Anime

Kritik zu Dragon's Dogma: Von Anime-Optik und alter Spielegrafik

Es ist eine Diskussion, die sich viele Netflix-Animeserien gefallen lassen müssen: Können computergenerierte Modelle handgezeichnete Welten ergänzen - oder sogar ersetzen? Am Ende läuft das alles auf eine schwierige Geschmacksfrage hinaus, doch im Falle der siebenteiligen Serie Dragon’s Dogma liegt der Vergleich zum namensgebenden Videospiel von 2012 auf der Hand. Der Titel - ein japanisches Fantasy-Rollenspiel im Stil des europäischen Mittelalters - hat über die vergangenen acht Jahre eine kleine Fangemeinde in der Spielerschaft aufgebaut, aber trotz allerhand Gerüchten und Andeutungen ehemaliger Mitarbeiter noch kein Sequel bekommt. Die Ankündigung der Serie hat somit einige hungrige Münder zum aufhorchen gebracht, aber viele Fans haben nie damit gerechnet, enttäuscht werden zu können. Müssen sie jetzt diese Erfahrung machen?

Dazu muss auch die grundsätzliche Frage gestellt werden, ob eine animierte Serie überhaupt zu einem Videospiel passt - oder ob diese Umsetzung weg von der Interaktivität überhaupt nötig war. Denn Dragon’s Dogma bietet keine epische Fantasy-Geschichte, die sich einfach nacherzählen lässt. Die Erzählung war immer eher eine Nebensache, Standardkost mit einer bekömmlichen Wendung - sollte der Spieler das Ende sehen. Davor rückt aber klar das Gameplay in den Vordergrund, bekannt auch dafür, dass Spieler größere Monster wie Greifen, Zyklopen oder eben Drachen während des Kampfs zu beklettern können, um an Schwachpunkte zu kommen. Die Schöpfer der nur dünnen Umsetzung mit sieben Folgen versuchen das auch aufzugreifen, jedoch mit einer fragwürdigen Vorgehensweise.

Das Monster der Woche. Heute: Der Mensch

Wie im Spiel wird Protagonist Ethan harmonisch vorgestellt. Er lebt mit seiner Frau Olivia in einem wenig bemerkenswerten Dorf, was nach grotesken Visionen von einem riesigen Drachen heimgesucht wird. Damit ist die Rolle von Olivia auch beendet, die vor Ethans Augen verbrannt wird. Mit der neu eingeführten Figur wollen die Serienschöpfer wohl die Motivation des Protagonisten intensivieren, was jedoch eigentlich nicht nötig ist. Denn wie im Spiel reißt das Ungeheuer auch sein Herz aus der Brust, verspeist es und lässt ihn mit einem rachsüchtigen Ziel wiederauferstehen. An seiner Seite steht die kühle Hannah, die ihn nur als “Erweckten” bezeichnet. Die Ritterin selbst gehöre aber zu einer Gruppe namens “Vasallen”, die ihm bedingungslos dienen. Und genau an dieser Stelle weicht die Serie vom Videospiel ab - die Integration der eher als Spielmechanik taugenden, austauschbaren Vasallen bleibt weitgehend ohne Kontext. Vermutlich musste einfach eine weitere Frau her, nachdem Olivia für ihren Mann geopfert wurde.

Dragon's Dogma Pawn

Anschließend bleibt die Handlung um den Drachen quasi bis zur finalen Folge aus, stattdessen wird das bekannte “Monster der Woche”-Format adaptiert. Auch trägt jede Folge den Namen einer Todsünde, was zum Inhalt kaum und zur Vorlage so gar nicht passt. Ein übergreifendes Thema ist Menschlichkeit, denn das echte Monster hat am Ende dann doch keine Klauen und Flügel sondern zehn Finger und sanfte Haut. Auch dieses Prinzip wurde eher mäßig umgesetzt, so ist zwischen Kampfsequenzen und unumgänglichen Toden von Nebencharakteren kaum Platz für ein übergeordnetes Motiv. Dafür gibt es neben der Folge “Lust” mit obligatorischem Sukkubus viel nackte Haut, Vergewaltigungen und brutales Blutvergießen. Mit diesen Neueinführungen gegenüber des Spiels versuchen die Drehbücher wohl finsterer und erwachsener zu werden, wirkt an vielen Stellen aber eher plump, abstoßend und sogar albern.

Ist das eine Hauttextur oder kann das weg?

Statt dreidimensionale Oberweiten zu animieren und für viele weibliche Charaktere zweite, nackte Modelle zu texturieren, hätten viele Beteiligten vielleicht ihre Werke von einer gesunden Entfernung betrachten sollen. Im besten Fall einem Schritt acht Jahre zurück zur veralteten Grafik des Videospiels. Diese sieht nämlich im direkten Vergleich meistens besser aus. Oft ist das so wesentlich, dass beispielsweise gerade der so wichtige Drache fast wie eine Parodie seiner selbst wirkt. Manche Texturen wirken “matschig”, passen also kaum zu anderen Objekten, mit denen sie sich gerade in einer Szene befinden, andere Hintergründe passen aber adäquat ins Bild. Offensichtlich kommen die Inhalte nicht aus einem Guss, was nicht immens stört, aber für visuelle Verwirrung sorgen kann, wenn der Betrachter - etwa in einem Kampf -  versucht, den Überblick zu behalten.

Bekömmlicher ist hingegen die Regie, auch Kamerafahrten machen oftmals das Beste aus den vorhandenen Mitteln. Wenn Ethen gegen Zyklop, Hydra oder Greif antritt, glänzt die Serie mit Abstand am meisten. Wie auf der Playstation klettert der muskulöse Held an Beinen, Schuppen und Gefieder entlang, um den Bestien aus dem Nahkampf tödliche Schläge zukommen zu lassen. Die Animationen sind stimmig und wirken organischer als in anderen CGI-Serien. Im negativen Sinne erinnern die Bewegungen aber an Videospiele, wenn es um die Interaktion, oder mehr Kollision zwischen zwei Charakteren oder Objekten geht. Wenn Finger ein Schwert nicht umgreifen, sondern auch ein wenig in den Griff sinken oder lange Haare teilweise in der Kleidung verschwinden, nennt man “Clipping”. Das passiert in der Serie vor allem bei Berührungen zwischen Charakteren oder Monstern, was zwar nicht erheblich stört, aber das Gesamtbild auch nicht verbessert.

Dragon's Dogma Cyclops

Fazit

Es sind nur sieben 25-minütige Folgen, doch zwischen erschreckend brutalen Szenen, Nacktheit und gewöhnungsbedürftiger Optik stellt man sich als Zuschauer von Dragon’s Dogma eine Frage: Für wen genau ist dieser Anime eigentlich? Fans werden daran keinen Spaß haben, Neueinsteiger fragen sich, was genau diese obskure Adaption bedeuten soll und auch die Schöpfer scheinen ohne eine wirkliche Vision volle Fahrt ins Lizenz-Chaos gesteuert zu sein. Dass Umsetzungen ohne großartig komplexe Grundlagen alle Seiten glücklich machen, können zeigt Castlevania eindrucksvoll mit inzwischen drei Staffeln, doch Dragon’s Dogma dürfte Netflix’ Euphorie etwas dämpfen und die Verantwortlichen zukünftig hoffentlich vorsichtiger lizenzieren lassen.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Netflix

Dragon's Dogma | Official Trailer | Netflix

Anime-Kritik zu Weathering With You - Das Mädchen, das die Sonne berührte

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Weathering With You

Wenn ein Film, eine Serie, ein Buch, ein Videospiel oder ein Comic zum Welthit wird, ist die erste Reaktion nach der flächendeckenden Begeisterung (zumindest unter den Fans) nahezu immer gleich: Die Frage nach dem nächsten Projekt des oder der Verantwortlichen wird laut. Nicht anders war es nach dem in dieser Form nicht vorhersehbaren, globalen Erfolg von Your Name - Gestern, heute und für immer. Autor und Regisseur Makoto Shinkai konnte all jenen, die wahrscheinlich bereits während des Abspanns von Kimi no Na wa, so der Originaltitel des besagten Anime-Meilensteins, wieder in den Vorfreudemodus wechselten, jedoch vergleichsweise zügig die von ihnen so sehnsüchtig erwartete Antwort liefern.

Im Sommer 2019 lief Weathering With You - Das Mädchen, das die Sonne berührte (ebenfalls vom Studio CoMix Wave Films produziert) schließlich regulär in den japanischen Kinos an, und damit fast genau drei Jahre nach Shinkais letztem Leinwandabenteuer. Auf dieses soll im Rahmen dieser Besprechung aber lediglich vereinzelt eingegangen werden, da es Tenki no Ko, unter diesem Namen ist der neuste Streich des Filmemachers in Japan bekannt, verdient hat, nicht nur als Vergleichsobjekt herhalten zu müssen. Zumal im Rahmen des ganzen Your-Name-Hypes überdies eindeutig zu selten betont worden ist, dass es sich bei Makoto Shinkai schon damals längst um keinen Branchenneuling mehr handelte.

Frühere Filme von ihm wie Voices of a Distant Star, The Place Promised in Our Early Days, 5 Centimeters per Second, Die Reise nach Agartha – Children Who Chase Lost Voices oder The Garden of Words sind allesamt absolut sehenswert und ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie einfallsreich der kreative Tausendsassa seit jeher war und nach wie vor ist. Vor allem eignet sich diese Auswahl als nie versiegende Quelle von Argumenten, um vorschnellen Kritikern etwas entgegnen zu können: Immerhin bewog das im ersten Trailer Gezeigte einige bereits dazu - wohlwollend formuliert -, zu vermuten, dass dieser Abendfüller im Wesentlichen das Erfolgsrezept des Vorgängers schlicht kopieren würde.

Weathering With You - Das Mädchen, das die Sonne berührte

Eine wundersame Geschichte ...

Zugegeben es geht abermals um zwei Teenager, um große Gefühle und deren besondere Verbindung, allerdings gilt das auch für sehr viele andere emotionale “Bewegtbildgeschichten“. Ohnehin ist es vollkommen unerheblich, wie sehr sich Ausgangssituationen ähneln, entscheidend ist, welche Ereignisse aus ihnen resultieren. Hinzu kommt, dass die vielleicht größte Stärke des für Regie und Drehbuch Zuständigen seine Begabung ist, sein Publikum stets für seine (visualisierten) Ideen begeistern zu können, ohne auf übertriebene Effektfeuerwerke angewiesen zu sein. Er hat vielmehr eine klar erkennbare Handschrift, die von einer gewissen Ruhe und der liebevollen Ausgestaltung einzelner Momente, die sich nach und nach passgenau in ein großes Ganzes einfügen, geprägt ist.

So ist beispielsweise die Anfangsszene, in der die Zuschauer erstmals der Protagonistin Hina Amano begegnen, schon enorm ausdrucksstark, und das, obwohl das junge Mädchen darin nicht ein Wort sagt. Sie befindet sich in einem Krankenhaus, vor wessen Bett sie sitzt, kann man zunächst nur vermuten - Gewissheit erlangt man erst sehr viel später. Wie sie dort jedoch sitzt und wie sie schaut, allein das macht einem den Teenager bereits sympathisch. Apropos Schauen beziehungsweise Augen, die tief blicken lassen, man ertappt sich in ebensolchen Augenblicken schnell dabei, wie man vergisst, dass man keinen Schauspielern zusieht, sondern gezeichneten Charakteren. Das Mienenspiel ist so vielfältig, dass es häufig auch einfach keiner Worte bedarf, um nachempfinden zu können, was den dargestellten Akteuren durch den Kopf geht.

