacht stehenden Marsianer an den illegalen Waffengeschäften beteiligt sind. Während Alex weiterhin nicht an eine Mars-Verschwörung glauben möchte, hat Bobbie längst alle Illusionen bezüglich ihres Heimatplaneten in den Wind geschossen. Letztendlich handelt es sich um eine Wiederholung derselben Dynamik, welche die beiden schon in den letzten Episoden durchgespielt haben. Das, was vorher implizit war, macht Dan Nowak, Autor der Episode, nur noch einmal explizit.

Nowak schenkt allerdings Frankie Adams einen netten Monolog und eine kleine herzzerreißende Geschichte aus ihrer Kindheit, die von einer Ratte handelt, die sie einst als Haustier hielt. Es geschieht nicht oft, dass sich Bobbie in dieser Form öffnen darf. Umso mehr lassen sich solche recht emotionalen Geständnisse wertschätzen. Sie erzählt von ihrem höchstpersönlichen Trauerprozess, der sie zu einer recht unsentimentalen Kämpferin hat werden lassen. Frankie Adams erzählt diese Geschichte überzeugend und ist stets glaubhaft in Szenen dieser Art.

Ungewöhnliche Freundschaften im Untergrund-Gefängnis

Nach dem ersten Asteroiden-Einschlag kehren wir zu Amos (Wes Catham) zurück, der offensichtlich so etwas wie Zuneigung gegenüber Clarissa Mao (Nadine Nicole) entwickelt. Hierbei handelt es sich nicht um romantische Gefühle, falls Amos überhaupt dazu in der Lage ist, was diese Beziehung jedoch umso interessanter macht.

Zunächst einmal erfolgt aber die notwendige Exposition, schließlich muss nicht nur Amos, sondern auch das Publikum aufgeklärt werden, wo sie sich eigentlich befinden und was es mit dem Untergrund-Gefängnis auf sich hat. Mühseliges Erklären von Hintergrundinformationen wirkt aber immer dynamischer während sogenannter Walk-and-Talks, wie es hier geschieht. Schließlich kann das Publikum nebenbei noch das schicke, sterile Gefängnis-Produktionsdesign bewundern. Außerdem scheint es klar, dass der gelangweilte Gefängniswärter (Stephen Chambers), der monoton seinen Monolog herunter spult, die Wärterin (Natalie Brown), die Amos herumführt, und der muskulöse Insasse Konecheck (Boomer Phillips) in den späteren Episoden noch eine wichtige Rolle spielen werden.

Nadine Nicole als Clarissa Mao und Wes Chatham transportieren in diesem kleinen Austausch viele Emotionen. Die Beziehung der beiden wirkt vertraut, auch wenn sie nicht allzu viel Zeit miteinander verbracht haben. Amos erkennt offensichtlich viel von sich selbst in Clarissa wieder, obwohl sie beide aus vollkommen unterschiedlichen Verhältnissen stammen. Darstellerin Nicole hat hier eine deutlich schwierige Aufgabe: Schließlich muss sie überzeugend eine Person verkörpern, die unter Drogen steht und gleichzeitig über ihr verkorkstes Leben kontemplieren. Beide wirken dabei nicht überdramatisch, sondern eher zurückhaltend, sogar als eine einsame Träne an der Wange der Darstellerin herunter kullert.

Verspätete Warnung

Wie Chrisjen (Shohreh Aghdashloo) verschiedene Leute zusammenfaltet, ist immer äußerst amüsant. Während die Welt und das Universum noch versuchen, herauszufinden, ob es sich bei dem Asteroiden-Einschlag um einen Unfall handelt, ist sie schon längst ein paar Schritte weiter. Leider hört ihr weiterhin niemand zu. Der Versuch, zur Generalsekretärin durchzukommen, verleiht der Szene die notwendig Dynamik und gibt Darstellerin Aghdashloo die Chance, mit Kraftausdrücken um sich zu werfen, bis sich die Balken biegen. Allerdings reicht auch das nicht, um die politische Führung und die Erde vor dem nächsten Angriff zu bewahren.

Wie zu erwarten, soll ihre Familie, die sich auf der Erde befindet, für zusätzliche Dramatik sorgen, was bestenfalls nur bedingt funktioniert. Weiterhin fällt es schwer, sich um Menschen zu sorgen, die wir als Publikum nie wirklich kennengelernt haben. Viel emotionaler gestaltet sich dagegen der Moment zwischen ihr und UN-Admiral Delgado (Michael Irby), der sich Mitschuld an den Ereignissen auf der Erde gibt. Chrisjen beherrscht die Kunst, ihn nicht aus der Verantwortung zu nehmen, aber ihm trotzdem tröstende Worte zuzusprechen.

Die Spannungs- und Actionkurve steigt auf der Tycho-Station

Den Mittelpunkt dieser Episode bilden jedoch die Ereignisse auf der Tycho-Station. Und wie schon gesagt war der Container-Plan von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Wie kolossal dieser Fehlschlag ausfallen sollte, ist jedoch überraschend. Während Fred Johnson (Chad L. Coleman) in den Büchern einem Schlaganfall erliegt, ist sein Tod in der Serie wesentlich dramatischer und - in Ermangelung eines besseren Wortes - cineastischer (auch wenn es sich um eine Fernsehserie handelt). Überraschend, dass Ingenieurin Sakai (Bahia Watson) diejenige ist, die den Abzug gleich mehrere Male betätigt.