Und dennoch sollte an dieser Stelle ebenfalls auf die sehr gelungene Original- wie auch auf die nicht minder überzeugende deutsche Fassung hingewiesen werden, für die einmal mehr Deutsch-Japaner Matthias von Stegmann als Dialogbuchautor und -regisseur maßgeblich verantwortlich zeichnete. Die Hauptrollen übernahmen die noch als Newcomerin durchgehende Léa Mariage sowie Sebastian Fitzner, die ihren Pendants Nana Mori und Kotaro Daigo definitiv in nichts nachstanden. Es ist beides, die visuellen und die auditiven Eindrücke, die einen so sehr in diese Welt ziehen. Und als Hina kurz danach auf dem Dach eines maroden Gebäudes steht, das ihr bei einem Blick aus dem Hospitalfenster aufgefallen war, wird das Publikum Zeuge eines wundersamen Geschehens, welches das Leben der Schülerin nachhaltig verändern sollte.

Das sind die ersten Minuten von Weathering With You - Das Mädchen, das die Sonne berührte. Minuten, die sehr wenig bis nichts verraten, aber den Ton setzen für all das, was noch kommt. Sobald nämlich der 16-jährige Ausreißer Hodaka Morishima, nachdem er beinahe von Bord der Fähre, die ihn nach Tokio bringen soll, gespült worden wäre, in der Metropole ankommt, taucht der Zuschauer endgültig in die Handlung ein, und das - wie gesagt - nicht, weil so unglaublich viel passiert oder weil es Schlag auf Schlag ginge. Im Gegenteil: Das Erzähltempo bleibt überwiegend gleichmäßig. Ganz allgemein sind hektische Sequenzen die Ausnahme. Der Oberschüler ist dahingehend auch interessant konzipiert, dass er nicht aus Japans Hauptstadt stammt und sie daher aus der Perspektive eines Fremden kennenlernt - vielleicht nicht unbedingt wie ein Ausländer, allerdings trotzdem auf eine Weise, die es einem Nicht-Japaner erleichtert, sich mit ihm zu identifizieren.

Nach vielen Absagen und angesichts seines schwindenden Budgets sowie der nicht gerade übermäßigen Auswahl an Übernachtungsoptionen, kontaktiert er schließlich Keisuke Suga, der ihm bei der Überfahrt das Leben gerettet hat. Dieser bietet Hodaka auch einen Job in seiner etwas chaotischen Mini-Redaktion an und lässt ihn dort darüber hinaus wohnen. Suga und seine Mitarbeiterin Natsumi schreiben über alles, was in die Richtung Alien-Landung geht - kurz: Es geht vordergründig nicht unbedingt um überprüfbare Fakten. Doch dann werden sie auf das sogenannte “Sonnenscheinmädchen“ aufmerksam, das der Neu-Nachwuchsjournalist zu diesem Zeitpunkt längst kennt, ohne es zu wissen und in das er sich verlieben wird.

Weathering With You - Das Mädchen, das die Sonne berührte

… über ein “Sonnenscheinmädchen” ...

Die Liebe, um die es hier geht, trieft jedoch nicht vor Hollywood-Klischees, ihr haftet nicht dieses Übertriebene, Unnatürliche oder Kitschige an. Sie wird stattdessen als eine gezeichnet, die aus vielen kleinen Glücksmomenten besteht, und nichts künstlich überhöht, sondern sehr auf die Gegenwart bezogen ist. Auf zwei Heranwachsende, die wahrscheinlich erstmals die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, wenn allein die Tatsache, dass man Zeit mit einer anderen Person verbringt, der es ähnlich ergeht, dafür sorgt, dass das eigene Leben plötzlich so viel bunter, farbenfroher und intensiver erscheint. Und genau dieser Unterschied steckt unter anderem in dem “Regen-Sonne-Wechselspiel“, das diese 117 Minuten bestimmt. Es geht um die Tristesse, um das Im-Regen-Stehen, wenn man nicht bei diesem besonderen Menschen sein kann, und um den inneren Sommer, den dessen Anwesenheit in einem auslöst.

Shinkai begnügt sich aber nicht mit dieser einen Deutungsebene. Das Wetter, so sieht er es offenbar, ist so vielfältig und facettenreich wie das Spektrum an menschlichen Empfindungen. Und es besteht eine, wenn auch nur schwer zu greifende, allerdings von niemandem ernsthaft bestrittene Wechselwirkung zwischen diesen beiden Größen, die wiederum den übergeordneten Schwerpunkt des Films darstellt. In anderen Worten: Scheint die Sonne, sind wir in der Regel glücklicher, als wenn es schüttet oder gar stürmt. Und aus diesem universell geltenden Umstand leitet der Japaner nun eine Art Gedankenexperiment ab: Was wäre, wenn es jemanden gäbe, der das Wetter kontrollieren könnte?

Und was wäre, wenn dieser Jemand eben kein Superheld oder Superschurke wäre, sondern eine ganz normale Jugendliche, deren Fähigkeiten sich zudem darauf beschränken, es - für einen begrenzten Zeitraum - aufklaren lassen zu können. Denn - und diese Variable hat der Autor und Regisseur klugerweise noch vorab in seine Gleichung integriert - in Tokio herrscht von der ersten Leinwand-Sekunde an Dauerregen. Und dieser Ausnahmezustand wird konsequent von Meteorologen auf unterschiedlichste Weise für das Publikum sicht- und/oder hörbar aufgegriffen sowie kommentiert, sodass klar ist, dass es sich nicht lediglich um eine “Gewitter-Woche“ handelt. Wäre dem nicht so, wäre es schließlich kaum möglich, dass nach und nach immer mehr Bewohner der Hauptstadt an das “hundertprozentige Sonnenscheinmädchen“ glauben wollen. So sehr, dass sich daraus sogar ein einträgliches Geschäftsmodell entwickeln lässt - wobei die Beauftragten keine Wucherpreise aufrufen.

Dass Hinas Gabe nicht wirklich erklärt wird, ist gut und richtig, da sie dadurch weiterhin dieses Magisch-Mystische behält, das sie umweht, und wunderbar als Kontrast zu den vielfach zitierten Daten, Fakten und Analysen funktioniert. Sie steht im wahrsten Sinne des Wortes für das bisschen an Unerklärlichem, das die Welt noch für ihre Bevölkerung bereithält und schlagartig anwächst, sobald man damit anfängt, über den Sinn unseres Daseins und den Grund für die Existenz des gesamten Universums nachzudenken. Da spielt dann natürlich auch die Frage nach dem Eingriff des Menschen in die Natur mit rein, und die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen respektive die Frage nach dem, was ein Einzelner - ganz generell gesprochen - ausrichten kann. Und die weibliche Hauptfigur wird nun als jemand präsentiert, der dazu in der Lage ist, mit seinem Tun etwas zu verändern. Ihr Beweggrund dafür ist ein sehr selbstloser: Hina möchte andere glücklich machen. Selbst aus der Tatsache, dass sie, Hodaka und ihr Bruder Nagisa dabei etwas Geld verdienen, lässt sich der Schülerin keinen Strick drehen, weil es keinem von ihnen darum geht, sich zu bereichern, sondern schlicht darum, ihren Alltag bestreiten zu können - jetzt und in Zukunft.

Weathering With You - Das Mädchen, das die Sonne berührte

… und eine besondere Liebe

Im Film selbst wird irgendwann erwähnt, dass “alles seinen Preis hat“ und - unter Verweis auf Sagen und Legenden - auf das metaphysische Gleichgewicht hingewiesen, das gewahrt bleiben muss. Spätestens an dieser Stelle weiß jeder Kinogänger, dass sich der Tiefgang dieses Abendfüllers nicht nur aus den Sonnen-, sondern auch aus den Schattenseiten des Lebens speist - darauf deutete im Übrigen schon der Augenblick zu Beginn hin, als die Protagonistin “auserwählt“ wurde. Diejenigen, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen, vergessen dabei nicht selten sich selbst oder ordnen ihr eigenes Wohl dem anderer unter, wobei sie die Bürde, die sie oftmals auf sich nehmen, noch nicht einmal zwangsläufig als eine ebensolche erkennen. Als Hodaka dies tut, ist es fast schon zu spät, gleichsam ist es ein weiterer Moment, in dem er nicht zögert. Einer, in dem er es zu seiner Bestimmung macht, das Mädchen, das ihm so viel bedeutet, zu retten. Ein Moment also, in dem er sich seiner Verantwortung bewusst wird. Und dies hat auch damit zu tun, dass der Junge, der sein bisheriges Leben auf seiner kleinen Heimatinsel als so einengend empfunden hat, durch Hina erstmals erfährt, wie es sich anfühlt, seinen Platz in der Welt gefunden zu haben - ob temporär oder dauerhaft ist dabei vollkommen unerheblich. Sie ist gewissermaßen sein strahlend blauer Himmel. Doch - wie weiter oben angedeutet - jeder, also auch der Oberschüler, muss einen Preis zahlen und ein simples Happy End wäre eines der besagten Hollywoodklischees, die hier nicht bedient werden.

Erzählerisch überaus gelungen ist daran, dass an zwei Teenagern, die vor wenigen Jahren noch Kinder waren, nicht nur illustriert wird, was es heißt, zu lieben, sondern auch, was es heißt, wenn es der Hauptantrieb einer Person ist, das Richtige tun zu wollen. Und dass dies auch Umwege oder Fehler miteinschließt. Diese doch sehr positive Figurenzeichnung erhält so ein sehr stabiles Fundament, und läuft deshalb keinesfalls Gefahr, als unrealistisch abgetan zu werden. Die beiden sind sozusagen Vorbilder füreinander, jedoch ebenso für alle, die sich mit ihnen auf dieses einzigartige Abenteuer einlassen. Und zwar insofern, dass sie einander, aber eben auch den Zusehern demonstrieren, wie man sich die Fähigkeit bewahrt, auch an kleinen Dingen Freude zu finden sowie den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren. Und wie man es schafft, nicht alles als selbstverständlich zu betrachten sowie eine gewisse Bescheidenheit an den Tag zu legen.

Es geht im Kern um diesen unbekümmerten Optimismus, den man selbstredend primär mit Menschen assoziiert, die eine grundsätzlich positive Lebenseinstellung haben. Zu dem allerdings auch Realisten oder gar Pessimisten einen Zugang finden können - vorausgesetzt, sie nimmt jemand an die Hand. Noch leichter fällt ihnen dies - das sollte nach dem Abspann niemand mehr anzweifeln - bei Sonnenschein. Und was Weathering With You - Das Mädchen, das die Sonne berührte nun so viel besser macht als zahlreiche andere Filme - ob gezeichnet oder nicht - ist, dass diese Erkenntnisse nicht beziehungsweise höchstens in Ansätzen während dieser fast zwei Stunden von den Charakteren verbalisiert werden. Das Gesehene wirkt stattdessen enorm nach, lässt einen nicht los und weckt das Bedürfnis, sich baldmöglichst wieder mit Hina und Hodaka auf diesen fiktionalen Trip durch Tokio zu begeben.