Die mechanische Präzision der spinnenartigen Roboter-Rakete, die rigoros und mitleidlos ihr Ziel verfolgt, nämlich das Protomolekül aufzuspüren, ist hier noch einmal besonders furchteinflößend. Nichts kann ihn aufhalten, und keine lästige menschliche Programmierung lässt ihn seine eigene Existenz hinterfragen. The Expanse tut gut daran, sich humanoiden Androiden oder ähnlichen künstlichen Intelligenzen zu verweigern, schließlich versucht sich fast jede andere Science-Fiction-Serie daran.

Darüber hinaus gönnt die Serie Monica Stuart (Anna Hopkins), die bisher meist aus egoistischen Motiven handelte, eine nette kleine Heldentat, als sie Holden (Steven Strait) vor der Kälte des Weltraums und damit vor dem sicheren Tod bewahrt. Bahia Watson hat als Sakai ebenfalls einen interessanten schauspielerischen, fast psychopathischen Moment, als sie lachend und den Tränen nahe trotzig und wahrscheinlich verfrüht den Sieg ihrer Gürtler-Fraktion verkündet.

Charismatische Anführer und widerspenstige Muttersöhnchen

Während sich die Menschen auf dem Mond darüber freuen, dass der letzte Asteroid von den Erd-Verteidigungsmechanismen zerstört wurde, jubeln die Angreifer darüber, dass es insgesamt drei Asteroiden überhaupt soweit gebracht haben. Jedenfalls kann Marco Inaros (Keon Alexander) dies als Erfolg verbuchen und es effektiv als solchen verkaufen.

Jasai Chase Owens hat hier die etwas undankbare Rolle des arroganten, siegessicheren und entsprechend unsympathischen Filip, der seinem charismatischen Vater hinterher dackelt und seine Mutter Naomi (Dominique Tipper) bockig seinen Hass entgegenschleudert. Es fällt zu diesem Zeitpunkt schwer, dieser Figur, die unter widrigsten Umständen aufgewachsen ist, Empathie entgegen zu bringen. Die Serie wird hoffentlich in den nächsten Episoden noch mehr tun, um Filip mehr Nuancen und Dreidimensionalität zu verleihen.

Keon Alexander als Marco Inaros ist durchaus charismatisch als arrogante und manipulative Führerfigur, dessen Bullshit allerdings auch leicht durchschaubar erscheint. Auch die zweifelhafte Dynamik zu seinem Sohn wird in dieser Szene noch einmal verdeutlicht. Filip demütigt er vor versammelter Mannschaft, weil dieser scheinbar nicht ohne seine Mutter auskommt. Letztendlich fällt es schwer, zu sagen, ob Marco wirklich an seine eigenen Worte glaubt und seinen „Sieg“ als „Familie“ feiern möchte. Aber er kann immerhin überzeugend große Reden schwingen.

Es bleibt nicht mehr viel über diese action-lastigere Episode zu sagen. Regisseur Nick Gomez inszeniert sie mit einem offensichtlich sicheren und soliden Händchen. Das ist nicht unbedingt verwunderlich, handelt es sich um einen erfahrenen Film- und TV-Veteranen im Regie-Stuhl, der einst sogar als nächster Scorsese gehandelt wurde.

Aber erstens kommen die Dinge anders und zweitens, als man denkt. Dafür inszenierte Gomez zahlreiche TV-Episoden für Prestige- und Genre-Serien von Homocide über Die Sopranos, The Shield: Gesetz der Gewalt, Burn Notice bis hin zu Marvel’s Daredevil und vieles mehr. Und jetzt kann er sich noch eine spannende Episode von The Expanse in den Lebenslauf schreiben. Manchmal ist es interessant, sich die Karriere der Leute hinter den Kulissen anzusehen.

Fazit:

Die Episode "Gaugamela" kann die Balance zwischen spannender Action und reizvollen Charakter-Momenten halten. Auch wenn vieles, was schon vorher implizit angedeutet wurde, noch einmal explizit wiedergegeben wird, geschieht das auf eine interessante Weise, die mehr Hintergrundinformationen über Figuren wie zum Beispiel Bobbie Draper eröffnen. Zudem ist die Episode sehr spannend und solide inszeniert.

Mutter – Kritik zu The Expanse 5.03

Es ist nicht unbedingt verwunderlich, dass der große Knall am Ende der ersten drei auf einmal veröffentlichten Episoden kommt und mit einem Cliffhanger Spannung für die nächste Episode eine Woche später erzeugen soll. In der Buchvorlage kam der Angriff auf die Erde jedoch wesentlich überraschender. Die Serie bereitet dieses Ereignis schon seit der 4. Staffel mal mehr oder weniger explizit vor. Insbesondere in den ersten drei Episoden der 5. Staffel ist deutlich geworden, worauf der gesamte Asteroiden-Subplot hinausläuft.

Die entsprechenden Ermittlungen geben Drummer (Cara Gee), Kaes Ashford (David Strathairn) und gewissermaßen auch Bobbie Draper (Frankie Adams) sowie Chrisjen Avasarala (Shohreh Aghdashloo) einiges zu tun. Und die Serie versucht, jeder dieser Figuren gerecht zu werden. Gleichzeitig verspielt sie etwas einen starken und dramatischen Schockmoment. Interessant wäre es zu erfahren, ob Zuschauer, die mit den Büchern nicht vertraut sind, diese Entwicklung vorausgesehen haben.

Machtlose Power-Brokerin

In dieser Episode dreht sich selbstverständlich nicht alles nur um diesen einen großen Moment am Ende, der das Universum erschüttert. Vielmehr beschäftigt sich „Mutter“ mit Helden, die an die Grenzen ihrer Fähigkeiten und ihrer Macht stoßen oder sich bewusst vom Kampf abwenden. Es ist mittlerweile ziemlich deutlich, dass Avasarala ihr gesamtes politisches Kapital verspielt hat. Zwar kann sie die verschiedenen Puzzleteile dank eines Retro-Uhren-verliebten Dr. Alaoui (Danny Waugh) und der Hilfe des UN-Admirals Felix Delgado (Michael Irby) zusammensetzen, allerdings fehlt ihr der Einfluss, um irgendetwas mit diesen Informationen anstellen zu können und das Schlimmste zu verhindern.

Dieser Abstieg Richtung Macht- und Hilflosigkeit ist ein interessanter Schritt für eine Figur, die bisher immer alle Fäden in der Hand gehalten hat, allen anderen stets zwei bis drei Schachzüge voraus war und viele Feinde ausmanövrieren konnte. Ihre letzter Trost scheint ihre Familie zu sein, die sie bisher vernachlässigt hat. Auch die Serie hat ihrem Mann, ihrer Tochter und ihren Enkelkindern bisher wenig Beachtung geschenkt, sodass diese nicht unbedingt dreidimensional rüberkommen. An dieser Stelle wirken sie eher wie Statisten, die den dramatischen Einsatz für Avasarala erhöhen sollen.

Familie, statt Rache

Drummer (Cara Gee) entscheidet sich sogar sehr bewusst dagegen, in den Kampf zu ziehen und sich an Marco Inaros (Keon Alexander) für die Exekution an Commander Klaes Ashford (David Strathairn) rächen. Trotz einer generell gespannten Beziehung zwischen ihr und Ashford hat er eine der wenigen Vertrauenspersonen und Verbündeten dargestellt, der ihr noch geblieben ist. Zur Erinnerung: Ashford war einst selbst ein Gürtler-Pirat, der später unter Drummer als 2. Offizier auf der Behemoth diente. Er verfolgte den Gürtler-Terroristen Marco Inaros und wurde zur Belohnung aus einer Luftschleuse geworfen.

Drummer plagen offensichtlich Gewissensbisse, einerseits weil sie einen gefangen gesetzten Marco Inaros freigelassen hat, andererseits, weil sie sich Ashford bei seiner Verfolgung nicht angeschlossen hat.

Mittlerweile hat sie nun allerdings eine Art Familie aufgebaut, der gegenüber sie sich emotional verletzlich zeigen kann und die ihr Trost spendet. Im Grunde handelt es sich hierbei um eines der zentralen und vielleicht sogar etwas sentimentalen Themen der Serie und auch der Bücher: Freundschaft und selbstgewählte Familien bestehend aus zusammengewürfelten Menschen, die zusammenarbeiten, und nicht machtgierige korrupte Politiker, die Militär-Maschinerie oder profitgierige Konzerne triumphieren letztendlich in der Kälte des Weltraums. Das ist eventuell nicht unbedingt originell und romantisch-naiv, wirkt bei The Expanse nie so aggressiv ausgesetzt wie zum Beispiel in einem Fast-and-Furious-Film. Als emotionale Stütze der Serie ist es hier und an vielen anderen Stellen stets effektiv und verleiht der Serie Menschlichkeit, die hin und wieder in der Science-Fiction fehlen kann.

Planlos auf Pallas

Naomi (Dominique Tipper) wirkt auf der Pallas Station nahezu überfordert. Zunächst betreibender  Autor der Episode Dan Nowak und Regisseur sowie ehemaliger Expanse-Darsteller Thomas Jane ansprechendes Worldbuilding: Die erbärmlichen Zustände der Gürtler werden hier noch einmal deutlich gemacht. Alles ist dreckig, schmutzig und rau. Tagelöhner nehmen Naomi direkt bei ihrer Ankunft in Empfang, halten ihr ihre digitalen Lebensläufe unter die Nase und betteln um Arbeit.

Die Welt und das Leben sind weitaus ungemütlicher als auf Tycho Station oder der Rocinante. Einen Bar-Besucher, der sie anrempelt, sieht sie fast entsetzt an, als müsse dieser sich entschuldigen. Zwei anderen aggressiven Gürtlern überweist sie fast eine große Menge Geld, um einen Streit aus dem Weg zu gehen, bevor ihr alter Freund Cyn (Brent Saxton) beherzt eingreifen kann.

Die folgenden Ereignisse zeigen, dass Naomi ihre Chancen, irgendetwas zu bewirken, gnadenlos überschätzt hat. Ihr Plan, ihren Sohn Filip (Jasai Chase Owens) von der Boshaftigkeit seines Vaters und ihrer Liebe zu ihm zu überzeugen, wirkt wenig ausgereift. Hierbei handelt es sich mehr um eine Verzweiflungstat. Es ist ein bisschen schade, dass sowohl Bücher als auch Adaption ihr an dieser Stelle etwas zu wenig Kompetenz zugestehen und etwas zu viel Naivität andichten. Da es um die Rettung ihres eigenen Sohnes geht, lässt sich auf der anderen Seite verstehen, warum sie seit Beginn dieser Staffel hauptsächlich emotional und nicht unbedingt rational agiert.