Und in diesem Punkt ähneln sich nun Vorgänger und (inoffizieller) Nachfolger (der übrigens auch einige wunderbar dezent eingestreute “Easter Eggs“ enthält) tatsächlich, da auch Your Name - Gestern, heute und für immer so gesehen mit seiner letzten Szene nicht endet. Der Nachfolger von Chihiros Reise ins Zauberland als erfolgreichster Anime-Film aller Zeiten mag wendungsreicher und etwas komplexer als Makoto Shinkais neustes Werk sein, doch dies ist auch inhaltlich begründet, da im Falle des globalen Kassenschlagers von 2016 nicht nur Mitsuha, sondern auch Taki mit Übernatürlichem in Berührung kommen. Deswegen ist es durchaus plausibel, weshalb Tenki no Ko insgesamt direkter, zielstrebiger und daher zunächst etwas weniger bahnbrechend anmutet. Wer jedoch das erste Mal miterlebt, wie Hina die Regenwolken einem blauen Himmel weichen lässt, wird seine Meinung vermutlich schnell ändern. Denn, wenn diese beeindruckenden Bilder förmlich mit der Musik von der Band Radwimps, die ebenfalls für den Soundtrack von Kimi no Na wa zuständig war, verschmelzen, erscheint es so, als könnten Sonnenstrahlen wie auch Regentropfen hörbar gemacht werden. Als gäbe es Töne, die nicht nur in unserer Vorstellung diesen Anblick nachahmen, sondern ebenso das Gefühl, das diese Wetterphänomene in Menschen auslösen, hervorrufen könnten. Und dabei handelt es sich um ein absolutes Alleinstellungsmerkmal dieses Films, das neben der skizzierten, geradezu philosophischen Dimension mehr als nur rechtfertigt, warum auch dieser Anime verdientermaßen weltweit ebenfalls für großartige Einspielergebnisse gesorgt hat und noch sorgt.

Fazit

Filmemacher wie auch Schauspieler sprechen oft davon, dass sie ihr Publikum berühren wollen - beinahe inflationär wird dieses Verb verwendet, wodurch dieses für die Kunst so wichtige Wort spürbar an Bedeutung eingebüßt hat. Makoto Shinkai ist mit Weathering With You - Das Mädchen, das die Sonne berührte hingegen nicht weniger als sein nächstes audiovisuelles Meisterwerk geglückt. Eines, das die um eine fantastische Komponente angereicherte Liebesgeschichte von Hina und Hodaka erzählt, die es sogar vermag, uns zu berühren und die Gefühle der beiden glaubhaft abzubilden, obwohl weder die berühmten drei Worte fallen noch es zu einem Kuss zwischen ihnen kommt.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© 2019 "Weathering With You" Film Partners

Weathering With You - Trailer (deutsch/ german; FSK 0)

Weathering With You [Official Subtitled Trailer, GKIDS]

Die besten Anime-Serien des Jahres 2019

Kaguya-sama Header

Kaguya-sama Header

Der Grund, warum Anime in die weltweiten Schlagzeilen stand, war dieses Jahr leider mit einem tragischen Vorfall verbunden. Ein Gebäude des Kultstudios Kyoto Animation - von Fans liebevoll KyoAni genannt - wurde angesteckt. In den Flammen starben 36 Menschen, 34 erlitten schwere Verletzungen. Doch das Studio hat den Vorfall inzwischen gut überstanden und nimmt sogar wieder neue Bewerber für die hauseigene Animationsschule an. Obwohl in dieser Liste durch die besonderen Umstände und Kategorie kein Titel von Kyoto Animation steckt sei an dieser Stelle der schöne Film Liz und ein Blauer Vogel erwähnt. 

Ansonsten  haben wir viele neue Serien aus diesem Jahr genauer angesehen und zehn Favoriten herausgefiltert. Nicht aufgeführt werden Sequels.

Ascendance of a Bookworm

Ascendance of a Bookworm (Ajia-Do)

Das sogenannte Isekai-Genre ist auch 2019 beliebt wie eh und je gewesen - besonders viele Protagonisten wurden erneut mit starken Kräften aus Japan in Fantasywelten geschickt um dort mühelos die Welt zu retten und ein Harem an weiblichen Charakteren zu sammeln. Diese sind thematisch und qualitativ schrecklich veraltet, weswegen Ascendance of a Bookworm eine willkommene Abwechslung ist. Eine Bibliothekarin wird in dem Körper eines schwachen Mädchens der Unterschicht wiedergeboren. Schockiert stellt sie fest, dass Bücher in dieser Welt dem Adel vorbehalten sind und macht sich mit Wissen aus der Gegenwart daran, Papier herzustellen. Isekai mit Herz funktioniert hervorragend.

Boogiepop

Boogiepop Never Laughs (2019/Madhouse)

Wenn David Lynch eine Anime-Serie produzieren würde, käme ein sehr ähnliches Endprodukt wie bei Boogiepop heraus. Übernatürliche, personifizierte Phänomene, die die Herzen der Menschen widerspiegeln mischen sich in das alltägliche Leben scheinbar zufällig ausgesuchter Personen ein. Es wird wenig erklärt und viel mit Symbolik gearbeitet, was gerade den Synchronsprechern - die mehrere Rollen übernehmen - viel abverlangt. Auch die nicht-chronologische Art der Erzählung macht es dem Zuschauer nicht leicht, diese Produktion zu verstehen, aber genau wie bei Lynch ist dies auch nicht das Ziel.

Dororo

Dororo (Tezuka Productions, MAPPA)

Eine viel adaptierte japanische Folklore übernimmt auch Dororo. Ein japanischer Feldherr mit Pechsträhne bietet seinen Erstgeborenen zwölf Dämonen an, um ein erfolgreicher Herrscher zu werden. Wenig später wird ein ungewöhnliches Kind geboren, ohne Haut, Augen, Gliedmaßen, Ohren und einige Organe. Das blutige Ding wird von einer Hofdame wie in einer biblischen Erzählung in einem Fluss ausgesetzt, wo es von einem Prothesenmacher gefunden wird. Viele Jahre später ist das Kind mit tödlichen Gliedmaßen und einem sechsten Sinn ausgestattet auf der Jagd nach den Dämonen, die ihm seine Sinne genommen haben. Mit jedem besiegten Ungeheuer erhält er das jeweilige Organ zurück.

Hitoribocchi

Hitoribocchi no Marumaru Seikatsu (C2C)

Ja, diese Liste darf auch eine gewöhnliche Schulkomödie beinhalten. Wir sind ja schließlich auch nur Menschen. Die junge Bocchi kommt nach einigen Jahren in eine neue Klasse und hat sich, um ihre extreme Schüchternheit zu überwinden vorgenommen, alle Schulkameraden als Freunde zu gewinnen. Ihre Angst vorm Versagen zu überwinden stellt sich als Mammutaufgabe heraus und, dass sie merkwürdige Gestalten anzieht, macht es nicht einfacher. Dabei sind die wegen ihres “angsteinflößenden” Aussehens gemiedene Nako, Aru, die Klassensprecherin mit außergewöhnlicher Pechsträhne und mit Austauschschülerin Sotca, die aufgrund eines Missverständnisses mit Bocchis Hilfe ein echter Ninja werden möchte.

Babylon

Babylon (Revoroot)

Mit Vorsicht zu genießen ist Babylon. Erstens, weil die Serie sämtliche Inhaltswarnungen um Gewalt und Selbstmord braucht, zweitens weil sie erste zur Hälfte ausgestrahlt wurde und drittens ständig den Drahtseilakt zwischen Genial und Trash macht. Die Handlung dreht sich um die Bürgermeisterwahl eines neuen, eigenständigen Distrikts in Tokio, der wie ein kleiner Staat selbst Gesetze erlassen darf. Als das neue Stadtoberhaupt seine Partei verrät, erlässt er auch ein Gesetz, was Selbstmord legal macht. Darauf folgt eine Welle rätselhafter Suizide, die die Staatsanwaltschaft auf eine einzige Frau zurückführen kann. Magase Ai kann scheinbar mit einem einzigen Satz den Willen eines Passanten brechen und ihn zum Selbstmord treiben. Die Ermittlungen werden damit plötzlich brandgefährlich.

Fate/Grand Order

Fate/Grand Order: Absolute Demonic Front - Babylonia (CloverWorks)

Diese Serie mit ihrem simplen Titel, der sofort in den Kopf geht, basiert auf einem der erfolgreichsten Mobile-Spiele der vergangenen Jahre und bekanntesten Franchises der Anime-Industrie. Damit stehen dem Studio ein gigantisches Budget sowie hervorragendes personal zur Verfügung. Das Ergebnis kann sich zu jedem Zeitpunkt sehen lassen, doch gerade in den häufigen Kampfszenen brilliert Fate/Grand Order. Zugegeben, Kontext fehlt in der Handlung häufig, dank der schier endlosen Geschichte des Originals, aber einfach nur zuzusehen wie sich die babylonische Göttin Ishtar und Quetzalcoatl an ihrem Sonnentempel den Kopf einschlagen, reicht manchmal auch. 

Kaguya-sama

Kaguya-sama: Love is War (A-1 Pictures)

Wenn man das Jahr auf einen sehenswerten Titel herunterbrechen müsste, wäre es wohl Kaguya-sama: Love is War. An einer Elite-Schule stehen über allen anderen die reiche Kayguya und der intelligente Miyuki in der Schülervertretung. Sie sind zwei Genies, die ihr ganzes Leben auf Erfolg hinarbeiten - und ineinander verliebt sind. Doch weil sie sich gegenseitig keine Schwäche zeigen wollen, konstruieren sie hochkomplizierte Pläne, die die jeweils andere Person dazu bringen soll, ihre Liebe zu beichten. Die gesamte Serie spielt quasi innerhalb von einem Raum und lebt von Dialogen, Charakteren, Humor und schönen visuellen Ideen. Sogar Tanz, Gesang und Fremdsprachen setzen die Sprecher gezielt ein.

Maidens of the Savage Season

Maidens of the Savage Season (Lay-duce)

Fünf Mädchen in einem Literaturclub lesen sich tagtäglich gegenseitig Romanzen und explizit erotische Literatur vor, weil sie dadurch langsam Liebe und Sexualität im echten Leben ergründen wollen. Als sehr traditioneller Club verpflichten sie sich so gleichzeitig der Keuschheit und dem Abenteuer. So wollen sie gleichzeitig die eigene Forderung, Tänze auf Schulfesten zu verbieten bekämpfen oder finden heraus, dass ein junger und attraktiver Lehrer auf einer Datingplattform aktiv ist. In welche Richtung diese serie genau will, ist nie ganz sicher, doch mit den Thematiken geht sie für eine Anime-Serie im genre überraschend erwachsen um.

Vinland Saga

Vinland Saga (Wit Studio)

Wickie und die starken Männer lief vor seiner Ausstrahlung auf dem Kinderkanal im japanischen fernsehen und ist mit Heidi für viele Kinder vielleicht der erste Berührungspunkt mit Animes. Vinland Saga dreht sich auch um einen jungen Wikinger, doch ist brutal, ohne Kratzen an der Nase und mit einer gehörigen Portion Realismus. Die Serie basiert auf dem historischen Kampf von Briten gegen Dänen und einem Wechsel im Königshaus. Die Zeit der Wikinger hat ihren Zenit überschritten, doch starke Krieger wie Thors sind auf dem Schlachtfeld legendär. Als dieser in einem Hinterhalt stirbt, schwört sein Sohn Thorfinn Rache und schließt sich den Mördern an.

Iruma

Welcome to Demon School! (Bandai Namco Pictures)

Die Geschichte um den 14-jährigen Iruma ist tragisch. Seine Eltern lassen ihn für sich arbeiten und nicht zur Schule gehen, nur um eines Tages seine Seele an einen Dämonen zu verkaufen. Dieser hat jedoch Mitleid und wünschte sich zudem schon immer einen Enkel, weshalb er iruma in einem mächtigen Schloss in der Hölle adoptiert und mit Geschenken überhäuft. Zudem darf der Protagonist zum ersten Mal eine Schule besuchen - doch seine Mitschüler singen schon bei der Einschulung über Menschen als Mahlzeit. Irumas Deckung wird aber perfekt, als er direkt danach seinen mächtigsten Klassenkameraden durch seine Fähigkeiten als Minijobber besiegt. Was folgt ist ein amüsanter Aufstieg durch die strenge Hierarchie der Schule.

zusätzlicher Bildnachweis: 
Copyright: Ajia-Do, 2019/Madhouse, Tezuka Productions, MAPPA, C2C, Revoroot, CloverWorks, A-1 Pictures, Lay-duce, Wit Studio, Bandai Namco Pictures

Bericht zur AnimagiC 2019: Aller guten Dinge sind drei!

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Animagic

Zum bereits dritten Mal fand die AnimagiC nun schon in Mannheim statt. Von 2. bis 4. August war erneut der wunderschöne Rosengarten die Location, die etwa 29.500 Freunde gezeichneter Abenteuer aus Japan nach Baden-Württemberg lockte. Selbst das Wetter hatte sich dazu entschieden, an allen drei Tagen nicht den geringsten Anlass zur Klage zu liefern, sodass die Bedingungen wirklich nicht besser hätten sein können.

Die gar nicht mehr aus dem Strahlen herauskommende Sonne und die warmen Temperaturen dürften insbesondere den Cosplayern sehr entgegengekommen sein. Ihre bevorzugten Shooting-Kulissen waren - wie gewohnt - der Wasserturm und dessen unmittelbare, ziemlich grüne Umgebung, die einmal mehr die unterschiedlichsten fiktionalen Charaktere zusammenführte: Da trafen Saiyajins auf Sailor-Kriegerinnen, Pokémon-Trainer auf Strohhutpiraten und Titanenbekämpfer auf Vampire - und gelegentlich schaute noch die eine oder andere Disney-Prinzessin vorbei. Das Wunderbare daran: In Windeseile lernte man neue Leute kennen, mit denen man sich anschließend - oftmals als Gruppe - ablichten ließ. Anerkennende Worte für das aufwendige Outfit des Gegenübers sind ebenfalls eher Regel, denn Ausnahme.

Überhaupt zeichnet nicht nur diese Convention, sondern eigentlich alle, die sich den Themen Anime und Manga im Besonderen widmen, aus, dass eine ausgesprochen angenehme Atmosphäre vorherrscht. Irgendwann kreuzen sich Blicke und statt beschämt wegzugucken, kommt man hier ganz ungezwungen ins Gespräch oder lächelt einfach freundlich zurück und geht weiter. Es ist beinahe so, als wäre der Veranstaltungsort Teil eines Paralleluniversums. Wer nach ein paar Minuten Fußweg wieder am Bahnhof angekommen ist, kann sich dieses Eindrucks mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erwehren. Dieses Klima ist zweifelsohne einer der Gründe, weshalb sich Menschen aus Berlin ebenso gerne auf den Weg in die Neckarmetropole machen wie aus München, jedoch logischerweise nur einer von mehreren.

Animagic 2019

Eine besondere Branche

Bereits im Eingangsbereich wird man von mehreren riesigen Bannern mit Anime-Motiv empfangen, die den einen oder anderen Besucher dazu verleiten, direkt ein weiteres Foto zu machen. Ein paar Meter weiter geht es dann richtig los: Unmittelbar hinter den beiden Haupttreppen lacht einen schon förmlich der Peppermint Anime Flagship Store an, wo logischerweise sehr viel im Zeichen des Peppermint-Ausnahmetitels Sword Art Online stand.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Geldbeutel immer leerer und leerer wird, steigt von nun an mit jedem Schritt. Biegt man zuerst links ab, herrscht die Qual der Wahl zwischen Universum Anime (Made in Abyss), Kazé (Dragonball Super) oder Tokyopop (Bibi & Miyu), Carlsen Manga (Edens Zero) und Egmont Manga (Detektiv Conan). Auch Cross Cult/Manga Cult (Blame!) und Altraverse (Meine Wiedergeburt als Schleim in einer anderen Welt) findet man hier. Da aber nichts über Abwechslung geht, ermöglicht einem ein Abbiegen nach rechts, sich wieder intensiv Bewegtbildinhalten zu widmen:

Den Anfang macht Animoon Pulishing (Goblin Slayer), dicht gefolgt von KSM Anime (Digimon Adventure tri.), Anime House (Two Car) sowie dem Neuzugang Polyband Anime (Pokémon - Der Film). Dass man die erste wichtige große Runde hinter sich gebracht hat, weiß man spätestens, sobald man das Tokyopop-Logo realisiert, das einen nun wieder anlächelt. Zumindest aus dem Augenwinkel sollte man auch den Streamingriesen Crunchyroll und die Mädels und Jungs von Panini (Manga) entdeckt haben, die die Mehrheit sicherlich eher mit Sammelstickern oder Superhelden in Verbindung bringt, bei denen allerdings ebenfalls Berserk “be-Manga-heimatet” ist.

Animagic 2019

Was damit schon einmal feststeht: 2019 hatte es wirklich alle Branchengrößen nach Mannheim verschlagen, und das honorierten die Fans auch spürbar. Wer genau hinhörte, vernahm keine klassischen Verkaufsgespräche. Vielmehr wurde sich bei dem jeweiligen Verlag oder Publisher bedankt, es ging in die Analyse (kritische Töne durchaus inklusive), Erfahrungen wurden ausgetauscht oder man erinnerte sich mit großer Freude an frühere Con-Besuche. Will heißen: Wenn es um Anime und Manga geht, gibt es in Deutschland nicht nur eine Verkäufer- und eine Käuferseite, sondern eher gar keine Seiten und stattdessen einen ehrlichen Dialog. Man weiß, was man aneinander hat - was nicht heißt, dass alles immer optimal läuft. Es handelt sich eben um eine Art lange Beziehung, in die beide Parteien bei Weitem nicht nur im klassischen Sinne - also materiell - investieren.

Programmvielfalt ist Trumpf

Neben dem bereits erwähnten persönlichen Austausch sind die Verantwortlichen in den entsprechenden Firmen ebenfalls stets sehr darum bemüht, echte Highlights für die Besucher zu organisieren. Ob Zeichner, Synchronsprecher, Autoren, Produzenten oder Regisseure, hochkarätige Gäste mit Bezug zu den unterschiedlichsten - zumeist neueren - Werken sind seit vielen Jahren fester Bestandteil der AnimagiC. Und die gut besuchten Signierstunden und/oder Panels zu etwa Goblin Slayer (mit Regisseur Takaharu Ozaki oder Manga-ka Kousuke Kurose) oder The Promised Neverland (mit Regisseur Mamoru Kanbe und Produzent Kenta Suzuki) mit zeigen, dass die zahlreichen Bändchenträger dankbar für diese teils einmaligen Momente und besondere Andenken sind.

Aber auch die deutsche Fanszene selbst steuert seit jeher tolle Beiträge zum Programm bei: Da werden Cosplays angemessen in Form eines Wettbewerbs gewürdigt, eigene Bühnenstücke aufgeführt oder es wird gesungen. Überhaupt Musik: Live-Acts aus Japan haben auch diesen Sommer für echte Gänsehautmomente und sicherlich ebenfalls für die eine oder andere Träne gesorgt.

Animagic 2019

Und wer selbst etwas aktiver sein wollte, konnte sich entweder in der Gaming-Area an einer der vielen Konsolen oder im Untergeschoss wertvolle Tipps in Sachen Zeichnen holen, diese direkt anwenden oder sich am Stand von Pyramond (Radiant) noch mit hochwertiger, gezeichneter Fiktion - ganz im Sinne der Inspiration - eindecken. Für das leibliche Wohl war ebenfalls bestens gesorgt. Insbesondere im obersten Stock traf man sich, um sich etwas zu stärken und um eventuell noch einen Ninotaku-TV-Stand Abstecher zu machen. Alles in allem bleibt nur zu sagen: Anime-und-Manga-Herz, was willst du mehr?

Die AnimagiC weiß auch 2019 vollends zu überzeugen und versteht es, außerdem noch innerhalb all dieser ausgelassenen Momente den passenden Rahmen zu schaffen, um den Opfern der Kyoto-Animation-Tragödie angemessen gedenken zu können. Und das in diesem Kontext bewiesene Feingefühl ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass man den Ausrichtern abermals nur ein großes Kompliment aussprechen kann.

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© Robots & Dragons Florian Kaiser

Kritik zu Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft: Familienchronik mit Folgen

Mirai Header

Mirai Header

Der vierjährige Kun ist ein Einzelkind - bis es eines Tages Neuzugang im Haushalt gibt. Seine neue kleine Schwester Mirai verunsichert den emotionalen Jungen, der erstmals die Liebe und Aufmerksamkeit seiner Eltern teilen muss. Diese generische Situation um Eifersucht gibt auf den ersten Blick nur genug Melodrama für eine Sparten-Seifenoper ab, doch im neuen Anime-Spielfilm Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft (Mirai no Mirai) wird die Prämisse abendfüllend. Für Fans und Genre-Kenner wird vielleicht klarer, warum Mirai es jetzt sogar hierzulande in die Lichtspielhäuser schafft, wenn der Name Mamoru Hosoda fällt. Der Regisseur hat schon in Ame & Yuki – Die Wolfskinder und Summer Wars eher konventionelle Inhalte in träumerische Abenteuer verpackt. Wo Hosoda draufsteht, ist meist auch hohe Animationsqualität drin.

Und auch mit seinem neuen Werk Mirai schafft es der ehemalige Schützling der Industrielegende Hayao Miyazaki wieder, eine einfache Geschichte über Familienbeziehungen mitreißend zu verpacken. Der Film erzählt vorrangig die Geschichte des selbstverliebten und bockigen Kun, der sich mit seiner neuen Rolle als großer Bruder anfreunden muss. Die namensgebende Mirai (frei übersetzt: Zukunft) ist freilich zu jung, um bewusst bösen Willen auszustrahlen, doch das weinende Bündel verlangt ihren arbeitenden Eltern alles ab. Nach einem eskalierenden Wutanfall von Kun, indem er seine kleine Schwester fast mit einem Spielzeug am Kopf verletzt, wird klar: Der große Bruder braucht eine Intervention. Diese erhält Kun in Form von überirdischen Besuchern, die ihm neue Perspektiven auf das Familienleben zeigen. Wie Ebenezer Scrooge sagen würde: Humbug.