Auch wenn er keine positive Rolle in dem Geschehen einnimmt, sollte Brent Saxton als Cyn nicht unerwähnt bleiben. Wie Frankie Faison, der in der letzten Episode Charles spielte, handelt es sich um einen dieser Schauspieler, den man aus unzähligen Rollen kennt. The Expanse war immer sehr gut darin, diese mehr als kompetenten Charakterdarsteller zu besetzen, die mit ihren Nebenrollen dem Geschehen noch mehr Bodenhaftung verleihen.

Gescheiterte Undercover-Arbeit

Naomi ist jedoch nicht die einzige, die im Dunkeln tappt: Während Holdens (Steven Strait) Nachforschungen in eine Sackgasse bzw. zu zwei Leichen führen, wirkt Alex bei seinen Ermittlungsversuchen äußerst unbeholfen. Zunächst möchte er einfach nicht glauben, dass etwas faul ist im Staate Mars oder dass Admiral Sauveterre (Tim Dekay) irgendetwas Böses im Schilde führt. Bobbie hat im Gegensatz dazu mittlerweile jeglichen Idealismus bezüglich Mars-Regierung und -Militär abgelegt.

Hinzu kommt, dass Lt. Babbage (Lara Jean Chorostecki) anscheinend wesentlich talentierter ist, Informationen aus Alex herauszubekommen als umgekehrt. Dieser ist wiederum nur zu bereit, wichtige und geheime Fakten über das Protomolekül und die Ereignisse auf New Terra heraus zu plaudern. Als nicht gerade talentierter Undercover-Spion weiß er nicht einmal, in welchem Spiel er sich gerade befindet. Denn das Mars-Militär ist ihm nicht nur einen, sondern mindestens zehn Schritt voraus. Immerhin darf sich Bobbie kurz back-in-action zeigen, was immer Spaß macht, und sich schnell zweier mörderischer Mars-Agenten entledigen.

Fazit:

Helden, denen auf Anhieb alles spielend einfach gelingt, möchte wahrscheinlich niemand so wirklich sehen. Stattdessen müssen sie scheitern können, in Situationen geraten, in denen sie überfordert sind und in denen emotionales Handeln, logische Planung und Verhaltensweisen aussticht, wie es zum Beispiel bei Naomi der Fall ist. Bis auf Amos, der in dieser Episode nicht vorkommt, sich aber wahrscheinlich Off-Screen weiterhin locker-flockig durch das Erden-Baltimore prügelt, kommen in dieser Episode fast alle unsere Helden ins Straucheln. Nicht nur das. Jegliches Handeln scheint zu spät zu erfolgen.

Als zentrales Thema einer Episode kann das vielleicht etwas frustrierend sein, zeigt aber unterstützt umso mehr eine der zentralen Thesen (wenn man dies als solche bezeichnen kann) der Serie: nämlich, dass das Team beziehungsweise die selbstgeschaffene Familie effektiver funktioniert als der Einzelne auf sich allein gestellt. Das mag sich als Analyse etwas kitschig lesen, die Serie kommt aber nie in Versuchung, diese Art von Sentimentalitäten plump zu deklarieren, sondern verpackt das alles organisch, ansprechend und emotional mitreißend in seinen Einzelgeschichten.

Im Strudel – Kritik zu The Expanse 5.02

SPOILER

Camina Drummer (Cara Gee) ist möglicherweise insgeheim eine der faszinierendsten und interessantesten Figuren des Expanse-Universums. Während sie in der Romanreihe erst im fünften Buch ihren ersten Auftritt hat, darf sie in der Serie schon ab der zweiten Episode der 2. Staffel mitspielen. Es handelt sich um eine der besseren Adaptions-Entscheidungen. Drummer wurde nämlich Zeit und Raum gegeben, sich von einer Person, die weitestgehend im Hintergrund agierte, zu einer dreidimensionalen Protagonistin zu entwickeln.

Cara Gee spielt sie von der ersten Minute an mit einer äußerst strengen und verbissenen no-bullshit-Attitüde. Sie schießt ohne mit der Wimper zu zucken gefangen gesetzten Gürtler-Terroristen in den Kopf und vollführt wenig später mit einer eigenen frisch genähten Bauch-Schusswunde ihr Kopfüber-Bauchmuskel-Training.

Gleichzeitig mangelt es ihr nicht an Emotionalität und innerer Zerrissenheit, ohne sofort ins “harte-Schale-weicher-Kern“-Klischee zu verfallen. Fred Johnson (Chad L. Coleman) zog sie einst anscheinend eigenhändig aus der Versenkung, anschließend sagte sich von ihrem einstigen Mentor Anderson Dawes (Jared Harris), um mit Johnson die Tycho-Station aufzubauen, weil sie sich davon eine neue Gürtler-Zukunft erhoffte. Allerdings erkennt sie auch in Johnson dasselbe Machtstreben und den Größenwahn, den sie schon in ihrem alten Mentor Anderson Dawes (Jared Harris) und in der Mars- und Erden-Gesellschaft immer wieder beobachtete.

Für das Gürtler-Volk wünscht sie sich jedoch einen anderen Weg, auch wenn sie nicht genau zu wissen scheint, wie dieser konkret auszusehen hat. Vielleicht schließt sie sich deswegen immer wieder anderen Personen mit großen Ideen an, und vielleicht wird sie deswegen wiederholt enttäuscht. Mit Naomi Nagata verbindet sie eine innige Freundschaft, die aber insbesondere während der gemeinsamen Zeit auf dem Raumschiff Behemoth strapaziert wird.

Ihr Zynismus bezüglich Gürtler scheint sich von Staffel zu Staffel zu vergrößern. Zyniker sind aber häufig nichts anderes als enttäuschte Optimisten und Idealisten, und das trifft auch auf Drummer zu: Sie kämpft weiter und weiter, schwingt auch gerne mal große und patriotische Braveheart-Reden (siehe Episode 3.09). Im Gegensatz zu anderen politischen Figuren und Machthabern wirkt sie dabei jedoch grundehrlich.

Allerdings sieht sie auch die Existenz der Gürtler-Identität durch die Sternentore zu den neuen Welten gefährdet. Sie hat Angst, dass sich immer mehr ihrer Mitstreitern von ihren Wurzeln abwenden, um neue Kolonien aufzubauen. Gleichzeitig erkennt sie, dass Führungspersönlichkeiten der eigenen Gürtler-Fraktion (insbesondere Fred Johnson) die eigenen Leute aus politischen Gründen opfern. In der 8. Episode der 4. Staffel wendet sie sich von den "großen Männern und ihren großen Träumen“, von deren Politik und ihrem Posten auf der Medina-Station ab.

Ihr Weg führte sie nun, zu Beginn der 5. Staffel, zur Weltraum-Piraterie. Und ironischerweise wirkt diese Option fast ehrlicher als die politischen Fallstricke und faulen Taktiken, mit denen sie sich zuvor auseinandersetzen musste. Die Episode selbst widmet Drummer vielleicht gerade einmal zehn Minuten. Trotzdem lohnt es sich, die (psychologische) Reise dieser Nebenfigur, die sich langsam und stetig über vier Staffeln weiter entwickelt hat, noch einmal zurückzuverfolgen.

Triste Zustände auf der Erde

Viel haben wir in den vergangenen Staffeln nicht von der Erde gesehen. Ein UN-Gebäude hier, eine verträumte Farm mitten im Nirgendwo dort. Bobbie Draper konnte in der 2. Staffel einen kurzen Ausflug in unschönere Stadtgegenden machen. Umso interessanter ist es, dank der Reise, auf der sich Amos weiterhin befindet, zu diesem Zeitpunkt einen tieferen Einblick zu erhalten, 

Das Baltimore, das er besucht, erinnert weniger an eine futuristische Mega-City. Vielmehr scheint das abgewrackte London aus Children of Men und die Wohnprojekte aus der Serie The Wire (das ebenfalls in Baltimore spielt) als Vorbild zu dienen. Die Zukunft ist hier nur in geringem Maße wirklich angekommen. Weit weg wirken coole technische Spielereien und vor allem Sternentore zu anderen Sonnensystemen mit ihren frischen, weitestgehend leer stehenden Planeten. Nur ein paar Solarzellen wurden an den Dächern der tristen Erden-Gebäude montiert. Das einzige, was das Leben auf der Erde und das Leben im Weltraum verbindet: Jeder kämpft ums tagtägliche Überleben.

Amos, der eigentlich Timothy heißt, wie sich herausstellt, findet schnell wieder in diese Welt und ihre Dynamik hinein, die er einst unter falschem Namen verlassen hat. Es ist einerseits beunruhigend, andererseits faszinierend, wie gezielt und kontrolliert er Gewalt einsetzt, um seinen alten Freund Erich wiederzufinden: Zwei bis drei gezielte Schläge ins Gesicht eines eingeschüchterten Dealers und kurz danach Verständnis für dessen Situation und Arbeit, was noch nicht einmal geheuchelt wirkt. Im Gegensatz dazu wirkt er geradezu unbeholfen, als er versucht Charles (Frankie Faison), den Witwer seiner verstorbenen Mutterfigur Lydia, zu trösten.

Daniel Abraham und Ty Franck, die beiden Autoren der Buchreihe, die auch als Drehbuchautoren dieser Episode verantwortlich zeichnen, kennen die Figur offensichtlich genau. Diese kleinen Szenen und Charakterisierungen passen organisch ins Geschehen, liefern wichtige Informationen zu Hintergründen und Geschichte dieser Erden-Gesellschaft.

Auch wenn der Plot nicht weit voranschreitet, ist das Erlernen dieser neuen Informationen noch spannend genug und machen neugierig auf mehr. Über die Beziehung zwischen Amos/Timothy und seinem Jugendfreund Erich, seinerseits Anführer eines Syndikats, wird gerade genug preisgegeben, um diese Spannung beizubehalten. Selbiges gilt für Lydia und Amos: Offensichtlich handelte es sich um zwei einsame Menschen, die sich gegenseitig brauchten. Lydia war jemand, die Amos Zurückhaltung beigebracht hat. Kaum auszudenken, zu welcher Art von Gewalttäter sich Timothy entwickelt hätte, wäre dieser Einfluss nicht vorhanden gewesen.