Die zukünftige junge Schwester reist durch die Zeit

Es wird nie ganz aufgeklärt, ob es sich bei diesen Fantasiesequenzen um Kuns Vorstellung, Magie oder gar eine wortwörtliche Zeitreise handelt - aber das ist auch gar nicht wichtig. Der deutsche Titel ist dabei für das Verständnis etwas holprig übersetzt: Den ersten Besuch kriegt Kun von einer älteren Version seiner Schwester. Im Japanischen ist sie somit “Mirai no Mirai”, die Mirai aus der Zukunft. Aber woher sie auch kommt: Die Begegnung mit seiner großen kleinen Schwester sensibilisiert den Jungen ein kleines Stück. Auch von der kindlichen Version seiner Mutter kann Kun lernen und so sich auf Augenhöhe mit seinen Eltern fühlen. Die einprägsamste Begegnung hat der Protagonist aber mit einer jüngeren Version seines verstorbenen Großvaters: Der verwundete Veteran lehrt ihm auf einem alten Motorrad wichtige Techniken, die der Vierjährige am Ende der Szene triumphal auf einem Fahrrad umsetzen kann.

Mirai Motorradfahrt

Der Film wird nie zu einer epischen Reise oder einem emotionalen Abenteuer, denn dafür erzählen die einzelnen Besucher des Hauses zu losgelöste Geschichten. Das Leben des Jungen ist unaufgeregt und von alltäglichen Problemen geprägt, die Meisterleistung Hosodas besteht darin, diese Wahrnehmung langsam zu öffnen. Mit dem Verständnis des Jungen bessert sich im Lauf der Handlung auch das des Zuschauers. Gezielt setzen sich in Echtwelt- und Fantasiesequenzen viele Bruchstücke zusammen und zeigen mit der Zeit ein größeres Bild aller Generationen von Kuns Familie. Der junge Japaner sieht den Hausgarten um sich herum zu einem Dschungel wuchern, während der Zuschauer merkt, mit welchen Problemen die Eltern kämpfen.

Jede Begegnung ein Pinselschwung hin zum ganzen Bild

Der Leitfaden durch den Film ist, bis auf kleinere Trips, das Haus der Familie selbst. In der Breite einer Gasse zwischen zwei Häusern einer japanischen Vorstadt versteckt, ist das Haus eine Ansammlung von Räumen, angeordnet in einer gestuften Reihe. Viel Glas und Holz machen die Naturverbundenheit klar, zwischen Kinderzimmer und Küche gibt es sogar einen Innenhof - natürlich in der Größe eines weiteren Zimmers. Dort finden die Geschichten der Familienmitglieder alle ihr Ende, oder eben ihren Anfang, das mit den Zeitreisen ist eine wirklich verflixte Sache. Das Gebäude wurde speziell für den Film vom Architekten Makoto Tanjiri entworfen und seine Existenz wird sogar in der Handlung durch Kuns Vater abgedeckt: Dieser ist freischaffender Architekt.

Wer die vorigen Werke des Regisseurs oder den Trailer gesehen hat, wird wenig Zweifel haben, aber: Bis auf wenige CGI-Aussetzer ist die handgezeichnete Animation in Mirai erstklassig. Die tollen Bilder decken die verborgene Magie in Kuns Alltag auf und bieten zahlreiche schöne Momente. Einige beiläufige Gähner oder schnelle Gesichtsausdrücke sind nur so wenige Frames zu sehen, dass es fast tragisch ist, wie leicht sie zu verpassen sind. Die Mehrarbeit lohnt sich aber, denn dadurch wird jede Bewegung natürlicher und jeder Charakter mit seinen einzigartigen Ticks persönlicher. Gewöhnliches Familienleben bietet dann eben doch eine gewaltige Palette an emotionalen Farben, von denen dieser Film mehr aufgesogen hat, als so manches hochkarätig besetztes Hollywood-Drama.

Mirai aus der Zukunft

Fazit

Mirai hat weniger Mädchen aus der Zukunft, weniger Zeitreise und weniger Drama im Angebot, als durch die Trailer vielleicht vermutet. Doch das Genie des Films gibt sich nur schrittweise zu erkennen und belohnt alle, die die Puzzleteile am Ende zusammensetzen. Dafür muss der Zuschauer nicht extrem aufmerksam sein, auf dem großen Bildschirm entfaltet sich die Magie durch die kindlichen Augen von Kun ganz alleine.

Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft ist am Dienstag, 28. Mai, deutschlandweit in Lichtspielhäusern zu sehen.

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© Kazé Deutschland

Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft (Kino-Trailer)

Kritik zu Maquia - Eine unsterbliche Liebesgeschichte: Mama Mia lass mich ziehen

Maquia Header

Maquia Header

Erst Ende 2016 hat die wohl bekannteste Anime-Regisseurin Naoko Yamada mit dem Drama A Silent Voice einen weltweiten Hit gelandet und ihren Ruf in der Industrie zementiert. Doch Frauen an der Spitze von Anime-Produktionen haben es nicht leicht: Im gleichen Jahr sprach sich Studio-Ghibli-Produzent Yoshiaki Nishimura gegen eine Regisseurin für das Kultstudio aus. Das weibliche Geschlecht sei zu realistisch, für das Fantasy-Genre fehle ein idealistischer Ansatz, der sich eher bei Männern finde. Dieser gewagten These stellt sich nun Mari Okada mit ihrem ehrgeizigen Debüt: Maquia - Eine unsterbliche Liebesgeschichte entgegen. Für das bekannte Studio P.A.Works hat die Japanerin alle Fantasy-Register gezogen, die sie finden konnte und hakt Drachen, Elfen und martialische Armeen gekonnt ab. Eine tragische Liebesgeschichte bleibt der Film trotzdem, in dem Genre hat Okada schon als Drehbuchschreiberin vom modernen Klassiker AnoHana – Die Blume, die wir an jenem Tag sahen ihr Können bewiesen.

Wer sich jetzt fragt, ob die Werke der Regisseurin von heimtückischen Geistern deutscher Übersetzer heimgesucht werden: Maquia trägt im Original den ebenfalls komplizierten Namen Sayonara no Asa ni Yakusoku no Hana wo Kazarou. Alle Studenten können aber beruhigt aufatmen: Das ist nicht klausurrelevant. Etwas unkomplizierter kommt die Prämisse des Anime-Streifens daher: Wer schon einmal von Tolkien gehört hat, wird sich in den ersten Minuten bestens orientieren können. Maquia dreht sich um den Clan der Lorph: Blondhaarige, zarte Wesen, die viele hundert Jahre alt werden und dabei so langsam altern wie eine Pop-Diva. Ja, es handelt sich grundlegend um Elfen mit dem Aussehen einer gelungenen Mischung aus Legolas und der Kindlichen Kaiserin aus der Unendlichen Geschichte. Das Völkchen webt ohne Unterbrechung den sogenannten Hibiol, einen durchsichtigen, mystischen Stoff, der den Fluss der Zeit und des Schicksals symbolisiert. Doch die ewige Idylle im malerischen Lorph-Dörfchen hält natürlich nicht lange an.

Lieber Kinozuschauer: Wann haben sie zuletzt ihre Mutter angerufen?

Beim Angriff einer menschlichen Armee werden die Lorph beinahe vollkommen ausgelöscht, nur die namensgebende Maquia überlebt. Weit entfernt von dem einzigen Ort, den sie je Zuhause nennen konnte, findet die Protagonistin schließlich einen Säugling und rettet ihn aus den totenstarren Armen seiner Mutter. Obwohl Maquia körperlich und in ihrem Herzen kindlich ist, beschließt sie den Jungen großzuziehen und nennt ihn Erial. Damit enttarnt der Film die eigene Liebesgeschichte nicht etwa als Romanze, sondern als die Geschichte einer jungen Mutter. Jung ist in dem Fall für eine Lorph natürlich relativ: Schon die Dorfälteste hat Maquia prophezeit, dass die Liebe zu einem Außenseiter tragisch enden werde, da sie einen Menschen dank verlängerter Altersspanne überlebt. Dem Zuschauer wird von Anfang an klargemacht, dass Maquia ihr Kind großziehen kann, aber auch beerdigen muss. Auch der etwas naiven Lorph dämmert dieses Ende, als sie das Kleinkind erstmals in den Armen hält.

Maquia mit ihrem Kind

Diese Prämisse ist, auch über die erste Hälfte hinaus, der Kern des Films. Im Mittelpunkt stehen immer die Nöte, mit denen junge, alleinerziehende Mütter konfrontiert werden. Selbstaufopferung und die Sinnsuche in der Mutterschaft werden mit gekonntem Druck auf die Tränendrüsen transportiert. Abseits von der beinahe unsterblichen Maquia gibt es auch etwas nachvollziehbarere Figuren wie die junge Witwe Mido, die zwei Jungen heranzieht und der Hauptfigur lebenswichtige Erziehungstipps zukommen lässt. An der Stelle hat das Studio sehr sinnvoll auf seine weibliche Regisseurin gesetzt: Die familiären Beziehungen wirken organisch, auch weil Okada eigene Erfahrungen von sich und ihrer belasteten Mutter hat einfließen lassen. Selbst Szenen, in denen Erial als Teenager älter wirkt als Maquia und seine Adoptivmutter hinterfragt, wirken echt und nicht künstlich mit einer ungesunden Portion Schnulze nachgewürzt. Allein die Charakterentwicklung von Maquia selbst mag in diesem idyllischen Zusammenspiel so manchem Zuschauer merkwürdig vorkommen.

Handgemachte Animation in Perfektion

Jahrhundertealte Lorph scheinen nämlich emotional etwas anders zu reifen, als Menschen. Die kindliche Mutter ist über lange Strecken vielleicht ein wenig zu gefühlsduselig, verwirrt und ihrer Rolle einfach nicht gewachsen. Das passt natürlich zu einer Mutter, die nicht vorbereitet und plötzlich aus ihrem Umfeld gerissen wurde, kann aber so manchen Geduldsfaden sicherlich überspannen. Aber erstaunlicherweise bietet der Film noch ganz nebenbei unterhaltsame Handlungsstränge ohne Liebesgeschichte. Maquias Freundin Leila hat das Massaker am Anfang überlebt und soll in Gefangenschaft der angreifenden Armee den Anführer für langlebige Nachkommen heiraten. An der Stelle beleuchtet die Handlung auch das Königreich selbst, was für ausufernde Eroberung und Kolonialismus die letzten Drachen für die Armee versklavt hat. Ein Kommentar, der sicherlich etwas hastig geschrieben wirken kann, aber thematisch passt und gerade in einem Land voller Begeisterung für Militarismus besonders provoziert.

Während der Anime die Erzählung durch die Jahre peitscht, wird diese stets von einer ergreifenden Inszenierung begleitet. Wer einen Trailer gesehen hat, wird wenig überrascht sein, dennoch sei gesagt: Die Animation von P.A.Works ist in den zwei Stunden Laufzeit immer auf einem sehr hohen Niveau. Ob Felder voller mystisch leuchtender Blumen, ein Hund, der im verschlafenen Dorf im Schnee tobt oder eine hypnotische Nahaufnahme der blonden Maquia - jeder Ausschnitt ist thematisch passend gezeichnet. Das Ruder übernahmen dabei einige Veteranen der Industrie, die gleichzeitig viele Neulinge dirigieren. So hat der alteingesessene Toshiyuki Inoue (Ghost in the Shell, Paprika) beispielsweise an mehr als einem Drittel der Einstellungen von Maquia gearbeitet. Viele hundert Layouts davon hat der Animator nur vorgezeichnet, damit jüngere Kollegen davon lernen und diese vollenden konnten. Wichtige Arbeit in einer gefährdeten Industrie, die dringend eine neue Generation heranziehen muss.

Maquia genießt idyllisches Landleben

Fazit

Maquia ist weder eine reine Fantasy- noch eine banale Liebesgeschichte. Ohne zu viel künstlich auf die Tränendrüse zu drücken und tragische Momente zu konstruieren entsteht Drama in dem Anime-Film durch ernste, geerdete Themen. Die Hingabe, mit der sich Mari Okada der alleinerziehenden Mutterschaft widmet, ist an sich schon bemerkenswert, wenn auch nicht vollkommen einzigartig. Es mag von Anfang an sehr klar sein, wohin die Reise geht, doch es ist eine Reise, die es wert ist, angetreten zu werden. Und wer bei der Fahrt aus dem Fenster schaut erblickt Landschaften und Szenarien, die nicht enttäuschen.

Maquia - Eine unsterbliche Liebesgeschichte ist am Donnerstag, 16. Mai, und Sonntag, 19. Mai, deutschlandweit in Lichtspielhäusern zu sehen.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Universum Film

Maquia - Eine unsterbliche Liebesgeschichte - Trailer (deutsch/german; FSK 6)

Anime-Kritik: Made in Abyss

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Made in Abyss

Die unerforschten Tiefen des Ozeans gelten nach wie vor als eines der großen Mysterien unserer Zeit. Denn dass dort noch jede Menge Überraschendes entdeckt werden kann und in Zukunft sicherlich auch noch wird, davon sind Wissenschaftler weltweit überzeugt. Nun ist der Abyss zwar nicht mit Wasser gefüllt, aber Parallelen drängen sich dennoch auf. Mangaka Akihito Tsukushi hat nämlich mit seinem gefühlt nie enden wollenden riesigen Erdloch, das im Prinzip eine gigantische Höhle ist, einen Handlungsort erdacht, den ebenfalls auszeichnet, dass keiner so wirklich weiß, was einen auf dessen Grund erwartet. Und die Hoffnung auf die Beantwortung dieser Frage ist es auch, die einem - im wahrsten Sinne des Wortes - eintauchen lässt in die Welt von Made in Abyss.

Von Weltenbauern…

Wer starkes Storytelling betreibt und in Sachen Charakterentwicklung glänzt, gilt gemeinhin als sehr guter Autor. Wer darüber hinaus noch beim Worldbuilding überzeugt, als exzellenter. Tatsächlich ist letztgenannter Punkt nämlich eine Fähigkeit, die viel zu selten angemessen gewürdigt wird. Im Fiktionsbereich ist schließlich wenig so herausfordernd wie das Ersinnen komplexer Welten, die im Idealfall so beschaffen sind, dass sie einem bestimmte Geschichten förmlich aufdrängen. Der Abyss-Kosmos ist ein gutes Beispiel hierfür.

Immerhin ist dieser Handlungsort alles außer gewöhnlich. Über die umliegenden Regionen erfährt der Leser nahezu nichts und über dieses riesige schwarze Loch der etwas anderen Art zunächst nur das Nötigste. Und das ist auch genau richtig so, da logischerweise das Erkunden dieser insgesamt sechs Tiefenschichten ein wesentlicher Bestandteil der Reise ist, die im Grunde genommen mit dem Aufschlagen der ersten Seite im Manga respektive mit der ersten Anime-Folge beginnt.

Made in Abyss

Interessant ist dabei vor allem, dass man recht früh erfährt, dass jede der besagten Tiefenschichten andere Auswirkungen auf den menschlichen Körper hat. Diese werden mit jedem Etappenziel extremer, weshalb das Erreichen des Grunds gemeinhin als untrennbar mit dem Tod verbunden gilt - vorausgesetzt, der oder die Waghalsige ist ihm nicht bereits zu einem früheren Zeitpunkt anheimgefallen.

Wer nicht auf natürliche Weise verstirbt, hat höchstwahrscheinlich die Bekanntschaft einer der zahlreichen gefährlichen Kreaturen (etwa Totenkläger, Domherrin oder Purpurschlund) gemacht, die im Abyss hausen und eher dafür bekannt sind, mit ihren Opfern kurzen Prozess zu machen als zimperlich zu sein. Sieht man einmal davon ab, dass eigentlich alle - im Gegensatz zu den meisten Protagonisten - schon optisch sehr einschüchternd wirken, dürften sicherlich viele Rezipienten äußerst beeindruckt von der Originalität der Wesen sein. Wie schon der Schauplatz selbst sind diese wunderbar und detailreich ausgestaltet und in keiner Weise mit 0815-Monstern vergleichbar, die man gefühlt schon 1000 Mal gesehen hat. Vor allem sind diese Raubtiere 2.0 in gewisser Weise das Produkt ihrer Umgebung; so kommen manche nur in den höheren und andere nur in den tieferen Ebenen vor - zudem muss davon ausgegangen werden, dass viele in den Niederungen des Abyss hausende Spezies noch gar nicht entdeckt worden sind. 

…und ungewöhnlichen Charakteren

Und obwohl all das offensichtlich in mehrerlei Hinsicht eine Gefahr für Leib und Leben eines jeden Menschen, der besagte Herausforderung annimmt, darstellt, gab es ebenjene praktisch seit dem Tag, an dem man erstmals auf dieses einzigartige Paralleluniversum gestoßen ist. Dass die Quelle an Wissbegierigen nicht versiegte, lag in erster Linie daran, dass diese sich am Rande der Höhle ansiedelten. Ironischerweise - aus unserer Perspektive - heißt dieser Ort auch tatsächlich Orth.

Von der frühesten Kindheit an war es der Lebensinhalt vieler Bewohner, ein sogenannter Höhlentaucher zu werden und sich unter anderem auf die Suche nach wertvollen Relikten zu machen. Schon ganz junge Nachwuchsforscher wurden auf ihre ersten eigenen Abstecher ins Ungewisse vorbereitet. Die Anfänger bezeichnet man als sogenannte Glöckchen, Lehrlinge als Rotpfeifen, Gesellen als Blaupfeifen, die Lehrmeister der aufstrebenden Talente als Mondpfeifen, Veteranen als Schwarzpfeifen und die Meister ihres Faches, die Legenden, als Weißpfeifen.

Made in Abyss

Eine dieser Ausnahmeforscherinnen war Lyza, von der viele annehmen, dass sie längst nicht mehr lebt, aber stimmt das wirklich? Vereinzelte Hinweise lassen jedenfalls die Vermutung zu, dass dem nicht so ist. Und diese sind auch der Grund dafür, warum die aufgeweckte Riko unbedingt für Gewissheit sorgen will. Die Rotpfeife sieht ihre Chance gekommen, als sie Reg, einem sonderbaren Jungen, begegnet, der sein Gedächtnis verloren hat, allerdings über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt.

Riko ist jedoch nicht einfach nur ein Mädchen, das einem Geheimnis auf die Spur kommen will; ihre Motive sind vielmehr persönlicher Natur, da es sich bei Lyza um ihre Mutter handelt/e. Dieser Umstand sorgt dafür, dass man das Vorhaben des jungen Mädchens sehr gut nachvollziehen kann und es für den Leser absolut plausibel erscheint, dass die Protagonistin sich den unzähligen Gefahren, die im Abyss lauern, aussetzt - Gefahren, auf die sie unmöglich vorbereitet sein kann. Ebendies macht diese einzigartige Reise aber erst so spannend: So wird der Rezipient nämlich zu einem Mitreisenden, der dazu in der Lage ist, sich bestmöglich in die "Taucher“ hineinzuversetzen, denn beide eint, dass sie nicht wissen, was sie erwartet…

Fazit

Ob als Anime oder Manga, Made in Abyss weiß auf vielfältige Weise zu überzeugen: Beeindruckende Schauplätze, vor Kreativität und Originalität nur so strotzende Wesen aus der Tiefe, sympathische Helden und eine packende, emotionale und teilweise auch brutale Story sind die Zutaten für diesen außergewöhnlichen Mix.

Wer also auf der Suche nach etwas im wahrsten Sinne des Wortes "völlig anderem“ ist, sollte folglich vielleicht eine Rotpfeifenkarriere in Erwägung ziehen.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Kinema Citrus / Universum Film

Made in Abyss - Trailer (deutsch/german; FSK 6)

Die besten Anime-Serien des Jahres 2018

Es ist für viele deutschen Fans das Jahr nach Your Name. – Gestern, heute und für immer. Vielleicht hat der Fans auch neue Zuschauer für japanische Animation begeistern können, schaden würde es der chronisch unterfinanzierten Industrie nicht. Geld aus dem Westen wird aber leider kaum wirklich an die Animatoren gehen, was beispielsweise Netflix als ein “Original” verkauft, ist lediglich eine aufgekaufte Lizenz. Zum Glück wird die Monopolstellung der großen Streamingdienste weiter aufgelöst - Crunchyroll und Funimation gehen nach diesem Jahr getrennte Wege.

Der Markt und die Auswahl ist groß: Klassiker wie Cowboy Bebop und Neon Genesis Evangelion kommen genauso in die digitalen Verkaufsflächen wie neue Serien. Deswegen haben wir einige neue Serien aus diesem Jahr genauer angesehen und zehn Favoriten herausgefiltert. Nicht aufgeführt werden Sequels und besagte Klassiker.

A Place further than the Universe

A Place Further Than the Universe (Madhouse)

Die aufgedrehte Oberschülerin Mari trifft im neuen Schuljahr auf die Außenseiterin Shirase. Diese sammelt mit diversen Nebenjobs Geld, um in die Antarktis zu reisen. Für dieses Vorhaben wird sie von dem Rest der Schule ausgelacht, doch Mari nimmt sie ernst, weil sie selber ein Abenteuer erleben will. Zusammen mit den zwei anderen Mädchen Yuzuki und Hinata organisieren sie daraufhin wirklich die Teilnahme an einer Forschungsreise zum Südpol. Die vier unterschiedlichen Charaktere müssen dafür zusammenwachsen und Shirases echtes Ziel für die Reise sorgt für dramatische Momente: Sie sucht ihre Mutter, die bei einer vorherigen Expedition verschollen ist.

Bloom Into You

Bloom Into You (Troyca)

Eine Geschichte von Freundschaft, dem Erforschen von Sexualität und der Persönlichkeit. Das alles ist Bloom Into You, eine einzigartige Romanze um lesbische Oberschülerinnen und Lehrerinnen. Die Serie nimmt sich Klischees um das Genre und wirft sie aus dem Fenster. Die Protagonistinnen setzen sich ernsthaft mit Coming Outs und ihrer Einstellung zu Beziehungen auseinander. Alle haben ein gestörtes Verhältnis zu ihrer sexuellen Präferenz, sei es durch Eltern oder missbräuchliche Mitschüler. Eines ist sicher: Es ist keine Phase.