True Detectives in Space

Holden erscheint mittlerweile selbst ein bisschen verloren, wenn er seine gewohnte Crew nicht um sich hat. Nicht einmal auf der Rocinante kann er sich wegen Reparatur- und Update-Arbeiten aufhalten, von seinen Freunden erhält er keine neuen Nachrichten. Nur die neugierige Reporterin Monica Stuart (Anna Hopkins) hält neue Informationen bezüglich des Protomoleküls parat. Nach einem ersten Zögern kann Holden doch nicht widerstehen und beißt an. Auch wenn moralisch überkorrekte Helden-Figuren wie Holden augenscheinlich kaum Ecken und Kanten aufweisen, erscheinen sein Heldentum und sein Bedürfnis, die Probleme des Universums zu lösen, fast zwanghaft. Schließlich ist es einfacher sich in die nächste Ermittlung und Verschwörung zu stürzen, als sich mit der eigenen Einsamkeit auseinanderzusetzen.

So oder so gestaltet sich Monicas Rettung recht aufregend, wenn auch etwas vorhersehbar. Die Serie, seine Autoren und Regisseure (in diesem Fall wieder Breck Eisner) konnten schon immer Spannung in den kleinsten und engsten Räumen erzeugen. Ein klitzekleines Loch in der Außenhülle eines Containers innerhalb einer Raumstation, aus dem Luft entweicht, kann manchmal in dieser Hinsicht effektiver sein als eine oder mehrere große CGI-Explosionen.

Detektivisch geht es auch auf dem Mars weiter. Und es ist schwer zu sagen, ob Bobbie (Franke Adams) Alex (Cas Anvar) einweiht, um einem schwierigeren Gespräch zwischen Freunden aus dem Weg zu gehen, oder weil sie ihn wirklich für nützlich hält.

Die ganze Episode um Admiral Sauviterres Vorlesung, Mars-Verschwörung und Waffenschmuggel deutet jedenfalls auf Ereignisse hin, die über eine 6. Staffel hinausgehen, ohne zu viel zu verraten. Im Zweifelsfall bleiben diese losen Story-Fäden alle in der Luft hängen. Ein anderes Szenario könnte darin bestehen, das Produzenten und Autoren versuchen, hastig alle noch offenen Fragen - Mars-Verschwörung, Gürtler-Terroristen, Protomolekül und die andere, noch unbekannte Bedrohung - innerhalb einer gehetzt wirkenden letzten Staffel zu adressieren und abzuschließen. Es ist schwer zu sagen, was wünschenswerter ist.

Chrisjen kommt auf ihrem verlorenen Mond-Außenposten etwas zu kurz. Das bleibt wahrscheinlich nicht aus, wenn man sich bereits mit vier Storylines innerhalb einer Stunde beschäftigt. Offensichtlich hat sich ihr politischer Einfluss verringert, auch wenn sie fleißig im Hintergrund Fäden zieht und dabei ihre Familie schmerzhaft vernachlässigen muss. 

Fazit:

Nachdem sich die Crew der Rocinante getrennt hat, müssen The Expanse und seine Autoren noch mehr verschiedene Story-Bälle in der Luft halten. Dabei bleibt es nicht aus, dass die eine oder andere Figur vernachlässigt wird. Die Handlung bewegt sich anscheinend nur in Babyschritten vorwärts, trotzdem wirkt das Geschehen selten zäh. The Expanse investierte stets mindestens genau so viel in die verschiedenen Charaktermomente wie in die spektakuläreren Science-Fiction-Elemente. Die Früchte kann man jetzt ernten: Beides ist unterhaltsam und weckt Neugier, sodass Episoden mit augenscheinlichen Leerlaufmomenten nicht weniger interessant sind als die actiongeladenen Weltraumschlachten und Feuergefechte.

Diaspora – Kritik zu The Expanse 5.01

SPOILER

Die Nachricht, dass die Science-Fiction-Serie The Expanse mit der 6. Staffel wohl ihr Ende findet, überraschte wahrscheinlich alle, die daran glaubten, dass die Crew der Rocinante bei Amazon einen sicheren Hafen gefunden hatte, um alle neun Bücher bis zum Ende zu adaptieren. Ein Teil des Autorenduos mit dem Pseudonym James SA Corey namens Ty Franck ließ laut Polygon bereits verlauten, dass er dies mehr für eine Pause halte. Was genau dahinter steckt, sei jetzt erst einmal Spekulationen in diversen Fan-Foren überlassen.

Eine Pause wäre nach der 6. Staffel aus vielen Gründen vielleicht gar nicht so verkehrt – persönliche Anmerkung: Ich habe kürzlich Buch 7 beendet und möchte für die Fans der Serie, welche die Bücher nicht lesen, nichts spoilern; es wäre also sehr rücksichtsvoll in den Kommentaren ebenfalls darauf zu achten. So oder so tun alle Zuschauer gut daran, jeden Moment zu genießen. Schon die erste Episode mit dem Titel "Diaspora" (englischer Titel: "Exodus") bietet einige kleine Leckerbissen, auch wenn Naren Shankan, Showrunner der Serie und Autor dieser Episode, im Grunde lediglich die einzelnen Schachfiguren in Stellung bringt.