Cells at Work

Cells at Work (David Production)

Cells at Work treffend zu beschreiben ist schwierig. Der Inhalt gleicht einem alten Lehrfilm: Die Protagonisten, eine anthropomorphe rote und weiße Blutzelle, sind in ihrem Alltag zu sehen. Das heißt, sie begehen den Blutkreislauf, liefern Sauerstoff und wehren Fremdkörper ab. In jeder Episode geht es um eine Krankheit, Viren oder sogar den Tod des Körpers. Die Faszination macht aus, dass der Anime vom gleichen Studio kommt wie JoJo’s Bizarre Adventure und auch gleichartige Action mitbringt. Viren und Bakterien liefern sich epische Schlachten mit muskulösen Immunzellen. Und ja, natürlich haben die Blutkörperchen auch ultimative Angriffe und Formen. Es ist exakt die Art von Anime.

Devilman Crybaby

Devilman Crybaby (Science Saru)

Das Ergebnis von einem echten Netflix Original ist erschreckend hochwertig. Devilman Crybaby ist endlich einen Anime, der der Vorlage gerecht wird. Brutale, intensive aber auch immer sehr gut inszenierte Szenen wirken im besten Sinne oldschool und können sich gerade in schnellen Sequenzen sehen lassen. Mit der Handlung ist das Gesamtpaket aber nur etwas für Zuschauer, die sich auf einen sehr experimentellen Aufbau einlassen können. Es dreht sich fast ausschließlich um die ausgeprägte Metaebene, wer eine traditionelle Erzählung erwartet, wird enttäuscht.

Hinamatsuri

Hinamatsuri (feel.)

Hina ist ein Mädchen mit übernatürlichen Fähigkeiten und wenig Kenntnissen der echten Welt. Aufgewachsen ist sie in einem schurkischen Labor, was sie nach ihrem Ausbruch jagt. Bis dahin trieft die Prämisse nur so vor Klischees, aber Hinamatsuri ist eine ausgeklügelte Slapstick-Komödie, die diesen Erwartungen ein Bein stellt und genüsslich zusieht, wie der Zuschauer stolpert. Hina sucht Zuflucht bei dem Yakuza Nitta. Viele weitere unterschiedliche Persönlichkeiten kommen dazu, wie die normale Schülerin Hitomi, die gezwungen wird, als Barkeeperin zu arbeiten, weil sie einfach sehr gute Getränke mixt. Humor ist bei vielen Anime-Serien ein zweischneidiges Schwert, hier sitzt jeder Witz dank grandiosem Timing.

Laid-Back Camp

Laid-Back Camp (C-Station)

Slice of Life ist ein allzeit beliebtes Anime-Genre - die beste Serie dieser Art von 2018 ist Laid-Back Camp. Der Name ist Programm. Es geht um vier unterschiedliche Oberschülerinnen, die mit Leidenschaft zelten gehen. Die Landschaften und ruhigen Animationen sind ausnahmslos ein Augenschmaus und es gibt Survival-Tipps von einem sprechenden Tannenzapfen. Der Konflikt zwischen den Protagonistinnen bleibt auch sehr gelassen, es geht nur um Zusammenhalt. Ein Anime für Fans, die zusehen, weil sie sich fast meditativ entspannen wollen. Es ist das animierte Gefühl, vor einem Lagerfeuer zu sitzen.

Pop Team Epic

Pop Team Epic (Kamikaze Douga)

Pop Team Epic ist eine Reihe von zusammenhanglosen Clips, die sich jeglicher Ordnung entziehen. Einige werden die zwei deformierten Figuren vielleicht als Memes aus dem Internet kennen. Nichts anderes ist die Serie: Absurder Humor mit popkulturellen Anspielungen. Die Faszination der Serie ist fast unmöglich zu beschreiben, einer der beliebtesten Gags dreht sich um die Hauptfigur, die mit wutverzerrtem Gesicht und einem Vorschlaghammer vor einer Kuckucksuhr wartet. Nicht abgedreht genug? Die zweite Hälfte jeder Episode ist der gleiche Inhalt wie in der ersten Hälfte nur von männlichen Synchronsprechern eingesprochen.

Bunny Girl Senpai

Rascal Does Not Dream of Bunny Girl Senpai (CloverWorks)

Respekt an alle, die nach dem absurden Titel der Serie noch weiterlesen. Der vielleicht beste Anime des Jahres ist dank fehlgeleiteter Benennung und PR unmöglich weiterzuempfehlen. Das besagte Bunny Girl kommt in einer einzigen Szene vor und verschwindet dann für immer. Die Handlung dreht sich um den jungen Sakuta, der ständig über unterschiedliche übernatürliche Phänomene stolpert, die aus populären Werken bekannt sind. Von einem simplen Doppelgänger geht es bis zum Murmeltiertag: Sakuta ist immer mittendrin und muss mit seiner hervorragenden Rhetorik die Situation retten. Die Dialoge sind beispiellos geschrieben und in ihrer Schlagfertigkeit kaum zu überbieten. Der einzige Makel: Die offizielle Übersetzung kann, wie so oft, nicht ganz mithalten.

Todays Menu

Today's Menu for Emiya Family (Ufotable)

In der Welt der Kultreihe Fate/Stay Night ist selten Platz für gute Laune, Freunde und Familie. Die Protagonisten kämpfen quasi ununterbrochen mit Geistern von legendären Helden gegeneinander. Doch in dieser - in jeder Hinsicht besonderen - Serie, wird kein Tropfen Blut vergossen. Es geht in eine Art Paralleluniversum, wo die Charaktere befreundet sind und zusammen kochen. In den Episoden, die seit einem Jahr monatlich erscheinen, geht es um ein Gericht, was in die jeweilige Jahreszeit und Geschichte passt. Das Ganze sieht zudem hervorragend aus und nimmt sich nicht allzu ernst. Wer also lernen möchte, japanische Gerichte nachzukochen, sollte unbedingt einschalten.

Violet Evergarden

Violet Evergarden (Kyoto Animation)

Das beliebte Animationsstudio Kyoto Animation hat es wieder geschafft und einen Hit gelandet, über den man noch lange reden wird. In beeindruckender Liebe zum Detail muss sich die Kindersoldatin Violet nach dem Krieg mit Prothesen an das zivile Leben gewöhnen. Sie kriegt einen Job als AKORA (Autonome Korrespondenz Assistentin) und lernt an Schreibmaschinen, für die analphabetische Bevölkerung Briefe zu verfassen. Durch ihre grausame Vergangenheit und ein schweres Trauma hat sie aber besonders bei emotionalen Anliegen große Probleme. Das junge Mädchen mag zwar gnadenlos an der Front getötet haben, doch droht sie an einem einzigen Verlust zu zerbrechen.

Anime-Kritik zu Sirius the Jaeger: Vampirjäger zum Anbeißen

Wer spiegelt sich nicht, meidet fließendes Wasser und verabscheut Knoblauch? Wer brennt durch die Ansicht christlicher Symbole wie Feuer, zerfällt im Sonnenlicht zu Staub und verendet nur durch einen gezielten Pfahl mitten ins kalte, tote Herz? Richtig, es ist der Klischee-Vampir! So wirklich können wir uns nicht von Bram Stokers unheimlichen Biestern mit Beißern trennen, vor sechs Jahren wurde sogar Abraham Lincoln ausgegraben, um die Untoten zu jagen. Auch im fernen Japan beschäftigen Vampire noch immer die Animatoren. Bekannte Anime-Serien aus dem Genre wie Vampire Hunter D, Bakemonogatari, Shiki und Hellsing sind gute Abwandlungen des grundlegenden Mythos. Netflix hat sich jetzt die Serie Sirius the Jaeger (Ja, so heißt sie auch hierzulande) gesichert, die mit einer etwas traditionelleren Geschichte überzeugen möchte. Erste Zweifel sind nach den Trailern sicher berechtigt. Ist der besagte Klischee-Vampir noch zeitgemäß? Bieten solche altbackenen Geschichten überhaupt noch neue Perspektiven, oder sind sie auserzählt?

Verantwortlich für die Anime-Serie ist kurioserweise das Studio P. A. Works. Gewohnt sind Fans von dem Team fast ausschließlich Geschichten aus der Adoleszenz japanischer Schüler und Slice of Life. Westliche Fans und fleißige Netflix-Zuschauer kennen den hoch polierten Stil auch von Kuromukuro, einer Mecha-Serie gemischt mit Historien- und Teenage-Drama. Fast scheint es, als sichere sich das Studio mit für sie ungewöhnlichen Genre-Gehversuchen bei der Video-on-Demand-Plattform ab. Oder man möchte auf den Hype der Castlevania-Cartoons aufspringen. Wie dem auch sei: Auch Sirus the Jaeger spielt zwar teilweise in Japan, begibt sich aber nie in ein Schulsetting. Stattdessen geht es zu Beginn nach Tokio im Jahr 1930. Die titelgebenden Jäger sind eine bunte, fünfköpfige Einheit aus Vampirjägern, die einer Mordserie mit blutlosen Opfern gefolgt sind. Die Täter leben in einer vampirischen Sekte mitten unter den Menschen. Vorwiegend finden sich Vampire natürlich in der gesellschaftlichen Elite - irgendwie müssen die extravaganten Smokings und Umhänge ja bezahlt werden.

Mehr Vampire jagen als Motivationen hinterfragen

Die Handlung konzentriert sich auf den jungen, aber talentierten Jäger Yuliy. Anders als der Rest des Teams verzichtet er auf Schusswaffen und tritt im Nahkampf gegen seine Feinde an. Das kann er nur bewältigen, da eine uralte Macht in ihm steckt, die ihn in eine Rage versetzt - in der Serie das Äquivalent zu einem Werwolf. Diese Fähigkeiten liegen in seinem Blut, seinen Ahnen und natürlich seiner schrecklichen Vergangenheit. Überraschung: Yuliy ist ein Waise und die Vampire haben seine Familie umgebracht. Eine sehr aufgesetzt wirkende Motivation, die es wirklich nicht gebraucht hätte, schließlich sind die Antagonisten mordende Bestien. Die tote Familie gehörte dem Volk der namensgebenden Sirius an, ein indigenes Volk, die einmal eine fortgeschrittene antike Zivilisation waren. Die Vampire begehren das einzige Überbleibsel davon, die mysteriöse Arche der Sirius, ein allmächtiges Objekt allen kosmischen Wissens. Blöd nur, dass die Sirius vor ihrem Ableben die Arche versteckt haben und sie nur von einem ihrer Leute gefunden werden kann.

Sirius Vampir

Somit fangen die Vampire auch schnell an, den Spieß umzudrehen und Yuliy zu jagen. Die Drecksarbeit für die mächtigen Anführer dürfen normale Vampire, die mehr blutrünstigen Ghoulen ähneln, erledigen. Den Angriff gegen die Jäger führt Mikhail an, ein Sirius, der beim Überfall auf sein Volk gebissen wurde und Yuliys älterer Bruder ist. Wie sollte es auch anders sein. Damit wird die prominenteste Charakterbeziehung etabliert, die leider einem vorhersehbaren, abgelaufenen Pfad folgt. Interessanter gibt es einen ähnlichen Handlungsstrang im Vampir-Anime Owari no Seraph. Neben den beiden Brüdern bleiben sämtliche Nebencharaktere leider unbeleuchtet und teilen sich ihre Persönlichkeit mit einem Pappaufsteller. Auch ignoriert wird die Gegenseite. Ist in modernen Medien eher der Trend hin zu sympathischen Vampiren mit interessanten Persönlichkeiten, bleibt Sirius the Jaeger bei verwerflichen Kreaturen, deren jede Tat in ihrer Motivation, böse zu sein, begründet ist. Dabei waren sich aber offensichtlich nicht alle Autoren einig.

Sind zwar Serien auch in Hollywood nur noch selten von einem Autor geschrieben, gibt es doch Leitfäden, an denen sich die Drehbücher der Episoden orientieren können. In Sirius the Jaeger merkt man die klaffenden qualitativen Unterschiede zwischen Episoden und vor allem Akten. Die ersten sechs Episoden sind gleich die stärksten, wissen um ihre Schwächen und liefern hochwertige Actionsequenzen in der Kulisse eines durch westliche Kultur geprägten Tokios. Kombiniert mit den durchgängig guten Produktionswerten des Studios hätte die Serie mit dem ersten Akt ein moderner Klassiker werden können. Doch Akt #2 wirft die Vampirjagd in schmutzigen Gassen und Herrenhäusern hin. Stattdessen paktieren die Vampire plötzlich mit Klarwein, einem verrückten Wissenschaftler, wie er im Buche steht. Dieser baut im Auftakt auf Befehl des Obervampirs natürlich sofort Frankensteins Monster. Das hat nichts mit der Jagd nach der Arche der Sirius zu tun, die Vampire wollen scheinbar nur Monster in Massenproduktion herstellen und… an das japanische Militär verkaufen.

Schockierende Gesellschaftskritik: Die Blutsauger sind Kapitalisten

Der dritte Akt orientiert sich aber erneut um, weshalb die Beweggründe um Frankensteins Monster nie ganz geklärt werden. Stattdessen setzt die Handlung an den Überbleibseln des ersten Aktes an: Es geht wieder auf Vampirjagd! Leider ist es aber sofort aus mit den schönen Straßenkämpfen und das Finale verkommt zu einem übernatürlichen Kräftemessen rund um den Globus. Für nur zwölf kurze Folgen werden verschiedenste Szenarien also ohne Pause rotiert, ob die Puzzlestücke wirklich zusammenpassen, scheint niemand so richtig überprüft zu haben. Gerade die kurze Handlung rund um Klarwein ist, selbst für Anime-Serien, ein grotesker Stimmungswechsel. Immerhin hatte die Animationsabteilung scheinbar durchgehend Spaß bei der Arbeit und setzt Hintergründe, Figuren und selbst Blutspritzer passend in Szene. Letztere sind in jeder Episode üppig verteilt, womit schnell geschnittene Action auch in den eher unpassenden Handlungssträngen ihren Platz findet. Auch die Farbbalance ist erwähnenswert und wertet die dunkle Stimmung optisch auf.

Sirius Luger

Fazit

Auch nach all den Fehlern, die Sirius the Jaeger macht, bleibt am Ende die Obsession mit Vampiren. Es ist schwer, die Serie in ihrer Gesamtheit als Enttäuschung abzustempeln. Zu sehr unterscheiden sich Höhen und Tiefen, zu tief sind die Gräben zwischen den Handlungssträngen. Das Gehirn mag zwar weitgehend abgeschaltet zugesehen haben, aber trotzdem bleibt das Gesehene nicht sofort vergessen. Vielleicht würde die Serie dann am besten, wenn man sie betrachtet, wie die Elite-Vampire ihre menschlichen Mitbürger: als kurzlebiges Amüsement. Eine blutige Ablenkung.

Sirius the Jaeger gibt es im Stream auf Netflix zu sehen.

zusätzlicher Bildnachweis: 
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US PREMIERE of Sirius the Jaeger at Anime Expo 2018!

Anime-Kritik zu Mary und die Blume der Hexen: Der Geist von Studio Ghibli lebt weiter

Mary Headerbild

Im Jahr 2014 versetzte eine Nachricht die Anime-Welt in Panik: Studio Ghibli, die kultige japanische Firma hinter Animationsfilmen wie Das Schloss im Himmel, Mein Nachbar Totoro und Chihiros Reise ins Zauberland schließt ihre Pforten. Der legendäre Regisseur und Mitbegründer Hayao Miyazaki hatte das Studio verlassen, eine Schließung stand laut Medienberichten kurz bevor. Miyazaki ist inzwischen mehrmals zurückgekehrt und wieder in den Ruhestand gegangen, auch das Studio existiert noch. Die aktuelle Lage ist nicht leicht zu durchschauen: Seit Erinnerungen an Marnie von 2015 kam kein eigenes Projekt mehr in die Kinos. Danach trat das Studio bisher nur in Rolle eines Koproduzenten auf, etwa bei einer Anime-Serie zu Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker Ronja Räubertochter und dem Film Die rote Schildkröte. Aktuell heißt es Miyazaki arbeite erneut an einem Projekt, doch bis zur Veröffentlichung können noch Jahre vergehen - der 77-Jährige dürfte also in der Zwischenzeit noch mindestens dreimal in den Ruhestand gehen.

Aus der Asche dieses Tumults stieg mit Studio Ponoc dennoch ein neuer Phönix auf, der sich selbst nicht weniger auferlegt hat, als die Fackel von Ghibli weiterzutragen. Viele Augen blicken nun auf die neue Firma, sowohl von Fans als auch von den Giganten der Industrie. Die Angestellten sind zum Großteil Veteranen von Ghibli, Gründer ist der oscar-nominierte Yoshiaki Nishimura, ein Schwergewicht unter den Anime-Produzenten. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von Regisseur Hiromasa Yonebayashi, der etwa für Erinnerungen an Marnie zuständig war. Das erste Projekt, Mary und die Blume der Hexen, soll ein spiritueller Nachfolger zu Ghibli-Klassikern sein und laut den Studio-Bossen “den gleichen Geist einfangen”. Doch der Film musste mehr, als nur die Erwartungen der Fans erfüllen. Als einer der Gründe für die Probleme in der Industrie wird immer wieder die finanzielle Unpraktikabilität ins Spiel gebracht. Animes zu produzieren, ist teuer, umso mehr, wenn man dabei zum Großteil auf die Arbeit am Computer verzichtet.

Sieht aus wie Ghibli, fühlt sich an wie Ghibli, schmeckt wie Ghibli?

Nach einer relativ starken Leistung auf der großen Leinwand, bei der es den letzten Ghibli-Film schlagen konnte, ist die Zukunft des Studio Ponoc inzwischen aber sicher. Mary und die Blume der Hexen basiert auf dem Kinderbuch Der verhexte Besen der britischen Autorin Mary Stewart. Veröffentlicht wurde das Buch 1971 und erzählt noch vor der Existenz eines Harry Potter von Zauberschulen, eine sichere Vorlage für einen neuen Kult-Film. Sichere Formeln kommen zum Einsatz: Fliegende Paläste mit antiken Maschinen wie in Das Schloss im Himmel, zahlreiche Charaktere, die direkt aus Chihiros Reise ins Zauberland stammen könnten und die raschelnde Flora und üppigen Landschaften, durch die die junge Hexe reist, erinnern offensichtlich an Kikis kleiner Lieferservice. Geklaut oder kopiert ist das nicht ganz, schließlich haben die Macher an genau diesen Filmen mitgewirkt. Das Genre lebt, Liebhaber können endlich beruhigt aufatmen.

Mary Colors

Die Handlung von Mary und die Blume der Hexen dreht sich um die gleichnamige Heldin mit feuerroten Haaren. Um die billigen Harry-Potter-Vergleiche zu beginnen: Mary ist schonmal keine Waise. Jedenfalls technisch gesehen, denn ihr Leben kommt dem schon ziemlich nahe. Ihre Eltern sind auf Geschäftsreise und das neugierige Mädchen befindet sich zu Beginn in Obhut ihrer Großtante. Sie hat damit im Autoren-Lotto gewonnen und darf als perfekter Kandidat ein märchenhaftes Abenteuer erleben. Doch davor wird Mary auf dem britischen Land also von den Erwachsenen ignoriert, nachdem sie sich als nicht allzu geschickt beweist. Der Nachbarsohn Peter, ihre einzige gleichaltrige Bekanntschaft, lacht sie dafür und für ihre Haare aus. Es wird also höchste Zeit, mysteriösen schwarzen Katzen in zauberhafte Wälder zu folgen und potentiell gefährliche Pflanzen anzufassen. Exakt das passiert nämlich und die Blume aus dem Titel verleiht der kleinen Protagonistin vorübergehend magische Kräfte.

Magie in Großbritannien vor Hermine Granger

In den Baumwurzeln findet sie, wie sollte es auch anders sein, einen Besen. Wie alle jungen, britischen Hexen, ignoriert sie also merkwürdige Mannschaftssportarten mit geflügelten, goldenen Bällen und hebt ab. Die Kräfte der Blüte und das missbrauchte Kehrwerkzeug tragen sie hoch genug, um in den Wolken vor den Toren einer Zauberschule abzustürzen. Diese ist nicht auf einem Mond gebaut oder bietet Ewoks eine Heimat, nennt sich aber trotzdem Endor-Akademie. Aufgrund ihres außergewöhnlichen Talents und ihrer roten Haare heißt die Rektorin sie als späten Neuankömmling feierlich willkommen. Damit beginnt also Marys wildes Abenteuer, denn natürlich stößt sie schnell auf ein dunkles Geheimnis. Das moralisch fragwürdige Labor im Keller der Akademie gewinnt definitiv keinen Preis für Originalität, bietet aber genügend Aufhänger für den Rest der Handlung. Der Film bleibt trotzdem ein kinderfreundliches Abenteuer, was erwachsene Zuschauer aber genauso abholen kann.

Die größte Stärke für Kenner und Gourmets der Ghibli-Cuisine bleibt natürlich die malerische und detailreiche Animation. Studio Ponoc bleibt bei von Hand gezeichneten Frames, die zeitlos schön bleiben. Regisseur Yonebayashi verleiht gerade dem Anfang von Mary und die Blume der Hexen einen träumerischen Pastell-Stil. Die Koch-Analogie kam übrigens nicht ohne Grund: Zuschauer dürfen sich wieder auf die bemerkenswerte Darstellung von Essen in Ghibli-Filmen freuen. Die gleiche Liebe wie die makellose Umgebung hat auch die köstliche Marmorierung eines Steaks bekommen. Und wenn der ruhige Anfang des Abenteuers durch Zeichnungen gekennzeichnet ist, die Stillleben ähneln, wird es im Laufe von Marys Selbstfindungsreise immer lebhafter. Emotionen werden durch schnelle Bilder untermauert, atemberaubende Actionsequenzen dürfen natürlich nicht fehlen.

Fazit

Insgesamt schafft es Mary und die Blume der Hexen eine gelungene und originalgetreue Ghibli-Reproduktion zu sein, der man Eigeninitiative abstreiten könnte, damit allerdings die Vergangenheit der Angestellten außen vor lässt. Ein Neuanfang muss das Rad hier nicht neu erfinden. Fans ist es wahrscheinlich genug, dass das Rad noch genauso schön rollt wie vorher. Mit den Macken, die das Genre mit sich bringt, lebt der Film nicht nur, er ist sich ihnen bewusst und schwimmt gekonnt darin. Es ist schön, dass diese Art von Kinderfilmen auch heute noch existieren kann - eine Kunst, die mit Studio Ponoc hoffentlich einen neuen Aufschwung erlebt.

Mary und die Blume der Hexen ist seit heute als Blu-Ray und DVD erhältlich.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Peppermint Anime

Mary and The Witch's Flower Trailer #1 (Official) Studio Ponoc

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