Brutaler Einstieg ohne zu viele Worte

The Expanse hat nie mit Brutalität, Tod und Gnadenlosigkeit im kalten und lebensfeindlichen Weltall gespart. Im Gegensatz zu vielen anderen Genre-Serien verkommt diese Gewalt nie zum Selbstzweck. Die Serie stellt glaubhaft Menschen dar, die sich in unmittelbarer Lebensgefahr befinden, fühlt mit ihnen mit und lässt die Zuschauer deren Angst spüren. Diese Art von Empathie und Menschlichkeit zieht sich schon seit der ersten Staffel und der ersten Episode durch die gesamte Serie.

Das wird direkt in den ersten paar Minuten der neuen Staffel bei einem Überfall einer Gürtler-Bande auf ein Forschungsschiff, das Asteroiden-Phänomene in der Nähe des Planet Venus erforscht, noch einmal deutlich. Wir lernen die Besatzung nur kurz kennen und innerhalb weniger Sekunden bricht die Hölle los – Todesangst mischt sich mit verzweifelten und letztendlich erfolglosen Versuchen, um das eigene Leben zu verhandeln. Kleine Rollen, in denen die entsprechenden Darsteller (insbesondere Patrice Goodman als leitende Forscherin) erfolgreich viel Überzeugungsarbeit leisten.

Auch über die Gürtler-Terroristen lernen wir viel, falls die Ereignisse aus der letzten Staffel nicht mehr ganz so frisch in der Erinnerung sind. Die Gang rund um Felip (Jasai Chase Owens) – Naomi Nagatas (Dominique Tipper) verlorener Sohn – verfolgt skrupellos die eigenen Ziele, erschießt Menschen ohne mit der Wimper zu zucken. Außerdem lässt er flehende und ängstliche Mit-Gürtler zurück, die mit dem Fuß unter der Außenhülle des bald in die Luft fliegenden Forschungsraumschiffes stecken bleiben.

Innerhalb dieser wenigen Momente erhält das Publikum bereits tiefe Einblicke in die Psychologie, die Selbstgerechtigkeit und Rechtfertigungs-Strategien dieser Gruppierung, ohne dass dem Zuschauer ausufernde Monologe oder Dialoge um die Ohren gehauen werden: Der Kamerad ist im Dienste eines höheren Ziels gestorben. Wir haben es hier also mit Fanatikern zu tun, die sich wahrscheinlich nur schwerlich eines Besseren belehren lassen. Es ist jedoch immer wieder beeindruckend, wie ökonomisch The Expanse bei dieser Art von Exposition vorgeht und größtenteils zeigt und andeutet, anstatt ausführlich zu erklären.

Zähes Wiedersehen mit alten Freunden

Die Szenen auf der Tycho-Station bieten dagegen einen ruhigen, wenn auch etwas zähen Gegenpol. Für die Serie neue, für den einen oder anderen Zuschauer vielleicht bekannte Gesichter kommen hinzu. Bahaia Watson, die zuletzt unter anderem in ein paar Episoden von Der Report der Magd auftrat, spielt Mechanikerin Sakai, die sich um die Belange der Rocinante kümmert.

Der aus etlichen Film- und Serienrollen bekannte José Zúñiga spielt Bull, einen Mitarbeiter von Fred Johnson (Chad L. Coleman), der offensichtlich gar nicht so glücklich über die Aufmerksamkeit ist, welche die Rocinante zu äußerst günstigen Preisen erfährt. Wie sich diese kleinen Spannungen entwickeln, wenn überhaupt, bleibt abzuwarten. In Moment wirken sie noch relativ belanglos, wenn auch die beiden Neuzugänge wie passende Ergänzungen zur stetig wachsenden Besetzung der Serie erscheinen.

Beeindruckend bleibt, dass The Expanse kleine Details, die in Staffel 1 eingeführt wurden, nicht vergisst: Hier zum Beispiel Holden (Steven Strait), der seine regelmäßige Dosis Medizin in seinen Arm injizieren muss, um nicht an Krebs zu sterben. Die Dynamik zwischen Holden und Naomi ist zwar vertraut, allerdings nicht mehr ganz so frisch. Sicherlich ergibt sich die ein oder andere dramatische Situation, in der Naomi tränenreich erklärt, dass sie sich allein auf die Suche nach ihrem Sohn begeben muss. Alles bleibt versöhnlich, wird schnell verstanden und beschlossen. Die Beziehung hat sich gut eingespielt, was nicht unbedingt unglaubwürdig ist, die Dramatik hält sich allerdings in Grenzen. Es ist gut, dass die Serie die beiden für eine Weile voneinander trennt, damit sie sich mit anderen Figuren auseinandersetzen können.

Relevanter erscheint hier das Gespräch zwischen Holden und Fred Johnson, das sich um das verschwundene Protomolekül und die Benutzung der Sternen-Tore zu den neuen Kolonien dreht. Der offensichtlich wütende Holden hat nämlich kurz zuvor erfahren, dass Johnson und der seit der 2. Staffel verschwundene Anderson Dawes (Jared Harris) vermutlich mit dem äußerst gefährlichen Protomolekül herum experimentieren. Zudem scheinen noch unbekannte Entitäten, die schon zuvor eine Zivilisation ausgelöscht haben, gar nicht glücklich darüber zu sein, dass sich die Menschheit durch die diversen Sternen-Tore bewegt.

Eine unbekannte und unsichtbare Macht, die möglicherweise die Existenz einer zu leichtfertigen und kurzsichtigen Menschheit bedroht und zudem von wichtigen Entscheidungsträgern angezweifelt wird – zeitgemäße Bezüge lassen sich hier sicherlich zu Genüge finden.

Amos allein im Weltraum

Ungleich ansprechender und amüsanter ist dagegen, wie sich Amos allein durch dieses Universum Richtung Erde bewegt. Darsteller Wes Catham muss nicht unbedingt viele Worte verlieren, in seinem relativ stoischem Gesicht und ausdrucksstarken Augen spiegelt sich viel wieder. Mit einer alten schnarchenden Frau scheint er Mitleid zu haben. Dem Pärchen, das beinahe von einigen Raumschiff-Bediensteten abgezockt wird, hilft er nicht unbedingt aus Herzensgüte, sondern weil er Streit zu suchen scheint. Im Grunde könnte aber beides irgendwie zutreffen, spiegelt aber auch die interessante Ambiguität dieses Protagonisten wider.

Auch inszenatorisch kann Regisseur Breck Eisner aus dieser Storyline offensichtlich mehr herausholen: Die Action-Szene zeigt er mit schnell geschnittenen und kurzen Rückblenden. Außerdem investiert er in die spätere Mondlandung-Sequenz relativ viel Zeit. Auch wenn sie nicht unbedingt eine große Bedeutung im Kontext dieser Episode hat, darf man sich die Gestaltung und vielleicht auch das größere Effekt-Budget zusammen mit der schönen musikalischen Untermalung von Komponist Clinton Shorter auf der Zunge zergehen lassen.

Amos und Chrisjen Avasarala (Shohreh Aghdashloo) treffen nicht oft allein aufeinander – das flirtende-amüsierte Spiel zwischen den beiden, während sie versuchen, sich gegenseitig aus der Reserve zu locken, macht allerdings großen Spaß. Amos versprüht trotz oder gerade wegen seiner soziopathischen Veranlagung viel Humor, der auf wunderbare Weise von Chrisjens Neigung zu verbalen Ausfällen ergänzt wird, sodass geradezu die Funken sprühen. Mehr davon, bitte!

Vergessene und frustrierte Marsianer

Mars trägt immer mehr die Anzeichen einer verlassenen Kolonie. Während die Einkaufspassagen des Planeten in der letzten Staffel noch relativ bunt und gefüllt aussahen, wirkt alles karger und verwaister. Das mag auch daran liegen, dass sich Alex (Cas Anvar) in einer relativ düsteren Gegend aufhält, um die Familie zu besuchen, die er einst zurückgelassen hat. Von allen Storylines in dieser Episode erscheint diese am wenigsten reizvoll. Hier existieren vorhersehbare Spannungen zwischen Exfrau und Exmann, der schon vor langer Zeit die Verantwortung für seine Frau und seinen Sohn von sich geschoben hat. Die Verwirrung, die gerechtfertigte Wut – alles ist absehbar, nur nicht unbedingt ansprechend oder aufschlussreich.

Mit viel faszinierenderen Dämonen hat dagegen Bobbie Draper (Frankie Adams) zu kämpfen, die offensichtlich noch ihrer Detektivarbeit nach geht. Marsianer wenden sich offensichtlich vom Marsprojekt ab. Warum auch die Mühen des Terraforming auf sich nehmen, wenn Tausende bewohnbarer Welten um die Ecke warten? Für Bobbie, die diesem Projekt jedoch ihr Leben und ihr Blut gewidmet hat, gestaltet sich der Trennungsprozess von alten Träumen und Zielen verständlicherweise nicht allzu einfach. Die Standpauke, die sie Alex in der knuffig-albernen marsianischen Westernbar hält, scheint sie im selben Maße an sich selbst zu richten.

Einer der interessantesten Aspekte und Fragen dieser Serie ist schließlich, wie eine Menschheit auf politischer aber auch persönlicher Ebene reagiert, wenn plötzlich scheinbar grenzenloser Lebensraum offen steht. Wer profitiert, auf welche Weise? Wer wird zurückgelassen oder hält an alten Träumen fest?

Fazit: 

Die erste Episode einer neuen Staffel mit einem übergeordneten Story-Bogen erscheint von der Konzeption her nie besonders einfach: Sie hat zum einen die Aufgabe, die Zuschauer daran zu erinnern, was in den letzten Episoden oder sogar in den letzten Staffeln los war. Zur selben Zeit muss sie zumindest einen Einblick bieten, was zwischen der letzten und der aktuellen Staffel geschehen ist. Darüber hinaus muss alles in Stellung gebracht werden, um die neue Handlung in Gang zu bringen. Die Episode "Diaspora" meistert diese Gratwanderung weitestgehend erfolgreich.

Zudem zeigt sie eine Menschheit, die unter Kontrollverlust leidet, auch wenn sie noch so sehr versucht, ihre Umstände zu kontrollieren. Fred Johnson und Offscreen-Richard-Dawes versuchen anscheinend weiterhin, das Protomolekül zu beherrschen und beunruhigende Konsequenzen der Sternentor-Reisen von sich zu wegzuschieben. Die Gürtler-Terroristen kämpfen um Relevanz in einem Universum, das sie zurückzulassen droht. Der Mars-Traum hat sich größtenteils ausgeträumt und Bobbie weiß nicht, wohin mit sich selbst. Mit der ersten Episode ist jedenfalls ein spannendes Fundament für die kommende Staffel gelegt.

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